Rückkehr des magischen Realismus: Tschechiens literarische Sensation „Pfingsten“ nun auf Deutsch
Sein Roman über alte und neue Wunder heißt „Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt“. Im vergangenen Jahr sorgte er damit für eine literarische Sensation in Tschechien. Miroslav Hlaučo wurde dafür 2025 zweifach mit dem Literaturpreis Magnesia prämiert – als „Buch des Jahres“ und „Debüt des Jahres“. Seit dem Frühjahr liegt das Buch auch auf Deutsch vor.
Im Jahr 1903 ist das abgeschiedene Bergdorf St. Georg ein Ort, an dem wundersame Dinge Alltag sind: Man spricht mit Heiligen, geht übers Wasser, pfeift Steine entzwei. Die Ankunft eines k. u. k. Notars bringt jedoch die Moderne und läutet das Ende dieser magischen Welt ein. So der Ausgangspunkt des Romans. Mehr verrät sein Autor, Miroslav Hlaučo:
„Der Roman ‚Pfingsten‘ handelt vom Verschwinden der Wunder und davon, wie diese Wunder durch andere, menschliche Wunder ersetzt werden. Und gleichzeitig ist es ein Buch über die Hoffnung darauf, dass alles gut ausgehen kann, wenn die Menschen gütig und liebevoll sind. Eben das, glaube ich, brauchen wir heute vielleicht noch mehr als sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts.“
Verschwinden der Wunder
St. Georg liegt irgendwo im Habsburger Reich. Ins Dorf kehrt auf einmal die Hauptfigur Odysseus zurück, der bisher als tot galt. Er hilft den Einwohnern, sich auf die bevorstehenden Umwälzungen vorzubereiten.
Das Dorf sei tausend Jahre lang von der Welt abgeschnitten gewesen, und Gott habe dort vergessen, die Wunder abzuschaffen, fährt Hlaučo fort:
„Die Menschen gingen dort also ganz normal übers Wasser und lebten auf eine Art und Weise, die man heute als wunderbar bezeichnen würde. Doch am Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts erreicht sie der technische Fortschritt. Sie stellen fest, dass das, was sie für selbstverständlich halten, bei den Menschen draußen als Wunder gilt. Und um nicht zu einem Museum zu werden, beschließen sie, auf die Wunder zu verzichten und zu versuchen, die neuen Wunder zu nutzen – wie zum Beispiel eine Nähmaschine, eine Dampfmaschine, einen Türspion oder einen Mopp. Letztlich schaffen sie es aber, sie selbst zu bleiben, obwohl die neue Zeit Einzug hält.“
Das Buch erschien in diesem Jahr in der deutschen Übersetzung von Raija Hauck im Berliner Anthea Verlag. Ruben Höppner ist dort für tschechische Literatur zuständig. Er hatte sich entschieden, den Roman „Pfingsten“ herauszugeben, noch bevor dieser in Tschechien zu einer literarischen Sensation und bei „Magnesia Litera“ mit zwei Preisen ausgezeichnet wurde. Zwei Gründe hätten ihn dazu bewegt, sagt der Verlagsredakteur:
„Der erste Grund war, dass mich Freunde aus Prag angesprochen und gesagt haben: Ruben, guck mal da rein, das ist richtig toll. Ich habe reingelesen und gedacht, das macht total Spaß zu lesen, das muss ich weiter verfolgen. Der zweite Grund war auch eine verlegerische Entscheidung, weil mir eben Leute gesagt haben, sie hätten das Gefühl, dass der Roman große Wellen schlagen könne, weil das in Tschechien irgendwie schon passiere, und vielleicht auch einen Preis gewinne. Also habe ich schon einmal beim Verlag angefragt und Interesse bekundet. Dann habe ich das Buch gelesen und gedacht: Ich muss das machen, egal ob es einen Preis gewinnt oder nicht. Und dann hat es tatsächlich sogar zwei Preise gewonnen.“
Debüt im Alter von 56 Jahren
Und zwar „Buch des Jahres“ und „Debüt des Jahres“ im bereits genanntenb tschechischen Literaturwettbewerb „Magnesia Litera 2025“.
