Aus dem Isergebirge nach Brasilien: Petr Polakovič und das Auswanderermuseum zu Ehren der Vorfahren

Anna Polakovičová und Petr Polakovič

Ein Teil der Verwandten von Petr Polakovič ist im 19. Jahrhundert aus dem Isergebirge nach Brasilien ausgewandert. Dies hat ihn motiviert, nach seinen deutschböhmischen Vorfahren in Südamerika zu suchen und sogar ein Museum in Nordböhmen einzurichten.

Museum der Auswanderung nach Brasilien und Museum der Oberdörfer“ – so hieß einer der Info-Stände beim 76. Sudetendeutschen Tag, der Ende Mai in Brno / Brünn stattfand. Petr Polakovič und seine Tochter Anna präsentierten dort zahlreiche Fotos, Landkarten und Bücher. Diese dokumentieren die Auswanderung vieler deutschsprachiger Bewohner Nordböhmens nach Brasilien sowie das Schicksal der verschwundenen Dörfer in der Gegend von Mimoň (auf Deutsch Niemes). Zudem konnten die Besucher des Standes mehr über das Museum der Auswanderung nach Brasilien erfahren, das Polakovič vor 15 Jahren in Náhlov / Nahlau eröffnet hat.

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Petr Polakovič stammt aus Liberec, seine Großmutter lebte in Náhlov, das heutzutage zu Ralsko gehört. Von der Großmutter, bei der er oft die Ferien verbrachte, erfuhr er darüber, dass ein Teil der Familie im 19. Jahrhundert nach Brasilien ausgewandert ist. Polakovič begab sich auf die Suche nach den Nachkommen der Auswanderer. Gegenüber Radio Prag International erzählt er:

„Ich habe 1998 diese Verwandten gefunden. Dabei hatte ich damals eigentlich Glück, denn ich schrieb an die tschechische Botschaft in Brasilien, an das österreichische Konsulat und an alle dortigen deutschen Konsulate. Aus der Stadt Blumenau, in der das zweitgrößte Oktoberfest der Welt stattfindet, erhielt ich von der Konsulin die Nachricht, dass sie einen gewissen Claudio Hörbe kenne. Hörbe war der Familienname meiner Verwandten. Sie stammten aus Zábrdí bei Osečná.“

Es seien Brüder seiner Urururgroßmutter gewesen, merkt Polakovič an. Bevor sich seine Urururgroßonkel entschieden, nach Brasilien zu ziehen, arbeiteten sie in Vratislavice nad Nisou – damals Maffersdorf.

„Sie waren dort in der Teppich- und Deckenfabrik von Ignaz Ginzkey beschäftigt. Zu Zeiten des kommunistischen Regimes hieß der Betrieb Bytex. Dort arbeiteten sie fünf Jahre lang. Dann kam ein Vermittler aus Hamburg nach Liberec. Er bot den dortigen Bewohnern die Möglichkeit an, mit einem Schiff nach Brasilien zu reisen und sich dort niederzulassen. Diese Agenten wussten, dass das Isergebirge damals übervölkert war. Es reichte vielleicht, vor der Fabrik auf die Männer zu warten, und ihnen ein attraktives Angebot zu machen.“

Petr Polakovič | Foto: David Koubek,  Tschechischer Rundfunk

Aus einer Chronik, die Polakovič aus Brasilien bekommen hat, erfuhr er, dass sich die Brüder Hörbe am 5. Juni 1877 an Bord des Dampfschiffs Bahia in Richtung Brasilien begaben. Hatten sie damals eine Vorstellung davon, wohin sie auswandern?

„Seit 1853 gab es dort, wohin sie gegangen sind, schon ein deutsches Dorf. Dort lebten jedoch Deutsche, die beispielsweise aus der Nähe von Hamburg stammten. Die Agenten kamen erst um das Jahr 1870 nach Böhmen. Danach ließen sich in Brasilien auch viele Deutschböhmen nieder. Ich denke, dass sie schon ein paar Informationen hatten. Eine genaue Vorstellung konnten sie sich davon jedoch kaum machen.“

Petr Polakovič erzählt, als ihm damals die Konsulin geantwortet habe, sei er sehr neugierig geworden und mit seiner Frau gleich nach Brasilien geflogen.

