Kriegsende: Rückkehr der Holocaust-Überlebenden in die Tschechoslowakei

Rückkehr der Holocaust-Überlebenden (Foto: Archiv des Jüdischen Museums in Prag)

Ob Auschwitz, Sachsenhausen, Mauthausen oder Theresienstadt – die nationalsozialistischen Vernichtungs- und Konzentrationslager wurden erst zu Ende des Zweiten Weltkriegs befreit. Kurz zuvor wurden viele Insassen aber noch auf Todesmärsche geschickt. Die Menschen, die den Holocaust letztlich überlebten, hatten meist alles verloren. Auch einige Tausend tschechische und slowakische Juden kehrten aus den Lagern in ihre Heimat zurück. Doch unter welchen Umständen geschah dies? Und wie erging es ihnen in der Tschechoslowakei?

Rückkehr der Holocaust-Überlebenden (Foto: Archiv des Jüdischen Museums in Prag)

Marie Vítovcová (Foto: Archiv Post Bellum)
Marie Vitovcová stammte aus einer jüdischen Familie in Prag. Im Dezember 1941 wurden sie und ihre Angehörigen ins KZ und Ghetto Theresienstadt deportiert. Knapp drei Jahre später verschleppten die Deutschen zunächst ihren Vater und danach ihre Mutter, ihre Schwester und sie nach Auschwitz-Birkenau. Marie Vitovcová überlebte als einzige aus der Familie den Holocaust, weil sie nach elf Tagen aus dem Vernichtungslager zur Sklavenarbeit abgestellt wurde. Am Nordrand des Riesengebirges, auf der heutigen polnischen Seite, wurde sie vor 75 Jahren befreit. Schon vor einiger Zeit hat sie für das tschechische Internetprojekt Páměť národa (Gedächtnis des Volkes) unter anderem auch ihre Rückkehr nach Prag zum Kriegsende geschildert:

„Ich hatte gedacht, dass ich die Erde küssen würde, wenn ich nach Prag komme. Aber so war es nicht. Ich war sehr müde, als ich mit anderen zusammen zurückkehrte. Weil ich kein Geld hatte, bin ich den ganzen Weg zu uns zu Fuß gegangen. Ich kam also zum Haus, in dem wir gewohnt hatten. Jetzt lebten da Bekannte meiner Eltern. Ich klingelte. Sie sagten mir, jemand hätte ihnen bereits erzählt, dass ich zurückkehren würde. Sie fragten: ‚Und wo sind die anderen?‘ Da habe ich zum ersten Mal angefangen zu weinen.“

Foto: Public Domain
Ob andere aus der Familie oder Freunde und Bekannte überlebt hatten – das war die brennendste Frage für die Rückkehrer, betont auch Kateřina Čapková. Die Historikerin von der tschechischen Akademie der Wissenschaften forscht zur Geschichte der Juden in der Nachkriegs-Tschechoslowakei.

„Das war für das Leben nach dem Krieg eine so zentrale Frage, dass man alles andere als weniger wichtiger erachten muss. Manchmal finde ich es schlimm, dass bei der Beschreibung der Lage der Holocaust-Überlebenden so oft die Frage des Vermögens betont wird – aber sie war wirklich eher eine Nebensache. Ob jemand Weiteres überlebt hat, beeinflusste dann auch die wichtigsten weiteren Entscheidungen“, sagt Čapková.

Und das war war in erster Linie die Frage nach der Emigration. Manche gingen lieber in das Land, in dem wenigstens noch ferne Verwandte lebten, die es geschafft hatten auszuwandern. Andere blieben, weil sie sich zum Beispiel vor Ort noch um einen Überlebenden kümmern mussten.

Wo ist der Rest der Familie?

