Hinrichtungsort Dresden: Datenbank zu den tschechoslowakischen NS-Opfern öffentlich zugänglich

Václav Kratochvíl

Während des Zweiten Weltkriegs sind mehrere tausend Tschechoslowaken auf Hinrichtungsstätten des Deutschen Reiches ums Leben gekommen. An erster Stelle stand dabei der Münchner Platz in Dresden mit knapp 900 Opfern aus der zerschlagenen Tschechoslowakei. Ihre Namen und Lebensdaten wurden nun online zugänglich gemacht.

Der Bergarbeiter Václav Kratochvíl war 21 Jahre alt, als er sich im Jahr 1943 einer Widerstandsgruppe in der nordböhmischen Kohle-Stadt Most / Brüx anschloss. Ihre Mitglieder tauschten Informationen aus und verbreiteten diese in Arbeits- und Häftlingslagern in der Region. Zudem besorgten sie in den Gruben Sprengstoff für kleinere Sabotageaktionen. Im August 1943 wurde Kratochvíl von der Gestapo verhaftet und im Mai 1944 gemeinsam mit weiteren 13 Personen vor den Volksgerichtshof in Dresden gestellt. Fünf der Widerstandskämpfer wurden zum Tod verurteilt, Václav Kratochvíl war unter ihnen. Seine Mutter wohnte dem Gerichtsprozess als Zuschauerin bei, sein Vater nahm an der Beerdigung auf dem Dresdner Sankt-Johann-Friedhof teil. 1965 wurden die sterblichen Überreste von Václav Kratochvíl nach Most überführt und dort in einer Familiengruft beigesetzt.

889 hingerichtete Tschechoslowaken

Magda Veselská | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Die Todesstrafe gegen den Bergarbeiter aus Nordböhmen ist eine von vielen, die von 1939 bis 1945 auf den Hinrichtungsstätten des Deutschen Reiches vollstreckt wurden. Sie werden von Historikern vom Institut für das Studium totalitärer Regime in Prag in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Münchner Platz Dresden seit mehreren Jahren systematisch erforscht. Die erste Phase ihres Projekts ist nun für die Öffentlichkeit online zugänglich. Historikerin Pavla Plachá erläutert:

„Es handelt sich um eine Datenbank jener Personen, die aufgrund einer Entscheidung der deutschen Gerichte zur Zeit des Nationalsozialismus hingerichtet wurden. Es sind ehemalige tschechoslowakische Staatsbürger, also Menschen, die vor 1938 die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft hatten. Im Moment präsentieren wir die Menschen, die in Dresden hingerichtet wurden. Es handelt sich um ungefähr 900 Personen, von denen wir jetzt etwa 300 veröffentlichen.“

Die Recherchen werden nun fortgesetzt und auf andere Hinrichtungsstätten ausgeweitet. Die Website popravenizavalky.cz liegt momentan auf Tschechisch vor, soll bis Ende des Jahres aber auch eine deutsche Version bekommen.

Pavla Plachá | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Auch Magda Veselská ist an dem Projekt beteiligt. Sie beschreibt die Webseite mit den Porträts:

„Die Datenbank enthält eine übersichtliche Angabe oder den strukturierten Datensatz zu einer Person. In verschiedenen Kolumnen  sind die Personaldaten zu finden, außerdem die Daten, die sich auf die Verfolgung beziehen, dann aber auch Angaben zu der Bestattung, also wo sich die sterblichen Überreste befinden, ob und wie an diese Person heute erinnert wird, ob es ein Denkmal oder eine Gedenktafel gibt. Und wir konzentrieren uns auch auf die Quellen und Literatur.“

Ausgangspunkt für die Forschung seien die Unterlagen der deutschen Kollegen gewesen, sagt Plachá:

„Wir hatten am Anfang Glück, dass wir den Projektpartner in Deutschland haben, weil es in der Gedenkstätte schon eine eigene Datenbank der hingerichteten Personen in Dresden gab. Die war aber nicht nach der ehemaligen Staatsbürgerschaft der Personen gegliedert. Wir haben dann eine neue Perspektive hinzugefügt. Da wir uns für die ehemaligen Tschechoslowaken interessierten, konnten wir in der Interaktion mit der Gedenkstätte dann noch weitere Personen identifizieren. Danach haben wir diese Liste anhand von Dokumenten aus Archiven überprüft und verbessert. Es handelt sich aber nicht um eine endgültige Zahl der Hingerichteten. Im Moment wissen wir von 889 Tschechoslowaken, die in Dresden hingerichtet wurden. Die Zahl kann sich aber noch ändern.“

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Ausschließlich die Opfer der deutschen Justiz

Das Projekt ist ausschließlich auf Opfer fokussiert, die in einem Gerichtsprozess von der deutschen Justiz zum Tod verurteilt wurden. Die standrechtlichen Hinrichtungen und die außergerichtlichen Fälle der sogenannten Sonderbehandlung durch die Gestapo sowie die Morde in den Konzentrations- und Vernichtungslagern sind nicht mit einbezogen.

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Aus welchen Gründen wurden die Todesstrafen von den deutschen Gerichten verhängt? Pavla Plachá:

„Wir haben die Gruppe der Tschechoslowaken, die in Dresden hingerichtet wurden, schon statistisch ausgewertet. Auf Grund dessen können wir sagen, dass die meisten aus politischen Gründen verurteilt wurden – wegen der Teilnahme am Widerstand oder anderen Äußerungen gegen den Nationalsozialismus. Aber wir registrieren nicht nur die politischen Gegner des Nationalsozialismus, sondern uns interessieren alle Tschechoslowaken, die auch aus anderen Gründen hingerichtet wurden. Also auch Menschen, die zum Beispiel kriminelle Taten verübten.“

Dennoch müsse man die Unterlagen zur Verurteilung und Strafvollstreckung kritisch beurteilen und überprüfen, betont die Historikerin:

„Die Akten der deutschen Gerichte oder der Gestapo zeigen uns natürlich nur die Perspektive der Gestapo oder der Gerichte. Wenn wir dann aber den konkreten Fall auch in anderen Quellen suchen, zeigt sich oft, dass der Tatbestand oder die Zusammenhänge auch anders sein könnten. Man kann sich also nicht nur auf die NS-Akten verlassen.“

Foto: Popraveni za války/Institut für das Studium totalitärer Regime

Man habe daher auch auf weitere Quellen zurückgreifen müssen…

„Wir arbeiten zum Beispiel mit Quellen aus der Nachkriegszeit. Es gibt eine interessante Sammlung von Anträgen, die die Nachkommen an die tschechoslowakischen Behörden gestellt haben, damit ihre hingerichteten Angehörigen als Mitglieder des tschechischen Widerstandes anerkannt werden. Aber wir studieren auch die zeitgenössische Korrespondenz, die Ortschroniken oder auch Aussagen aus der Nachkriegszeit.“

Zusammenarbeit mit Familien der Hingerichteten

Dank der Zusammenarbeit mit den Familien der Hingerichteten und den Gedenkinstitutionen in Tschechien und in Deutschland konnte eine Reihe einzigartiger Dokumente, darunter Fotos und Abschiedsbriefe, beschafft werden. Aus den knapp 900 Posten in der Datenbank wurden rund 20 Lebensgeschichten ausgewählt, die als „Příběhy“ (Geschichten) präsentiert werden. Magda Veselská fährt fort:

„Dabei betonen wir den menschlichen Aspekt. Und wir konfrontieren die Angaben aus den Prozessunterlagen mit den Ego-Dokumenten, die wir zum Beispiel von der Familie haben, wie etwa einem Abschiedsbrief. Dadurch kann man spüren, wie die Person war, was ihre Einstellung war oder welche Lebenswerte sie hatte. Dieses Menschliche finden wir unglaublich wichtig, weil wir nicht die Perspektive der NS-Justiz übernehmen wollen.“

Foto: Popraveni za války/Institut für das Studium totalitärer Regime

 

Die Forschung beziehe sich auf alle tschechoslowakischen Staatsangehörigen vor dem Kriegsausbruch, das heißt auch auf die mit deutscher Nationalität:

„Es sind ungefähr 60 Personen. Darunter sind zum Beispiel Soldaten der Wehrmacht, die wegen Fahnenflucht verurteilt wurden. Aber es gibt auch Antifaschisten, was natürlich sehr interessant ist. Wir wissen zum Beispiel von einer Gruppe in der Nähe von Karlsbad, die von Valentin Meerwald geleitet wurde. Das war eine linksorientierte antifaschistische Gruppe. Und dann könnte ich auch Emilie Ziffer aus Kunín / Kunnewald erwähnen – eine 70-jährige Dame, die wegen dem Hören des ausländischen Rundfunks und wegen sogenannter Zersetzung der Wehrkraft zum Tode verurteilt wurde. Sie ist die älteste hingerichtete Frau, von der wir wissen.“

23 Frauen

Insgesamt 23 von den knapp 900 Karteikarten gehören Frauen. Wie Veselská aber betont, sei eine Reihe von Frauen zusammen mit ihren Ehemännern am Widerstand beteiligt gewesen und deswegen zwar nicht zum Tode, aber doch zu Strafen verurteilt worden:

„Meistens handelt es sich um Zuchthaus- oder Freiheitsstrafen. Aber wir wissen auch von Eheleuten, wo beide Partner hingerichtet wurden. Aber auch wenn eine Frau zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde, hatte das eine große Auswirkung auf die ganze Familie, vor allem auf die Kinder.“

Foto: Popraveni za války/Institut für das Studium totalitärer Regime

Die Todesurteile wurden in Dresden wie auch im ganzen Deutschen Reich mit dem Fallbeil vollzogen. Die menschlichen Überreste wurden dann in den meisten Fällen auf den Dresdner Friedhöfen bestattet.

„Unsere Kollegin von der Gedenkstätte Münchner Platz Dresden dokumentiert, wo sich die sterblichen Überreste befinden. Wir wissen dies jedoch nicht bei allen. Einige wurden an die Anatomie Leipzig übergeben. Und über andere haben wir überhaupt keine Informationen. Aber bei der Mehrheit wissen wir Bescheid. Am Anfang, als es noch nicht viele Hinrichtungen gab, hatte jede Person ein Einzelgrab. Aber mit der Zeit, vor allem 1943 und 1944, als die meisten Tschechoslowaken hingerichtet wurden, wurden drei bis vier Personen in einem Grab beigesetzt.“

Die sterblichen Überreste

Nur in Einzelfällen gelang es, die sterblichen Überreste in die Tschechoslowakei zu überführen und das Opfer in seiner Heimat zu bestatten.

„Bei den ‚Politischen‘ war das verboten. Die Gestapo erlaubte es überhaupt nicht, weil sie keine Märtyrerorte wollte. Bei den ‚Kriminellen‘ war es eher möglich, trotzdem nicht häufig. Viele Familien wussten zum Beispiel überhaupt nicht, dass diese Möglichkeit bestand, oder hatten nicht die Möglichkeiten. Nach dem Krieg war die Überführungeine gewisse Zeit lang möglich – vor allem, wenn die sterblichen Überreste eingeäschert wurden. Beigesetzte zu überführen, war nicht so üblich, wegen der Pietät oder aus Rücksicht auf die sterblichen Überreste der Anderen in demselben Grab.“

Trotzdem sind viele der hingerichteten Personen im Gedächtnis geblieben. An sie wird heute mit Denkmälern und Gedenktafeln erinnert. In der Datenbank des Instituts für das Studium der totalitären Regime seien diese jeweils auf der Karte vermerkt, sagt Veselská:

„Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg war es üblich, dass eine Gemeinde ein Denkmal errichtete, auf dem alle Namen der Personen aus dem jeweiligen Ort standen. Oft gab es schon ein Denkmal für die Opfer des Ersten Weltkriegs, und die Opfer des Zweiten Weltkriegs wurden hinzugefügt. Aber es gibt verschiedenste Gedenktafeln, entweder für eine konkrete Person oder für Mitarbeiter einer Gruppierung, zum Beispiel des Sokol-Turnvereins.“

Die Datenbank ist online zugänglich unter: www.popravenizavalky.cz.