Ondřej Cikán: Das Tschechische kann für die deutsche Literatur sehr bereichernd sein
„Das Kētos übersetzt Unübersetzbares, sei es wilde Lyrik, sei es abenteuerliche, poetische Prosa, ob sie nun aus der Gegenwart oder der Antike stammen.“ So steht es im Statut des Verlagshauses Kētos. Der Verlag konzentriert sich auf die Vermittlung der tschechischen Literatur in deutscher Sprache. Die Gründung durch Ondřej Cikán 2018 geschah im Vorfeld der Leipziger Buchmesse 2019, auf der Tschechien als Gastland im Fokus stand. Seitdem sind fast 40 Bände erschienen. Cikán hat darüber bei der diesjährigen Messe in Leipzig im Rahmen der Veranstaltung „Das Beste aus der tschechischen Literatur“ gesprochen.
Was würden Sie der tschechischen Literatur wünschen? Diese Frage wurde dem Verleger Ondřej Cikán während einer Podiumsdiskussion auf der Leipziger Buchmesse gestellt. Nach ein wenig Überlegen fand er die Antwort:
ZUM THEMA
„Was würde ich der tschechischen Literatur und der deutschsprachigen Literatur wünschen? Bereicherung durch die Übersetzungen. Ich bin davon überzeugt – und deswegen mache ich all das auch –, dass man für seine eigene Sprache, und ich schreibe selbst auf Deutsch, am besten lernen kann, indem man das aufnimmt, was Dienerinnen und Diener der Musen in anderen Sprachen entdeckt haben. Wenn man die ganze Zeit nur in seiner eigenen Sprache verhaftet ist, dann bekommt man nicht so viel mit, was schon entdeckt worden ist, was die Sprache kann. Ich glaube, dass gerade das Tschechische, weil es dem Deutschen sehr nah ist und gleichzeitig aber eine andere Tradition und einen anderen Zugang zur Literatur hat, für die deutsche Literatur sehr bereichernd sein kann. Die deutsche Literatur ist bereichernd für die tschechische, die wird ja in Tschechien gelesen. Und die tschechische könnte es eben auch für das Deutsche werden. Vielleicht wird das Deutsche dann wieder ein bisschen poetischer.“
Und eben dafür setzt sich der Übersetzer Ondřej Cikán seit acht Jahren mit seinem Verlag Kētos ein. Er präsentierte seine Tätigkeit am tschechischen Stand auf der Buchmesse in Leipzig.
Herr Cikán, Sie haben bei Ihrem Auftritt unter dem Motto „Das Beste aus der tschechischen Literatur“ auf der Leipziger Buchmesse ein Editionsprojekt vorgestellt...
„Wir versuchen, die Fundamente der tschechischen Dichtung systematisch ins Deutsche zu übertragen, in möglichst lautmalerischen und poetischen Übersetzungen.“
„Ja, das ist mein Verlag Kētos. Er sitzt in Wien und in Prag und ist auf Übersetzungen aus dem Tschechischen spezialisiert. Wir machen einen Querschnitt von der Romantik über den Symbolismus bis zur Zwischenkriegszeit, dem Poetismus und Surrealismus, und bis zur Gegenwart. Wir versuchen so, die Fundamente der tschechischen Literatur und der tschechischen Dichtung systematisch ins Deutsche zu übertragen, in möglichst lautmalerischen und poetischen Übersetzungen.“
Wie wird die Wahl getroffen, was die Fundamente sind, was das Beste, das Wichtigste ist?
„Wir gehen stark vom Poetismus aus, also von der goldenen Zeit der tschechischen Dichtung in der Zwischenkriegszeit. Und wir schauen, was für diese Dichterinnen und Dichter, in jener Zeit also vor allem Dichter, relevant gewesen ist. Das beginnt bei Karel Hynek Máchas Liebesepos ‚Mai‘ (1836), das ja unser Nationalepos ist. Es geht weiter zu den Symbolisten Karel Hlaváček, Otokar Březina und Antonín Sova. Dann übersetzen wir die Dichter aus der Zwischenkriegszeit und dann geht es weiter mit denen, die auf dem Surrealismus aufgebaut haben. Wir bringen etwa die Untergrundliteratur der 1950er Jahre heraus mit Egon Bondy, Jana Krejcarová und Ivo Vodseďálek. Und dann geht es weiter zu J. H. Krchovský und den zeitgenössischen, jetzt vor allem Dichterinnen.“
Es geht also ausschließlich um Lyrik?
„Nein, gar nicht. Wir machen auch recht viele Romane. Von Vítězslav Nezval haben wir ‚Valerie und die Woche der Wunder‘ übersetzt, das ist sozusagen der programmatische Roman des Poetismus. Dann machen wir andere Romane, die auf irgendeine Art und Weise poetisch sind. Das, was mir Spaß macht, ist poetische, abenteuerliche Prosa und abenteuerliche Poesie. Wir haben also viele narrative Gedichte, wie zum Beispiel den ‚Mai‘, und dann narrative Gedichte aus der Zwischenkriegszeit. Und gleichzeitig auch poetische Romane, wie etwa den Roman ‚Frau‘ von Josef Kocourek, die Prosa von Jana Krejcarová oder den ‚Blutigen Roman‘ von Josef Váchal aus dem Jahr 1924.“
Wie umfangreich ist diese Reihe? Wie viele Bände gibt es?
