Auf dem Thron über den Prager Müllbergen: Kranführerin Ivana Neufussová
Eine Müllverbrennungsanlage stellt man sich nicht gerade als den Ort für den Traumberuf vor. Doch Ivana Neufussová liebt ihre Aufgabe als Kranführerin in der Prager Anlage in Malešice.
Ganze 24 Meter geht es hinunter. So tief ist die Grube, in der der Müll liegt. Ivana Neufussová packt beherzt zu – und zwar mit dem großen Greifer, den sie per Joystick steuert. Sie ist Kranführerin in der Müllverbrennungsanlage Malešice im Südosten Prags. Die ganze Schicht lang hebt sie die Hinterlassenschaften der Moderne in die Kessel...
„Die Autos mit der Ladung kommen ständig – ob Müllwagen, Container-Lkw, aber auch Privatautos. Sie bringen den Abfall, schütten ihn aus, wir greifen ihn uns, mischen ihn zusammen. Dann werfen wir ihn in die Trichter, sodass er gut durchmischt und nicht einförmig ist, also gut brennt“, so Neufussová.
Wir – das sind übrigens sie und ihre Tochter. Sie bilden eines der Teams, die in der Verbrennungsanlage den Müll bewegen. Und beide scheinen gut zu harmonieren, wie aus den Worten der Mutter herauszuhören ist:
„Ich denke, meine Tochter hat das Beste geerbt, was sie von mir bekommen konnte. Das sind sicher die Gene zur Bedienung von Kränen. Wir sind entspannt, sitzen in derselben Krankanzel, so ist es auch gut.“
Die Kanzel ist zum Müllbunker hin großzügig verglast. Mutter und Tochter bedienen die beiden riesigen Greifarme, die nach vorne und hinten bewegt sowie nach links und rechts geschwenkt werden können.
„Mit der rechten Hand kann ich den Greifarm öffnen und schließen. Hier ist der Knopf für das Wiegen, und ich kann dann die Laufkatze bewegen. Das ist der Hebezug, der entlang der Brücke fährt. Alles das bediene ich zusammen“, erläutert Ivana Neufussová.
Mit den richtigen Griffen wird der Abfall dann in eine der vier Öffnungen verbracht:
„Das sind die Trichter, die jeweils zu einem der vier Kessel führen. In einem bestimmten Intervall, den uns der Computer anzeigt und nach dem wir uns richten, werfen wir dort Müll hinein.“
ZEVO Malešice heißt die Müllverbrennungsanlage in der Behördensprache. Sie wird von den Prager Städtischen Werken (Pražské služby) betrieben und lief 1998 an. Die ursprünglichen Kessel wurden ab 2018 einer nach dem anderen ausgetauscht und durch modernere ersetzt. Dadurch hat sich die Leistungskraft erhöht. Mit 900 Grad Celsius wird der Abfall in den Kesseln „thermisch verwertet“, wie dies offiziell bezeichnet wird. Siedlungsabfälle haben im Übrigen den Brennwert von Braunkohle. Und Kranführerin Neufussová ergänzt ein paar Daten:
„Wir stellen aus dem Abfall sowohl Strom als auch Wärme für 20.000 Haushalte in Prag her. Montags kommt am meisten Material herein, das können bis zu 1800 Tonnen Müll sein. Aber auch so sind es jeden Tag um die 1400 oder 1500 Tonnen. Das ist ein echtes Massaker.“
Bis zu fünf Tonnen ließen sich mit dem Greifarm auf einmal packen, sagt Ivana Neufussová. Doch meist nehme man etwa drei Tonnen auf. Außerdem könne einiges auch schiefgehen, dass etwa ein Zementsack berste oder man aus Versehen ein Kabel zertrenne. Doch sie würde sehr aufpassen, meint die Kranführerin.
Wunschberuf seit dem zwölften Lebensjahr
In ihrem Beruf ist Neufussová schon seit über 30 Jahren tätig. Für den Kranführerschein musste sie damals nicht nur ihre Geschicklichkeit am Gerät selbst beweisen.
„In meinen jungen Jahren wurden noch psychologische Tests gemacht. Zudem legten wir praktische und schriftliche Prüfungen ab. Aber ich war schon früh entschieden, einmal Kranführerin zu werden. Und zwar, als ich mit zwölf Jahren das erste Mal auf einen Turmkran hochgestiegen bin“, so Neufussová.
