Geschichte des tschechisch-deutschen Verhältnisses - Teil 2

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Willkommen zum zweiten Teil des Geschichtskapitels auf Radio Prag. Wir setzen heute unsere kleine Serie zum Thema Geschichte des tschechisch-deutschen Verhältnisses innerhalb des Geschichtskapitels fort. Heute soll es durch das lange 19. Jahrhundert gehen, von der Französischen Revolution zum ersten Weltkrieg. Am Mikrophon sind Jitka Mladkova und Danilo Höpfner, Redaktion hat Lenka Cabelova.

Das 19. Jahrhundert wird oft als ein Jahrhundert des Nationalismus und der Emanzipationsprozesse bezeichnet. Einen Meilenstein dafür bildet ohne Zweifel die Französische Revolution. Es waren die Franzosen, die die Grundforderungen der modernen Entwicklung Europas eindeutig formuliert haben. Zur Hauptdevise der kommenden Emanzipation gehörte die Formulierung der natürlichen Menschenrechte, Vorherrschaft der Gesetze über alles, das Prinzip, dass die Souverenität des Staates vom Volk ausgeht und die Erklärung der Gleichheit der Menschen und Nationen, denn in die Angelegenheiten anderer Nationen sollte man sich, wie es hiess, nicht einmischen. Das letztere mag heute recht selbstverständlich klingen, doch noch die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist voll von Interventionen mächtigerer Staaten in das Geschehen weniger einflussreicher Länder.

Die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert war eine Zeit zahlreicher dramatischer Änderungen und es wird oft als der eigentliche Beginn der Modernität angesehen. Die schon länger einflußreiche und bald dominante filosophische Richtung des Rationalismus fand ihren Ausdruck zum Beispiel in der Sekularisierung, in der Verwissenschaftlichung vieler Aspekte des Lebens und in der Forderung einer auf Grundgesetzten beruhenden Verfassung. In einem solchen leistungsfähigen und zentralistischen Staat, der nicht mehr mit Hilfe des Adels funktioniert, sondern mittels einer trainierten Bürokratie; in einem zunehmend komplexer werdenden, modernen Staat braucht man zum Leben viele Regeln und Gesetze.

In einem solchen Staat müssen Leute über ein Mindestniveau von Sprach- und Lesefähigkeiten verfügen und alle müssen eine elementare Schulbildung absolvieren. Diese kann natürlich nicht im Lateinischen verlaufen, sondern in einer lebendigen und natürlichen Muttersprache. Das moderne, mobile und komplexe Leben basiert auch auf einem gut entwickelten System der Kommunikation. Es ist nicht zufällig, daß gerade im vorigen Jahrhundert der Bedarf an neuen Kommunikationstechnologien - wie der Massendruck von Zeitungen oder der Telegraphie - so enorm war. Auch hier ist die Frage der Sprache essentiel. In vielen Staaten Europas - wie Frankreich und England war das Problem der Sprachwahl zu diesem Zeitpunkt längst gelöst, nicht aber im multinationalen Österreich. Ernst Gellner schreibt dazu in seinem Buch "Nationen und Nationalismus":

Ein moderner Industriestaat kann nur funktionieren, wenn seine Bevölkerung mobil, ausgebildet, kulturell standardisiert und vertauschbar ist ... Dieser objektive Bedarf der Homogenität spiegelt sich im Nationalismus wider. Auch in Österreich hatte man die Staatssprache gewählt. Obwohl die Wahl der deutschen Sprache nicht national motiviert war, hat es doch natürliche Konsequenzen zur Folge gehabt. Wer eine Karriere machen, sozial oder beruflich erfolgreich sein wollte, mußte die Staatssprache beherrschen. Das stellte zuerst kaum ein Problem dar, da nur eine kleine Elite solche Ambition hatte. Als sich die Ausmaße des sozialen Arrivismus ausbreiteten, die sozialen Probleme zunahmen und der Bildungsgrad anstieg, mußte die Muttersprache, also das Tschechische preferiert werden, schreibt der tschechische Historiker Jan Køen, Vorsitzender des tschechischen Teiles der tschechisch-deutschen Historikerkommission, über die Situation im Böhmerland in seinem Buch "Konfliktgemeinschaft".

Es hat sich gezeigt, daß die vorherige Eindeutschung der Gesellschaft nur eine war - wie es Jan Køen nennt. Sie entsprach jedoch nicht der ethnischen Realität des Landes, also der tschechischen Mehrheit, sie hat es nur vorübergehend verdeckt. Jan Køen erinnert auch daran, daß die Wahl des Deutschen zur Staatssprache nicht nur zu einer Bevorzugung der Deutschen führte, sondern auch dazu, dass das Werden einer Nation bei den Tschechen schneller verlief und ausgeprägter als bei den österreichischen und böhmischen Deutschen war, die verständlicherweise besser situiert waren. Wie sahen also die Prozesse der Bildung einer Nation auf dem Gebiet des heutigen Tschechien aus?