„Es sind inzwischen schon fast 40 Bände, die wir herausgebracht haben. Zum Großteil ist das tschechische Literatur, ein bisschen österreichische, ein bisschen altgriechische. Es gibt uns seit 2018. Also wir machen im Durchschnitt vier bis fünf Bücher im Jahr.“
Wer sorgt für die Übersetzungen? In vielen Fällen Sie persönlich.
„Der Zugang zur Musikalität der Sprache spielt in der tschechischen Dichtung eine größere Rolle spielt als im deutschsprachigen Raum.“
„Ja, in den meisten Fällen ich, aber wir haben auch Martina Lisa zusammen, einer Übersetzerin aus Leipzig. Und an Projekten für die Übersetzungen aus dem Altgriechischen arbeiten wir mit Georg Danek von der Uni Wien zusammen. Aber ich habe den Verlag im Jahr 2018 natürlich auch gegründet, um meine eigenen Übersetzungen herausbringen zu können. Also sind das zum Großteil meine Übersetzungen.“
Die tschechische Literatur ist den deutschsprachigen Lesern nur wenig bekannt. Wie würden Sie diese Literatur charakterisieren? Was prägt sie?
„Ja, das sind mehrere Dinge, aber das, was mir am meisten am Herzen liegt, ist der Zugang zur Musikalität der Sprache, der in der tschechischen Dichtung eine größere Rolle spielt als im deutschsprachigen Raum. Die Poetisten in der Zwischenkriegszeit haben darauf geachtet, wirklich das meiste aus der Sprache herauszuholen und so lautmalerisch und so klanglich interessant wie möglich zu schreiben. Das ist natürlich sehr schwer zu übersetzen. Aber das ist etwas, was mir an der Sprache und an der Dichtung den größten Spaß macht. Und damit möchte ich auch die deutschsprachige Literatur inspirieren.“
Das muss schwieriger zum Übersetzen sein, als wenn man sich auf den Inhalt konzentriert.
„Ja, tatsächlich. Ich finde, dass es bei Gedichten, wie sie Vítězslav Nezval oder auch Karel Hlaváček geschrieben haben, sehr wichtig ist, auch die Form mit zu übersetzen, weil die Form einfach bei ihnen Teil des Inhalts ist. Wenn man die Form nicht mit übersetzt, ist das, als würde man eine Oper übersetzen, aber die Musik ignorieren. Natürlich ist das schwierig, aber andererseits ist das etwas, was ich trainiere, seitdem ich 13 Jahre alt gewesen bin. Schon mit ungefähr 13 wollte ich auf Deutsch so schreiben können, wie meine Lieblingsdichter auf Tschechisch geschrieben haben. Also habe ich das geübt und mache das recht lang.“
Sie haben auch einige Autoren genannt, die sogar ich als Tschechin nicht kenne. Diesen Josef Kocourek zum Beispiel. Wie haben Sie ihn entdeckt?
„Ohne die Förderung durch das tschechische Kulturministerium hätten wir den Verlag nicht gründen können.“
„Konkret Josef Kocourek wurde mir vom tschechischen Dichter Jaromír Typlt empfohlen, der ein großer Fan dieses Autors ist. Josef Kocourek passt perfekt in unser Programm, weil wir nicht nur die Hauptströmung machen, also nicht nur diese Hauptentwicklung von Mácha bis zum Poetismus und dann weiter, sondern uns auch für Nebenschienen interessieren. Josef Kocourek ist sehr jung gestorben, hat an der Peripherie gelebt und eine Art von Surrealismus angewandt, die im Zentrum in Prag nicht gang und gäbe war. Seine Romane sind doch ziemlich anders als das, was wir aus dem Zentrum kennen. Dieser Roman ‚Frau‘, den er geschrieben hat, ist extrem leidenschaftlich und gefühlsbetont, gleichzeitig aber auch eine Art von Sozialroman. Diese Mischung aus Sozialroman und surrealistischem Traum gibt es sonst nicht so oft in der tschechischen Literatur.“
Welche Möglichkeiten hat ein Verlag, um zu überleben, wenn man sich nicht auf den Mainstream orientiert? Schon die tschechische Literatur oder die tschechische Lyrik ist im Verlagswesen kein Mainstream, mit dem man verdienen kann. Und wenn man dazu noch unbekannte Autoren wählt…
„Wir werden recht gut vom tschechischen Kulturministerium unterstützt. Immer pro Buch, man muss natürlich jedes Mal einreichen. Ohne die Förderung durch das tschechische Kulturministerium hätten wir den Verlag nicht gründen können. Es war eigentlich die längste Zeit so, dass ich mit den Übersetzungen von Verlag zu Verlag gegangen bin und den Verlegern erklärt habe, wie man um Förderungen ansucht, dass es eigentlich kein großes Risiko gibt, dass das tschechische Kulturministerium die Übersetzungen gut fördert. Ich hoffe, dass das so bleiben wird. Und dann bin ich draufgekommen, dass es viel einfacher ist, selber einen Verlag zu gründen, anstatt anderen zu erklären, wie man es macht.“
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