Jaromír Jágr ist mit 44 ältester NHL-Spieler und bester Europäer der Liga

Jaromír Jágr (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)

Wenn man in diesen Tagen rund um den Globus eine Umfrage machen würde mit der Frage „Nennen Sie einen berühmten Tschechen?“, dann würde gewiss mehr als die Hälfte der Befragten antworten: Jaromír Jágr. Der Eishockeycrack bestreitet derzeit seine 28. Saison als Profispieler, davon spielt er das 22. Jahr in der National Hockey League (NHL), die als beste Liga der Welt gilt. In der NHL ist er längst der beste Europäer aller Zeiten, zudem steht er kurz davor, jeweils drittbester Torschütze und Scorer dieser Liga zu werden. Und das in seinem Alter: Jaromír Jágr wird an diesem Montag 44 Jahre alt.

Jaromír Jágr (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)
Einmal mehr konnte ein tschechischer Rundfunkreporter seine Freude nicht darüber verbergen, als Jaromír Jágr ein Tor für die tschechische Nationalmannschaft erzielt hatte. Und es war nicht irgendein Treffer, sondern das Siegtor zum 5:3-Sieg gegen Finnland im Viertelfinale der letztjährigen Heim-WM in Prag. Es war Jágrs sechster Treffer bei der Weltmeisterschaft und sein zweiter im Spiel gegen Finnland, bei dem die Zuschauer in der ausverkauften O2-Arena erneut schier aus dem Häuschen waren. Denn wenn dem Spieler mit der Nummer 68 eine tolle Aktion gelingt, dann geraten die tschechischen Fans förmlich in Verzückung. Trotz der großen Unterstützung durch die Zuschauer sei es aber nicht einfach gewesen, die hartnäckigen Finnen in die Knie zu zwingen, stellte Jágr nach der Schlusssirene klar:

„Der einzige Moment, in dem wir Probleme bekamen, war die Phase im Spiel, als wir aufhörten Schlittschuh zu laufen. Die Eisfläche ist viel zu groß, als dass man auf ihr nur positionsgetreu spielen könnte. Du musst ständig skaten und ins Forechecking gehen. Das macht Sinn, denn du kriegst den Gegner unter Druck, was ihn dann auch zu Fehlern zwingt.“

Jaromír Jágr (links). Foto: ČTK
Und die Fans honorierten, dass ein Oldie wie Jágr bei der WM selbst noch zu den besten Schlittschuhläufern gehörte, von seiner stocktechnischen Klasse und körperlichen Robustheit ganz zu schweigen. Deshalb wurde er von den Experten völlig zu Recht zum „Wertvollsten Spieler der WM“ gewählt, auch wenn die Mannschaft des Gastgebers am Ende nur undankbarer Vierter wurde. Die Tschechen aber jubelten das ganze Turnier hindurch und feierten ihren Volkshelden mit frenetischen Ovationen allein dafür, dass er Trainer Vladimír Růžička die Zusage für seine WM-Teilnahme gegeben hatte:

Vladimír Růžička (Foto: Jarba, Public Domain)
„Als für mich die Saison im Verein zu Ende war, wusste ich, es gibt die Chance, dass ich bei der WM spielen werde. Wenn einige mehr der NHL-Spieler dem WM-Kader angehört hätten, wäre ich nicht gekommen. Viele von ihnen haben aber aus unterschiedlichen Gründen abgesagt. Von daher habe ich mich vorbereitet und zweimal täglich trainiert.“

Genau das aber sind die Zutaten, aus denen die ganz Großen ihres Metiers gemacht werden: Jágr verlässt sich nicht nur auf sein Können, sondern trainiert und schwitzt auch noch als über Vierzigjähriger wie ein Berserker. Doch was treibt einen Mann seines Alters derart an, um auch noch mit Mitte 40 zu den Besten der Welt zu gehören? Dazu sagt sein ehemaliger Personaltrainer Marian Jelínek:



Marian Jelínek: „Jaromír kennt keine Angst vor dem Versagen, im Gegenteil, ihn motiviert vielmehr die Liebe zu seinem Sport. Er hat eine extrem hohe emotionale Bindung zu der Tätigkeit, die er ausübt. Und wie wir sehen können, überwindet er dadurch auch gewisse rationale Grenzen.“

„Meiner Meinung nach kennt Jaromír keine Angst vor dem Versagen, im Gegenteil, ihn motiviert vielmehr die Liebe zu seinem Sport. Er hat eine extrem hohe emotionale Bindung zu der Tätigkeit, die er ausübt. Und wie wir sehen können, überwindet er dadurch auch gewisse rationale Grenzen.“

Jene Grenzen also, die Sportlern seines Alters von Natur aus eigentlich gegeben sind: sie verlieren an Grundschnelligkeit wie auch Ausdauer und sind den Jüngeren, je länger ein Spiel dauert, zwangsläufig unterlegen. Nicht aber ein Jaromír Jágr, von dem sein einstiger Mitspieler im Nationalteam und bei den Pittsburgh Penguins, Petr Nedvěd, sagt:

„Er ist ein Riesentalent. Das ist unstrittig, hinzu kommt sein großer Fleiß. Das ist die Basis dafür, dass er immer noch Spaß am Eishockey hat, er nach wie vor motiviert ist und auch den Ehrgeiz hat, weiter zu den Besten zu gehören.“

Und Jágrs ehemaliger Nationaltrainer, der heutige Cheftrainer beim tschechischen Eishockeyverband (ČSLH) und Manager der Nationalmannschaft, Slavomír Lener, schätzt die Fähigkeiten des Oldies noch aus einem ganz anderen Blickwinkel heraus:

Slavomír Lener (Foto: Archiv ČSLH)
„Ich finde, je erfahrener Jaromír mit den Jahren geworden ist, umso zielstrebiger und bewusster trainiert er heute. Er ist ein Profi durch und durch, besonders aber wenn es darum geht, sich auf ein Großereignis vorzubereiten. Das hat er nicht zuletzt bei der vorjährigen WM bewiesen. Er ist ein Spieler, den man nur bewundern kann. Zudem glaube ich, dass ihn sich gerade viele junge Spieler zum Vorbild nehmen.“

Der Glaube von Lener ist indes längst keine These mehr, sondern wurde bereits belegt. Denn bei seinem achten NHL-Verein, Florida Panthers, bei dem Jágr derzeit spielt, läuft der 44-Jährige in einer Sturmreihe mit zwei Youngstern auf, die beide zusammen etwas jünger sind als er – der Finne Aleksander Barkov (20) und der Kanadier Jonathan Huberdeau (22). Diese Sturmreihe hat maßgeblichen Anteil daran, dass die Raubkatzen momentan auf dem ersten Platz der Atlantic Division stehen und dass man in Florida seit längerer Zeit wieder von einer Teilnahme am Stanley Cup träumen kann. Jágr indes sieht seine Rolle so:

Slavomír Lener: „Je erfahrener Jaromír mit den Jahren geworden ist, umso zielstrebiger und bewusster trainiert er heute. Er ist ein Profi durch und durch, besonders aber wenn es darum geht, sich auf ein Großereignis vorzubereiten. Er ist ein Spieler, den man nur bewundern kann.“

„Ich fühle mich eher so wie ein Lehrer. Beide helfen mir dadurch, dass sie ausgezeichnete Skater sind. Vor allem aber haben sie keine Angst davor, etwas zu kreieren. Das ist der Vorteil von jungen Spielern, sie machen sich keinen Kopf darüber, dass sie auch Fehler machen können.“

Doch nicht nur in der Rolle des Mentors fühlt sich Jágr pudelwohl, er ist auch mehr denn je sehr gutgelaunt, wenn man ihn auf seine jetzige Wirkungsstätte anspricht. Dann ist der Oldie nicht selten auch zu Scherzen aufgelegt:

