Filmregisseurin Eva Houdová über die glücklichen Anfänge im Exil und ihre „lieben Neuronen“

Eva Houdová

Eva Houdová ist eine tschechische Dokumentarfilmregisseurin, die seit 1968 für Jahrzehnte in Brüssel gelebt hat. Vor etwa zwei Jahren zog sie nach Prag. Vor kurzem hat Houdová ihre jüngste Doku „Mé drahé neurony“ (zu Deutsch etwa „Meine lieben Neuronen“) in Prag vorgestellt. Nach der Filmpremiere traf Martina Schneibergová mit der Regisseurin zusammen.

Eva Houdová | Foto: Archiv von Eva Houdová

Die Filmregisseurin Eva Houdová hat seit 1968 in Brüssel gelebt. Vor ein paar Jahren zog sie nach Prag. Sie reist jedoch immer wieder nach Brüssel zu Besuch. Wir haben uns zum Interview in ihrer Prager Wohnung im Stadtteil Holešovice verabredet, kurz nach der erfolgreichen Premiere ihres neuesten Dokumentarfilms. Er hat den etwas ungewöhnlichen Titel „Mé drahé neurony“ (zu Deutsch etwa „Meine lieben Neuronen“). Die Regisseurin trifft im Film ihre Freundinnen und Freunde aus der Jugend, stellt ihnen Fragen zum Altern und lässt sie sich an früher erinnern.

Ich will wissen, ob es stimmt, dass Eva einst sogar im Film „Hoří, má panenko“ („Der Feuerwehrball“) des berühmten Regisseurs und Oscar-Preisträgers, Miloš Forman, mitgespielt hat. Eva lächelt und nickt mit dem Kopf.

„Ich war damals 14 Jahre alt. Für uns Schüler war es in der kleinen Stadt Vrchlabí etwas Fantastisches, dort mitmachen zu können. Wir sollten im Film beim Feuerwehrball tanzen. Wir haben uns alle darauf vorbereitet. Ich habe mir einen neuen Rock und neue Schuhe gekauft. Zudem durften wir bei den Dreharbeiten zuschauen. Ich war Zeugin dessen, dass Forman und sein Kameramann und Freund Miroslav Ondříček den Saal vielleicht fünfzehn Mal neu streichen ließen. Denn die Farbe der Wände gefiel ihnen nicht. Ich erinnere mich noch daran, wie sehr Forman daran gelegen war, dass die Farben genau so waren, wie er sie haben wollte. Das war meine konkrete Begegnung mit dem Film.“

Nosferatu,  eine Symphonie des Grauens | Foto: Das Sommerküno

Eva Houdová erinnert sich daran, dass sie schon als Kind mit ihrem Vater sehr oft ins Kino ging. Denn ihr Vater war, wie sie betont, ein großer Filmfan. Sie sah mit ihm Streifen wie „Nosferatu“, aber vor allem auch Fellinis  „Dolce Vita“. Sie habe sich schon immer danach gesehnt, Filme zu drehen, sagt Houdová.

„Als ich 16 oder 17 war, wollte ich an der Filmschule in Čimelice studieren. Mit meiner Herkunft war das jedoch ausgeschlossen. Mir wurde gesagt, ich solle in die Schwerindustrie oder in die Landwirtschaft gehen. Ich besuchte darum an den Abenden eine Fachschule und arbeitete in der Tesla-Fabrik in Vrchlabí. Ein Bekannter riet mir, dass ich mit einer Ambition, Filme zu drehen, ins Ausland gehen müsste. Das war 1967. Als ich dann mit einer Reisegruppe von mehreren jungen Menschen für zehn Tage nach Paris reiste, sagte ich dort zum Schluss des Aufenthalts den anderen, dass ich nicht wieder zurückreisen würde.“

Eva Houdová | Foto: Tschechisches Fernsehen,  ČT24

Begegnung mit Friedensnobelpreisträger Pater Pire

In der Pariser Metro begegnete Eva einer älteren Dame, die gehört hatte, dass sie mit den anderen tschechisch sprach. Es war eine Tschechin, die bereits lange Jahre in Frankreich lebte. Eva verriet ihr, dass sie in Paris bleiben wolle und bat sie um Hilfe.

