Georg von Podiebrad – letzter König tschechischer Herkunft in Böhmen

Denkmal des Königs Georg von Podiebrad in Poděbrady (Foto: Richenza, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Der letzte Herrscher auf dem böhmischen Thron, der einer hiesigen Familie entstammte, war Georg von Podiebrad. Er genoss großen Respekt, und dies nicht nur in den Ländern der Böhmischen Krone, sondern auch im Ausland. 1458 wurde er auf den Thron gewählt. Damals war das Land schwer gezeichnet von den blutigen Hussitenkriegen. Doch Georg von Podiebrad verstand es, den böhmischen Staat merklich zu befrieden. Dieser bedeutende Herrscher wurde vor 600 Jahren geboren. Aus diesem Anlass nun mehr über sein Leben und seine Politik.

Denkmal des Königs Georg von Podiebrad in Poděbrady (Foto: Richenza, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Jaroslav Čechura (Foto: Jan Sklenář, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Georg von Podiebrad (tschechisch: Jiří z Poděbrad) wird am 23. April 1420 geboren. Er entstammt dem mährischen Adelsgeschlecht von Kunstadt. Der Podiebrader Familienzweig wird von seinen Vorfahren erst im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts gegründet. Sein Vater, Viktorin von Podiebrad, ist ein radikaler Hussitenführer. Er stirbt sehr früh, bereits 1427. Georgs Mutter ist hingegen nicht bekannt. Nicht einmal so bedeutende tschechische Historiker wie František Palacký oder Václav Vladivoj Tomek haben das Geheimnis gelüftet. Zunächst wird Georg von Podiebrad wegen seiner unehelichen Herkunft verspottet. Dieser Makel habe aber nicht verhindert, dass er in die Geschichtsbücher eingegangen ist, sagt der Historiker Jaroslav Čechura:

„Georg von Podiebrad war ein bemerkenswerter böhmischer Herrscher im 15. Jahrhundert. Außergewöhnlich an ihm war, dass er weder einer böhmischen noch einer ausländischen Dynastie angehörte. Das ist in der langen tausendjährigen tschechischen Geschichte eine wirkliche Ausnahme. Und an seine Herrschaft gilt es nicht nur zu erinnern, weil wir jetzt seinen 600. Geburtstag feiern, sondern weil Georg von Podiebrad damals die Lage in den Böhmischen Ländern nachhaltig beruhigen konnte. Von 1440 bis zu seinem Tod im Jahr 1471 hat er hier in entscheidender Weise die politischen Geschicke gelenkt. In dieser Zeit gelang es ihm, den zerrütteten, von Konflikten gebeutelten böhmischen Staat nach der Ära der Hussiten zu befrieden. Dies war jedoch mit erheblichen Zugeständnissen verbunden.“

Georg profiliert sich als Politiker

Schlacht bei Lipany (Quelle: Wikimedia Commons, CC0)
Die Böhmischen Länder durchleben in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts eine ungemein schwere Zeit. Etwa von 1420 bis 1437 toben hier die Hussitenkriege – sie fußen auf der Dauerfehde der Hussiten mit ihren katholischen Feinden. Die Katholiken werden vom ungarischen König Sigismund von Luxemburg angeführt, der von 1433 bis 1437 auch römisch-deutscher Kaiser ist. Blutige Kämpfe tragen die Hussiten aber ebenso untereinander aus. 1434 besiegen die gemäßigten Hussiten und ihre katholischen Verbündeten die radikalen Hussiten in der Schlacht bei Lipany. Dennoch kehrt keine Ruhe ein. Die politische Lage ist instabil, obwohl der Sieg der Utraquisten bei Lipany es zumindest ermöglicht, einen Pakt mit Sigismund zu schließen. Historiker Čechura:

