Mein Freund, der Boden: Ostrauer Galerie Plato feiert 10-Jähriges mit besonderer Ausstellung

Galerie PLATO

Schon seit zehn Jahren hat Gegenwartskunst in Ostrava eine feste Adresse. Die städtische Galerie Plato feiert ihr rundes Jubiläum in diesem Jahr unter anderem mit einer Ausstellung. Sie hat den Boden, also das Erdreich zum Thema.

Die Ausstellung „Půda a přátelé“  (Der Boden und seine Freunde) | Foto: Dominika Goralska,  PLATO

Wir können nicht ohne ihn, aber er kann sehr gut ohne uns. Die Rede ist vom Boden, der Oberfläche unseres Planeten. Vielerorts ist er für den Menschen gar nicht mehr sicht- oder spürbar, weil er mit einer dicken Schicht Beton oder Asphalt bedeckt ist. Die Galerie Plato in Ostrau rückt das Erdreich nun in den Mittelpunkt, nämlich mit der Ausstellung „Půda a přátelé“ (Der Boden und seine Freunde). Eine der beiden Kuratorinnen ist Edith Jeřábková:

„Unsere Absicht ist, nicht nur den Boden und seine Freunde darzustellen, sondern auch den Boden und die Freundschaft. Wir finden es wichtig, die Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken, das wir für selbstverständlich halten – und sich dann bewusst zu machen, dass es sich nicht nur um eine Quelle für Nahrung und Mineralien handelt. Es ist vielmehr ein Ort, der voller Leben ist.“

Marianna Dobkowska und Edith Jeřábková | Foto: Dominika Goralska,  PLATO

Tatsächlich biete der Boden eine Menge fantastischer Geschichten, zeigt sich Marianna Dobkowska begeistert. Die Polin ist die zweite Kuratorin der Ausstellung:

„In ihm spielen sich viele Prozesse ab, die absolut bedeutsam sind für jegliche Existenz auf unserem Planeten. Darum entstand das Ausstellungskonzept aus einer Dringlichkeit heraus. Das Wissen über den Boden ist einerseits sehr wichtig, andererseits wird er oft übersehen.“

Die Ausstellung „Půda a přátelé“  (Der Boden und seine Freunde) | Foto: Dominika Goralska,  PLATO

Seit der Vernissage Ende April kann sich das Publikum im Plato nun intensiv mit den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, ökologischen und auch philosophischen Fragen rund um das Erdreich befassen. Fast 30 Künstler präsentieren ihre Werke. Sie seien die Partner auf dieser Bewusstseinsreise gewesen, sagt Dobkowska:

„Die Künstler arbeiten oft genauso, wie es der Boden tut. Sie sind in langwierige Prozesse eingespannt, die nicht-sichtbare Phasen haben. Dadurch geraten sie in unerwartete Interaktionen, die sich dann in ihren Werken bemerkbar machen. Und diese sind nicht einfach nur Objekte, die für eine Galerie gemacht werden. Sie zeugen vielmehr von einer Menge Kooperationen, Abläufen und unsichtbarer Arbeit, die sich dahinter verbergen.“

Die internationale Schau vereint Künstler aus Tschechien und den Nachbarländern, aber auch aus entfernten Staaten wie etwa Brasilien. Damit sei sie geradezu global, bemerkt Edith Jeřábková, so wie es das Thema Boden schließlich auch sei.

Die Ausstellung „Půda a přátelé“  (Der Boden und seine Freunde) | Foto: Dominika Goralska,  PLATO

Enge Verbindung zu Polen

Der Ausstellung „Půda a přátelé“ ging eine ähnliche, aber kleinere Schau in Warschau voraus. Die Zusammenführung tschechischer und polnischer Künstler, ein bilaterales Kuratorinnen-Team sowie jährlich zahlreiche Besucher aus dem Nachbarland: Für die Galerie Plato spielt Polen eine wichtige partnerschaftliche Rolle. Diese hat auch ihre Spuren in dem Haus hinterlassen, in dem die Einrichtung seit 2022 ihren Sitz hat. Direktor Marek Pokorný gibt einen knappen Überblick:

