Mozarts „Idomeneo“ unter dem Taktstock von Dirigent Konrad Junghänel in der Prager Staatsoper
Eine Neuinszenierung von Mozarts Oper „Idomeneo“ hatte am Donnerstag in der Prager Staatsoper Premiere. Das Werk wurde von Dirigent Konrad Junghänel musikalisch einstudiert. Martina Schneibergová hat mit dem Dirigenten kurz vor der Premiere gesprochen.
Herr Junghänel, Mozart war 25, als er „Idomeneo“ schrieb. Welche Stellung hat diese Oper in seinem Gesamtwerk? Denn die bekannteren Opern kamen erst danach…
„Ich glaube, ‚Idomeneo‘ ist der Wendepunkt im Mozarts Schaffen, und insofern wird sie auch als erste seiner sieben großen Opern bezeichnet. Ohne ‚Idomeneo‘ wäre es kaum vorstellbar, woher die anderen Opern später kommen sollten. Denn egal, ob im ,Don Giovanni‘ oder in ,Figaros Hochzeit‘ – überall finden sich wieder Rückgriffe auf den ,Idomeneo‘. Er hat sehr viel von sich selbst geklaut, was ja ganz normal und im Barock noch viel normaler war. ,Idomeneo‘ war wirklich seine Revolution sozusagen, von der Kompositionstechnik her. Mozart war davor ein halbes Jahr in Paris und hat dort viel von dem französischen Stil aufgenommen – etwa von Jean-Philippe Rameau, der zu der Zeit in Frankreich der große Held war. Rameau hat Mozart wirklich sehr beeindruckt, allein durch die Tatsache, in welchem Umfang der Chor beteiligt ist als eigenständige, handelnde Person. Das hat es vorher und übrigens auch nachher in Mozarts Opern nie mehr gegeben, und das ist ,Idomeneos‘ Sonderstellung. Allerdings mussten wir das Ballett streichen, weil es zu lang war. Es ist ein Teil des Werks, weil dies für die französische Oper absolut unabdinglich war. Und ein drittes Element, das vorher in dieser Form nicht da war und später auch nicht mehr vorkommt, ist das orchesterbegleitete Rezitativ. Vor allem im Barock gab es zuvor nur das Secco-Rezitativ, das einfach vom Cembalo begleitet wurde.“
Wie erklären Sie sich, dass diese Oper nicht so häufig aufgeführt wird, wie die späteren Werke, beispielsweise „Don Giovanni“?
„Vielleicht ist es mit allen revolutionären Dingen so, dass sie noch nicht ganz so geschliffen, glatt und ausgearbeitet sind. Zudem ist es natürlich auch ein schwierigerer Stoff. Das ist bei ,Figaros Hochzeit‘ oder auch bei ,Don Giovanni‘ ganz anders, die sind sehr menschlich. ,Die Zauberflöte‘ist eine der erfolgreichsten Opern überhaupt in der Operngeschichte. Sicher ist es nicht die beste Oper von Mozart, aber die erfolgreichste. Im ,Idomeneo‘ gibt es jedoch musikalisch immer wieder einige Ecken, mit denen er etwas Neues ausprobiert, was vielleicht noch nicht ganz so glatt läuft. Aber es ist vor allen Dingen der Inhalt, der etwas schwierige Stoff.“
Spielte das Thema der Vater-Sohn-Beziehung vielleicht für Mozart auch eine Rolle? Darüber kann man einiges lesen…
„Ja, darüber wird sehr viel geschrieben. Das ist ja eine alttestamentarische Idee, ‚Jephtha‘ hat genau das gleiche Thema. In einer großen lebensbedrohlichen Krise betet man zu den Göttern: Wenn ich hier herauskomme, werde ich das erste Lebewesen opfern, das mir begegnet. Warum sagt man so etwas eigentlich? Man muss doch immer mit dem Schlimmsten rechnen. Und dann kommt es so, dass es entweder die Tochter oder der Sohn ist. Das ist natürlich dann ein Drama, das man nicht will. Aber man muss irgendwie aus der Geschichte herauskommen und eine Lösung finden. Und das war in der Zeit ein nicht ganz unpopuläres Thema.“
Sie haben die Oper schon zuvor aufgeführt, aber mit einem anderen Regisseur. Wie ist die Zusammenarbeit in Prag mit Calixto Bieito?
