Leben mit dem Verbot – Tschechien ohne Schnaps

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Die Todesserie durch Methanolvergiftungen nach dem Genuss von gepanschtem Alkohol reißt nicht ab: Am Mittwoch wurde in Tschechien das 23. Todesopfer bekannt. Wegen der Todesserie hat die tschechische Regierung bereits am Freitag vergangener Woche einen weit reichenden Beschluss gefasst: Der Verkauf von Hochprozentigem ist bis auf Weiteres verboten. Fast eine Woche gilt also bereits das Verkaufsverbot aller Spirituosen ab 20 Prozent Alkohol. Der Schnaps musste zudem aus den Auslagen und Regalen von Geschäften sowie von den Getränkelisten der Bars und Restaurants verschwinden. Wie aber haben die Konsumenten reagiert, was sagen die Hersteller und die Kneipiers dazu?

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Freitagabend, 19 Uhr: Gesundheitsminister Leoš Heger verkündet das strikte Verkaufsverbot für Getränke ab 20 Prozent Alkohol. Es ist der ungünstigste Moment zur Durchsetzung einer solchen Maßnahme, schließlich startet gerade das Wochenende. Während manche Kneipen, Restaurants und Tante-Emma-Läden erst am nächsten Tag von der Anordnung erfahren, handeln die Supermarktketten prompt: Sie räumen den Schnaps in die Lager und informieren die Kunden über Lautsprecher.

Bereits am Freitagabend werden mehrere Tausend Polizisten auf den Weg geschickt, um das Alkoholverbot zu kontrollieren. Es bleibt indes am ersten Abend bei Ermahnungen, Strafen werden noch keine verteilt. Manche Kneipenbesitzer sind indes bereits informiert. So zum Beispiel Barkeeper Radovan Kos in Jaroměř / Jermer in Ostböhmen:

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„Wir haben sofort reagiert und alles weggeräumt, damit wir Ruhe haben und alles in Ordnung ist. Wenn aber die Besucher feiern wollen, können sie keinen Schnaps trinken, sondern nur Bier, und das werden alle Kneipen zu spüren bekommen. Für die Kneipen ist es eine Strafe. Aber selbst wenn man nicht zustimmt, muss man halt mitmachen.“

Einige Barkeeper nehmen die Anordnung mit Humor, wie zum Beispiel eine junge Frau in einer Bar im Prager Zentrum:

„Wir wollten eine schwarze Fahne aufhängen, haben aber keine gefunden. Also haben wir ein Sakko genommen.“

Für die alkoholgewöhnten Nachtschwärmer ist die Umstellung unterschiedlich schwierig. Er müsse nun zehn Liter Wein trinken, um auf seinen Pegel zu kommen, klagt ein Kneipenbesucher zum Beispiel. Ein anderer zeigt sich vernünftig:

„Vor sieben Uhr habe ich noch einen Schnaps getrunken, aber als ich von dem Verbot erfahren habe, habe ich strikt gesagt, dass ich keinen mehr nehme.“

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Spätestens am Samstag haben dann die meisten Restaurants, Kneipen, Bars und Diskotheken ihre Getränkekarten angepasst. Manche auch auf lustige Weise. So hat eine Prager Bar für den erlaubten Alkohol den Begriff „Hegroviny“ kreiert – eine Anspielung auf den Namen von Gesundheitsminister Heger und das Wort „lihoviny“, den tschechischen Begriff für Schnaps.

Bis Dienstagabend unternimmt die Polizei bereits 3700 Kontrollen an allen Orten des Landes. Einige Gastbetriebe lassen sich aber selbst durch die empfindlichen Strafen bei einem Verstoß gegen das Verbot nicht davon abhalten, Schnaps zu verkaufen. Bis Dienstag werden vor allem in den Kreisen Plzeň / Pilsen in Westböhmen und Pardubice in Ostböhmen insgesamt mehr als 40 Fälle registriert. Den Sündern drohen dabei Strafen von umgerechnet bis zu 80.000 Euro.