„Sie sagte mir, sie verstehe, dass ich nicht zu den Bolschewiken zurück will. Die Dame vermittelte mir noch am selben Abend eine Stelle als Au-pair. Es war ein unglaublicher Zufall. Die Frau und ich sind Freundinnen geworden. Wir waren auch in Kontakt, als ich später nach Brüssel gezogen bin. Sie war immer wirklich sehr nett.“

Pavel Tigrid | Foto: Paměť národa

Eva Houdová erzählt, sie habe in Paris einmal auch die Redaktion des tschechischen Exilmagazins Svědectví in der Rue du Pont de Lodi besucht, die Pavel Tigrid leitete. Sie bat ihn um Rat, wie sie in Paris anfangen solle. Damals sprach sie noch nicht gut Französisch.

„In der Redaktion empfahl man mir, an dem Tag wiederzukommen, an dem Pater Pire die Redaktion besuchen würde. Dominique Pire war ein belgischer Dominikaner, der viele Hilfsorganisationen gegründet hatte. 1958 hatte er den Friedensnobelpreis erhalten. Mit dem Preis war auch eine Geldsumme verbunden. Pire hielt es für seine Pflicht, junge Flüchtlinge zu unterstützen. Ich traf also mit dem Friedensnobelpreisträger zusammen. Er suchte mich und vier weitere Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei aus, die ich damals schon kannte, und schickte uns nach Brüssel. Dort war damals die Hilfsorganisation L’Europe du Coeur au Service du Monde (Europas Herz für Welthilfe) aktiv. Diese besorgte mir eine Wohnung bei einer Professorin und bezahlte meine Französisch-Kurse.“

Von der Bankpraktikantin zur Regisseurin

Eva ging ein Jahr lang in Brüssel zur Schule. Sie wollte Filmregie studieren, hatte damals aber noch nicht die geforderten Mathematikkenntnisse. Ihre Pläne schob sie deshalb um ein Jahr hinaus. Die Hilfsorganisation, von der sie das Stipendium erhielt, vermittelte ihr währenddessen eine Stelle in einer Bank:

„Dort habe ich ein Jahr verbracht. Ich wurde als Praktikantin angestellt und lernte dabei Französisch. Meine Aufgabe war, auf einer Landkarte mit Stecknadeln die Zweigstellen der Bank zu kennzeichnen. Danach habe ich am INSAS – dem Institut Supérieur des Arts – in Brüssel studiert. Ich fing an, Filmschnitt zu machen.“

Später wurde Eva Houdová Pädagogin und Filmregisseurin. 1985 begann sie, an zwei Schulen in Belgien zu unterrichten. Zu diesem Zeitpunkt habe sie bereits viel Erfahrung mit dem Filmschnitt gehabt, erzählt sie.

„Ich habe sehr gern unterrichtet. Denn ich mag es, Menschen und vor allem jungen Menschen zu begegnen. Die pädagogische Arbeit hat mich darin unterstützt, meine eigenen Filme zu drehen. Denn die jungen Menschen haben Kurzfilme gedreht und mir war klar, dass ich auch Filme machen möchte.“

1969: Letzter Besuch in der Heimat vor der Wende

Mit ihrer Familie war Eva Houdová immer im schriftlichen Kontakt. Ihre Mutter lebte damals bereits nicht mehr, ihrem Vater aber schrieb sie lange Briefe und erhielt auch lange Antworten. Manchmal war laut der Regisseurin klar, dass die Briefe von den Verwandten geöffnet und wieder zugeklebt wurden.

„Na západ ou la Fierté nationale d'un cristal de Bohême“ | Foto: Die offizielle Website von Eva Houdová

1969 entschied Houdová, ihre Familie in der Tschechoslowakei zu besuchen. Sie nutzte damals die Gelegenheit, dass die Grenze immer noch geöffnet war. Dies sollte sich jedoch schnell ändern.

„Ich kam damals nach Karviná, wo mein Vater mit seiner zweiten Frau lebte. Ich sagte ihnen, dass ich gekommen sei, um sie zu überraschen. Das war naiv von mir. Meine Stiefmutter Marička hielt die Aktion für verrückt und hatte Angst, dass mir die Kommunisten nicht erlauben würden, nach Belgien zurückzukehren. Ich war damals noch Studentin und entgegnete, dass ich doch wohl eine Ausreisegenehmigung bekommen müsste. Meine Stiefmutter sagte also, dass sie das erledigen würde. Zwei Stunden später kehrte sie zurück und übergab mir den Reisepass mit der Ausreisegenehmigung. Als ich sie fragte, wie sie das so schnell geschafft habe, erzählte sie mir, sie habe für einen Kommissar, der einst ein Freund ihres verstorbenen Mannes war, drei Hühner gekauft und sie ihm geschenkt. Und dieser Beamte habe dann alles erledigt. Ich konnte also nach Belgien zurückreisen. Zum nächsten Besuch kam es erst nach der Wende im Jahre 1990.“

Denn wie alle Exilanten wurde auch Eva Houdová in der kommunistischen Tschechoslowakei in Abwesenheit zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.

