„Verbrechen ohne Namen“: Neue Dauerausstellung in Theresienstadt zu Genoziden im 20. Jahrhundert
Terezín, früher Theresienstadt, steht wie so viele Tatorte exemplarisch für den Völkermord an den Juden. In der früheren Garnisonsstadt in Nordböhmen hatten die Nationalsozialisten nämlich eines der zahlreichen Konzentrationslager eingerichtet. Der Holocaust bleibt in seinem Umfang und seiner Durchdachtheit ein einzigartiges historisches Ereignis. Dennoch gab es im gesamten 20. Jahrhundert noch mehr Genozide, die mitunter wenig aufgearbeitet sind. Eine neue Dauerausstellung des Zentrums für Genozidstudien in Terezín bietet nun einen Überblick über diese Unrechtstaten. Die Exposition richtet sich vor allem an junge Menschen, und das auch aus Deutschland. Wir waren bei der Eröffnung am Montag dabei.
Völkermorde hat es schon gegeben, als die Menschheit dafür noch keine Bezeichnung hatte. Der britische Premier Winston Churchill sprach 1941 angesichts der systematischen Tötung der Juden durch die Nationalsozialisten von einem „Verbrechen ohne Namen“. Und so ist auch die ständige Ausstellung betitelt, die seit Montag im Haus Wieser in Terezín zu sehen ist.
In dem frisch sanierten Gebäude hat das Zentrum für Genozidforschung seinen Sitz. Pavel Chalupa hat die NGO mitgegründet und ihre Nutzung des Objektes mit ausgehandelt. Nun werde hier eine einzigartige Ausstellung präsentiert, die die Völkermorde des gesamten 20. Jahrhunderts zusammenfasse, sagte Chalupa gegenüber Radio Prag International:
„Zu diesem Thema haben Šimon Krbec und ich einst das Forschungszentrum für die Archäologie des Bösen gegründet. Nach einigen Jahren wurden wir von der Stadtverwaltung Terezín angesprochen, weil man hier das Haus Wieser sanieren wollte. Wir schlossen uns dem an mit der Bedingung, dass wir eine ständige Ausstellung für das Gebäude erstellen. Das hat lange gedauert. Unsere Vorstellung war eine Exposition, die für die Besucher ein Bild dessen zusammenstellt, was die Menschheit seit jeher begleitet – dessen, was leider ein Teil von ihr war, ist und traurigerweise auch sein wird.“
Trotz des Titels werden die Besucher gleich zu Beginn mit dem nötigen Vokabular ausgestattet. Der erste der sieben Räume ist nämlich Rafael Lemkin gewidmet. Der polnisch-jüdische Jurist formulierte den Begriff und das Rechtskonzept des Genozids, also des Völkermords, und initiierte die entsprechende UN-Konvention von 1948. Die Definition dieses „Verbrechens aller Verbrechen“ wird in zehn Phasen aufgeteilt, dargestellt als stichpunktartige Informationen. Diese sind, wie alle anderen Texte der Ausstellung auch, bewusst kurz gehalten und auf Tschechisch, Englisch und Deutsch verfasst.
Derart theoretisch vorbereitet wird das Publikum dann mit dem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts konfrontiert. Dazu Chalupa:
„Wir beginnen im Jahr 1904 mit den Genozid an den Herero in Namibia. Er wurde von den deutschen Kolonialisten durchgeführt, die damit begannen, den Stamm auszurotten. Sie haben das auch gar nicht verheimlicht, sondern es gab einen offiziellen Befehl des deutschen Generalleutnants. Er ordnete an, dass jeder Angehörige des Stammes Herero, der sich im Gebiet Namibias aufhält, getötet wird – egal ob es sich um Frauen oder Kinder handelt, um Hirten, Bauern oder Unternehmer.“
Der Ausstellungsraum für die Herero ist nur mit einem großen Foto illustriert sowie mit einigen wenigen historischen Zitaten.
