Gemeinsam noch wilder

Foto: Martina Schneibergová
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Die Nationalparks Böhmerwald und Bayerischer Wald vereint viel – trotzdem arbeiten sie erst seit kurzem wieder zusammen.

Pavel Hubený, Ulrike Scharf, Richard Brabec und Franz Leibl (Foto: Martina Schneibergová)
Ende Oktober, große Ehre für den Leiter des Nationalparks Böhmerwald, Pavel Hubený: Er erhält die bayerische Umweltmedaille aus den Händen von Staatsministerin Ulrike Scharf. Damit wird Hubený bei einem Festakt in der Bayerischen Repräsentanz in Prag für seine grenzüberschreitende Arbeit gewürdigt. Für den Nationalparkleiter eine große Sache:

„Es ist eine Ehre, die auch verpflichtet. Franz Leibl, der Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald, und ich liegen auf einer Wellenlänge, auch fachlich. Wir haben uns sehr schnell angefreundet und helfen uns gegenseitig, aber vor allem hilft er mir. Ich würde gerne etwas von der Auszeichnung, die ich jetzt bekommen habe, an die Natur zurückgeben.“

Pavel Hubený leitet erst seit dreieinhalb Jahren den größten tschechischen Nationalpark. Mit über 68.000 Hektar hat das Naturschutzgebiet dreimal so viel Fläche wie das Pendant im Bayerischen Wald. Doch die größere Erfahrung liegt auf deutscher Seite, immerhin handelt es sich dort um den ersten Nationalpark in der Bundesrepublik. Ein Beispiel ist die Einrichtung von sogenannten Naturzonen, in denen der Wald sich selbst überlassen wird. Diese „Verurwaldung“ ist vielen Lokal- und Regionalpolitikern diesseits und jenseits der Grenze aber ein Dorn im Auge. Denn zum einen lautet die Philosophie, auch bei einem Befall durch den Borkenkäfer nicht einzugreifen, zum anderen dort keinerlei Forstwirtschaft zu betreiben.

Nationalpark Bayerischer Wald (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)
„Zwar handelt es sich um dieselbe Gegend, denselben Wald, aber die bayerischen Kollegen haben früher mit der Umwandlung in Naturzonen begonnen. Sie haben schon vor uns viele kritische Momente durchgestanden. Franz Leibl und ebenso seine Vorgänger haben uns gesagt, wir sollten bloß nicht in Panik verfallen, der Wald erhole sich von selbst. Der Nationalpark Bayerischer Wald ist für uns wie ein älterer Bruder, an den wir uns anlehnen können, weil er schon einiges durchgemacht hat“, so Pavel Hubený.

Vorbildliche Renaturierung von Mooren

Aber auch Franz Leibl hat hohe Anerkennung für die Arbeit seines tschechischen Kollegen. Und er verweist auf die Unterschiede im Böhmerwald, tschechisch Šumava:

Moorsee im Böhmerwald (Foto: Skippy, CC BY-SA 3.0)
„Allein schon die Größe des Nationalparks Šumava ist etwas Wunderbares, man kann dort Natur in einer noch größeren Dimension erleben als auf bayerischer Seite. Das ist das große Plus im Böhmerwald. Zudem gibt es dort auch Hochebenen, die im Nationalpark Bayerischer Wald nicht vorkommen, sowie große Moorflächen, die besonders für den Klimaschutz relevant sind. Und bei der Moor-Renaturierung ist der Nationalpark Šumava federführend und vorbildlich. Davon können wir durchaus etwas lernen.“

Allerdings stand die Zusammenarbeit für viele Jahre unter keinem guten Stern. Zwar war die politische Wende in der damaligen Tschechoslowakei auch von einer Umweltbewegung begleitet, doch in der folgenden marktentfesselten Phase galt der Naturschutz als gefährliche Rückkehr zu einem staatssozialistischen Denken. Auch der scheidende Umweltminister Richard Brabec (Partei Ano) musste noch gegen Widerstände ankämpfen, ist nun aber zufrieden über die Entwicklung im Böhmerwald:

