Böhmischer Klang für Wagner – „Parsifal“ in der Prager Staatsoper
An diesem Donnerstag hat in der Prager Staatsoper eine Neuproduktion von Richard Wagners „Parsifal“ Premiere. Regisseur des Stücks ist Andreas Homoki, der jahrelang das Zürcher Opernhaus leitete. Und Markus Poschner dirigiert das Orchester der Staatsoper. Martina Schneibergová hat mit den beiden Deutschen gesprochen.
Herr Homoki, Sie studieren Wagners „Parsifal“ in Prag ein. Der Komponist hat diese Oper ein Bühnenweihfestspiel genannt. Sie haben Erfahrung fast mit allen Opern Wagners, doch der „Parsifal“ ist sozusagen auch Ihre Premiere. Ist die Vorstellung auch davon beeinflusst, dass sie in Prag aufgeführt wird?
„Ja, wenn man an einer Neuproduktion arbeitet, weiß man, für welchen Ort man das macht. Der ,Parsifal‘ entsteht also hier. Und wir haben einen Weg gefunden, um das Mystische der Gralswelt in eine vielleicht, so kann man sagen, surreale Metaphorik zu übersetzen. Diese erinnert, wenn man jetzt das Bühnenbild anschaut, tatsächlich ein bisschen an Kafka. Ich fand es eine schöne Koinzidenz. Wir haben das nicht mit Absicht gemacht, aber als wir diese Idee hatten, habe ich gesagt: Eigentlich passt das fantastisch für Kafka. Er hat im ‚Schloss‘ oder auch im ‚Prozess‘ immer wieder diese Welten, in denen irgendwelche geheimnisvollen Dinge passieren, die man nicht versteht. Das ist auch immer natürlich eine Metapher für Gott oder für die Willkür von Gott. Und von daher hat das ein bisschen ein Prager Kolorit.“
Auf der Bühne sieht es jetzt gerade wie in einer Bibliothek oder in einem Archiv aus…
„Ja genau. Es ist wie ein Archiv der Welt, in dem alles Wissen der Welt für die Zukunft bewahrt wird. Und ein bisschen ist das ja die Aufgabe dieser Gralswelt, dieser Gralsritter in Form dieser Reliquien des Grals und des Speers, das Erbe der Menschheit, der menschlichen Zivilisation aufzubewahren. Dies geschieht in einer Zeit – im Stück oder im Mythos ist es das Mittelalter –, in der es keine Ordnung gibt und die Zivilisation zerstört ist. Bei uns ist das eben das Erbe oder das Wissen der Menschheit, das aufbewahrt wird.“
Was ist Ihrer Meinung nach das Hauptthema der Oper? Ist das die Verantwortung des Einzelnen für das Geschehen oder überhaupt für das Leben?
„Ja, ich denke das Hauptthema dieses Stücks ist tatsächlich die Frage von Verantwortung: Dass man Verantwortung wahrnehmen muss, wenn man spürt, dass man der Einzige ist, der dazu in der Lage ist oder man die Mission hat. So ist es beim Parsifal. Er ist ein Jugendlicher, der von der Welt nichts weiß und gerade deswegen sozusagen ausersehen ist, die altgewordene und kranke Gralswelt wieder aufzurichten und in eine neue Zukunft zu führen. Das kann er eben nur, weil er von außen kommt und unbelastet ist. Aber auch er muss erst die Erfahrungen sammeln. Deswegen braucht es Zeit vom ersten Akt bis zum dritten Akt, bis er wieder zurückkommt und dann eigentlich fast schon alt geworden ist. Über die Reife kann er dann diese Aufgabe wahrnehmen, die er eigentlich gar nicht wahrnehmen möchte. Aber er tut es, weil er es muss.“
In wie weit spielen die christlichen Symbole in der Oper eine Rolle?
„Für mich wäre eine rein christliche Interpretation zu klein gedacht. Ich denke, das ist viel universeller. Auch das Christentum ist – wie jede Religion – der Versuch, die Fragen nach unserem Ursprung und dem Sinn zu beantworten oder den Fragen eine Richtung zu geben. Das hört für mich nicht bei dem auf, was das Christentum uns an Antworten oder an Glaubensangeboten bietet, sondern das Fragen geht für mich weiter. Daher vermeiden wir in unserer Inszenierung auch christliche Symbole. Für uns geht es mehr in eine universelle Richtung, die von einer religiösen Symbolik unabhängig und eher philosophisch zu denken ist.“
Wie arbeiten Sie mit den Sängerinnen und Sängern auf der Bühne zusammen? Haben Sie eine feste Vorstellung, was da vorgehen soll?
