Museum in Odry erinnert an deutsche Bevölkerung des Kuhländchens

Foto: Michal Polášek, Archiv des Tschechischen Rundfunks

Ein neues Museum für tschechisch-deutsche Verständigung wurde Anfang September in Odry / Odrau eröffnet. Es dokumentiert die Geschichte der deutschsprachigen Bevölkerung im Mährischen Kuhländchen bis zur Aussiedlung vor 70 Jahren. Etwa hundert Zeitzeugen und ihre Kinder waren bei der Vernissage Anfang September in Odry zugegen.

Museum für tschechisch-deutsche Verständigung (Foto: Michal Polášek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Odry ist eine Kleinstadt im sogenannten Mährischen Kuhländchen (Moravské Kravařsko). In dieser Region im Nordosten Tschechiens haben bis zum Zweiten Weltkrieg zehntausende deutsche Einwohner gelebt. Im Dachgeschoss eines renovierten Bauernhofes im Stadtzentrum erinnert nun eine neue Ausstellung an ihr Schicksal und an die Vertreibung vor exakt 70 Jahren.

Zdenek Mateiciuc vom Verein Rolleder in Odry gehört zu den Initiatoren des Museums für tschechisch-deutsche Verständigung:

„Wir wohnen jetzt hier und leben so, als ob vor uns nichts gewesen wäre. Doch vor uns lebten hier viele arbeitssame Generationen. Und das, was sie geschaffen haben, sollten wir erhalten und verbessern.“

Museum für tschechisch-deutsche Verständigung (Foto: Michal Polášek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Ulf Broßmann, geboren 1943 in Mankovice / Mankendorf, ist ein Mitglied des Vereins „Alte Heimat“. Er ist ein Co-Autor der Ausstellung:

„Der Ursprung dieser Ausstellung war unser Gedanke, wir sollten 70 Jahre nach Kriegsende und Vertreibung zeigen, was hier alles passiert ist. Wir wollten Kuhländchen also auf irgendeine Weise manifestieren, Für den Titel der Ausstellung haben wir indes einige Zeit gebraucht. Letztlich haben wir die Ausstellung ‚Kuhländchen – Schicksalsjahre – Verständigung heute‘ genannt. Das sind die drei wichtigen Punkte, die wir damit darstellen wollen.“

Museum für tschechisch-deutsche Verständigung (Foto: Michal Polášek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
In einem breiteren Kontext beleuchtet die Ausstellung vor allem ein Thema – die Vertreibung:

„Die ganze Ausstellung beginnt mit der Besiedelung, die auf diesem Gebiet vor 700 Jahren erfolgte. Danach führt sie weiter in die Zeit, in der es zum ersten Male zu nationalen Problemen zwischen den tschechischen und den deutschen Bewohnern kam. Wir haben versucht, die Ursachen darzustellen, und was aus ihnen letztendlich erwuchs. Und das Schlimme, was daraus resultierte, das war die Vertreibung.“

Mit der Ausstellung ist so auch ein gemeinsames Projekt zwischen Tschechen und Deutschen zustande gekommen. Ulf Broßmann:

Foto: Michal Polášek, Archiv des Tschechischen Rundfunks
„Wir haben hier diese Rollups aufgestellt, die zweisprachig sind. Auf einer Seite sind sie bedruckt mit deutschem Text. Dieselben Bilder sehen Sie auf der Rückseite, doch der Text ist übersetzt ins Tschechische. So ist daraus eine gemeinsame deutsch-tschechische Wanderausstellung geworden. Parallel dazu gibt es noch Vitrinen, die unser Partner Zdenek Mateiciuc hier aufgestellt hat. Darin sind ergänzende Dinge ausgestellt. Und das gesamte Gebäude, in dem wir uns hier befinden, nennt sich Museum der tschechisch-deutschen Verständigung. Da passt unsere Ausstellung ganz fantastisch hinein.“

Zdeněk Mateiciuc, Dieter Bruder und Ulf Broßmann (Foto: Michal Polášek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Die Ausstellung ist nur ein erster Schritt. Künftig sollen weitere Räume des Museums im Erdgeschoss des Gebäudes zugänglich gemacht werden. Zdenek Mateiciuc:

„Im Museum wollen wir so manche Stücke ausstellen, die vertriebene Deutsche in Odry hinterlassen haben. Wir sammeln diese Dinge seit vielen Jahren. Im Stall des Museumsgeländes wollen wir eine ständige Ausstellung über Haustiere machen. Wir wollen zeigen, was hier gezüchtet wurde: welches Vieh, welche Hühner. Es stehen uns viele Fotos zur Verfügung, da hier alljährlich Tierausstellungen veranstaltet wurden. Ein weiterer Raum soll als typische Wohnung der sudetendeutschen Einwohner eingerichtet werden.“

