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4) Kompakter Campus und internationale Studentenfamilie: Die Technische Universität in Prag

ČVUT

An der Technischen Universität in Prag (ČVUT) studieren junge Menschen aus fast 100 Ländern der Welt. Ob für ein Erasmus-Semester oder einen mehrjährigen Forschungsaufenthalt – die Bedingungen für ausländische Studierende seien hervorragend, loben die zuständigen Koordinatoren der Hochschule. Radio Prag International hat mit zwei von ihnen gesprochen und auch Hasan getroffen, einen Maschinenbaustudenten aus Aachen, der gerade zwei Semester in Prag absolviert.

Hasan Günel | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

„Ich habe mich zunächst auf mehrere Unis im Ausland beworben. Prag hatte ich als sehr schöne Stadt in Erinnerung, weil ich vor einigen Jahren von der Schule aus hier war. Das heißt, ich hatte immer einen Anreiz, mal wieder zurückzukommen. Es hieß dann, dass ich hier einige Klausuren schreiben kann über das, was ich an meiner Heimatuni schon gelernt habe. Dementsprechend bot sich dies als Auslandsstudium super an. Und ich dachte mir, warum nicht auch ein Land aussuchen, in das ich sonst nicht einfach so gehen würde.“

Es ziehe ihn nämlich sonst eher Richtung Süden, sagt Hasan Günel. Der 23-jährige Maschinenbaustudent aus Aachen ist seit Februar in Prag und absolviert das Erasmus-Programm an der Technischen Universität (ČVUT). Und es gefällt ihm dort so gut, dass er seinen Aufenthalt von ein auf zwei Semester verlängert hat.

Foto: ČVUT

Mittlerweile sei es durchaus üblich, dass die Austauschstudenten länger an der ČVUT bleiben als ursprünglich geplant, berichtet Lucie Bílová. Laut der Koordinatorin für die ankommenden Erasmus-Studenten absolvieren manche hier sogar ihr gesamtes Masterstudium. Im Rahmen des Kurzzeitprogramms Erasmus beherberge die Prager Hochschule pro Jahr etwa 600 Studierende aus dem Ausland, so Bílová:

„Mit Universitäten in deutschsprachigen Ländern besteht eine ganze Reihe von Verträgen. Ein wichtiger Partner ist für uns die Fachhochschule Aachen, deren Vertreter sogar in unserem Wissenschaftsrat sitzen. Dies ist eine sehr gute Uni, von der wir viele Studenten aufnehmen und an die auch viele unserer Studenten fahren. Des Weiteren arbeiten wir mit der Technischen Universität München zusammen.“

Lucie Bílová | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Mit dem Hinweis auf Aachen bezieht sich Bílová auf die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH), an der eben auch Hasan eingeschrieben ist. Die meisten Austauschstudenten an der ČVUT kämen aber aus Frankreich, erläutert die Koordinatorin. Nach den Spaniern seien Deutschsprachige dann die drittgrößte Gruppe. Jährlich nehme die Uni 70 bis 80 von ihnen auf – zum größten Teil aus Deutschland, aber auch einige aus Österreich.

Die meisten Erasmus-Studenten kommen aus Frankreich

Erasmus Zentrum | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Die Erasmus-Koordinatorin schildert weiter, dass für gewöhnlich etwas mehr ausländische Studierende an der ČVUT beherbergt als eigene Studenten in andere Staaten entsendet würden. Dies liegt Bílová zufolge daran, dass Prag so beliebt ist. Für junge Menschen von anderen Kontinenten als Europa sei die Stadt mitten in Europa ein guter Ausgangspunkt für weitere Reisen. Und für europäische Studenten biete das hiesige Bildungssystem ganz ähnliche Bedingungen wie das in ihren Heimatländern, so Bílová. Die Technische Universität Prag habe aber noch weitere Vorteile zu bieten, bemerkt Erika Ľahká. Sie ist die Projektleiterin von „Study at CTU“ (Studiere an der ČVUT) und koordiniert die internationalen Vollzeitstudenten:

„Das Attraktivste für die Studenten ist meiner Meinung nach die Qualität unseres Lehrangebots. Es gibt viele Faktoren, warum die ČVUT eine tolle Universität ist. Zunächst werden wir im QS World University Ranking als zweit- oder drittbeste Universität des Landes geführt, und dies zieht eine Menge Studenten an. Des Weiteren ist die angewandte Wissenschaft und Forschung ausschlaggebend, also die Einbindung in laufende Forschungsprojekte. Die Studenten werden in die Teams aufgenommen und dadurch in die allgemeine Fakultätsatmosphäre eingebunden.“

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Hinzu komme, fügt Ľahká an, dass kaum eine Hochschule in Tschechien einen so kompakten Campus habe wie die ČVUT in Prag. Er umfasst fünf der acht Fakultäten sowie die Technische Bibliothek. Und wenn man über das Gelände gehe, höre man die verschiedensten Sprachen, schwärmt die Projektleiterin.