Erstes Treffen mit Verwandten in Brasilien

„Sie haben für uns dort in dem Städtchen ein Treffen organisiert. In einem Kulturhaus kamen dann rund 250 Hörbes zusammen – lauter Verwandte. Während der Jahrzehnte ist die Familie bedeutend gewachsen. Die Kommunikation war jedoch schlecht. Einige der Hörbes konnten noch ein wenig Deutsch, aber die übrigen 220 nicht mehr. Nach der Rückkehr fing ich erst an, Portugiesisch zu lernen. Enge Kontakte habe ich zu einem der Verwandten geknüpft, der am besten Deutsch sprach. Nach der Rückkehr suchte ich noch nach weiteren Informationen darüber, wie die Lage im Isergebirge in den 1870er Jahren war, also vor der Auswanderung der Verwandten. Aus Brasilien schickte man mir auch verschiedene Informationen. Ich schrieb ihnen, wichtig seien vor allem Dokumente aus den Archiven.“

Ausstellung „Tschechische Spuren in Brasilien“ | Foto: Atilla Loránt

Als einen wichtigen Impuls für seine weiteren Aktivitäten bezeichnet Polakovič den Besuch des damaligen tschechischen Staatspräsidenten Václav Klaus in Brasilien im Jahre 2010. Kurz danach wurde eine Ausstellung mit dem Titel „Tschechische Spuren in Brasilien“ zusammengestellt und auf der Prager Burg gezeigt. Auch er sei eingeladen gewesen, zur Ausstellung beizutragen, sagte Polakovič. Von der Ausstellung war es nur noch ein Schritt, um ein Museum der Auswanderung in Náhlov zu errichten. 2011 wurde das Museum im früheren Schulgebäude im Dorf eröffnet. Seit der Gründung hat sich die Dauerausstellung entwickelt. Petr Polakovič:

„2014 haben wir vom Brasilianischen Museumsinstitut (IBRAM) einen Zuschuss in Höhe von 400.000 Kronen (ca. 16.500 Euro, Anm. d. Red.) dafür bekommen, dass wir diese wenig bekannte brasilianische Geschichte bekanntmachen. Für das Geld wurde die Stirnfassade des Museums in Stand gesetzt. Auf dem Dachboden wurde zudem der Präsident-Kubitschek-Saal eingerichtet. Im Museum werden Fotografien der Landsleute aus Brasilien gezeigt, die der renommierte Fotograf Jindřich Štreit gemacht hat. Die Fotos sind um Texte über die Geschichte der verschiedenen Familien ergänzt. Darunter sind auch Familien aus Nova Petrópolis. Eine Tanzgruppe von dort ist in diesen Tagen zudem in Brünn aufgetreten.“

2017 wurde laut Polakovič im zweiten Flügel des Dachbodens eine weitere Dauerausstellung eröffnet. Diese dokumentiert die verschwundenen Dörfer, die sich in der Gegend von Mimoň befanden. Die Dörfer wurden wegen der Einrichtung eines Militärübungsplatzes Anfang der 1950er Jahre dem Erdboden gleichgemacht. Im Museumsgebäude sind derzeit zwei Dauerausstellungen zu sehen: eine über die Auswanderung nach Brasilien und die andere über die Oberdörfer.

Datei von Auswanderern aus Nordböhmen

Wie Petr Polakovič betont, habe er während der Jahre viele Kontakte nach Brasilien geknüpft. Er sei zudem bemüht, das Museum in Tschechien sowie in Brasilien bekannt zu machen…

„Mit einem meiner Verwandten habe ich eine Datei zusammengestellt, in der  derzeit rund 10.000 Personen registriert sind. Bei ihnen allen wissen wir, woher und wann sie nach Brasilien gekommen sind. Im Fall meiner Verwandten Josef und Peter Hörbe findet man in der Datei, dass sie mit ihren Familien angereist sind, dass sie den Reisepass in Vratislavice beantragt hatten, wo sie damals schon fünf Jahre gelebt hatten. Ähnliche Informationen stehen auch im Falle weiterer Personen in der Datei zur Verfügung. Es handelt sich dabei etwa um 3000 Familien. Wir fügen ständig neue Namen hinzu. In diesem Bereich haben wir einen großen Fortschritt erzielt.“