Christine Rösch (links). Foto: Michal Polášek, Archiv des Tschechischen Rundfunks
Zu Gast bei der Ausstellungseröffnung waren auch Zeitzeugen der Vertreibung. Also Menschen, die ihre alte Heimatregion unfreiwillig verlassen mussten. Viele zogen dazu die traditionellen Trachten aus dem Kuhländchen an. Christine Rösch wurde 1929 in Nový Jičín / Neu Titschein geboren. Sie war 17 Jahre alt, als sie vertrieben wurde:

„Meine Mutter ist ein Jahr früher, also 1945, von der Straße weg gefasst und nach Sachsen verschleppt worden. Ich bin mit meinem kleinen Bruder alleine zurückgeblieben. Wir haben bei einem tschechischen Bauern gearbeitet. Er hat uns sehr gut behandelt, wir haben genug zu essen bekommen. Wir haben allerdings auch sehr schwer arbeiten müssen. Nach einem Jahr durften wir dann ausreisen und konnten unsere Mutter wiederfinden.“

Helga Schlieckbier (Mitte). Foto: Michal Polášek, Archiv des Tschechischen Rundfunks
Helga Schlieckbier war damals zehn Jahre alt. Sie erinnert sich an die Tage der Aussiedlung aus Nový Jičín / Neu Titschein:

„Da fuhr ein Lautsprecher durch die Stadt. Alle Kinder ab zehn Jahre mussten sich in ihrer Schule versammeln, sowie die älteren Leute über 60. Und so hat meine Mutter mich da hingebracht. In der Früh um vier Uhr hat man uns geweckt und wir mussten zu Fuß nach Zauchtel (Suchdol nad Odrou, Anm. d. Red.) laufen. Ich wusste nicht, wo meine Mutter ist, wo mein Bruder ist, aber die Hausfrau, bei der wir gewohnt haben, war über 60 und war mit in der Schule. Sie hat mich an die Hand genommen. Und dann sind wir in Zauchtel in die Waggons gestiegen und drei Tage und Nächte in Richtung Deutschland gefahren.“

Marie-Anna Steffke (Foto: Michal Polášek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Marie-Anna Steffke kommt aus Stachovice / Strachenwald bei Fulnek.

„Wir haben in Fulnek in der Bürgerschule als Fremdsprache Tschechisch gelernt. In Novy Jičín an der Oberschule haben die Schüler indes Englisch gelernt. Ich habe immer gedacht: ´Ach herrjeh, die können etwas damit anfangen. Die kommen nach Deutschland und können bei den Amerikanern arbeiten. Und wir mit unserem Tschechisch? Das nützt nichts. Erst nach der Wende 1989, als ich durch meine Funktion in der Acker-Gemeinde sehr oft in Tschechien war, da habe ich die Sprache gebraucht. Und ich habe festgestellt: ´Wenn man nur ein paar Worte kann, wenn die tschechischen Leute merken, man interessiert sich für sie, dann kommt man viel besser zusammen. Es ist wie eine Brücke.“

Alle Gäste der Ausstellungseröffnung waren sich darin einig, dass die Exposition sehr wichtig sei. Helga Schlickbier:

Foto: Michal Polášek, Archiv des Tschechischen Rundfunks
„Wir merken auch bei uns, wie sich die Enkel jetzt plötzlich dafür interessieren, wo kommt mein Vater, wo kommt meine Mutter her. Die wollen sehen, wo der Opa aufgewachsen ist, der Opa will ihnen noch alles zeigen. Und ich habe festgestellt, dass sich die Enkelgeneration jetzt auch auf andere Weise für uns interessiert. Ich habe eine Studentin gefunden, die wollte eine Chronik von meinem Heimatort Klötten / Kletné, weil sie eine Arbeit darüber schreiben will. Eine Arbeit über das Kuhländchen und die deutschen Dörfer. Leider habe ich keine Chronik. Aber ich spüre das neue Interesse.“

Nach Aussage von Ulf Broßmann ist die Ausstellung das erste Projekt, das das Kulturabkommen mit Leben erfüllt, das 2015 zwischen den Kulturministern Tschechiens und Bayerns abgeschlossen wurde.

Die Wanderausstellung ist bis Anfang Oktober in Odry zu sehen. Anschließend wird sie nach Nový Jičín, Bílovec / Wagstadt und Fulnek ziehen, sowie später auch in die deutschen Partnerstädte Osterburg, Ludwigsburg, und Neustadt an der Saale.

„Man kann nur dann die Zukunft gestalten, wenn man sich erinnert. Man muss zurückschauen und genau hinschauen, wie es damals war. Damit die Fehler, die damals gemacht wurden, nie mehr passieren. Das ist auch ein Ziel dieser Ausstellung: Junge Leute sollen hierher kommen, sich informieren und auch Fragen stellen. Beispielweise: Wie war das? Was machen wir da daraus? Oder: Wie kann man wieder etwas zusammen machen?“