„Münchnerei“ in Paris und Sarkozy im dreckigen Gässchen

Nicolas Sarkozy (Foto: Europäische Kommission)

In Paris ist für diesen Dienstag eine Konferenz geplant, auf der Frankreich weiteren EU-Ländern sein hartes Vorgehen gegen Roma erklären will. Mehr als 8000 Roma wurden seit Jahresbeginn in ihre Herkunftsländer abgeschoben. Die meisten von ihnen nach Rumänien und Bulgarien. Genau diese beiden Länder erhielten jedoch keine Einladung zu der Pariser Konferenz. Genauso wenig Tschechien, obwohl das Land derzeit einer internationalen Initiative zur Roma-Integration vorsitzt, und obwohl der tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg derzeit in Paris zu Gesprächen mit seinem französischen Amtskollegen Bernard Kouchner weilt.

Roma-Lager bei Paris (Foto: ČTK)
In der Tageszeitung Lidové noviny hat Zbyněk Petráček die Konferenz in Paris aufgegriffen. Er zieht eine historische Parallele:

„Ein Treffen über ein Problem, das ohne die Länder stattfindet, in denen das Problem entstand, sondern nur mit westlichen Schiedsrichtern, riecht scharf nach dem Slogan ‚über uns, ohne uns’.“

Petráček greift damit das tschechische Trauma von München auf. Das Münchener Abkommen, das die Abtretung der Sudetengebiete an das Deutsche Reich besiegelte, wurde im Jahre 1938 von Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland ohne die betroffene Tschechoslowakei abgeschlossen. Vor allem das damalige Verhalten der Westmächte Großbritannien und Frankreich wird bis heute von vielen als „Verrat von München“ bezeichnet. Bei Petráček heißt es daher weiter:

Karel Schwarzenberg und Bernard Kouchner (Foto: ČTK)
„Diese ‚Münchnerei’ sollte man nicht unterschätzen, das befiehlt die tschechische Erfahrung, und zur Verteidigung ist jede Waffe gut. Wie die Cowboys in der Schundliteratur ihre Colts tief tragen, so können wir nun Politiker und andere Personen des öffentlichen Lebens beobachten, die ihre Äußerungen verflucht tief tragen. Auch der besonnene Minister Schwarzenberg redet von einem rassistischen Eindruck, den Nicolas Sarkozy erweckt. Alleine die Worte Rassismus und Deportation haben ein solches Kaliber, dass niemand den Mut hat, sie zu bagatellisieren.“

Das Problem der Pariser Konferenz und der französischen Politik sei allerdings anders als in München 1938 nicht inhaltlicher Art, schließt Zbyněk Petráček seinen Kommentar in der Lidové noviny:

Nicolas Sarkozy und Bronislaw Komorowski (Foto: ČTK)
„Das Pariser Treffen wird sicher nicht auf irgendwelche Ultimaten hinauslaufen. Eine solche Parallele mit München 1938 wollen sich die Staatsmänner nicht erlauben, auch wenn Frankreich den Rumänen mit der Nichtaufnahme in den Schengenraum droht. In den grundlegenden Dingen aber hat Paris Recht. Die Stellung der Roma in den postkommunistischen Ländern ist ein Problem der dortigen Gesellschaften und keinesfalls eines von Frankreich. Die Franzosen wollen kein Problem lösen, das nicht bei ihnen entstanden ist. Wenn sie dies mit weniger Arroganz und mit weniger Münchner Kolorit sagen würden, dann wäre ihr Appell wohl annehmbarer.“

Mit weniger Verständnis als Zbyněk Petráček in der Lidové noviny begegnet der Rostislav Matulík der Roma-Politik Frankreichs. Sein Kommentar in der Mladá fronta Dnes trägt die Überschrift „Sarkozy hat sich zurück ins dreckige Gässchen verirrt“. Matulík schreibt dort:

Roma-Demonstration in Marseille (Foto: ČTK)
„Die Europäische Kommission rüffelt Sarkozy: Paris ignoriere EU-Regeln zur Migration und zur Deportation problematischer Personen. Der Präsident kann aber beruhigt sein. Die Beteiligung an Demonstrationen gegen die Ausweisungen ging nicht in die Hunderttausende, die Gegner der französischen Regierungspolitik stellen nur eine weitere machtlose Minderheit dar. Rund 65 Prozent der französischen Bevölkerung sind dafür, dass Sarkozy auch weiterhin sein Image auf Kosten der Einwanderer aufbessern kann. Es ist eine bittere Ironie, das dieses Spiel ein ‚Ungar’ mit französisch-jüdischen Vorfahren spielt, dessen Nachnamen auch viele Roma tragen. Der Name entstand aus der Kombination der Wörter ‚sár’ für Schlamm und ‚köz’ für Gasse, und er bezeichnet denjenigen, der in einem Ghetto lebt oder dort sozial hingehört. Offenbar ist Sarkozy ein ‚sárközi’ geblieben, zumindest in moralischer Hinsicht.“

Dieses Urteil über den französischen Präsidenten fällte Rostislav Matulík in der Tageszeitung Mladá fronta Dnes. Ob die Teilnehmer der Pariser Konferenz zur Roma-Problematik ähnlich vernichtend urteilen, werden wir spätestens am Dienstag erfahren. Dann findet die Konferenz statt.