Sieben Sprachen, ein Ziel: Wie Radio Prag International Sendungen für ein globales Publikum erstellt
Radio Prag International, das viele Jahre einfach Radio Prag hieß, ist schon seit 90 Jahren die Stimme Tschechiens in der Welt. In der letzten Folge unserer Serie „Prag sendet in die Welt! 90 Jahre im Äther“ schauen wir darauf, worum es aktuell im Programm geht und wer die Sendungen eigentlich erstellt.
Es ist neun Uhr morgens, ein Büro im vierten Stock des Prager Rundfunkhauses. Die tägliche Besprechung beginnt. Chefredakteurin Klára Stejskalová erinnert daran, dass für drei der Fremdsprachenredaktionen heute ein neues Videoprojekt beginnt. Mit tschechischen Wissenschaftlern, die im Ausland tätig sind, werden sich dabei das englische, französische und das tschechische Team beschäftigen.
Am Tisch sitzen aber auch die Vertreter der deutschen, spanischen, ukrainischen und russischen Redaktion. Till Janzer kündigt für die heutige Sendung der deutschen Redaktion ein Porträt der Skeletonpilotin Anna Fernstädt an. Ruth Fraňková berichtet, dass es bei der englischen Redaktion heute um die tschechische Spur in den Epstein-Akten gehe. Und Daniel Ordóñez vermeldet, dass für die spanische Sendung an diesem Tag das Thema Korruption in Tschechien vorgesehen ist. Außerdem werde es ein Interview mit einer Mexikanerin geben, die in Prag Stand-up-Comedy aufführt.
Morgendliche Themenfindung
Jede der sieben Redaktionen hat ihre treue und oft langjährige Hörerschaft. Chefredakteurin Stejskalová:
„Dies bestätigen uns verschiedene Studien und Analysen. Vor allem, wenn etwas passiert – so zum Beispiel zur Corona-Zeit oder bei Hochwassern –, dann steigen die Nutzerzahlen auf unserer Website sehr deutlich an. Die Leute suchen nach Informationen. Berichte über Tschechien auf Englisch gibt es natürlich überall wesentlich mehr. Aber wenn es um Deutsch, Spanisch oder Französisch geht, da ist unser Sender sicher eine einzigartige Quelle für Informationen über Tschechien.“
Die Redakteure von Radio Prag International präsentieren dabei nicht nur trockene Fakten. Von seinen Recherchen berichtete im Frühjahr etwa Ferdinand Hauser, der bis Mai Teil der deutschen Redaktion war:
„Wir informieren einfach über alles, was in Tschechien geschieht. Aber auch viel über die tschechisch-deutschen und tschechisch-österreichischen Beziehungen, was mir auch Spaß macht. Es gibt kein anderes Medium, das regelmäßig oder gar täglich aus Tschechien in die beiden Nachbarländer sendet. Im Moment arbeite ich an einem Beitrag über die Sirenentests, die in Tschechien ein echtes Phänomen sind. In Deutschland gibt es sie in diesem Umfang nicht, also jeden Monat und landesweit.“
Und Anna Kubišta, die Leiterin der französischen Redaktion, führt aus:
„Wir nehmen zwar manche Gerichtsfälle oder andere Themen nicht unbedingt bis ins Detail auseinander, so wie es die tschechischen Medien für das einheimische Publikum tun. Aber wir versuchen, die Dinge zu erklären und zusammenzufassen, damit unsere Hörer sie verstehen. Das halte ich auch im Rahmen der Europäischen Union für bedeutsam.“
Kurzwellen-Nostalgie
Schon 90 Jahre lang ist Radio Prag beziehungsweise Radio Prag International die Verbindung Tschechiens mit der Welt. Seit 2011 geschieht dies auch per Online-Stream und Podcasts. Spanisch ist aber eine der letzten Sprachen, die aus Prag noch über Kurzwelle zu empfangen ist. Dieses Programm ist etwa über Radio Miami International zu hören. Und weiter sagt Redaktionschef Daniel Ordóñez:
„Über Kurzwelle hören uns Menschen in Argentinien, was ja ziemlich weit entfernt von Miami ist, oder auch in Chile und Kolumbien. Sie schreiben uns dann in E-Mails, wie die Tonqualität war. Wahrscheinlich sind sie Nostalgiker. Jetzt hatten wir gerade zwei unterschiedliche Anfragen von Menschen – Enkel oder Urenkel von Tschechen, die vor 80 oder 100 Jahren dorthin ausgewandert sind. Sie suchen in Tschechien nach weiteren Angehörigen oder wollen einfach nur ihre Geschichte erzählen.“
Schwieriger sind jedoch die Bedingungen für die russische Redaktion. Olga Vasinkevič schildert:
„In Russland ist unsere Website offiziell blockiert. Ich weiß gar nicht, ob ich darüber sprechen darf, aber früher gab es für uns einen sogenannten Spiegel – einen Internetlink, über den man trotzdem auf unsere Seite kam. In unseren Monatsauswertungen sehen wir, dass Menschen in Russland unsere Homepage nutzen.“
Sie würden um ihre Hörer in Russland kämpfen, fügte Vasinkevič hinzu. Tatsächlich gelänge es, dort wenigstens eine gewisse Anzahl an Menschen zu erreichen.
