Kinder-Sorgentelefon in Tschechien seit 20 Jahren in Betrieb

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Am Montag hat in Tschechien das neue Schuljahr begonnen. Über 1,2 Millionen Schüler und Gymnasiasten haben seitdem wieder Unterricht an den Grund- und Mittelschulen sowie den regionalen Konservatorien. Mit dem öffentlichen Schulbetrieb kommen aber auch wieder Sorgen und Nöte von Kindern und Jugendlichen deutlicher zum Vorschein. Um ihnen besser zu begegnen, wurde am 1. September 1994 das sogenannte Kinder-Sorgentelefon (linka bezpečí) eingerichtet.

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Am Montag feierte das Kinder-Sorgentelefon bereits sein 20-jähriges Jubiläum. In dieser Zeit sind nicht weniger als zehn Millionen Telefonate geführt worden mit den Beratern und Sozialarbeitern, die sich der Probleme ihrer Anrufer annehmen. Die Probleme der Jungen und Mädchen berühren Milieubereiche wie Schule und Familie, aber auch konkrete Themen wie Schikane, Liebe und Sex. Für manche wohl etwas überraschend greifen die jungen Anrufer aber nicht am häufigsten in der Zeit des Schulbetriebs zum Hörer, verrät der Leiter für den Betrieb des Kinder-Sorgentelefons, Peter Porubský:

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„Die meisten Anrufe nehmen wir in den Ferien entgegen. Das geschieht ganz einfach aus dem Grund, dass die Kinder morgens aufstehen, ohne in die Schule zu müssen. Daher rufen sie den ganzen Vormittag über an oder aber bis lange in die Nacht, weil sie wissen, dass sie am nächsten Tag ausschlafen können.“

Nichtsdestotrotz kommen gerade in der Schulzeit wieder ganz spezielle Probleme auf, die mit den gruppendynamischen Vorgängen in einer Schulklasse zusammenhängen. Solche Probleme sind Mobbing und Schikane, wobei ein Zustand den betroffenen Kindern besonders wehtut, sagt Porubský:

Peter Porubsky (Foto: ČT24)
„Für Kinder ist es oft sehr unangenehm, wenn sie aus dem Kollektiv ausgegrenzt werden. Diese Schikane äußert sich so, dass sich de facto die ganze Gruppe gegen ihr Opfer verbündet und das ausgegrenzte Kind dann unter den Altersgenossen auch niemanden hat, an den es sich wenden könnte.“

Als Problemschwerpunkt wurde die Schikane innerhalb der Gruppe jedoch inzwischen durch eine andere Erscheinung abgelöst, ergänzt Porubský:

„In den 1990er Jahren, als das Kinder-Sorgentelefon eingerichtet wurde, haben wir zunächst einen Anstieg der Telefonate zum Thema Schikane festgestellt. Mittlerweile hat sich das eingepegelt, dafür registrieren wir jetzt einen Zuwachs zum Thema Cyber-Schikane. Das ist ein neues Phänomen, das wir seit dem Jahr 2007 verfolgen.“

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Umgestellt haben sich die Betreiber des Kinder-Sorgentelefons indes auch bei ihrer Ausrüstung. Aufgrund der ständig neuen Entwicklungen in der Kommunikationstechnologie bieten sie nun auch eine Beratung via E-Mail oder Internet-Chat an. Das helfe besonders Kindern, die sich mündlich nicht so gut ausdrücken können oder Hemmungen haben, ihre Probleme direkt beim Namen zu nennen. Von diesem Angebot profitiert indes noch eine andere Gruppe, bemerkt Porubský:

„Letzten Endes melden sich mittlerweile bei uns auch Kinder aus der Slowakei. Für ein Telefonat müssten sie üppige Gebühren zahlen, daher nutzen sie das kostenlose Internet und schreiben uns E-Mails.“

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Das Kinder-Sorgentelefon hat sich also in den 20 Jahren seines Bestehens einen festen Platz in der Kinder- und Jugendbetreuung geschaffen. Die Betreiber des Kummerkastens fungieren zwar inzwischen als eine staatliche Organisation, doch finanziell drückt derzeit der Schuh. Für dieses Jahr fehlen der Organisation rund 2,5 Millionen Kronen (ca. 90.000 Euro). Deshalb wollen die Betreiber schon bald eine Kampagne starten, um auch private Spender für ihren wertvollen Sozialdienst zu gewinnen.