„Unabhängige Arbeit nicht mehr garantiert“: Bekanntester tschechischer Polit-Talkmaster gibt auf
Gut zwei Jahrzehnte lang leitete Václav Moravec die wichtigste Polit-Talkshow hierzulande. Die nach ihm benannte Sendung lief immer am Sonntagmittag im öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehen (ČT). Nun hört er auf, man könnte auch sagen: Nun gibt er auf. Denn Moravec beklagt sich über den politischen Druck innerhalb des Senders.
Am Sonntag kam das dicke Ende. Der Talkmaster Václav Moravec sagte zum Schluss seiner Sendung:
„Meine Zeit im Tschechischen Fernsehen geht nach mehr als 21 Jahren zu Ende.“
Seit Januar 2004 wurden die „Otázky Václava Moravce“ (Fragen von Václav Moravec) auf dem ersten Kanal des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders ausgestrahlt. Eingeladen waren immer die wichtigsten Politiker, die Entscheidungsträger, um über aktuelle Themen zu diskutieren. Moravec war dafür bekannt, unerbittlich nachzuhaken und gerne auch seinen Gesprächspartnern ins Wort zu fallen. Über die Bedeutung der „Otázky Václava Moravce“ in der tschechischen TV-Landschaft sagte am Montag zum Beispiel der Journalist Vratislav Dostál von Aktuálně.cz, der mehrere Jahre lang Mitglied des Fernsehrats war:
„Ich scheue mich nicht zu behaupten, dass Václav Moravec eine Legende ist. Mehr als zwei Jahrzehnte lang moderierte er seine Talksendung, die in Tschechien die meisten Zuschauer hatte. Das spricht für sich und braucht keinen weiteren Kommentar.“
Doch Moravec will nicht mehr weitermachen. Der 51-Jährige äußerte am Sonntag schwere Vorwürfe in Richtung der Verantwortlichen beim Tschechischen Fernsehen:
„Ereignisse der letzten Zeit haben mich in der Meinung bestätigt, dass ich unter den gegebenen Umständen nicht mehr die Unabhängigkeit meiner redaktionellen Arbeit garantieren kann und auch nicht die kritische Reflexion des Geschehens, so wie beides in der Präambel des Kodexes über das Tschechische Fernsehen geschrieben steht.“
Was war geschehen? Am Sonntag war erstmals der Vorsitzende der Partei „Freiheit und direkte Demokratie“ (SPD), Tomio Okamura, in der Sendung. Moravec hat es über Jahre hinweg abgelehnt, den Rechtsaußenpolitiker in sein Diskussionsformat einzuladen. Der Talkmaster hatte dies damit begründet, dass Okamura dauerhaft über den Fernsehrat auf ihn Druck ausübe, um eingeladen zu werden. Seit Ende vergangenen Jahres gehört Okamuras Partei jedoch erstmals der tschechischen Regierung an. Und Ende Januar berief das Tschechische Fernsehen die langjährige Produzentin von Moravec´ Talkshow ab. In der Folge drückte die Leitung des öffentlich-rechtlichen Senders durch, dass Tomio Okamura eingeladen wurde. Als dann der Moderator am Sonntag bekanntgab aufzuhören, war die Leitung von ČT nicht informiert. Und sie verwahrte sich gegen die Anschuldigungen von Václav Moravec.
„Wir weisen die Behauptungen von Václav Moravec entschieden zurück, dass im Tschechischen Fernsehen die Unabhängigkeit der redaktionellen Arbeit nicht garantiert wäre. Auf Václav Moravec in der Position als Moderator des wichtigsten Polittalks im Tschechischen Fernsehen bezieht sich derselbe Standard für die redaktionelle Arbeit wie für alle anderen Moderatorinnen und Moderatoren weiterer Diskussionssendungen bei uns“, so Michal Pleskot, der Sprecher des Senders.
Der Journalist Vratislav Dostál erläuterte im Tschechischen Rundfunk dazu, dass ab 2020 der damalige Premier Andrej Babiš (Partei Ano) zusammen mit Staatspräsident Miloš Zeman, den Kommunisten und Okamuras Partei SPD ihnen genehme Mitglieder in den Fernsehrat durchdrückten. Allerdings stehe im Kodex des Tschechischen Fernsehens nicht geschrieben, dass die Vertreter von Parteien als solche in bestimmte Sendungen eingeladen werden müssten, so Dostál:
„Es wird dort nur allgemein eine Ausgewogenheit gefordert, aber das nicht einmal für eine konkrete Sendung. Auch steht dort nichts über die Einladung von Parteivorsitzenden, sondern nur von Vertretern der politischen Richtungen. Und ebenso wichtig ist, dass der Fernsehrat und seine Mitglieder nicht in die Gestaltung des Programms eingreifen dürfen und schon gar nicht in die Entscheidung, welche Politiker in politische Debatten eingeladen oder nicht eingeladen werden sollen.“
Wie es mit dem bisher wichtigsten Polit-Talk in Tschechien weitergehen soll, will das Fernsehen noch bekanntgeben.







