Holocaust-Überlebender Jiří Brady rüttelt bis heute junge Menschen auf

Jiří Brady (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)
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Der Holocaust-Überlebende Jiří Brady ist am Sonntag mit seiner Frau Tereza aus seiner Wahlheimat Kanada nach Prag gekommen. Eigentlich glaubte er, am Freitag auf der Prager Burg mit dem Masaryk-Orden geehrt zu werden. Doch das hat sich als Fehlinformation herausgestellt, und die tschechischen Politiker streiten nun, wer Schuld hat. Da es mit dem Staatsorden nicht klappt, wollen mittlerweile unter anderem das Abgeordnetenhaus und Premier Sobotka den 88-Jährigen auszeichnen. Doch wer ist dieser Jiří Brady überhaupt?

Jiří Brady  (Foto: Kristýna Maková,  Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)
Der Jude Jiří Brady lebte in den 1930er Jahren mit seinen Eltern und seiner Schwester Hana im mährischen Städtchen Nové Město na Moravě / Neustadt in Mähren. 1941 wurden seine Eltern durch die Gestapo ermordet, er und seine drei Jahre jüngere Schwester gelangten in die Obhut ihres katholischen Onkels. Doch nur für kurze Zeit. Ein halbes Jahr später wurden Jiří und Hana in das KZ Terezín / Theresienstadt deportiert, wo sie zwei Jahre verbrachten. Im Herbst 1944 aber, als die Nationalsozialisten merkten, dass sie den Krieg verlieren werden, sollten noch 20.000 Juden sterben, schilderte Brady vor acht Jahren in einer Sendung des Tschechischen Fernsehens. Dazu wurden in Eile noch mehrere Transporte nach Auschwitz zusammengestellt. Jiří Brady:

„Ich war im ersten Transport und hatte das Glück, dass sie in Auschwitz noch Arbeiter brauchten. Deshalb habe ich überlebt. Für meine Schwester aber, die erst 13 und körperlich schwächer war, hatten die Nazis keine Aufgabe. Daher musste sie ins Gas.“

Hana Brady  (Foto: Public Domain)
Vom Schicksal seiner Schwester erfuhr Jiří Brady allerdings erst 55 Jahre später, als plötzlich eine Japanerin mit einem Koffer seiner Schwester vor seinem Haus in Kanada stand. Es war die Leiterin des Holocaust-Zentrums in Tokio, Fukimo Ishioka. Um den japanischen Kindern die schrecklichen Ereignisse aus der düsteren Epoche des Nationalsozialismus anschaulich zu erklären, bat sie das Museum in Auschwitz um die Zusendung von Gegenständen, die einst jüdischen Kindern gehört hatten. Eines Tages erreichte ein Koffer von dort Tokio. Auf dem Koffer stand der Name Hana Brady, das Geburtsdatum 16. Mai 1931 und das Wort „Waisenkind“. Die Kinder in Tokio fragten immer wieder: Wer ist Hana Brady? Was ist mit ihr geschehen? Daraufhin stellte Fukimo Ishioka Nachforschungen an und landete im Jahr 2000 vor der Tür von Jiří Brady:

„Das war die größte Überraschung in meinem Leben. Denn bis dahin kannte ich weder irgendeinen Japaner noch war ich je zuvor geschäftlich in dem Land“, sagte Brady in der TV-Talkshow.

Hanas Koffer  (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Seit der Begegnung mit Ishioka änderte sich vieles in seinem Leben. Aus Hanas Koffer wurde schon bald der Titel eines Kinderbuches, das in Kanada herausgegeben wurde, mehrfach übersetzt aber auch in über 50 Ländern der Welt erschien. Es ist ein Mosaiksteinchen in der Aufarbeitung des Holocaust. Dafür sorgte aber auch Jiří Brady selbst. Damit die Gräueltaten der Nazis an den Juden nicht in Vergessenheit geraten, reiste er um die Welt und schilderte seine Erlebnisse besonders vor jungen Menschen. Dazu hatte ihn eine Erkenntnis bewogen, die ihm sehr missfiel:

„Mich hat am meisten gestört, dass Menschen, die wie ich nach Theresienstadt, Auschwitz oder in andere Konzentrationslager deportiert wurden, nach dem Krieg erfahren mussten, wie sich eine Mehrheit von den Geschehnissen abkehrt. Anstatt etwas zu tun, glaubten viele, dass sich die Welt geändert hätte und dass so etwas wie der Holocaust nicht mehr passieren könnte.“

Auch bei seinem gegenwärtigen Aufenthalt in Tschechien gibt der 88-jährige Brady seine Erfahrungen gern weiter. Und besonders den jungen Leuten hat er immer noch einiges mitzuteilen. Bei einer Kundgebung am Dienstag in Prag schrieb er ihnen sogar eine ziemlich aktuelle Angelegenheit ins Stammbuch:

„Ich möchte eine Sache noch gern loswerden, weil sie mich an euch stört: Ihr geht nicht ordentlich zu Wahlen.“