Kateřina Čapková (Foto: ČT24)
Noch zu Zeiten der Ersten Republik lebten etwa 340.000 Juden in der Tschechoslowakei. Wie viele von ihnen den Holocaust überlebten, ließe sich nur schätzen, erläutert Historikerin Čapková:

„Das klingt nach einer sehr einfachen Frage, aber wir kennen die Zahlen nicht genau. Das liegt auch daran, dass wir nicht wissen, wie viele Juden es geschafft haben, die Tschechoslowakei schon während des Krieges zu verlassen. Aber zu den ersten Nachkriegsjahren ist bekannt, dass im tschechischen Landesteil ungefähr 24.000 Juden lebten und in der Slowakei etwa 30.000.“

Dazu gehörten auch Juden aus der Karpatenukraine. Dieser Teil Europas war in der Zwischenkriegszeit tschechoslowakisch gewesen – und dann noch einmal von 1944 bis 1946. Das Gebiet wurde aber anschließend von der Sowjetunion annektiert.

„Mehrere Tausend der dortigen Juden versuchten, in die Tschechoslowakei zu flüchten. Das heißt, ein wichtiger Teil der jüdischen Nachkriegsbevölkerung hierzulande waren gerade diese Migranten. Den Statistiken nach müssen es mindestens 8000 gewesen sein. Viele weitere waren aber nicht registriert, sodass ihre Zahl auch gut und gerne bei 10.000 gelegen haben könnte“, sagt die Geschichtswissenschaftlerin aus Prag.

Weißer Bus mit dänischen Juden (Foto: Archiv Nationalmuseet / Dänemark, Wikipedia Commons, CC BY-SA 2.0)
Aber zurück zur Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager. Besonders das Rote Kreuz bemühte sich darum, die zuvor dort Internierten in ihre Heimatländer zurückzubringen. Manchmal halfen auch die Regierungen. Bekannt ist vor allem der Fall Dänemark. Die Regierung in Kopenhagen machte die überlebenden dänischen Juden ausfindig und holte sie zurück. Kateřina Čapková

„Ähnlich ging auch das tschechoslowakische Rote Kreuz vor. Es suchte in den Konzentrationslagern nach den Häftlingen, ob jüdisch oder nicht-jüdisch, und repatriierte sie.“

Doch viele der Überlebenden waren am Rande ihrer Kräfte und extrem gefährdet. Růžena Brösslerová wurde wie Marie Vitovcová von den Deutschen aus Auschwitz in ein Arbeitslager gebracht. Sie war dann in Merzdorf im Riesengebirge, also auf der deutschen Seite. Am Tag der Befreiung kam der deutschsprachige Arzt und führte sie nicht zum Morgenappell wie sonst, sondern versammelte sie im Halbkreis um sich. Im Interview für Páměť národa merkte Růžena Brösslerová an, dass der Mediziner sie plötzlich mit „Meine Damen“ angesprochen habe:

Růžena Brösslerová (Foto: Archiv Post Bellum)
„Er verkündete: ‚Der Krieg ist zu Ende. Ich möchte Ihnen als Arzt erläutern, dass Sie unterernährt sind und zunächst nicht zu viel essen sollten. Wir sind im Riesengebirge, die Russen werden kommen und Sie befreien. Hitler hat kapituliert‘.“

Dass sich jemand um die Holocaust-Überlebenden kümmerte, war eher die Ausnahme. Auch mit dem Trauma des Erlebten blieben sie erst einmal allein. Dazu Kateřina Čapková:

„Schlimm ist, dass ich auf mehrere Fälle gestoßen bin, in denen manche sozusagen neidisch waren auf Freunde, die am Ende des Krieges zum Beispiel an Tuberkulose erkrankten. Um diese habe man sich wenigstens gekümmert und sie in Krankenhäusern behandelt, hieß es. Ich kenne einige Fälle, in denen Menschen, die eigentlich gesund waren, größere Probleme damit hatten, sich in der Nachkriegslage zu orientieren und Hilfe zu finden.“

