Argonauten des Ideals: Ausstellung in Liberec zeigt Kunst des frühen 20. Jahrhunderts

Anna Habánová

In der Galerie Lázně in Liberec sind derzeit die Werke von Künstlern zu sehen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tätig waren. Im Zentrum stehen die Arbeiten der deutschsprachigen Oktobergruppe.

Argonauti ideálu  (Argonauten des Ideals) | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Argonauten des Ideals“ – diesen Titel trägt die Ausstellung in der Regionalgalerie in Liberec. Die Kuratorin Anna Habánová verweist damit auf ein Zitat des Dichters Erich Posselt, der so im Jahr 1912 die Nachwuchskünstler seiner Stadt betitelte. An der aktuellen Ausstellung, die die Werke von Künstlern der Region aus der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts zeigt, hat Habánová intensiv gearbeitet, wie sie im Interview für Radio Prag International verrät:

„Ich habe sehr lange überlegt, wie so eine Ausstellung aussehen und was man zeigen könnte. Das klingt schrecklich, aber es waren etwa zehn Jahre. Die intensive Vorbereitung lief dann über ein Jahr.“

Ein Künstleralmanach auf das Jahr 1913 | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Im Kern stehen nun die Werke der sogenannten Oktobergruppe. Sie bestand aus elf Künstlern, deren Lebensmittelpunkt in Nordböhmen lag – vor allem in Liberec, dem damaligen Reichenberg. Die vier Gründungsmitglieder waren Erwin Müller, Hans Thuma, Alfred Kunft und Rudolf Karasek, die 1922 die erste Ausstellung organisierten.

„Der Name Oktobergruppe verweist natürlich auf die Dresdner Novembergruppe. Es gab aber auch noch weitere Zusammenschlüsse mit solchen Namen. Zudem fand die erste Ausstellung im Oktober statt.“

Die deutschsprachigen Künstler, die sich zu der Gruppierung zusammenschlossen, waren zuvor bereits Teil des Metznerbundes gewesen. Sie verfolgten nach eigenen Darstellungen aber einen höheren Qualitätsanspruch. Mit dem gemeinsamen Auftreten als Verband habe man zudem ein praktisches Ansinnen verfolgt, sagt Anna Habánová:

„Wenn die Künstler nicht in einer Gruppe waren, gab es für sie kaum Möglichkeiten auszustellen. Ohne die Mitgliedschaft in einem Verein oder einer Gruppierung war dies einfach sehr schwer.“

Argonauti ideálu  (Argonauten des Ideals) | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Wer war die Oktobergruppe?

Die Oktobergruppe stellte im Laufe ihres Bestehens von 1922 bis 1927 mehrmals ihre Werke aus. Drei Kataloge seien heute noch erhalten, sagt Habánová. Allerdings gibt es nur ein einziges Foto von den Ausstellungen. Zu sehen sind darauf acht Gemälde. In der Liberecer Galerie hängt die Aufnahme im Großformat an einer der zentralen Wände:

Argonauti ideálu  (Argonauten des Ideals) | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

„Dieses Foto wurde in Prag im November 1927 aufgenommen. Drei der Bilder, die man darauf sieht, existieren noch, und wir stellen sie hier aus. Die fünf anderen Bilder gelten als verschollen.“

Die Ausstellung der Oktobergruppe im Jahr 1927 markiert laut Habánová das Ende der Bewegung. Dabei sei die Schau wegen der Veranstaltungsortes besonders bemerkenswert gewesen...

„Der Prager Künstlerverein Mánes war ausschließlich tschechischsprachigen Künstlern vorbehalten. Es gab zwei oder drei Ausnahmen, als auch deutschsprachige Künstler dort ausstellten. Und eine davon war die Schau eben dieser Gruppe. Ich glaube, dazu konnte es nur damals, zwischen 1926 und 1928, kommen. Die deutschsprachige Bevölkerung war zu dieser Zeit in der Regierung vertreten, sie stellte drei Minister. Es kam wirklich zu einem gemeinsamen Dialog zwischen den beiden Ethnien.“

Argonauti ideálu  (Argonauten des Ideals) | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