„Es gibt natürlich die Partitur und das, was komponiert ist. Dort steht geschrieben, wer etwas und wann und in welchem Tempo sagt, wann niemand spricht, wie viele Pausen gibt es, wann nur die Musik spricht, und was das bedeutet. Da muss ich natürlich von mir aus schon eine ziemlich genaue Vorstellung haben, was die Situationen sind und was passiert. Aber die genaue Ausführung entsteht dann schon bei der Probe. Und oft geschehen auch überraschende Dinge, dass eine Szene zwar eigentlich vom Tempo so aussieht, wie ich es mir gedacht habe, aber vom Inhalt doch ein bisschen eine andere Bedeutung hat. Die Probe ist also immer auch eine Überraschung, aber die Vorbereitung ist sehr wichtig.“
Was für ein Dramaturg war Richard Wagner, der alles bis ins Detail durchdacht hat?
„Er war ein fantastischer Dramaturg. Er hat sozusagen die Geschichte, die Grundfabel erfunden und diese in eine dramatische Form überführt. Dann hat er sie wiederum in eine dialogische Struktur ausgeführt, die schon beim Verfassen des Textes eine musikalische Vorstellung impliziert. Und er hat das auch noch komponiert. Das ist eine irrsinnige künstlerische Leistung, die er von Anfang an schon als junger Mann so gemacht hat. Das ist einzigartig, finde ich.“
Kann man Wagner in dieser Hinsicht mit jemandem vergleichen?
„Nein, weder in der Welt der Oper, des Theaters noch des Films. Er war wirklich genial. Aber bei allem, was er intellektuell zu sagen hatte, war er auch ein spielerischer Typ. Er liebte das Theater, er liebte zum Beispiel das Puppentheater. Es gibt die Geschichte, dass er zufällig einmal in Heidelberg war und in eine Puppentheater-Aufführung gegangen ist – in der Zeit, als er den Ring für die Ring-Uraufführung vorbereitet hat. Dann hat er gesagt, das sei eigentlich die Form des Theaters, das er machen wolle. Er war ein spielerischer Typ, dem es ums Theater ging.“
Der Text spielt bei Wagner eine sehr große Rolle. Wie finden Sie die Zusammenarbeit mit den Sängern, unter anderem was die Aussprache betrifft?
„Natürlich ist die Aussprache sehr wichtig. Denn es ist wichtig, dass man versteht, was man singt. Es reicht nicht, dass man wie ein Papagei das gut spricht, sondern man muss es auch kognitiv projizieren. Wir haben genügend Zeit, daran zu arbeiten. Vieles entsteht auch durch die Situation, die wir spielen. Viele Äußerungen sind affektiv, emotional, da entsteht es automatisch richtig. Oder es gibt reflektierende Passagen. Da muss man dann ein bisschen genauer nachspüren, wie der Text geht. Die Arbeit mit dem Text ist genauso wichtig wie die Arbeit an der Musik oder an den Vorgängen. Manchmal, wenn ich eine Szene anfange oder ich merke, wir spielen die jetzt und es ist ein bisschen diffus, dann sage ich: So, jetzt setzen wir uns mal hin und sprechen nur den Text, als würden wir einen Dialog führen, und sagen nicht nur den Text auf, sondern sprechen auch tatsächlich mit Emotionen wie Schauspieler. Wenn man dann zur Musik zurückkommt, hat die musikalische Darstellung schon sofort eine ganz andere Tiefe.“
Herr Poschner, wie kam Ihre Zusammenarbeit mit dem Prager Nationaltheater zustande?