Foto: Jiří Ryszawy,  ČVUT

Sich als Neuankömmling aus einem anderen Land auf dem Campus in Dejvice zurechtzufinden, dabei hilft der Internationale Studentenklub der ČVUT. Er sei bei ihrer Arbeit eine wichtige Stütze, betont Erasmus-Koordinatorin Lucie Bílová.

„Die Austauschstudenten füllen bei ihrer Abreise einen Bewertungsbogen aus, und mit am besten schneidet dabei immer der Klub ab. Er kümmert sich um die Leute schon vor ihrer Ankunft in Prag. Wenn sie das wünschen, werden sie vom Flughafen abgeholt, über den Campus und durch das Wohnheim geführt. Der Klub veranstaltet zudem immer eine Orientierungswoche, in der den Studenten die Fakultäten gezeigt werden, ihnen mit der Registrierung geholfen wird oder Ausflüge in Tschechien angeboten werden.“

Darüber hinaus würden im Verlaufe des Semesters Länderpräsentationen mit den einzelnen Studierenden organisiert, zudem Sprachkurse, Stammtische und Sportveranstaltungen.

Foto: Jiří Ryszawy,  ČVUT

Auch Hasan hat bereits einige dieser Veranstaltungen besucht. Er ist kontaktfreudig, und deswegen wollte er ursprünglich auch in ein Studentenwohnheim ziehen. Da es dort aber keine Einzelzimmer gab, habe er sich über Facebook-Gruppen eine Wohngemeinschaft im Stadtzentrum gesucht…

„Die WG ist international. Ich hätte es aber auch sehr schön gefunden, mit Tschechen zusammenzuwohnen. Denn ich habe das Gefühl, dass ich hier zwar ziemlich viele Leute kennengelernt habe. Aber die Mehrheit ist tatsächlich aus dem Ausland, und es sind relative wenige tschechische Leute dabei.“

Internationaler Studentenklub ist allseits beliebt

Foto: ČVUT

Bei den Lehrveranstaltungen an der Prager Technischen Universität bleiben die Erasmus-Teilnehmer tatsächlich meist unter sich. Denn die Kurse auf Englisch werden ausschließlich für sie angeboten. Bílová begründet dies damit, dass die Seminare für die einheimischen Studierenden an einen eigenen Lehrplan anknüpfen. Die Erasmus-Kurse seien hingegen nicht so streng gestaltet, damit die Kommilitonen aus den verschiedenen Ländern Anschluss finden. Der Lernalltag in Prag sei dem in seiner Heimatuni in Aachen sehr ähnlich, beschreibt Hasan:

„Ich habe Vorlesungen, Übungen und Tutorien. Der Unterschied ist, dass die RWTH eine sehr große Universität ist, an der es Vorlesungen mit 1000 Leuten gibt. Hier aber habe ich Veranstaltungen etwa mit zwei weiteren Kommilitonen. Das ist eine andere Relation.“

Foto: Michaela Danelová,  Tschechischer Rundfunk

Ob dies auch bessere Lernbedingungen bedeute, hänge immer vom Professor ab, fährt der Student fort:

„Ich bin ein wirklich großes Angebot an Lektüre gewohnt, mit der ich mich selbst auf Klausuren und Prüfungen vorbereite. Ich muss dazusagen, dass die RWTH wirklich gutes Lehrmaterial zur Verfügung stellt. Hier in Prag sieht man aber auch, dass die Professoren sehr bemüht sind. Ich bekomme von ihnen ebenfalls viel Material, und man ist in einem engeren Diskurs. Aus der Perspektive, wie ich es vorher gewohnt war, kenne ich es also, sich selbst vorbereiten zu müssen. Aber hier hat man eine intensivere Betreuung und kann gezielter fragen. Das alles hat seine Vor- und Nachteile.“

Koordinatorin Bílová findet es schade, dass die Kurse auf Englisch nur den Erasmus-Studenten vorbehalten sind. Inwiefern diese auch in Kontakt mit Einheimischen kämen, würde von dem Engagement eines jeden Einzelnen abhängen:

„Im Internationalen Studentenklub treffen sie mit jenen tschechischen Studenten zusammen, die sich engagieren und offenbar selbst ins Ausland wollen. Dafür ist die Teilnahme im Klub auch Voraussetzung. Ich glaube schon, dass sich die Austauschstudenten bei den Vorlesungen manchmal mehr integrieren und mit tschechischen Kommilitonen zusammen sein wollen. Aber bisher ist das noch nicht so, vielleicht ändert sich das ja in Zukunft.“

Foto: Jiří Ryszawy,  ČVUT

Denn schließlich könne eine Öffnung der Kurse auf Englisch auch für tschechischen Studierende Vorteile bringen, ergänzt Bílová und wirft ein, dass es an der ČVUT bis vor einigen Jahren so auch noch praktiziert wurde.