„Ich begreife nicht, wo ich mich in den vergangenen 25 Jahren so rumgetrieben habe. Ich quälte mich irgendwo im Schnee. Hier bin ich von morgens bis abends am Pool, und ab und zu begebe ich mich zum Training oder bestreite ein Spiel. Die Sonne hier auf Florida gibt einem wirklich Energie, man hat ein weitaus besseres Lebensgefühl und auch mehr Lust auf jede Begegnung. Und in jedem Spiel will ich auch mein Bestes geben.“

Jaromír Jágr (Foto: s.yume, CC BY-SA 2.0)
Dass dem so ist, erleben in dieser Saison einmal mehr die Zuschauer in Amerika und Kanada bei den Punktspielen der NHL. Und auch hier reihen sich die TV- und Radioreporter nicht selten in die Jubelhymnen auf Jaromír Jágr ein.

Die sachkundigen Fans wissen zudem zu schätzen, wie sich Jágr gegenüber der jüngeren Konkurrenz behauptet:

„Er ist sicher älter als alle anderen, doch er kann vom Tempo her immer noch mit seinen jüngeren Mitspielern mithalten“, äußerte ein Amerikaner aus Philadelphia.

Jágr selbst ist erstaunt, wie weit er es in seiner bisherigen Karriere schon gebracht hat:

Jaromír Jágr (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)
„Ich habe natürlich nie ernsthaft daran gedacht, dass ich mit 40 Jahren noch Eishockey spielen werde. Und ich habe auch nicht gemerkt, wie schnell ein weiteres Jahr verflogen ist. Im Sommer vorigen Jahres trug ich mich vielmehr mit dem Gedanken, gleich wieder zurückfliegen zu müssen, kaum dass ich hier angekommen war“, sagte Jágr anlässlich seines 40. Geburtstages, den er als Spieler der Philadelphia Flyers erlebte.

Im Sommer 2011 war er nach drei Spielzeiten in der KHL, wo er für den russischen Club Avangard Omsk spielte, wieder in die National Hockey League zurückgekehrt. Während der in Kladno bei Prag gebürtige Tscheche damals noch zweifelte, ob sein Können für die NHL noch ausreichen wird, halten ihm heute so manche Experten vor, dass sein dreijähriger Ausflug in die russische Liga ein Fehler gewesen sei. Denn ohne diese „Auszeit“ wäre der 44-Jährige ganz sicher jetzt schon die Nummer zwei unter den Torschützen und Scorern in den ewigen NHL-Bestenlisten – hinter „The Great One“, dem großen Wayne Gretztky. Doch auch so wurde der Olympiasieger von 1998, der jeweils zweimalige Weltmeister und Stanley-Cup-Sieger sowie Gewinner mehrerer NHL-Einzeltrophäen, schon mehrfach in goldenen Lettern in der Geschichte des Eishockeysports festgehalten. Egal, mit welchen Zahlen sich Jaromír Jágr am Ende seiner großartigen Laufbahn letztlich in die Annalen einschreiben wird, sein tschechischer Kollege Michael Frolík, der auch aus Kladno stammt, sagt schon heute:

Michael Frolík: „Jágr ist ganz sicher der beste tschechische Spieler aller Zeiten, der je geboren wurde. Es ist einfach unglaublich, was er in seinem Alter noch an Leistung zeigt.“

„Er ist ganz sicher der beste tschechische Spieler aller Zeiten, der je geboren wurde. Es ist einfach unglaublich, was er in seinem Alter noch an Leistung zeigt.“

Die große Schar der unzähligen Jágr-Fans aber will sich (noch) gar nicht vorstellen, dass ihr großes Idol seine Karriere überhaupt einmal beenden könnte. Die meisten hoffen vielmehr, noch oft einen Torschrei nach einem Treffer des Oldies ausstoßen zu können.

Autor: Lothar Martin
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