Kaum Verbesserung: Roma-Kinder werden bei Schulbildung in Tschechien weiterhin diskriminiert

Vor mehr als 16 Jahren hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in einem Urteil festgestellt, dass Roma-Kinder in Tschechien bei der Schulbildung diskriminiert werden. Das hiesige Bildungsministerium muss am Mittwoch in Brüssel aber berichten, dass diesbezüglich weiterhin Probleme bestehen. Wie also weiter?

Foto: Jana Krausová,  Tschechischer Rundfunk

Es habe ihm das ganze Leben erschwert. So blickt Julius Miko auf jenen Moment zurück, als er von der Grundschule auf eine Spezialschule für Kinder mit Lernschwierigkeiten verlegt wurde.

Der Unterricht habe dort ein sehr niedriges Niveau gehabt. Und in diese Schule seien fast nur Roma-Kinder gegangen, erinnert sich der längst erwachsene Mann an seine Kindheit in den 1990er Jahren.

Miko war einer von 18 Klägern aus Ostrava / Ostrau, die sich im Jahr 2000 wegen Diskriminierung bei der Schulbildung an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wandten. Dieser gab ihnen in seinem Urteil sieben Jahre später Recht und verwies damit auf die verbreitete Problemlage, dass Roma-Kindern in Tschechien vorschnell gesundheitsbedingte Lernschwierigkeiten attestiert wurden.

Dass das Bildungsministerium auch die heutige Lage noch nicht als gut einschätzt, hängt mit einer immer noch bestehenden Ungleichverteilung zusammen. In einer Reihe von Schulen im Land ist der Anteil der Roma-Kinder nämlich höher als in der örtlichen Bevölkerungsstruktur. Staatssekretär Jiří Nantl (Bürgerdemokraten) sagte dazu in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:

„Wir registrieren Fälle, in denen es in einer Gemeinde mehrere Schulen gibt, die jeweils einen Ortsteil als Einzugsbereich haben, aber eine Schule für die gesamte Gemeinde zuständig ist – und in dieser ist der Anteil der Roma-Schüler sehr hoch. Das ist die Segregation direkt vor Ort.“

Jiří Nantl | Foto: Aleš Winkler,  Tschechischer Rundfunk

Nantl gibt am Mittwoch im Europäischen Rat in Brüssel einen Bericht zu diesem Thema ab. Es sei in den vergangenen 16 Jahren allerdings schon zu Verbesserungen gekommen, betont der Staatssekretär und verweist darauf, dass es in Tschechien heute nicht mehr die sogenannten Sonderschulen aus den 1990er Jahren gebe.

Zu den Fakten gehört aber auch, dass die Diagnose einer leichten mentalen Behinderung bei Kindern aus der Roma-Minderheit sechsmal häufiger getroffen wird als bei Gleichaltrigen aus der tschechischen Mehrheitsgesellschaft. Und so werden sie immer noch wesentlich öfter auf Spezialschulen geschickt. Das Ministerium hat darum nun angekündigt, die Diagnosemethoden zu überprüfen und mehr Einfluss auf Schulberatungsstellen ausüben zu wollen.

Das Hauptproblem seien aber die ärmlichen Verhältnisse, in denen viele Roma-Familien lebten, sagt Elena Varaďová Ostrá. Sie ist stellvertretende Direktorin einer Grundschule in Brno / Brünn:

In der neunten Klasse der Grundschule auf dem Platz des 28. Oktober in Brünn wird gerade Mathe gelernt. | Foto: Jana Krausová,  Tschechischer Rundfunk

„Oftmals muss ich im Unterricht Rücksicht darauf nehmen, dass die betroffenen Schüler unausgeschlafen sind. Denn in den Wohnunterkünften herrscht nachts üblicherweise keine Ruhe. Manche Kinder kommen auch hungrig in die Klasse.“

In ihren Mathematikstunden stehen Varaďová Ostrá eine Tandemlehrerin und ein pädagogischer Assistent zur Seite.

Die Grundschule am Platz des 28. Oktober in Brünn ist eine von etwa 130 Schulen in Tschechien, denen das Bildungsministerium ein Segregationsproblem zuschreibt. Das heißt, dass Roma-Kinder mehr als ein Drittel der Schüler ausmachen. Das Ressort will nun in individuellen Gesprächen mit den Schulbetreibern – das sind zumeist die Gemeinden – eine bessere Verteilung einfordern. Im Falle, dass das nicht reicht, sind verpflichtende Vorgaben geplant. Denn der Minderheit nicht die gleichen Chancen bei der Bildung einzuräumen, bedeute immerhin auch eine Belastung für den Staat, merkt Nantl an:

„Abgesehen davon, dass dies gegen das Recht verstößt, ist Diskriminierung weder richtig noch vernünftig. Vielmehr gehen der Gesellschaft dadurch Talente verloren, und sie wird ärmer. Zudem entstehen hohe sozioökonomische Kosten und langfristige Probleme.“

Die Europäische Kommission jedenfalls erwartet Fortschritte. Sollten diese ausbleiben, könnte Tschechien gerichtlich belangt werden und eventuell sogar eine Geldstrafe zahlen.

Autoren: Daniela Honigmann , Jana Karasová , Anna Košlerová | Quelle: Český rozhlas
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