In der Ausstellung in Liberec werden die Mitglieder der Oktobergruppe jeweils mit ihren biographischen Angaben vorgestellt. Einen noch genaueren Überblick bietet zudem der parallel erscheinende Katalog. Ins Auge sticht, dass viele der Maler vor 1945 der NSDAP beitraten. Dies zeugt der Kuratorin zufolge aber noch nicht davon, dass die Künstler glühende Nationalsozialisten gewesen seien. Denn man müsse immer die konkreten Schicksale betrachten:

„Es ist nötig, sich anschauen, was die Leute dazu gebracht hat, in die eine oder andere politische Partei einzutreten.“

Als Beispiel nennt Habánová den Namen Karl Kaschak:

„Er war extrem gegen die Gleichschaltung der Kultur und sehr demokratisch eingestellt. Trotzdem wurde er NSDAP-Mitglied. Denn er war Lehrer in Leitmeritz. Er wollte schlichtweg sich selbst retten und vermutlich auch die Schule.“

Von den Künstlern der Oktobergruppe sind in der Ausstellung in Liberec Gemälde und Zeichnungen zu sehen, aber etwa auch Glasskulpturen. Darüber hinaus geht laut Habánová aus den historischen Ausstellungskatalogen hervor, dass auch Holzarbeiten angefertigt wurden. Diese seien heute jedoch verschollen – ein Schicksal das vielen Werken sudetendeutscher Künstler wiederfuhr…

Argonauti ideálu  (Argonauten des Ideals) | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

„Wir wissen, dass es hier etliche Ateliers gab. Ich kenne 20 Namen von Künstlern, von denen ich kein Gemälde, keine Grafik und keine Zeichnung habe. Es gibt nur ihre Namen, die durch verschiedene Ausstellungen bekannt sind, die in der Zwischenkriegszeit in Reichenberg zu sehen waren.“

Denn nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die deutschsprachige Bevölkerung aus der Stadt vertrieben. Und mit ihr verschwanden die Bilder aus den Sammlungen.

Verschollene Kunstwerke

Neben den deutschsprachigen Künstlern sind in der Ausstellung auch die Arbeiten von Tschechen vertreten, die im Reichenberg der Zwischenkriegszeit zur Minderheit gehörten. Wie waren die Kontakte zwischen den beiden Kunstszenen? Anna Habánová erläutert:

Argonauti ideálu  (Argonauten des Ideals) | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

„Das waren parallellaufende Bahnen, so wie Schienen. Sie näherten sich mitunter ein wenig an, kreuzten sich und dann gingen sie wieder auseinander. Ich zeige hier an mehreren Stellen, wie nah sich die Künstler und ihre Gemälde und Grafiken waren, wie sie sich gegenseitig beeinflusst haben. Wenn die Bilder nicht unterschrieben wären, könnte man sie mitunter verwechseln.“

Zu den Tschechen in der Ausstellung zählt neben Josef Nastoupil auch Jaro Beran. Er ist nicht nur wegen seines eigenen Kunstschaffens bemerkenswert. Nach dem Krieg wurde Beran nämlich Kurator der Kunstsammlungen des Nordböhmischen Museums und später Leiter der neugegründeten Liberecer Regionalgalerie, die damals noch „Kreisgalerie“ hieß. Das Schicksal seiner deutschsprachigen Landsleute von einst war Beran nicht gleichgültig.

Argonauti ideálu  (Argonauten des Ideals) | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

„Er ließ mindestens zwei Ateliers beschlagnahmen. Das eine war das von Erwin Müller, der sein Freund war. Ich nehme an, Beran tat dies, weil niemand wusste, wie es nach dem Mai 1945 weitergeht. Er wollte die Gemälde wohl gerne zu einem späteren Zeitpunkt zurückgeben. Dazu ist es aber nie gekommen. Denn die beiden standen zwar noch in einem Briefwechsel, dieser brach aber irgendwann ab.“

Argonauti ideálu  (Argonauten des Ideals) | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Neben den Werken von Erwin Müller sicherte Beran auch Kunst von Franz Plischke. Wie Habánová jedoch ausführt, stand es um die Arbeiten auch noch lange nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht gut.