Albrecht II. von Habsburg (Quelle: Wikimedia Commons, CC0)
„Die Lage war vor allem deshalb kompliziert, weil Sigismund von Luxemburg schon im Jahr 1437 verstarb und nur zwei Jahre später auch sein Nachfolger und Schwiegersohn Albrecht II. von Habsburg. Das Land hatte also auf einmal keinen König mehr. Doch in der damaligen gesellschaftlichen Wahrnehmung brauchte es einen Herrscher, der die Gemeinschaft harmonisierte und beschützte, der wie ein Anker war. Genau in jener Zeit begann sich Georg von Podiebrad zu profilieren. Bereits mit 17 Jahren wurde er Vertreter des Landesgerichts. Mit 20 Jahren wurde er Hauptmann des Bunzlauer Kreises, und in Ostböhmen begann auch seine politische Laufbahn. Die entscheidende Macht im böhmischen Staate erlangte er 1448, als er an der Spitze der Hussitenpartei Kalixtiner stand. Damals besetzte er Prag, um die katholische Opposition niederzuhalten. 1452 wurde er schließlich offiziell als Landesverwalter bestätigt. Das alles ereignete sich während eines Interregnums ohne echten Herrscher. Im Jahr 1440 wurde der Sohn von Albrecht II. von Habsburg, der Thronfolger Ladislaus Postumus (Ladislav Pohrobek) geboren. Doch als Kind konnte er natürlich nicht regieren. Und als er im Jahre 1453 böhmischer König wurde, war Georg bereits Landesverwalter und hielt alle Zügel in seinen Händen.“

Ladislaus Postumus auf dem Sterbebett und Georg von Podiebrad
Ladislaus Postumus wird mit 13 Jahren zum böhmischen König gewählt, er macht Prag zu seinem Sitz. 1457 verstirbt er jedoch unerwartet während der Vorbereitungen zu seiner Hochzeit mit einer französischen Prinzessin. Angeblich soll er vergiftet worden sein, und ein Verdacht fällt auch auf Georg von Podiebrad. Interessant dabei ist, dass dieser erst 1985 definitiv von den Anschuldigungen freigesprochen wird. Damals wird anhand einer anthropologischen Untersuchung festgestellt, dass Ladislaus an Leukämie gestorben ist. Feinde hat Georg zu seiner Zeit jedoch zur Genüge. Und auch wenn er sich bemüht, die Konflikte zu schlichten, erkennen ihn auch nach seiner Krönung im Jahre 1458 viele nicht als Herrscher an. Denn er vertritt die Interessen der gemäßigten Hussiten – und diese gelten weiterhin als Ketzer. Letztlich wird er sogar als Hussitenkönig bezeichnet.

Denkmal des Königs Georg von Podiebrad in Kunštát (Foto: Jiří Komárek, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)
„Hussitenkönig wurde er deshalb genannt, weil er versuchte, das während der Hussitenbewegung Erreichte zu bewahren. Er wollte diese Linie fortsetzen und ein Gleichgewicht zwischen Kalixtinern und Katholiken herstellen. Selbst war er aber in mehrfacher Hinsicht ein moderater Herrscher, und das sowohl in religiösen Fragen als auch bei der Machtpolitik. Georg versuchte den Zwist in den Böhmischen Ländern nicht nur zu entschärfen, sondern die Gesellschaft in gewisser Weise wieder zu einen. Das gelang ihm auch weitgehend, obwohl er bestimmte Hürden überwinden musste. Sie resultierten daraus, dass praktisch zwei Glaubensrichtungen entstanden waren: Eine Minderheit war weiterhin römisch-katholisch und die Mehrheit aber utraquistisch. Georg von Podiebrad war selbst zwar Utraquist, aber beispielsweise seine zweite Frau eine Katholikin, was die Verhältnisse im damaligen Böhmen widerspiegelte. Und genau zu jener Zeit versuchte er auch, das Land zu einen. Doch gerade die katholische Minderheit mit ihren Bindungen ins Ausland bis hin zum Papst bereitete ihm dabei beträchtliche Schwierigkeiten.“

Georg regiert als König „zweier Völker“

Da Georg ein Land regiert, in dem sich die Menschen zu zwei Glaubensrichtungen, den Kalixtinern und den Katholiken bekennen, wird er auch als „König zweier Völker“ bezeichnet. 1436 kommt es zu den sogenannten Iglauer Kompaktaten. Dies ist ein Abkommen zwischen den Vertretern der Hussiten und der katholischen Seite über Religionsfreiheit. Georg von Podiebrad bemüht sich in der Folge darum, dass die päpstliche Kurie die Kompaktaten weiterhin anerkennt, doch er stößt auf harten Widerstand des Heiligen Stuhls.