Staatsbürgerschaft verweigert

Illustrationsfoto: falco, Pixabay / CC0
Für die Holocaust-Überlebenden aus der Tschechoslowakei ergaben sich nach der Rückkehr aber noch weitere Probleme. Fast überhaupt nicht bekannt sei, dass viele von ihnen ihre Staatsbürgerschaft nicht ohne Weiteres zurückerhielten, sagt die Historikerin:

„Es ist unglaublich, dass Menschen, die durch einen solchen Horror gegangen sind, dann Probleme hatten, sich zu legalisieren. Ohne Staatsbürgerschaft hatten sie aber auch keine Kranken- und Sozialversicherung. Genauso wenig bekamen sie dann ihr Vermögen zurück, und sie fanden nur sehr schwer Arbeit. Wenn sie deutschsprachig waren, mussten sie sogar 20 Prozent des Lohns an den Staat abgeben.“

Das sei für viele Überlebende eine große Enttäuschung gewesen, betont Čapková. Besonders betroffen waren gerade die Migranten aus der Karpatenukraine. Sie hatten in der Ersten Republik bei der Frage nach der Nationalität häufig nicht die Option „tschechoslowakisch“ gewählt, sondern „jüdisch“. Und das wurde ihnen nun in Prag schlecht angerechnet.

Hilfe vom American Jewish Joint Distribution Committee (Foto: U.S. Army Signal Corps, Wikimedia Commons, CC0)
„Und die zweite bedrohte Gruppe waren die deutschsprachigen Juden. Das waren ungefähr 2000 bis 3000 Menschen, die deswegen keine tschechoslowakische Staatsbürgerschaft bekamen.“

Für solche Leute mussten dann jüdische Organisationen einspringen. Soweit sie wieder aufgebaut wurden, waren dies zunächst die jeweiligen jüdischen Gemeinden. Die wichtigste Rolle spielte jedoch das American Jewish Joint Distribution Committee. Dieses war bereits während des Ersten Weltkriegs entstanden. Im tschechischen Landesteil finanzierte das Komitee unter anderem zwei Waisenhäuser und zwei Altersheime. Und die Mitarbeiter kümmerten sich auch um weitere notleidende Juden, wie Expertin Čapková weiß:

„Sie haben gerade jenen Menschen die Kranken- und Sozialversicherung bezahlt, die diese nicht bekommen konnten. Ich habe die Archivalien dazu eingesehen. Das Komitee glaubte, der tschechoslowakische Staat übernehme nach einigen Monaten dann die Kosten. Dazu kam es aber leider nicht. Ich habe später einige sehr kritische Briefe dieser Institution an die Regierung in Prag gefunden. Letztlich musste das Ausland weiterzahlen.“

Foto: U.S. Army Signal Corps, Wikimedia Commons, CC0
Wie wenig feinfühlig in der Tschechoslowakei teils mit den Holocaust-Überlebenden umgegangen wurde, das zeigte sich auch allgemein im mangelhaften Bewusstsein für das besondere Leid der Juden während des Nationalsozialismus.

„Man wusste spätestens in den letzten Jahren des Krieges, dass die Juden und Roma wegen der nationalsozialistischen Rassenideologie am meisten gelitten haben. Das zeigt sich auch darin, dass ganze Familien betroffen waren – und dies war das Alleinstellungsmerkmal des Genozids an Juden und Roma. Aber spätestens während des Kommunismus wurden die Grenzen verwischt zwischen den sogenannten Antifaschisten und den jüdischen Opfern. Auch schon unmittelbar nach dem Krieg wurde hierzulande betont, dass besonders die tschechischen politischen Häftlinge in den Konzentrationslagern am meisten gelitten hätten. Man hat da oft das Leid der Juden heruntergespielt“, so die Historikerin.

Dabei kamen viele der tschechischen Hitler-Gegner gerade aus jüdischen Familien, wie Kateřina Čapková betont.

Autor: Till Janzer
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