Sparsame Ausstattung. moderne Methoden
Klassische Exponate sind in „Verbrechen ohne Namen“ nur wenige zu finden. Stattdessen kommen moderne Ausstellungsmethoden zum Einsatz. So spricht Rafael Lemkin schon im ersten Raum direkt zum Besucher. Per Projektion erzählt er von seinen Überlegungen, wie er den Begriff Genozid erdacht hat. Ähnlich trifft man in einem anderen Raum auf einer Leinwand die junge Armenierin Aurora Mardiganian, die stockend von dem Massaker an ihrem Volk berichtet – ein Verbrechen, das 1915 im Osmanischen Reich verübt wurde.
In diesen Kurzfilmen werden die beiden historischen Personen von zwei tschechischen Schauspielern dargestellt. Veronika Soumarová verkörpert Aurora Mardiganian, die als 16-Jährige ins Exil nach New York kam. Bald darauf schrieb sie ihre Erinnerungen an den Genozid an den Armeniern nieder, was 1918 unter dem Titel „Ravished Armenia“ („Geraubtes Armenien“) in den USA als Buch erschien. Soumarová sagt, sie sei sehr dankbar dafür, dass sie Auroras Geschichte durch das Ausstellungsprojekt kennengelernt habe:
„Für mich ist sie eine sehr starke Persönlichkeit. Es fasziniert mich, dass diese Menschen überhaupt über ihre Erlebnisse sprechen können. Jeder von uns macht mitunter etwas durch, kann dann jedoch nicht darüber reden. Sie aber berichten von den Massakern. Das ist gut und extrem wichtig. Die ganze Welt muss das hören. Darum bin ich froh, dass ich Teil dieser Ausstellung bin. Denn sie ist dringend notwendig.“
Dennoch werde die Exposition wohl auf jede Besucherin und jeden Besucher unterschiedlich wirken, überlegt Soumarová:
„Jeder Mensch ist anders. Jemandem geht das nahe, jemand anderen berührt es gar nicht. Ich nehme von dieser Geschichte etwas mit, das eine schreckliche Phrase ist, aber trotzdem stimmt: Manchmal regen wir uns im Leben wirklich über Unsinn auf. Darum ist es sehr gut, sich daran zu erinnern, dass es auf der Welt und in den Leben anderer Menschen schlimmere Dinge gibt als irgendwelche Dummheiten.“
Darüber wird man sich leicht bewusst, wenn man im Ausstellungsraum zu dem Massaker an den Armeniern steht. Auf der Leinwand ist nicht nur Veronika Soumarová in der Rolle von Aurora Mardiganian zu sehen – sondern auch die erhalten gebliebenen Fragmente aus dem Spielfilm, der 1919 in den USA auf Grundlage von Auroras Erinnerungen gedreht wurde. Im Gedächtnis bleibt davon etwa eine brutale Mordmethode, bei der sich armenische Mädchen und Frauen auf ein nach oben gerichtetes Schwert setzen mussten.