Die Bildung einer gewissen gesellschaftlichen Blase ist wohl für Austauschstudenten – ob nun in Tschechien oder anderen Ländern – auch nicht ganz untypisch. Und der Großteil der Erasmus-Teilnehmer an der ČVUT sei mit dem Studium und dem Aufenthalt in Prag sehr zufrieden, unterstreicht Lucie Bílová:

"Vielleicht ist es für die Europäer unter ihnen gar nicht so wichtig, sich in die tschechische Gesellschaft zu integrieren. Es gibt da schließlich immer noch die Sprachbarriere – Tschechisch ist einfach eine absolut unverständliche Sprache. Aber sie kommen hier mit Menschen aus Amerika, Japan, Indien oder Malaysia zusammen und leben für ein oder zwei Semester in einer multikulturellen Familie.“

Karrierezentrum für ausländische Absolventen

Foto:  Jiří Ryszawy,  ČVUT

Hasan versucht sich dennoch auch ein wenig am Tschechischen. Er habe ein Büchlein, in dem er sich bestimmte Phrasen notiere. Und zumindest beim Einkaufen im Supermarkt könne er mit den Worten „Dobrý den“ (Guten Tag) oder „děkuji“ (danke) ein wenig glänzen, erzählt er lächelnd. Vor allem sei es aber das Englische, das er bei seinem Prag-Aufenthalt trainiere, und dies sei in einer globalisierten Welt ein klarer Vorteil:

„Ich nutze die Sprache zwar viel im privaten Gebrauch. Aber der Aufenthalt hier zwingt mich, dann auch die Fachbegriffe im Englischen zu kennen. Ein anderer Vorteil ist, einmal in einer anderen Stadt zu leben. Es ist ein allgemeiner Vorzug von Erasmus, dass man sich mit einem anderen Land und einer anderen Kultur beschäftigt. Tschechien und Deutschland ähneln sich in vielen Punkten – es ist jetzt nicht so, dass ich von einem Extrem ins andere gehen würde. Sehr viel ist sehr gleich. Aber dennoch, sich einmal mit einer anderen Umgebung zu konfrontieren, ist auch für später ziemlich wichtig. Wir jungen Menschen denken ja mehr im Sinne von Europa als im Sinne von Nationalstaaten. Und Tschechien ist dann auch faszinierend, weil es ein östliches Land ist – auch wenn es eigentlich nicht im Osten liegt, sondern in Zentraleuropa. Von der Kultur her ist es aber noch östlicher geprägt.“

Foto: Jiří Ryszawy,  ČVUT

Faszinierend sei für ihn auch, dass er jene Zeiten gar nicht mehr kenne, in denen ein Grenzübertritt noch eine große Angelegenheit gewesen sei, fügt Hasan hinzu. Da er aus dem Dreiländereck Belgien-Niederlande-Deutschland komme, bemerke er gar nicht, wenn er dort eine Grenze überquert. Zudem seien seine Eltern Kurden aus der Türkei, und damit habe ihm sein Freundes- und Verwandtenkreis ein gewisses Fernweh mitgegeben, sagt der junge Aachener.

Hasan wird voraussichtlich nach dem nächsten Wintersemester wieder an seine Heimatuni zurückkehren. Viele der ausländischen Studenten an der ČVUT in Prag würden aber auch in Tschechien bleiben, sagt Erika Ľahká. Dies betreffe vor allem jene, die ihr Vollzeitstudium samt Abschluss in der Moldaustadt absolvierten:

„Wir legen viel Wert auf die Arbeitschancen nach dem Studienabschluss. Es gibt ein Karrierezentrum an der Uni, das die Studenten beim glatten Übergang auf den Arbeitsmarkt unterstützt. Und ich würde sagen, dass die meisten der ausländischen Absolventen dann auch hier bleiben. Denn sie erkennen, dass ihnen der Arbeitsmarkt der EU offensteht. Wer einen ČVUT-Abschluss hat, kann auch hierbleiben. Das funktioniert gut.“

Foto: Jiří Ryszawy,  ČVUT
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