Vorreiter bei neuen Technologien
Kaum bekannt ist, dass der Auslandssender des Tschechischen Rundfunks zu den absoluten Vorreitern in Sachen moderne Technologien gehört. Radio Prag war nämlich das erste Medium in Tschechien, das sich eine Homepage zulegte – und zwar schon 1994. Zu verdanken war der frühe Schritt in die Zukunft dem damaligen Chef des Senders, Dušan Pálka:
„Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich das erste Mal vom Internet gehört habe. Sofort begriff ich, dass dies ein unglaublich glücklicher Moment war und dass wir uns das zunutze machen würden. Gerade zu dieser Zeit musste ich mich damit beschäftigen, wie unsere Ausgaben gesenkt werden können. Denn unser Etat bestand zu 50 Prozent aus den Kosten für die Kurzwellensender.“
Schnell kamen Podcasts hinzu. Die Internetnutzer konnten sich die einzelnen Beiträge in den verschiedenen Sprachen herunterladen. Der langjährige Chefredakteur Miroslav Krupička blickt zurück:
„In den Jahren 1998 und 1999 waren die Mobiltelefone noch nicht so smart wie heute, es fehlten die einfachen Apps. Das Herunterladen der Audiodateien passierte über RSS-Channels. Dies war noch etwas halsbrecherisch, aber es handelte sich schon um das, was wir heute Podcast nennen.“
Nicht alle Stammhörer seien jedoch bei den Neuerungen mitgegangen, räumt Krupička ein. Auf der anderen Seite konnte ein junges Publikum hinzugewonnen werden. Und heute registriert die Website von Radio Prag International jedes Jahr rund acht Millionen Besucher.
Begehrte QSL-Karten
Radio Prag und Radio Prag International – das waren und sind vor allem die Hörerinnen und Hörer. Es lässt sich nicht zählen, wie viele es davon in den 90 Jahren schon gab. Immer aber standen sie in Verbindung mit dem Sender, und das von allen Winkeln der Erde aus. Als treuen Hörer bezeichnete sich auch Romano Bayou, der dem Prager Funkhaus einen persönlichen Besuch abstattete:
„Ich komme aus Benin. Radio Prag höre ich seit 2006. Schnell habe ich damit begonnen, Hörerberichte abzuschicken. Als Belohnung bekam ich QSL-Karten, auf denen meistens die Sehenswürdigkeiten der Tschechischen Republik abgebildet waren. Schon seit mehr als zehn Jahren höre ich über Prag im Radio, und jetzt bin ich hier.“
ZUM THEMA
Die erwähnten QSL-Karten sind ein Phänomen der Auslandssender. Wenn ein Hörer auf der anderen Seite der Erde ein Signal über Kurzwelle empfing, informierte er den Sender darüber, welche Qualität es hatte. QSL steht als Code nämlich für „Ich bestätige den Empfang“. Solche Karten gibt es bei Radio Prag International immer noch. Heute dienen sie jedoch nicht mehr ihrem ursprünglichen Zweck, sondern sind Souvenirs und kleine Aufmerksamkeiten für die Stammhörer. In diesem Jahr verweist die Serie von ganzen zehn QSL-Karten auf die reiche Geschichte des Senders und feiert sein 90-jähriges Bestehen. Außerdem gibt es für einen Sendebericht über den 31. August, also die Ausstrahlung an unserem Geburtstag, eine Sonder-QSL-Karte.
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