Bei den Touristen in Tschechien hat sich derweil das Alkoholverbot schon längst rumgesprochen. Der 18-jährige Schüler Resa ist auf Klassenfahrt in Prag:

„Ich habe das über das Internet erfahren, weil das Freunde bei Facebook gepostet haben, bevor wir auf die Klassenfahrt gefahren sind. Und dadurch habe ich halt erfahren, dass hier dieses Alkoholverbot herrscht, über 20 Prozent.“

Weder ihn noch seine Klassenkameraden stört aber das Verbot:

„Man muss es ja nicht übertreiben und kann auch ein Bier trinken gehen. Auch so lässt sich feiern und Spaß haben. Und vor allem: Wenn man so etwas hört, passt man schon etwas mehr auf. Tschechien ist ja nicht der erste Fall. In der Türkei sind zum Beispiel Jugendliche durch solche Vergiftungen gestorben. Da passt man halt dann ein bisschen mehr auf. Also, stören tut es uns nicht.“

Ähnlich sehen das auch die meisten der jungen Frauen und Männer aus Mainz, die den Weg in eine Bar im Prager Stadtteil Žižkov gefunden haben. Unter ihnen Jason:

Foto: Oliver Gruener, Stock.xchng
„Ich habe das schon in den Nachrichten in Deutschland gehört, bevor wir nach Tschechien gefahren sind. Einerseits ist es eine schlimme Sache, andererseits ist es gut, dass es passiert ist, bevor wir gekommen sind. Weil sonst hätten wir vielleicht den Schnaps getrunken und wären erblindet. Und das wäre nicht so toll.“


„Nebe“ in der Prager Křemencova-Straße (Foto: Archiv der Cocktailbar)
Am Mittwoch verkündet die Regierung dann, sie wolle ab Ende kommender Woche das Verkaufsverbot von Schnaps lockern. Und zwar solle vorerst nur neu produzierter Hochprozentiger in den Umlauf kommen, die Flaschen sollen durch spezielle Steuerbanderolen gekennzeichnet sein. Denn die tschechischen Alkoholhersteller beklagen hohe Verluste. Am selben Tag veröffentlicht auch der Hotel- und Gaststättenverband seine Berechnungen. Im Schnitt gehen den Gastronomen rund 20 Prozent der Einnahmen verloren. Täglich sind es umgerechnet 1,6 Millionen Euro. Höher ist der Ausfall indes für Cocktailbars. František Hlavňovský leitet das „Nebe“ in der Prager Křemencova-Straße:

Pina Colada (Foto: Kashfia Rahman, Stock.xchng)
„Unser Umsatz ist um 60 Prozent zurückgegangen ist, weil wir eine Cocktailbar sind. Es kommen genauso viele Gäste, aber sie trinken halt nur Getränke mit weniger Prozent Alkohol.“

Deswegen gibt es nun Alternativen zu Gin Fizz und Pina Colada:

„Wir haben uns ungefähr 30 Cocktails ausgedacht, die nur bis zu 20 Prozent Alkohol haben. Das sind Cocktails mit Bier, mit Wein oder mit den erlaubten Likören. Wir haben uns verschiedene Varianten ausgedacht und haben sie dann alle gemeinsam hier probiert. Die Cocktails schmecken den Besuchern, wir müssen aber schauen, wie sie im Weiteren angenommen werden.“

Derweil werden kritische Stimmen laut, die nicht nur auf die wirtschaftlichen Verluste hinweisen. Zdeněk Juračka ist Vorsitzender des tschechischen Handels- und Fremdenverkehrsverbandes. Auf der einen Seite rechnet er vor, dass dem Staat jeden Tag umgerechnet rund 700.000 Euro an Steuereinnahmen entgehen. Auf der anderen Seite bezeichnet er das Schnapsverbot als kontraproduktiv:

Tastsache ist, dass die Tschechen weltweit zu den stärksten Konsumenten von Alkohol gehören. Im Schnitt trinkt jeder Bewohner des Landes im Jahr rund zehn Liter reinen Alkohol.