Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner im Sudetengebiet – Ausstellung von Erika Bornová
Mehr als 50 neue Gemälde und Zeichnungen von Erika Bornová sind derzeit in der Prager Václav-Špála-Galerie zu sehen.
Erika Bornová ist eine renommierte tschechische Malerin, Bildhauerin und Illustratorin. Ihre neueste Schau, die derzeit in Prag gezeigt wird, trägt den Titel „Stíny horkého léta Traudi Schönfeld“ (Die Schatten des heißen Sommers von Traudi Schönfeld). Der freie Zyklus besteht aus Werken, die von einem konkreten Ort inspiriert sind. Es ist ein Haus im Schluckenauer Zipfel, das heute Bornovás Familie gehört. Die Künstlerin hat dort ihr zweites „ländliches“ Atelier. In der Gegend suchte die Malerin nach den Spuren der ursprünglichen Bewohner des Hauses. Wer war Traudi Schönfeld, die im Titel der Ausstellung vorkommt? Erika Bornová:
„Traudi Schönfeld war ein Mädchen, das in dem Haus wohnte, das wir heute besitzen. Jeder, der ein älteres Haus kauft, interessiert sich dafür, wer dort früher gelebt hat. Ich habe nach der Familie deutscher Herkunft gesucht, die früher in diesem Haus wohnte. Traudi war ein etwa 14-jähriges Mädchen, das ich dort gelegentlich sehe. Ich sehe es jedoch nicht real, sondern nur emotional. Ich sitze dort, schaue beispielsweise in den Wald und habe das Gefühl, dass dort irgendwo zwischen den Bäumen dieses Mädchen erscheint. Oder aber es sitzt neben mir auf der Bank und schaut sich dieselben Sachen an wie ich. Das ist also Traudi Schönfeld. Ich habe über sie erfahren, dass sie mit 14 Jahren Mitglied des Bundes Deutscher Mädel war und dass ihre Eltern, die überzeugte Antifaschisten waren, mit ihr nichts mehr zu tun haben wollten. Traudi und die früheren deutschen Hausbewohner haben ein paar Gegenstände im Haus hinterlassen. Diese habe ich in der Ausstellung dokumentiert. Ich habe sie mit schwarzem Sand gezeichnet.“
Über Traudi und ihre Eltern hatte Erika Bornová in der Chronik des Ortes gelesen. Es sind jedoch keine Fotos erhalten, wie sie anmerkt. In der Ausstellung werden Zeichnungen einer Tasse, eines Schemels sowie fiktive Porträts eines Mädchens mit Zöpfen gezeigt. Der schwarze Sand, den die Künstlerin für die Zeichnungen benutzte, ist ein symbolisches Material, aus dem die Dinge ihren Worten zufolge auftauchen und in dem sie mit der Zeit wieder verschwinden können. Zudem sind in der Schau viele Bilder von Insekten zu sehen. Bornová hat sie mit Acryl- und Pastellfarben gemalt sowie mit metallischen Aquarellfarben, sodass die Bilder geheimnisvoll strahlen. Die Malerin merkt dazu an:
„Die Insekten, Traudi und mich verbindet, dass Traudi nicht mehr da ist. Ich werde irgendwann auch nicht mehr da sein. Aber die Insekten bleiben für immer und ewig.“
Die Ausstellung erzähle eigentlich die Geschichte der Sudeten, sagt Bornová.
„Vor uns haben dort andere Menschen gelebt, gearbeitet, etwas kreiert – und sie haben eine Beziehung zu dem Ort gehabt. Plötzlich wie aus heiterem Himmel mussten sie sehr schnell gehen. Was konnte ein 14-jähriges Mädchen auf dem Gewissen gehabt haben? Die Geschichte rast an uns vorbei, und was ist an dem Ort nach den Deutschen geblieben? Darüber erzählt ungefähr die Ausstellung.“
Der Titel der Ausstellung geht auf das Filmdrama „Die Schatten eines heißen Sommers“ von Regisseur František Vláčil von 1978 zurück. Die Handlung spielt kurz nach dem Kriegsende in den Beskiden.
Die Ausstellung aus dem Werk von Erika Bornová in der Václav-Špála-Galerie in Prag läuft noch bis 24. August. Die Galerie ist täglich von 11 bis 19 Uhr geöffnet.
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