Die Gewalt gegen die Armenier ist außerdem ein Beispiel dafür, warum bei der Genozid-Definition als zehntes und letztes Merkmal Leugnung angeführt wird. Chalupa berichtet:
„Dieser Völkermord wird von den Türken bis heute geleugnet. Wir hatten einen sehr interessanten Besuch vom türkischen Botschafter, der inkognito herkam und sich als Professor einer Istanbuler Universität ausgab. Über das, was er hier gesehen hat, beschwerte er sich dann beim Außenministerium. Das Ganze kehrte sich jedoch gegen ihn. Denn er wurde belehrt, dass er das diplomatische Protokoll einhalten und außerhalb der Botschaft immer als Botschafter auftreten müsse. Wir haben also Erfahrungen damit, dass Menschen, die solche Verbrechen und Tragödien leugnen, auch heute noch fähig sind, sehr aktiv zu behaupten, dass diese nicht passiert seien.“
Auswirkungen bis in die Gegenwart
So reichen die Ausstellung und ihr Thema also bis in die Gegenwart und sollen ebenso der demokratischen Bildung dienen. Dies war auch eine der Aufgaben des tschechischen Regierungsrates für die Denkmalschutzagenda, der 2024 eingerichtet wurde und der unter anderem die Exposition „Verbrechen ohne Namen“ finanziert hat. Das neue Kabinett von Premier Andrej Babiš (Partei Ano) hat diesen Rat jedoch per Anordnung vom 23. Februar aufgelöst – und damit fallen auch die Gelder für das Zentrum für Genozidstudien weg. Pavel Chalupa:
„Es ist nun passiert, dass die neue Regierung alle Unterstützungsprogramme für Denkmalschutzinstitutionen eingestellt hat. Wir müssen jetzt also wieder kommerzielle Partner suchen, so wie wir das schon 2012 gemacht haben, als unser Zentrum entstand. Ich muss aber sagen, dass es auch unter der vorherigen Regierung sehr schwer war, die Politiker davon zu überzeugen, unsere Arbeit zu unterstützen. Drei Jahre lang haben wir gekämpft und jedes Jahr neu um die Finanzierung unserer Tätigkeit gebeten.“
Dies gelang dann vor zwei Jahren durch den Regierungsrat für die Denkmalschutzagenda. Zuvor hatte die NGO in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung von Terezín knapp fünf Millionen Euro an EU-Geldern gewinnen können für die Sanierung des Wieserschen Hauses.
Das erwartet mit der neuen Dauerausstellung nun sein Publikum. Mit der sparsamen Ausstattung und einer dichten Atmosphäre setzt die Schau auf das emotionale Erleben. Dies solle den Besucher zu der Frage führen, wie er sich selbst in einer ähnlichen Situation verhalten würde, heißt es in der Pressemitteilung. Das entsprechende Konzept habe das Forschungszentrum schon mit seiner mobilen Ausstellung „Vlak Lemkin“ (Lemkin-Zug) verfolgt, betont Chalupa. Zum Besuch dieser vier historischen Zugwaggons würden am Ende immer auch das Gespräch und die Reflexion gehören, so der Organisator:
„Schon beim Lemkin-Zug haben wir unsere Bemühungen sehr auf die junge Generation konzentriert. Er zielt darauf ab, vor allem bei jungen Menschen das Interesse für Geschichte zu wecken. Das ist sehr schwierig. Wir stoßen immer wieder darauf, dass sie fast nichts über diese Ereignisse wissen. Ich will gar nicht sagen, dass wir früher alles wussten und sie heute nichts, denn die Jugendlichen kennen sich wiederum mit anderen Dingen aus. Und sie sind sehr sensibel. Das wollen wir nutzen.“
Und so richtet sich die neue Exposition ausdrücklich an Schulen, und das auch aus Deutschland. Dafür stünden deutschsprachige Lektoren zur Verfügung, unterstreicht Chalupa. Die Bildungsangebote reichen von einstündigen Führungen bis hin zu zweitägigen Programmen. Zudem biete der Standort in Terezín die direkte Verbindung zur dortigen Holocaust-Gedenkstätte. Dort könnten die Folgen dessen reflektiert werden, was in der Ausstellung „Verbrechen ohne Namen“ in seiner ganzen theoretischen und historischen Bandbreite gezeigt werde, sagt Pavel Chalupa.
Die Dauerausstellung „Zločin beze jména“ / „Verbrechen ohne Namen“ in Terezín befindet sich im Haus Wieser (Wieserův dům) in der Straße Pražská 21. Geöffnet ist Freitag bis Sonntag von 11 bis 16 Uhr. Gruppenbesuche und Bildungsveranstaltungen können für dienstags, mittwochs oder donnerstags verabredet werden. Alle aktuellen Informationen gibt es, auch auf Englisch, unter www.studiagenocid.cz.