Königswahl Georgs von Podiebrad in Prag (Quelle: Wikimedia Commons, CC0)
„Eine Sache ist dabei wichtig. Georg wurde 1458 gekrönt, übrigens in der Kirche der Jungfrau Maria vor dem Teyn in der Prager Altstadt. Und einen Tag zuvor krönten ihn bereits die ungarischen Bischöfe. Natürlich waren dies katholische Bischöfe, und er musste ihnen nicht nur eine gewisse Form des persönlichen Gehorsams versprechen, sondern ebenfalls, das zerstrittene Königreich in Richtung des katholischen Glaubens zu vereinen. Dies war auch eine Bedingung der päpstlichen Kurie, sie tolerierte ihn als Herrscher nur unter der Voraussetzung, dass er die Häresie bekämpft. Einige Zeit war Ruhe, doch dann begann Papst Pius II. Georg dahin zu drängen, gegen die Hussiten vorzugehen. Die Lage verschlimmerte sich noch mit der Wahl des neuen Papstes, Paul II., im Jahre 1464. Er war wesentlich militanter als sein Vorgänger und forderte vom böhmischen König unnachgiebig ein, seinem Versprechen gegenüber Rom nachzukommen. Doch jeder legte diesen Eid anders aus. Georg von Podiebrad glaubte, dass der Utraquismus keine Häresie sei und der Status quo somit ausreiche. Die päpstliche Kurie aber wollte unverhohlen den Katholizismus in den Böhmischen Ländern wieder erneuern.“

Alois Jiráseks Roman über die Friedensbotschaft des Königs Georg von Podiebrad
Für Georg von Podiebrad bedeutet sein Versprechen, gegen die radikalen Hussiten vorzugehen – und besonders gegen radikale Priester. Tatsächlich verfolgt er sie schonungslos, alle sterben in den Kerkern. Doch dem Papst genügt das nicht, daher will er Georg zum Ketzer erklären. Der böhmische König sucht daraufhin nach Verbündeten, denen er einen Plan für die Schaffung einer internationalen Friedensorganisation vorlegt. Zu diesem Zweck entsendet er zwischen 1462 und 1464 Botschafter in die westeuropäischen Länder. Ziel ist dabei, dass alle christlichen Herrscher in Europa eine Zusammenarbeit vereinbaren. Dazu der Geschichtswissenschaftler:

„Diese Friedensbotschaft wurde 1964 mit großem Echo gefeiert, anlässlich ihres 500. Jahrestags. Ihre Interpretation ist jedoch etwas problematisch. Das gesamte Projekt war nämlich vor allem gegen die Osmanen gerichtet, wurde aber in den 1960er Jahren als eine gegen das Papsttum gerichtete Aktion interpretiert. Man sah es als eine Art UNO vor der UNO. Dabei wollte Georg von Podiebrad eine Gilde der europäischen Herrscher gegen ihre Erzfeinde formen. Ich denke, dass das bei der 500-Jahresfeier das antipäpstliche Moment zu stark betont wurde. Das war eine politische Interpretation, ähnlich wie sie für die Zeit Karls IV. gesucht wurde. Doch solche Ansinnen sind natürlich ahistorisch. Dennoch würde ich dies nicht gänzlich verurteilen, wenn man es als eine Art politischen Auftrag betrachtet oder wenn man nach einer Antwort auf das sucht, was heute geschieht oder in der Vergangenheit passiert ist.“

Strategischer Fehler rächt sich bitter

Matthias Corvinus und Georg von Podiebrad in der Gemälde von Mikoláš Aleš (Quelle: Wikimedia Commons, CC0)
Letztlich scheitert Georg von Podiebrad mit seinem Plan, eine Art Staatengemeinschaft zu schaffen. Doch mit seiner Idee greift er seiner Zeit weit voraus. Sein Vorhaben gilt heute als einer der ersten Versuche einer europäischen Integration. Das grundlegende Manko des Plans ist jedoch damals, dass Georg das Papsttum ignoriert. Und gerade die Kurie in Rom ist dem böhmischen König zunehmend feindlich gesinnt. Ihre Haltung ermutigt seine Gegner aus den Reihen des katholischen Adels und der katholischen Städte in den 1460er Jahren zum Widerstand.