Beginnen wir mit der Revolution von 1848, die diese Prozesse zum ersten Mal völlig klar offenbarte. Die Deutschen hatten die Tschechen eingeladen, an den Verhandlungen der deutschen Nationalversammlung in Frankfurt teilzunehmen. Das Böhmische Königreich hätte also ein Teil des zukünftigen Deutschland sein. Der bekannte tschechische Historiker und Abgeordnete des Wiener Reichstages, Frantisek Palacky, an den die Einladung adressiert war, lehnte dies in einem offenen Brief ab.

In diesem Moment wurde der Bevölkerung im Deutschen Bund bewusst, dass das tschechische Volk innerhalb der Habsburgermonarchie eine eigenständige politische Existenz beanspruchte, stellt die gemeinsame tschechisch-deutsche Historikerkommission fest. Das kam damals für die "deutschen Regionen" etwas überraschend.

Die Deutschböhmen zeigten Sympathien für das Projekt eines deutschen Staates, die Tschechen dagegen sahen klar die Grösse des Gesamtdeutschlands und haben eine Autonomie im Rahmen der Monarchie bevorzugt. Eine solche Autonomie bedeutet aber eine Verschiebung der Deutschböhmen in die Position einer Minderheit. Die Deutschböhmen verließen die gemeinsame Heimat im Böhmerland. Teilweise als physische Personen, teilweise auch nur geistig gingen sie in das damals noch Zweite Deutsche Reich. Aus den Deutschböhmen wurden Reichsdeutsche, auch wenn nicht alle von ihnen verinnerlichten - es geschah, wie man es später nannte, in ihren Herzen. So äußert sich zu dem Prozess des Auseinandergehens der deutsche Historiker Immanuel Geiss.

Er meint aber gleichzeitig, daß es gerade das Jahr von 1848 war, das die Zügel des tschechischen Nationalismus locker lies. So oder so, die Wege beider Nationen begannen auseinanderzutriften. Ein anderer tschechischer Historiker, Jaroslav Kucera, meint, daß es vor allem die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts war, als sich zwischen beiden Nationen schwerwiegende Differenzen offenbarten. Dem kann man nur zustimmen. Die tschechisch-deutsche Historikerkommission nennt diese Zeit Die gescheiterte Ausgleichspolitik, also das Wesen der zunehmenden Mißverständnisse. Die tschechische Nationalbewegung strebte die prinzipielle Gleichstellung mit den Deutschen bei der Vergabe öffentlicher Ämter an, den beschleunigten Ausbau des tschechischen Bildungswesens und eine finanz- und steuerpolitische Gleichbehandlung. Die Tschechen wollten aufholen. Die Deutschen empfanden dies als Bedrohung. Beide Seiten haben Abwehr- und Angriffsmechanismen entwickelt, beide fühlten sich gefährdet und waren empört, denn sie glaubten die Wahrheit auf ihrer Seite.

Dieses Phänomen wird als integraler Nationalismus bezeichnet. Das heißt, es war eine eher primitive und aggressive Form, bestimmt durch die Ideologie der Bedrohung. Es entstand eine Grenze, beide Nationen lebten zwar nebeneinander, aber nicht mehr zusammen... Zum Symbol der mangelnden Kommunikation wurde paradoxer Weise die Sprache, auch aus den Gründen, die wir am Anfang unseres Programms erwähnt haben. Wie soll man in Ämtern sprechen, wie in der Schule? Die oft besungene Zweisprachigkeit der Bewohner des Böhmerlandes wurde langsam zu einer Rarität. In Wien wußte man diese Konflikte nicht zu lösen und war offensichtlich auch nicht an Reformen interessiert. Vor dem ersten Weltkrieg geriet die Monarchie in eine tiefe Krise.

Gleiches geschah auch mit dem tschechisch-deutschen Zusammenleben. Das historische Staatsrecht der böhmischen Länder, beansprucht von Tschechen, stand gegen den deutschen Plan, Böhmen in nationale Kreise aufzuteilen. Heute wissen wir, wie dieser Streit ausging. Die Entscheidung fiel während des Krieges, der auch ein Ende einer unfähigen Monarchie bedeutete. Darüber werden wir aber erst in der nächsten Sendung sprechen, also in einer neuen Folge unserer Sendereihe Kapitel aus der tschechischen Geschichte.