Marek Pokorný | Foto: Magdalena Hrozínková,  Radio Prague International

„Wir befinden uns heute in einem Gebäude der ehemaligen städtischen Schlachthöfe. Sie sind in den 1960er Jahren ausgezogen, danach waren die Technischen Dienste hier angesiedelt. Später war das Gebäude eine Weile dem Verfall überlassen. Die Stadt hat es dann auf unsere Anregung hin gekauft und ließ es nach dem Entwurf des polnischen Architekten Robert Konieczny restaurieren. Mit diesem Umbau waren wir als erstes Gebäude Tschechiens im Finale des Europäischen Architekturpreises, des Mies van der Rohe Award.“

Der alte Schlachthof ist bereits die vierte Adresse, die die Galerie Plato seit ihrer Eröffnung am 1. Juli 2016 hat. Zuvor waren ausgediente Drogerie- oder auch Baumarkträume genutzt worden. Pokorný blickt auf die Gründungsjahre zurück:

„Unsere Galerie entstand als Reaktion auf den Mangel an Raum für Gegenwartskunst, und das in einer Stadt von einer ähnlichen Größe wie Brünn oder vergleichbaren Orten in Zentraleuropa. All diese Städte haben neben ihren Museen und Kunsteinrichtungen noch zusätzliche Institutionen für Gegenwartskunst. Und wenn Ostrau die Zukunft in den Blick nehmen und neue Partnerschaften mit anderen Städten ermöglichen will, dann ist dies auf der formalen Ebene ein charakteristischer Punkt.“

Galerie PLATO | Foto: Magdalena Hrozínková,  Radio Prague International

Daneben wollte man mit der Galeriegründung vor zehn Jahren auch die Aufarbeitung und Visualisierung der Ostrauer Kunstszene der 1980er und 1990er Jahre anregen, so der Direktor weiter. Und er erwähnt noch ein drittes Ziel, das es damals gegeben habe:

Galerie PLATO | Foto: Magdalena Hrozínková,  Radio Prague International

„Eine neue Einrichtung an einem solchen Ort schafft eine Menge Möglichkeiten, die Dinge anders und besser zu machen. Und dies ist uns meiner Meinung nach gelungen. Das erregt natürlich manchmal die Gemüter in der Stadt, wenn wir einige der anfänglichen Erwartungen nicht erfüllen. Aber ich denke, nach den zehn Jahren erkennt man uns als wichtigen Player an. Die Menschen sind sich – einige mehr, einige weniger – bewusst, dass unsere Bedeutung über die Region hinausgeht. Wir sind eine Referenz für andere Institutionen in ganz Tschechien und zum Beispiel auch in Polen.“

Laut Pokorný hat es in den letzten drei Jahren mehrere erfolgreiche internationale Kooperationen gegeben. So arbeitete die Galerie Plato etwa mit dem Zentrum für Gegenwartskunst Le Magasin im französischen Grenoble zusammen. Und die Galerie Spike Island im britischen Bristol habe direkt eine Ausstellung aus Ostrau übernommen, so Marek Pokorný.

Galerie PLATO | Foto: Magdalena Hrozínková,  Radio Prague International

Meditative Wirkung

Bei „Půda a přátelé“ sind unter anderem die Werke der deutschen Künstlerin Elisabeth von Samsonow zu sehen, die heute in Österreich lebt und lehrt. Und einen Beitrag leistete auch der Zabriskie Buchladen für Kultur und Natur in Berlin. Co-Kuratorin Marianna Dobkowska hat zudem ihren persönlichen Tipp parat:

Die Ausstellung „Půda a přátelé“  (Der Boden und seine Freunde) | Foto: Dominika Goralska,  PLATO

„Es gibt so viele wunderbare Arbeiten zu sehen. Aber ich möchte die Aufmerksamkeit auf ein Werk lenken, das eher am Ende der Schau steht und ein bisschen versteckt ist. Es erfordert ein wenig Konzentration, kann aber sehr wohltuend sein und den Betrachter in einen meditativen Zustand versetzen. Es handelt sich um die Arbeit der Polin Ewelina Węgiel namens ‚Escarpment‘, also Böschung. Sie ist im letzten Ausstellungsraum in einer dunklen Ecke zu finden. Wenn man die zugehörigen Kopfhörer aufsetzt und die Videos anschaut, wird man in die Böschungen von Warschau mitgenommen und kann deren ganz eigene Erzählungen verfolgen.“