Foto: Martina Schneibergová
„Gleich nach der Samtenen Revolution haben beide Nationalparks eine Zusammenarbeit angeknüpft. Doch dann wurde der Umweltschutz in Tschechien immer mehr vernachlässigt. Ich freue mich, dass wir jetzt wieder in die gleichen Bahnen wie in Bayern eingeschwenkt sind. Und die Besucher der Gegend, die eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Europas ist, treffen auf tschechischer wie auf deutscher Seite jeweils auf eigene Besonderheiten. Zugleich aber vereint die Nationalparks mittlerweile auch einiges. Denn im Management, bei den Rangern oder in konkreten Projekten klappt es mit der Zusammenarbeit, und das stimmt mich sehr froh.“

Wo die Kooperation konkret ansetzt, das erläutern die Leiter beider Nationalparks:

„Wir haben eine gemeinsame Entwicklung eingeleitet im Bereich der Umweltbildung und der Forschung. Als Nächstes wollen wir auch beim Konzept der Wege, die teils grenzüberschreitend sind, zusammenarbeiten“, so Leibl.

Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag
Und Pavel Hubený fügt hinzu:

„Die größte Freude bereitet mir unser gemeinsames Monitoring des Wald-Ökosystems, es liegt mir auch besonders am Herzen. Finanziert wird es mit europäischen Geldern aus dem Programm Interreg. Mit dem Monitoring erforschen wir nicht nur die Gegend grenzüberschreitend mit denselben Methoden, sondern sammeln auch Informationen für die Öffentlichkeit. Die Besucher spüren zwar häufig, dass vom Wald eine ganz besondere Energie ausgeht, aber sie wissen nicht warum. Dieses gemeinsame Projekt liefert uns viele Erkenntnisse, die wir nun in verständlicher Form darlegen können. Die Besucher werden also um Wissen bereichert, wenn sie zu uns kommen.“

Seelenreinigung im Wald

Miloš Zeman (Foto: Khalil Baalbaki, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Mit diesem Ansatz können jedoch viele Anrainer und Politiker auf tschechischer Seite immer noch nichts anfangen. Sie sehen den Wald und die Berge vorrangig als Wirtschaftsfaktoren. Das hat sich zuletzt bei den Verhandlungen über ein neues Nationalparkgesetz gezeigt. Am Ende konnte Minister Brabec nur eine abgespeckte Version durchbringen, nachdem selbst Staatspräsident Miloš Zeman zwischenzeitlich die neuen Regeln blockiert hatte. Das Erreichte müsse man dennoch als Erfolg sehen, sagt Brabec:

„Das neue Gesetz ist einfach ein Kompromiss. Es war nicht einfach, es im Parlament durchzusetzen. Unser Vorgehen war anders als auf deutscher Seite im Falle des Bayerischen Waldes. Wir haben ein revolutionäres Element verankert, nämlich ein sogenanntes Moratorium für Änderungen. Hierzulande ließ sich nämlich nicht wie im Bayerischen Wald durchsetzen, dass die Naturzone jedes Jahr um ein kleines Stück erweitert wird. Deswegen haben wir erreicht, dass die Naturzone nun einmalig ausgeweitet wird, aber dann für die nächsten 15 Jahre unverändert bleibt. Allerdings soll beobachtet werden, wie sich der Nationalpark in dieser Zeit entwickelt.“

Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag
Zum Vergleich: Im Nationalpark Bayerischer Wald sind mittlerweile 67 Prozent der Fläche vollkommen naturbelassen. Im Nationalpark Böhmerwald sind es derzeit, also vor der geplanten einmaligen Erhöhung, nur 13 Prozent. Selbst in absoluten Zahlen liegt man auf deutscher Seite vorne: über 16.000 Hektar gegenüber knapp 8900 Hektar.

Doch Pavel Hubený hat eigentlich auch für den Böhmerwald eine andere Vision:

„Jeder Baum möchte im Urwald stehen, nicht irgendwo allein. Es besteht also für alle Menschen die tolle Chance, ganz in ihrer Nähe und auch noch kostenlos die Schönheit und die Kraft der Natur zu bewundern. Ich denke, das dient unter anderem der Seelenreinigung.“

Autor: Till Janzer
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