„Ich glaube, es ging über das hiesige Team – über Per Boye Hansen, den ich schon seit 20 Jahren kenne – und auch über Andreas Homoki, den ich noch länger kenne. Wir haben schon viel zusammengearbeitet. Andreas Homoki hat mich angerufen, ob ich Zeit hätte. Gleichzeitig hat es mit Per Boye Hansen gepasst. So ist es mein erstes Mal jetzt in Prag, und ich freue mich sehr. Ich habe zuvor viel Wagner gemacht – in Bayreuth, Berlin und Zürich. Auch Parsifal habe ich schon öfter einstudiert. Wagner ist immer eine Herausforderung. Wenn es funktioniert, gehört es zum Schönsten, was es gibt, vor allem beim Parsifal. Denn es ist natürlich eine Weltformel, eine Weltbeschreibung, ein eigenes Universum zum größten Menschheitsproblem. Rein musikalisch ist dieses Stück für Bayreuth geschrieben worden. Wir müssen sehen, dass wir diese Klangideale hier in dem Theater simulieren und ein bisschen übersetzen – die Balance und die Farben sind wichtig.“
Wie sind Sie mit der Zusammenarbeit mit den Solisten, dem Ensemble und dem Orchester zufrieden?
„Sehr. Sie sind unglaublich offen und neugierig und haben eine große Motivation. Das finde ich ganz großartig. Das Orchester hat dieses Stück nie gespielt, und es ist natürlich eine völlig neue Reise. Zuerst muss man das umfangreiche Material, vier Stunden Musik, auch gut ins Ohr bekommen. Wir hatten viel Probenzeit. Jetzt fängt es wirklich an gut zu greifen, und wir können über viele Details sprechen. Das ist schon toll. Es gibt einen wunderbaren dunklen Klang, das ist sehr gut für dieses Stück. Dieser typisch böhmische Klang ist fantastisch.“
Worin besteht der böhmische Klang?
„Es ist eine dunkle Klangfarbe. Die Hörner, die Blechbläser sind sehr wichtig. Sie prägen den Klang, aber auch die Streicher sind wichtig. Es ist etwas Slawisches. Man weiß, dass jede Note mit Ausdruck gespielt werden muss. Das mag ich sehr. Ich kenne diese Art auch aus Österreich. Es hat auch mit Wien zu tun, diese Art zu spielen. In Oberösterreich und im Böhmerwald gibt es die gleiche Volksmusik. Wir spielen die gleichen Polkas. Man hat schon die gleiche Ästhetik. Und das ist für Wagner sehr gut und wichtig. Denn er kommt natürlich auch aus diesem Kulturkreis.“
Wagners „Parsifal“ wurde in Prag zuletzt vor etwa 15 Jahren aufgeführt. Das war jedoch im Nationaltheater. Musikalisch studierte damals John Fiore die Oper ein. In der Staatsoper wurde das Stück jedoch sehr lange nicht gespielt…
„Hier (im damaligen Neuen Deutschen Theater, Anm. d. Red.) wurde es 1914 und danach 1919 unter Zemlinsky gespielt. Zuletzt wurde es 1937 unter Georg Szell aufgeführt.“
Der Text ist bei Wagner sehr wichtig. Müssen Sie als Dirigent darauf achten, ob man die Sänger versteht?
„Unbedingt. Denn es geht nicht um Information, es geht um die ganze Emotion dahinter, um den Charakter und die Expressivität. Das ist bei Wagner das Wichtigste. Er selbst hat sich vornehmend als Dichter gesehen, nicht nur als Komponist. Der Text ist die Grundlage für jede Art von Sinn und Bedeutung. Er bestimmt über Tempo und Phrasierung. Wir müssen ganz exakt und präzise sein. Wir haben viel am Text gearbeitet. Ich muss sagen, dass die Aussprache wirklich phänomenal ist.“
Wie ist Ihre Beziehung zur tschechischen Musik?
„Ich habe viel Martinů und Dvořák dirigiert. Jetzt gerade mache ich Janáčeks ,Katja Kabanowa‘. Letztes Jahr habe ich ,Das schlaue Füchslein‘ mit Regisseur Konwitschny in Linz einstudiert. Ich liebe diese Musik – diese Verbindung aus Melancholie und Direktheit.“
Die Premiere der Neuproduktion von Wagners „Parsifal“ findet an diesem Donnerstag, 26. März, in der Prager Staatsoper statt. Die zweite Premiere steht am Sonntag, 29. März, auf dem Programm. Die Vorstellungen beginnen jeweils um 18 Uhr. Reprisen gibt es dann am 3., 11. und 18. April. Für alle Vorstellungen gibt es noch Restkarten.
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