„Die Zusammenarbeit mit Calixto Beito ist wunderbar. Wir kennen uns, wir schätzen uns. Mit dem Orchester hier ist es etwas ganz Neues. Ich arbeite mit sehr vielen unterschiedlichen Orchestern, und ich weiß vorher nie, was mich erwartet. Gerade dieses Orchester hat sehr lange keinen Mozart oder keine Musik von vor 1800 gespielt. Deswegen ist es für die Musiker etwas Ungewöhnliches. Aber ich muss sagen, sie sind der Musik und mir mit einer solchen Offenheit gegenübergekommen, dass es eine sehr erfreuliche Zusammenarbeit war. Ich denke, wir sind zu erstaunlich guten Ergebnissen gekommen, was nicht selbstverständlich ist. Ich komme ja aus der historisch informierten Aufführungspraxis. Das ist für dieses Orchester ganz ungewöhnlich, aber die Musiker haben das sehr gut angenommen. Es hat mich überrascht, wie gut es geklappt hat. Und der Chor arbeitet auch wunderbar. Er ist tatsächlich einer der besten Chöre, mit denen ich gearbeitet habe. Die Sänger sind hervorragend vorbereitet worden, und der Chor singt herrlich.“
Im „Idomeneo“ singen einige Solisten vom hiesigen Opernensemble, und einige kommen aus dem Ausland. Wie finden Sie die Zusammenarbeit?
„Mit den Solisten ist es in diesem Fall wie mit dem Orchester. Keiner von ihnen ist wirklich ein Mozart-Spezialist, geschweige denn ein Spezialist für alte Musik. Aber auch hier muss ich sagen, dass es fantastisch ist, wie sich alle Sänger auf diese neue Reise eingelassen haben. Noch schöner finde ich, dass sie es lieben, diese Musik zu singen. Sie halten es für eine Heilung für die Stimme, wenn man nicht die ganze Zeit Fortissimo singt. Mozart schreibt für die Sänger in seinen Partituren viel Piano oder Pianissimo. Oft steht dort Sotto voce, also mit halber Stimme. Hinzu kommt noch, wie man phrasiert. Da sind wir, glaube ich, ein sehr großes Stück weitergekommen.“
Es ist Ihr Debüt als Dirigent in der Prager Staatsoper. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?
„Der Intendant Per Boye Hansen hat mich gefragt. Er war lange an der Komischen Oper Berlin tätig, und dort habe ich seit 2009 viel dirigiert. So schließen sich manchmal die Kreise wieder.“
Sie sind Spezialist für ältere Musik, mit der Sie sich jahrzehntelang beschäftigt hatten. Wie ist Ihre Beziehung zur tschechischen Musik?
„Ich muss sagen, ich bin da überhaupt nicht bewandert. Ich habe viele alte Werke mit meinem Vokalensemble (Cantus Cölln, Anm. d. Red.) aufgeführt, aber wir konzentrierten uns ganz auf die deutsche Musik. Wenn es um Vokalmusik geht, ist die Sprache sehr wichtig: Nicht nur eine perfekte Aussprache, sondern auch das Verständnis, der Rhythmus und der Klang der Sprache sind wichtig.“
Vielleicht ergibt sich eine weitere Zusammenarbeit mit Prag…
„Das würde mich sehr freuen. Denn das erste Mal kann schwierig sein, weil man noch nicht weiß, wie gut man zusammen auskommt und wie ersprießlich die gemeinsame Arbeit ist. Dies hat sich jedoch als positiv herausgestellt, sodass ich sehr gerne wiederkommen würde.“
Die zweite Premiere von Mozarts „Idomeneo“ findet in der Prager Staatsoper am Sonntag, 28. September, statt. Die Vorstellung beginnt um 19 Uhr. Reprisen der Oper stehen am 1., 6., 10., 12. und 18. Oktober auf dem Programm. Es gibt noch Restkarten.