Unklar ist, wann erstmals in Tschechien eine Frau einen Kran geführt hat. Das ist auch der große Unterschied zu all den anderen Berufen, die wir bisher in unserer Serie vorgestellt haben. In diesem Fall liegen die Anfänge der Emanzipation jedoch sozusagen im Nebel. Ivana Neufussová verweist auf den Film „Skřivánci na niti“ („Lerchen am Faden“) von Oscar-Regisseur Jiří Menzel aus dem Jahr 1969. Die Tragikomödie würde ihre Vorgängerinnen im Stahlwerk Poldi Kladno zeigen, sagt sie. Zu kommunistischen Zeiten gab es also sicher bereits Frauen in dem Beruf. Dennoch hätten ihre Kollegen zunächst ganz schön gestaunt, eine Frau in den Kran hochsteigen zu sehen:
„Natürlich haben sie geschaut. Wegen ihres männlichen Egos dachten sie, dass eine Frau so etwas nicht könne. Schon damals haben aber einige Kranführerinnen das Gegenteil bewiesen. Wenn heute bei uns Exkursionen stattfinden, dann kann man mittlerweile auch hören, dass Frauen so viel mehr Gefühl hätten für diese Arbeit.“
Neufussová begann ihre berufliche Karriere eben gerade beim Stahlwerk Poldi in der Stadt Kladno, rund 25 Kilometer nordöstlich von Prag. Dann arbeitete sie am Wertstoffhof im mittelböhmischen Kralupy nad Vltavou, anschließend beim Recyclingunternehmen Kovošrot und jetzt eben in der Müllverbrennungsanlage. Lange Jahre habe sie draußen Kräne bedient, sagt sie. Im Winter habe es dabei oft Probleme gegeben:
„Uns sind die Leitungen vereist. Das heißt, wir mussten sie vorsichtig erwärmen und langsam wieder anfahren. Zu anderen Zeiten hatten wir große Probleme mit dem Wind. Wenn es dazu kam, drückte es uns von der einen auf die andere Seite – je nachdem, aus welcher Richtung der Wind kam. Wir mussten das dann bei der Steuerung ausgleichen.“
Und es sei ziemlich kalt in der Kabine hoch oben gewesen, gesteht die Kranführerin.
„Das Problem war, das man einfach friert, wenn um einem herum nur Glas und unten drunter keine Heizung ist. Wir haben also selbst einen Heizstrahler mitgenommen, oder wir bekamen einen von der Firma gestellt, der gut in die Kabine passte.“
Deswegen findet Ivana Neufussová ihren jetzigen, hochmodernen Arbeitsplatz in der riesigen Halle mit dem Müllbunker auch sehr angenehm...
„Das ist sicher besser vom Komfort her. Wir haben auch eine Toilette hier hinten. Man kann mit dem Aufzug hochfahren und muss nicht über eine Leiter oder Außentreppe mühsam hochsteigen“, so die Kranführerin.
Dennoch kann sie sich vorstellen, noch einmal etwas Neues auszuprobieren. So konnte Neufussová beim Austausch der alten Kessel in der Müllverbrennungsanlage auch jene Geräte beobachten, mit denen die Anlage herumgehievt wurde:
„Diese Kräne habe ich ziemlich bestaunt. Die Firmen haben ihre sehr hohen Kräne hier aufgestellt, und gerne würde ich so einen mal ausprobieren. Das ist einer meiner Träume.“
Frauen in „Männerberufen“
Schon während der Ersten Tschechoslowakischen Republik arbeiteten einige Frauen in schweren „Männerberufen“, aber es war eher die Ausnahme. Erst mit der kommunistischen Machtübernahme von 1948 wurde dies zu einem gängigen Phänomen. Dabei spielte sowohl das sowjetische Vorbild eine Rolle, als auch die Tatsache, dass nach dem Zweiten Weltkrieg männliche Arbeitskräfte fehlten. Die berufliche Gleichstellung beider Geschlechter entsprang jedoch eher der Propaganda als dem Versuch einer Emanzipation. Von den Titelblättern der Zeitschriften grüßten indes Traktorfahrerinnen, Bergfrauen, Maurerinnen oder eben Kranführerinnen.
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