Eva Houdová | Foto: Tschechisches Fernsehen,  ČT24

Vom Spielfilm zur Doku

Eva Houdová erzählt, ihr erster Film sei ein kurzer Spielfilm gewesen. Als Vorlage diente ihr ein Roman des belgischen Schriftstellers Pierre Mertens.

„Na západ ou la Fierté nationale d'un cristal de Bohême“ | Foto: Die offizielle Website von Eva Houdová

„Er war damals ein berühmter Autor. Für einen Spielfilm brauchte ich jedoch viel Geld. Ich wollte das alles perfekt haben. Für den Film, der ,Autostopp‘ hieß, erhielt ich einen finanziellen Zuschuss vom belgischen Kulturministerium. Aber die Drehkosten waren sehr hoch. Ich entschied mich deshalb später, keine Spielfilme mehr zu machen. Denn in Belgien war es einfacher, Fördergelder für eine Doku zu beantragen. So entstand mein Dokumentarfilm ,In den Westen‘, der über meine Freunde in Belgien erzählt – davon, wie wir uns alle integrieren, was uns gefällt und wie wir das Land mit unserer Heimat vergleichen. Es war ein humorvoller Film. 2000 entstand die Doku ,La Parenthèse et le retour en Bohème‘ (,Die Klammer und die Rückkehr nach Böhmen‘). Ich habe dafür die fünf Freunde vom vergangenen Film mit nach Böhmen genommen. Sie haben mir Orte gezeigt, an denen sie in ihrer Kindheit gelebt haben.“

„Na západ ou la Fierté nationale d'un cristal de Bohême“ | Foto: Die offizielle Website von Eva Houdová

Auch in der neuesten Doku von Eva Houdová geht es um Erinnerungen und auch um das Altern des Gehirns. Der Film heißt „Mé drahé neurony“ („Meine lieben Neuronen“). Die Regisseurin lässt sich darin von einem Neurologen erklären, was es mit den Neuronen im Gehirn auf sich hat und ob auch bei älteren Menschen neue Neuronen entstehen. Der Arzt, der in der Doku auftritt, sei der Sohn einer Bekannten, merkt Houdová an. Wie war seine Reaktion, als sie ihn angesprochen hat? Die Regisseurin:

„Als wir uns getroffen haben, schaute er mich zunächst ein wenig zweifelnd an. Vermutlich befürchtete er, dass mein Gehirn wirklich alt wird. Aber dann sagte ich ihm: ,Ich habe vielleicht Probleme mit dem Altwerden, aber mein Gehirn funktioniert noch. In der Doku möchte ich darüber erzählen, wie einige meiner Freundinnen und Freunde und ich das Altern akzeptieren.‘ Hauptsächlich ging es mir dabei um das mentale Altern.“

Eva Houdová | Foto: Tschechisches Fernsehen,  ČT24

Die lieben Neuronen von Eva Houdová

Der Neurologe habe begriffen, dass sie nicht vollständig verrückt sei und das der Film vielleicht interessant sein könne, sagt Houdová.

„Er las das Konzept und übernahm einige meiner Ideen. Ich versuchte, ihm Fragen zu stellen. Er nahm sie ernst und erzählte mir vielleicht zwanzig Mal mehr, als im Film erklingt.“

Foto: MěKS

Gemeinsam mit der Kamerafrau Edita Kainrathová nahm Eva Houdová insgesamt 18 Stunden Filmmaterial auf. Die Dreharbeiten dauerten anderthalb Jahre lang.

„Ich hatte das Glück, diese junge Kamerafrau kennenzulernen, die sich mit der Doku identifizierte. Sie legte mir ihre Ideen vor, die ich entweder akzeptierte oder nicht. Wir sind große Freundinnen geworden.“

Die Regisseurin hofft, dass nun das öffentlich-rechtliche Tschechische Fernsehen den Dokumentarfilm kauft. Sie bemüht sich zudem, die Doku Fernsehsendern in Belgien, Deutschland und Frankreich anzubieten.

„Ich kann sagen, dass ich sehr erfreut war, als die Zuschauer nach der Premiere den Saal verließen und mir sagten: ‚Das war wunderbar, das hat mir gefallen.‘ Mir kam es fast unglaublich vor, dass sie den Film so toll fanden.“

Eva Houdová | Foto: Archiv von Eva Houdová

 

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