Haben sich die Besucher des Sudetendeutschen Tags auch für den Info-Stand des Museums in Náhlov interessiert? Polakovič meint:

„Unser Stand hat durchaus Aufmerksamkeit geweckt. Die Besucher haben Interesse für diesen Teil der Geschichte gezeigt und waren neugierig. Ich hoffe, dass es noch ein Echo geben wird. Für unser Museum ist es eine Form der Reklame. Ich habe vor, ein Buch herauszugeben, und dieses möchte ich in den Regionen vorstellen. Sobald es eine deutsche Übersetzung gibt, würde ich sie gern auch in Deutschland präsentieren.“

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Verlockendes Angebot: Warmes Klima und große Grundstücke

Die Bewohner Nordböhmens hatten laut Polakovič in den 1870er Jahren unterschiedliche Gründe für die Auswanderung. Die Gegend von Liberec / Reichenberg sei eine übervölkerte Agglomeration gewesen – mit der Textilindustrie und einer hochentwickelten Glasindustrie. Die Glasmacher hatten oft, wie Polakovič anmerkte, gesundheitliche Probleme. Zudem habe im Isergebirge ein raues Klima geherrscht, so der Experte.

Petr Polakovič | Foto: Stanislava Brádlová,  Tschechischer Rundfunk

„Als diesen Menschen angeboten wurde, in das warme Brasilien zu ziehen, wo zweimal im Jahr geerntet wird, klang das sehr verlockend. Zudem wurde darauf hingewiesen, dass das Vieh das ganze Jahr lang draußen bleiben kann. Den Familien wurden auch große Grundstücke versprochen. Und mit der Verständigung würde es keine Probleme geben, hieß es. Denn sie konnten sich in einer deutschen Siedlung niederlassen.“

An seinem Stand macht Petr Polakovič auf ein dünnes Buch aufmerksam. Es sind Erinnerungen von Josef Umann (1850–1927). Umann ist 1876 zusammen mit seiner Frau, einer kleinen Tochter und weiteren 150 Isergebirglern mit dem Dampfschiff „Montevideo“ nach Brasilien ausgewandert. Polakovič sagt, Umann habe seine Entscheidung, Böhmen zu verlassen, damals eindeutig für gut befunden.

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Als Junge fand Umann Arbeit in einer Textilfabrik. Seine Eltern, die schon älter waren, waren sehr froh, dass er nun eine Stelle hatte. Einmal haben jedoch Umanns ältere Mitarbeiter einen Faden falsch eingefädelt, und der Stoff wurde beschädigt. Sie gaben die Schuld jedoch dem jüngsten Kollegen, eben Umann. Dieser war verzweifelt, fiel vor dem Besitzer der Fabrik auf die Knie und versuchte sich zu verteidigen. Trotzdem wurde er hinausgeschmissen. Umann traute sich nicht nach Hause, um den Eltern seine Entlassung zu gestehen. In seinen Erinnerungen schildert er, wie er sich entschied, sein Leben zu beenden. Bei Frost setzte er sich nach draußen und wartete, bis er erfriert. Es kam jedoch ein Tischler vorbei, und dieser rettete Umann. Er lud ihn zum Mittagessen ein und riet ihm, die Gelegenheit zum Auswandern zu nutzen.“

Umann folgte nach ein paar Jahren dem Rat und zog nach Brasilien. Er würdigt in seinen Memoiren die Tatsache, dass er in der neuen Heimat vor niemandem auf die Knie fallen musste und völlig frei war.

Das Museum der Auswanderung nach Brasilien in Náhlov ist bis Ende Juni von Mittwoch bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr geöffnet. Im Juli und August ist es die ganze Woche von 10 bis 18 Uhr zugänglich. Mehr über das Museum erfahren Sie unter: https://new.emigrationmuseum.cz.

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