Es gebe zahlreiche Video- und Filmelemente zu sehen, betont Edith Jeřábková. Das mache die Schau sehr abwechslungsreich und animiere die Besucher auch zum Wiederkommen. Die tschechische Co-Kuratorin hebt die Arbeit einer Landsmännin hervor:

„Denisa Langrová hat ein fiktives Gespräch mit dem australischem Mikrobiologen Walter Jehne geführt. Es begleitet die Besucher gewissermaßen durch die Ausstellung. Es führt nämlich ein in die Thematik, warum der Boden in der aktuellen klimatischen Phase so wahnsinnig wichtig ist und warum wir uns überlegen müssen, auf welche Art und Weise wir unsere Nahrungsmittel anbauen. Denn der Boden hat die Eigenschaft, unseren Planeten zu kühlen. Und wenn wir uns gut um ihn kümmern, können wir nicht nur das Klimaproblem lösen, sondern auch soziale und politische Fragen, die damit verbunden sind.“

Die Ausstellung „Půda a přátelé“  (Der Boden und seine Freunde) | Foto: Dominika Goralska,  PLATO

Die Komplexität des Themas drückt sich auch in dem umfangreichen Begleitprogramm zur Ausstellung aus. Mitte Mai hat bereits eine international besetzte Konferenz mit dem Titel „Půda a prach“ (Boden und Staub) stattgefunden. Für Kinder werden im Sommer außerdem zwei mehrtägige Kreativ-Camps angeboten, die an die Ausstellung sowie an das Thema Solidarität anknüpfen. Und Jeřábková fügt hinzu:

Die Ausstellung „Půda a přátelé“  (Der Boden und seine Freunde) | Foto: Dominika Goralska,  PLATO

„Bei einer weiteren Veranstaltung kann man auf dem Boden der Galerie Plato übernachten. Dies hat ein wenig das Format eines Ferienlagers, wobei die Leute ihre Zelte mitbringen und über Nacht bei uns bleiben. Dazu haben wir viele Künstler und Experten eingeladen, und alle zusammen werden wir den Erdboden und die mit ihm verbundenen Aktivitäten erleben, in Form von Workshops, Spaziergängen oder gemeinsamen Debatten.“

Die Ausstellung „Půda a přátelé“  (Der Boden und seine Freunde) | Foto: Dominika Goralska,  PLATO

Das Wochenend-Camp wird im Garten der Galerie Plato aufgeschlagen. Dieser sei sein absoluter Lieblingsplatz, sagt Direktor Marek Pokorný. Dabei habe er den Architekten Robert Konieczny damals erst wortreich davon überzeugen müssen, das umliegende Grundstück so zu gestalten, wie es heute erlebt werden kann. Die öffentlich zugänglichen Flächen bestehen zum großen Teil aus Wildblumenwiesen, es gibt ein Wasserbiotop, einen kleinen Sumpf, eine Steinanlage für Eidechsen oder auch eine Kompostanlage. Für Pokorný erfüllt der Garten mehrere Aufgaben:

„Gemeinsam mit dem Architekten haben wir eine Anlage erdacht, die für den Stadtteil grundlegend wichtig ist. Es ist ein Permakulturgarten, um den wir uns selbst kümmern. Er bildet zum einen ein Gegengewicht zu den klassischen Ausstellungsräumen. Zum anderen gliedert er sich aber auch in das Gebäude ein, bei dem man immer das Gefühl hat, man dürfe nichts anfassen. Gerade das wollen und brauchen wir aber.“

Galerie PLATO | Foto: Magdalena Hrozínková,  Radio Prague International

Die Ausstellung „Půda a přátelé“ läuft bis 13. September in der Galerie Plato in Ostrava, die nur zehn Minuten Fußweg vom zentralen Masaryk-Platz entfernt liegt. Geöffnet ist täglich außer montags, und zwar von 10 bis 18 Uhr. Alle Infos auf Englisch unter plato-ostrava.cz/en.