„Damals passierten zwei Dinge. Zum einen wurde die Grünberger Allianz gebildet. Das war eine katholische Vereinigung führender Adliger, die sich gegen Georg richtete. Dem Aufstand schloss sich auch der Ungarnkönig Matthias Corvinus an. Er war ein früherer Schwiegersohn von Georg, denn er hatte eine seiner Töchter geheiratet, die aber ziemlich kurz nach der Hochzeit starb. Der Schulterschluss ging einher mit dem zunehmenden Druck der römischen Kirche, die Ende der 1460er Jahre unter der Führung von Matthias Corvinus zum Kreuzzug gegen Böhmen aufrief. Corvinus wurde in der Schlacht von Wilimov besiegt. Dies ist festgehalten auf einem berühmten Gemälde von Mikoláš Aleš: Es zeigt den stolz stehenden Georg von Podiebrad, der bereits sehr korpulent ist, sowie einen sitzenden und niedergeschlagenen Matthias auf einem ausgebrannten Gutshof. Das Treffen der beiden Heerführer war ein entscheidender Moment, weil Georg von Podiebrad dabei einen strategischen Fehler machte. Anstatt Matthias Corvinus in den Kerker zu werfen, politische Zugeständnisse von ihm zu verlangen oder von ihm eine Fürsprache beim Papst zu erbeten, ließ er ihn einfach von dannen ziehen. Sein Schwiegersohn dankte es ihm dann damit, dass er sich von böhmischen und mährischen Katholiken 1469 in Olmütz zum König von Böhmen wählen ließ. Dadurch entstand zu jener Zeit so etwas wie eine Doppelherrschaft. Es gab einen gesetzlich gewählten König und einen Gegenkönig, was in der tschechischen Geschichte nicht so oft vorgekommen ist.“

Vladislav II. von Böhmen und Ungarn (Quelle: Wikimedia Commons, CC0)
In dieser Lage ist Georg von Podiebrad klar, dass ihm keiner seiner Söhne als König folgen wird. Er versucht also, seine Politik auf andere Weise fortzusetzen. Deswegen bietet er dem katholischen Vladislav II. vom polnischen Adelsgeschlecht der Jagiellonen die böhmische Krone an. Manche halten dies für ein Scheitern seiner Politik, aber das lässt sich so einfach nicht sagen. Georg von Podiebrad beherrscht zweifellos die Kunst, flexibel auf die sich ändernde Lage in Europa zu reagieren. Und er weiß, wann er sich zurückziehen soll. Darüber hinaus zeigen sich die Länder der Böhmischen Krone damals wirtschaftlich etwas stabilisiert. Das beweist auch der Vergleich mit der Hussitenzeit, als Dutzende von Klöstern sowie Hunderte von Dörfern und Städten zerstört und niedergebrannt worden sind. Jaroslav Čechura erläutert:

„Ein entscheidender Punkt war die Wiederaufnahme des Silberbergbaus in Kuttenberg zu Mitte der 1450er Jahre. Der Außenhandel war ebenso im Gange, und die Vorstellung von einem ausgebrannten Land zu dieser Zeit ist falsch. Die Krise innerhalb der Kirche hielt zwar an, aber die böhmischen Städte passten sich sehr flexibel an die Bedingungen an, und der böhmische Adel konnte seine Bedürfnisse befriedigen, indem er große Mengen an Kirchenbesitz erwarb. Mit Sicherheit gab es auch keinen Boykott von Importen aus dem Ausland, nur weil der Papst einen Kreuzzug anzettelte und Böhmen zu einem Land der Ketzer erklärte. Das war eine reine Proklamation und hatte nichts mit dem Alltag zu tun. Aus mehreren erhaltenen Finanzbelegen geht hervor, dass seinerzeit hier viele Waren sowohl importiert als auch exportiert wurden.“

Georg von Podiebrad stirbt 1471 im Alter von nur 51 Jahren. Sein früher Tod ist auf Krankheiten und nicht zuletzt auf seine Fettleibigkeit zurückzuführen. Auf dem böhmischen Thron wird er vom damals erst fünfzehnjährige Vladislav aus dem Geschlecht der Jagiellonen abgelöst. Bis 1526 lenkt die polnische Dynastie dann die Geschicke des Landes. Georg von Podiebrad hinterlässt mehrere Söhne. Interessanterweise verlassen alle nach und nach Böhmen, werden kaiserliche Fürsten und konvertieren zum Katholizismus.