Gesundheitsminister ändert Corona-Strategie: Eigenverantwortung vor Restriktionen

Illustrationsfoto: byronv2, Flickr, CC BY-NC 2.0

Während die Weltgesundheitsorganisation am Mittwoch von rückläufigen Corona-Zahlen weltweit sprach, gab es in Tschechien erneut einen Anstieg. Am selben Tag trat der tschechische Gesundheitsminister Jan Blatný (parteilos) vor die Presse, um die Lage hierzulande zusammenzufassen. Dabei deutete er einen Strategiewechsel an im Kampf gegen die Pandemie.

Jan Blatný  (Foto: Michaela Danelová,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Wie immer untermauerte Gesundheitsminister Blatný seine Ausführungen mit Schaubildern. Diese zeigten am Mittwoch, wie sich die britische Coronavirus-Mutation in Tschechien zuletzt ausgebreitet hat:

„Man sieht, wie die Verbreitung dieser Virus-Form schrittweise von Westen nach Osten zunimmt und dazu führt, dass immer mehr Menschen an Corona erkranken.“

Am schlimmsten betroffen sind bisher die Kreise Karlovy Vary / Karlsbad im Nordwesten des Landes sowie Hradec Králové / Königgrätz im Osten Böhmens. Genau dort sind mittlerweile wegen der hohen Fallzahlen und überlasteter Krankenhäuser auch drei Bezirke abgeriegelt worden. Parallel zur Pressekonferenz erläuterte auch der Epidemiologe Ladislav Dušek bei einer Sitzung des Gesundheitsausschusses im tschechischen Abgeordnetenhaus die Lage. Weil sich die britische Mutante um 60 bis 70 Prozent schneller verbreitet als die bisher gängige Virus-Grundform, könnten bereits Ende dieses Monats in fünf der 14 tschechischen Kreise alle Intensivbetten belegt sein.

Ladislav Dušek  (Foto: Michaela Danelová,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)

„Die ansteckendere Form des Virus hat bereits begonnen, sich in der tschechischen Bevölkerung zu verbreiten. Die Sequenzierungen, die das staatliche Gesundheitsinstitut vorgenommen hat, bestätigen dies. Demnach ist die britische Mutante im Kreis Hradec Králové bei 63 Prozent der positiven Corona-Proben nachweisbar, in Südmähren sind es weiterhin aber nur 26 Prozent der Fälle“, so Dušek

Während es anderswo in Europa dennoch gelingt, die Ansteckungszahlen zu drücken, klappt dies in Tschechien nicht. In den vergangenen Tagen wurde viel darüber gesprochen, dass sich ein gewisser Teil der Menschen hierzulande einfach nicht an die Vorschriften hält. Deswegen warnte Gesundheitsminister Blatný bei seiner Pressekonferenz eindringlich:

Foto: ČTK / AP Photo / Petr David Josek

„Dazu muss man sagen: Wenn wir nicht gemeinsam die weitere Verbreitung verhindern, dann wird wahrscheinlich in zwei bis drei Wochen die Lage im ganzen Land gleich aussehen.“

Das heißt: wie in den Kreisen Karlsbad und Hradec Králové. Dort sind die Krankenhäuser überlastet und können gängige Behandlungen teilweise nicht mehr anbieten. Im Endeffekt müsste dann – wie schon in drei Bezirken geschehen – die Mobilität eingeschränkt werden. Zugleich betonte Blatný:

„Für das derzeitige Infektionsgeschehen liegt der Grund eindeutig darin, dass die flächendeckenden Maßnahmen auf Privatebene nicht eingehalten werden. Wir glauben, dass nur ein verantwortungsbewusstes Verhalten eines jeden eine Lösung sein kann und nicht weitere Restriktionen. Derzeit laufen viele Gespräche mit Expertengruppen, mit der Opposition und mit den Abgeordneten darüber, wie wir ohne weitere Verbote die Lage stabilisieren und verbessern können. Und es scheint, dass die einzige Möglichkeit darin besteht, sich darauf zu verlassen, dass jeder von uns, wenn ihm das freigestellt ist, sich richtig entscheidet.“

Karel Havlíček  (Foto: ČTK / Vít Šimánek)

Der Sinneswandel kommt nicht von ungefähr. Die Minderheitsregierung von Partei Ano und Sozialdemokraten braucht für ihre Maßnahmen Hilfe von den Oppositionsbänken. Die möglichen Partner fordern aber unter anderem die Öffnung von Geschäften. Ohnehin ist dies ein Wunsch von Wirtschaftskreisen sowie Industrie- und Handelsminister Karel Havlíček (parteilos). Außerdem will sich das Verfassungsgericht am Montag dazu äußern. Während einige Epidemiologen entsetzt sind über die Idee, in der derzeitigen Lage irgendwelche Lockerungen in Erwägung zu ziehen, sagte Gesundheitsminister Blatný am Mittwoch:

„Ich wehre mich in diesem Zusammenhang gegen das Wort Lockerung. Falls es zu den Änderungen kommt, über die wir gerade sprechen, dann sind es solche, die dazu führen, dass jeder von uns seinen Teil der Verantwortung übernimmt.“

Foto: Jernej Furman,  Flickr,  CC BY 2.0

Die Idee ist, FFP2-Masken für die Beschäftigten in den Läden vorzuschreiben. Dazu kommen die ohnehin geltende Beschränkungen der Kundenanzahl und die allgemeine Maskenpflicht in öffentlichen Gebäuden. Im Raum stehen auch negative Corona-Tests der Kunden. So könnten laut dem Minister weitere Ansteckungen verhindert und zugleich etwas von der früheren Normalität zurückgewonnen werden. Am Freitag will sich die Regierung entscheiden, ob und wann die Geschäfte geöffnet werden können.