Begehrt von Tel Aviv und Prag: Einzigartige Dokumentation jüdischer Einwohner bleibt in Ostrau

Libuše Salomonovičová

Das Museum des Jüdischen Volkes in Tel Aviv und das Jüdische Museum in Prag haben Interesse an ihr gezeigt. Schließlich gelangte die einzigartige Dokumentation der jüdischen Einwohner der Industriestadt Ostrava / Ostrau jedoch in den Besitz des dortigen Stadtarchivs. Sie enthält die Namen, Daten, Fotos und Geschichten von über 30.000 Menschen.

„Ich bin nicht jüdisch, aber ich habe 1957 in eine jüdische Familie eingeheiratet. Meinen Mann habe ich beim Bau des Stahlwerks Nová huť Klementa Gottwalda kennengelernt, zu dem wir als Jugendliche eingesetzt wurden. Damals haben wir das Fundament ausgehoben, und dafür durften wir kostenlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren.“

So erinnert sich heute die 89-jährige Libuše Salomonovičová, die ehemalige Mitarbeiterin des Museums von Ostrau. Ihr Ehemann Michal entstammt einer jüdischen Familie aus der Stadt. Sein Großvater war ein Kaufmann und hatte mit einem Freund einen Schachklub in der Stadt gegründet. Michal selbst wurde im Alter von 11 Jahren ins Vernichtungslager Auschwitz gebracht. Er überlebte und berichtete bis zu seinem Tod 2019 bei Debatten an Schulen über den Holocaust.

Die Historikerin Salomonovičová begann im Ruhestand, Informationen über jüdische Einwohner der Industriestadt zusammenzutragen. Sie dokumentierte zunächst die Geschichte des ehemaligen jüdischen Friedhofs und verbrachte nachfolgend rund 25 Jahre damit, eine Kartendatei zusammenzustellen. Diese umfasst reiche jüdische Hoteliers und Kaufleute aus dem Bürgertum, aber auch arme Juden, die etwa aus Galizien kamen, um in der Ostrauer Industrie zu arbeiten:

„Diese Menschen waren alle einzigartig. Ich habe Stammbäume für 700 Personen erstellt. Zuletzt hat sich die Enkelin des Besitzers des Restaurants Alhambra bei mir gemeldet. Und die Enkelkinder des Architekten Emil Körner, die in Amerika leben, wollten mich besuchen.“

Die Dokumentensammlung enthält biografische Angaben zu den Familien der Ostrauer Juden, Originale und Kopien wertvoller Familienfotos und Dokumente, die den Holocaust überstanden haben, sowie mehrere Dutzend Bücher mit jüdischer Thematik, die nun die Archivbibliothek bereichern werden.

Libuše Salomonovičová | Foto: Stadt Ostrava

Salomonovičová durchforstete Matrikeln und Volkszählungsberichte oder etwa Belege zur Beschlagnahme des jüdischen Besitzes. Sie korrespondierte mit Nachkommen aus vielen Ländern, in die die Ostrauer Juden im Zweiten Weltkrieg ausgewandert waren. Somit trug die Historikerin dazu bei, getrennte Familien wieder zusammenzuführen. Ungefähr 33.000 Juden seien seit dem 19. Jahrhundert bis 1945 durch Ostrava gezogen, sagt Salomonovičová. Alle Dokumente habe sie bei sich zu Hause versammelt:

„Ich hatte einiges auf dem Fußboden in der Küche, anderes im Flur. Heute habe ich alles an das Archiv übergeben.“

Aus gesundheitlichen Gründen hat Salomonovičová nun ihre Forschungsarbeit beendet. Respekt bekommt sie von der Archivleiterin Hana Šústková:

Hana Šústková | Foto: Iva Havlíčková,  Tschechischer Rundfunk

„Es ist eine enorme Arbeit, für die sie 25 Jahre gebraucht hat. Sie ist nicht nur im Kontext der wissenschaftlichen Arbeit über die jüdische Gemeinde von Bedeutung, sondern auch eine große Hilfe für unsere amtliche Tätigkeit, da wir uns beispielsweise weiterhin mit der Wiedereinbürgerung in Tschechien befassen. Wöchentlich erreichen uns mehrere Anträge aus aller Welt. Wir verwenden diese Archivmaterialien, um zu beweisen, ob sie berechtigt sind oder nicht.“

Heute leben in Ostrau einige Dutzend Menschen jüdischen Glaubens. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte die Stadt etwa 130.000 Einwohner, davon waren 12.000 Juden.

Autoren: Markéta Kachlíková , Marta Pilařová
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