„In den 1950er und 1960er Jahren gab es einen sehr großen Druck auf die Direktion der Galerien. Die deutschsprachigen Künstler sollten aus den Sammlungen ausgesondert werden. Das war der Fall bei Plischke. Was wir hier zeigen, ist ein winziger Teil – also das, was beschlagnahmt wurde. Alles andere wurde zerstört, so etwa Plastiken, die zu Metallschrott erklärt wurden. Bei Erwin Müller gab es ebenfalls großen Druck, seine Werke loszuwerden. Die Galerie und ihre Kuratoren hielten dem aber stand. Seine Werke durften bleiben, und so konnten wir überhaupt diese Ausstellung machen, denn ohne die Werke ginge das natürlich nicht.“

Landschaftsmalerei und Justitia

Ein gesonderter Raum im Liberecer Kunsttempel, der früher eine Badeanstalt war, ist der Landschaftsmalerei mit Motiven aus dem Isergebirge gewidmet. Auffallend ist, dass fast alle Bilder schneeverschneite Winterwelten zeigen.

Argonauti ideálu  (Argonauten des Ideals) | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

„Das passt natürlich zur aktuellen Jahreszeit, ist aber keine Absicht. Die zwei wichtigsten Künstler in diesem Bereich, Wenzel Franz Jäger und Rudolf Karasek, liebten den Winter schlichtweg. Sie haben so viele dieser Gemälde angefertigt, dass ich sie hier einfach zeigen musste.“

Zu den über 200 Kunstwerken in der Ausstellung „Argonauten des Ideals“ zählen vor allem Ölgemälde, aber auch Bronzeplastiken, Glasskulpturen und Gebrauchsgrafiken wie Plakate. Zudem werden vier zeitgenössische Filme gezeigt. Ein ganz besonderer Teil der Schau befindet sich zudem im Rundgang hinter der Haupthalle. Hier sind Originalgrafiken zu sehen und Bücher, in denen sie als schmückende Illustration verwendet wurden. In einem der Rahmen steckt ein Werk, das für Anna Habánová eine besonders große Bedeutung hat, wenngleich es wesentlich kleiner und unscheinbarer ist als die prächtigen Gemälde im Hauptraum. Die Autorin der Grafik war ein Mitglied der Oktobergruppe: Edith Plischke.

Argonauti ideálu  (Argonauten des Ideals) | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

„Ende der 1910er und Anfang der 1920er Jahre arbeitete sie für Reichenberger Verlage und gestaltete Buchschmuckillustrationen. Das waren keine richtigen Grafiken, wie wir sie kennen, kein Stahlstich, Holzschnitt und auch keine Aquatinta so wie an anderen Orten in der Ausstellung. Stattdessen handelt es sich hierbei um eine Psaligraphie, also einen Scherenschnitt. Er zeigt eine Justitia – eine halb nackte, halb angezogene Frau mit einem supermodernen Haarschnitt. Es scheint, dass sie Stöckelschuhe trägt, und in der Hand hält sie eine Waage.“

Neben dem Scherenschnitt ist auch das Buch zu sehen, in dem die Grafik verwendet wurde. Es stammt aus dem Jahr 1924 und enthält Gedichte von Eduard Mörike.

„Die Verknüpfung der Werke, dass man den Besuchern vermittelt, wie sie interpretiert wurden, das ist für mich in jeder Ausstellung wichtig“, sagt Anna Habánová.

„Justitia“,  Edith Plischke  | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

In dem Rundgang ist zudem ein Original des Künstleralmanachs von 1912 zu sehen, dem der Ausstellungstitel entnommen wurde. Über ein Display lässt sich in dem historischen Dokument blättern.

Die Ausstellung „Argonauten des Ideals. Die Reichenberger Kunstszene in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ kann noch bis 22. Februar kommenden Jahres in der Galerie Lázně in Liberec besucht werden. Geöffnet ist sie dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags auch bis 20 Uhr. Am 10. Januar findet um 15 Uhr eine Führung in deutscher Sprache statt.

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