Miroslav Hlaučo hat mit seinem Roman „Pfingsten“ im Alter von 56 Jahren sein literarisches Debüt erlebt. Er habe alles aber seit über 30 Jahren im Kopf herumgetragen, sagt der Autor:
„Die Idee kam mir, als ich vor 35 Jahren zum Studieren nach Prag zog. Ich hatte zuvor 18 Jahre meines Lebens in einem Dorf in der Nordslowakei verbracht, gewissermaßen abgeschnitten von der großen weiten Welt. Für mich als Kind waren manche Dinge wahre Wunder. So habe ich mich wahnsinnig darauf gefreut, in die Großstadt zu fahren und eine Rolltreppe zu nutzen, mit dem Aufzug in den achten Stock zu fahren oder die Möglichkeit zu haben, über einen Fußgängerüberweg zu gehen, wo das grüne Männchen leuchtet. Das hatten wir im Dorf nicht.“
Im Laufe der Jahrzehnte habe er mehrere Texte und Versionen angefangen. Erst während der Corona-Pandemie, als er mehr Zeit zur Verfügung hatte, habe er begonnen, intensiver am Roman zu arbeiten:
„Ein weiterer Impuls war, dass die Zeit vergeht. Ich nähere mich langsam der Rente und dachte, es wäre gut, sich irgendwie zu dieser Welt zu äußern, bevor ich sie verlasse. Also habe ich das aufgeschrieben.“
Erinnerungen an ein Ende der Welt
Der Untertitel des Buches lautet „Erinnerungen an ein Ende der Welt“. Der Autor ist überzeugt, dass wir uns heute wieder in einer Phase befinden, in der erneut eine Welt verschwinde. Für seine Erzählung wählte er aber bewusst den Beginn des 20. Jahrhunderts:
„Denn damals hatten alle Menschen das Gefühl, dass alles in Ordnung sei, dass es auf der Welt von jetzt an nur noch gut und besser werden würde und uns ein wunderschönes 20. Jahrhundert voller Fortschritt erwarte. Und irgendwie hat das nicht geklappt. Auch wir haben eine Zeit lang geglaubt, es sei bereits alles gelöst. Da dachte ich mir jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, könnte das vielleicht wirklich klappen.“
Die Welt, die gerade jetzt langsam verschwindet, charakterisiert Hlaučo als eine analoge Welt, eine Welt, in der der Mensch noch greifbar und nicht virtuell gewesen sei:
„Diese Welt war noch auf der menschlichen Rationalität aufgebaut, nicht auf der Rationalität von Algorithmen. Ich befürchte, dass Algorithmen heutzutage bereits in unser Denken vordringen. Damit meine ich solche Algorithmen, die wir nicht selbst auf der Grundlage unserer Erfahrungen geschaffen haben, sondern die uns ein Stück weit implementiert werden.“
Dennoch hält der Schriftsteller das Ende einer alten Welt nicht für ein trauriges beziehungsweise beängstigendes Ereignis:
„Denn wenn etwas geht, kommt etwas anderes. Es geht nur darum, es so einzurichten, dass das, was kommt, nach Möglichkeit besser ist. Dennoch muss ich zugeben, dass das nicht immer gelingt.“
Spaß am Erzählen, Freude am Lesen
Der Spaß am Erzählen: Das ist laut dem Verleger Ruben Höppner das erste prägende Merkmal des Romans „Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt“:
„Wir merken, dass der Autor unfassbar gerne erzählt, und es macht unfassbar Spaß, ihm zu folgen. Es ist ein Spaß am Fabulieren. Und es bringt den magischen Realismus wieder nach Europa. Wir gehen ja davon aus, dass magischer Realismus in Europa entstanden ist, und jetzt macht Miroslav Hlaučo etwas ganz Besonderes: Er macht magischen Realismus wieder europäisch. Das macht dieses Buch so großartig.“
In der Welt, in der die politische Lage gerade so schrecklich sei, biete der Roman eine Möglichkeit zu fliehen und Spaß beim Lesen zu haben. Trotzdem sei aber viel in dem Text versteckt, betont Höppner:
„Man sieht immer wieder Verweise auf gegenwärtige politische Situationen. Es ist situiert in der k. u. k. Monarchie, und daraus ergeben sich Dinge, die sich heute wiederholen. Wenn man über die Vergangenheit spricht, kann man aber viel lustiger darüber sprechen, weil die Gegenwart gerade gar nicht so lustig ist.“
Der Verleger hofft auf einen Erfolg bei den deutschsprachigen Lesern:
„Das Buch von Miroslav Hlaučo ist noch gar nicht so lange draußen, und es schlägt schon Wellen. Wir haben gute Besprechungen, wir haben eine tolle Besprechung im Deutschlandfunk. Und ich merke gerade, dass viele Buchhandlungen sich dafür interessieren. Das heißt, ich habe bei Hlaučo ein gutes Verlegerbauchgefühl, weil viele Menschen etwas damit anfangen können. Und das sagt er auch immer wieder: Irgendwie habe er das Glück gehabt, genau den Ton zu treffen, mit dem heutzutage viele Menschen etwas anfangen können. Deswegen rechne ich damit, dass er auch in Deutschland guten Erfolg haben wird. Ich weiß nicht, wie gut, weil ich immer noch ein kleiner Verlag bin, aber das Buch ist grandios.“
Ein Buch über die Hoffnung
Der Autor selbst begründet die Sensation, die er mit seinem Debütroman in Tschechien geschaffen hat, vor allem mit einer gehörigen Portion an Glück. Zudem habe er mit dem Thema genau den Nerv der Zeit getroffen, meint er:
„Ich habe die geheimen Wünsche des Lesers erfüllt. Ich denke, der Leser brauchte einfach mal wieder die reine Freude am Lesen. Und er brauchte in dieser Welt ein kleines bisschen Freundlichkeit und ein kleines bisschen Hoffnung. Denn ich glaube, dass es ein Buch über die Hoffnung ist. Vor allem über die Hoffnung darauf, dass unsere Leben die Chance haben, gut auszugehen.“
Und auch die anderen Themen, die er im Kopf trage, hätten alle bisher einen guten Ausgang, betont der Autor. Er hat gerade ein nächstes Buch fertiggeschrieben.
Dieses unterscheide sich komplett vom Roman „Pfingsten“, aber es sei wieder Miroslav Hlaučo, betont der Schriftsteller.
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