Nachkriegsmassaker an Deutschen in Rovensko: Rundfunk sendet Zeugenaussage

Rovensko (Foto: Ľubomír Smatana, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Was sich am 10. Mai 1945 im kleinen Ort Rovensko in Nordböhmen abspielte, ist allgemein wenig bekannt. Dabei war es eines der schlimmsten Massaker an Deutschen in der unmittelbaren Nachkriegszeit: Rund 300 Zivilisten wurden dabei umgebracht. Der Tschechische Rundfunk hat kurz vor dem 68. Jahrestag der Ereignisse in seinem Inlandsprogramm eine Dokumentarsendung dazu ausgestrahlt. Erstmals äußerte sich auch einer der Täter.

Rovensko (Foto: Ľubomír Smatana, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Es war nur zwei Tage nach dem Kriegsende. In Rovensko feierten die Menschen gerade den Sieg über Hitler. Josef war damals 20 Jahre alt und einige Monate zuvor von der Zwangsarbeit in Deutschland zurückgekehrt.

„Ich war auf dem Dorfplatz, als ich einen Lieferwagen sah und auf dessen Pritsche gefangene Soldaten. Sie hatten nur Hemden an, die Hände über dem Kopf und hinter ihnen auf dem Auto war ein MG. Die Gefangenen stiegen gerade aus und wurden ins Schulgebäude geführt.“

Bei den Gefangenen handelte es sich um etwa zehn SS-Leute. Einige Hundert Meter weiter standen Deutsche aus Schlesien in mehreren Reihen, und ihnen wurden ihre Sachen abgenommen. Es waren 50 entwaffnete Wehrmachtsoldaten, den Rest aber bildeten Zivilisten, unter ihnen auch Frauen und Kinder. Bewacht wurden sie von einigen Dorfbewohnern, die eilig mit Waffen ausgerüstet worden waren.

Währenddessen wurden die SS-Männer im Schulgebäude bei einem Eilprozess verurteilt und sollten nacheinander hingerichtet werden. Einer von ihnen versuchte indes zu fliehen, im Handgemenge erschoss er den örtlichen Leiter der russischen Truppen. Das war der Funken am Pulverfass. Der ganze Hass auf die Deutschen entlud sich. Die russischen Soldaten richteten die restlichen SS-Leute schnell hin, und die ehemaligen Wehrmachtsoldaten und Zivilisten bekamen es mit der Angst zu tun. Zu ihren Bewachern gehörte auch ein siebzehnjähriger Jugendlicher. Er stammte aus Rovensko und lebt heute im südmährischen Brno / Brünn:

„Die Deutschen sahen, dass es schlecht um sie stand, und begannen zu fliehen. Erst einer, dann der zweite. Die Russen eröffneten sofort das Feuer, und wir mussten auch schießen.“

Stein mit der Aufschrift „Den Opfern des Zweiten Weltkriegs“ (Foto: Ľubomír Smatana, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Auch Josef, der junge Mann, hörte die Schießerei.

„Die Musik auf dem Platz verstummte, die Menschen machten sich auf den Weg nach Hause, aber ich bin nachschauen gegangen – und habe einen Haufen Toter gesehen.“

Noch in der Nacht wurden die Toten verscharrt. Einer der ersten, der begonnen hat, Licht in dieses dunkle Kapitel der Geschichte von Rovensko zu bringen, ist Pavel Matys. 1995 schrieb er bereits einen Beitrag für das Ortsblatt. Im tschechischen Nationalarchiv gibt es Akten mit Zeugenaussagen. Denn in den 1950er Jahren wollte die Staatssicherheit wissen, wie viele Zivilisten unter den Opfern waren:

„Alle Zeitzeugen haben gesagt, dass es 365 Opfer waren. Dies war die Zahl, die alle kannten, da gab es keinen Irrtum, niemand hat etwa 366 oder 352 gesagt“, so Matys.

In Rovensko selbst jedoch traf Matys auf eine Mauer aus Schweigen. Allerdings begann in den 90ern die Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit Nachforschungen. Der Baggerfahrer Miroslav Kolář half bei der Suche nach dem Massengrab – und wurde fündig:

„In eines der Gräber hat man das Essgeschirr der Opfer geworfen sowie einige persönliche Gegenstände wie Spiegelchen und Löffel. Wertsachen fanden wir praktisch keine.“

Kurz nach der Wende hatte auch die tschechoslowakische Polizei kurze Zeit zu dem Massaker ermittelt. Sie legte den Fall aber als verjährt recht bald wieder zu den Akten. Im Ort steht bis heute nur ein Stein mit der Aufschrift „Den Opfern des Zweiten Weltkriegs“.

Autor: Till Janzer
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