Krise bei Volkswagen: Was bedeutet sie für Tschechiens Zulieferindustrie?

Dem deutschen Automobilkonzern Volkswagen (VW) stehen entscheidende Wochen bevor, die über seine Zukunft bestimmen werden. Die angekündigten Sparpläne könnten auch drastische Folgen für die Wirtschaft im Nachbarland Tschechien haben, wo viele Unternehmen als Zulieferer für den Autobauer tätig sind.

Volkswagen-Chef Oliver Blume hat am Dienstag eine Serie von Betriebsversammlungen gestartet, um die Belegschaft von der Notwendigkeit harter Einschnitte zu überzeugen. Laut Petr Knap, Strategieberater für den Automotive-Sektor beim Unternehmensberater EY, könnten mindestens 200 tschechische Zulieferer indirekt von den Sparmaßnahmen betroffen sein. Bis zu einer Schließung von Werken sei es zwar noch ein weiter Weg, so Knap in einem Interview in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks. Dennoch erwartet der Experte nun heftigen Widerstand der deutschen Gewerkschaften und massiven politischen Druck auf die Konzernleitung.

Petr Knap | Foto: Kateřina Cibulka,  Tschechischer Rundfunk

„Ich denke, dass dieser Prozess noch einige Zeit dauern wird. Doch selbst wenn ein bestehendes Werk lediglich seine Produktion drosselt, hat das direkte Auswirkungen auf die tschechischen Zulieferer. Wenn Werke ihre Auslastung auf zwei Drittel oder die Hälfte ihrer Kapazität senken, bekommen das die hiesigen Betriebe zu spüren.“

Einige Unternehmen in Tschechien verzeichnen bereits jetzt spürbare Auftragsrückgänge. Das Ausmaß sei jedoch sehr unterschiedlich, betont Knap. Denn der Begriff Automobilzulieferer sei breit gefächert – die Spanne reiche von kleinen Betrieben bis hin zu Großkonzernen mit jeweils unterschiedlichen Produktportfolios und variierender Abhängigkeit vom VW-Konzern.

„Es gibt Betriebe in Tschechien, bei denen die Rückgänge bei etwa zehn Prozent liegen. Ich weiß aber auch von Zulieferern, deren Aufträge um 20 bis 40 Prozent eingebrochen sind. Das betrifft natürlich nicht nur Volkswagen, auch wenn der Konzern die größte Absatzbasis für die tschechische Zulieferindustrie darstellt. Ähnliches gilt für andere Marken und Konzerne wie Stellantis.“

Progressive tschechische Zulieferer bemühen sich laut Knap bereits seit Jahren um eine Diversifizierung. Neue Absatzmärkte finden sie teilweise in Branchen wie der Energiewirtschaft oder der medizinischen Robotik, vorrangig jedoch in der Verteidigungs- und Dual-Use-Industrie. Auch Technologien für die Landwirtschaft oder die Umstellung von Pkw- auf Lkw-Komponenten würden Alternativen bieten. Petr Knap:

„Die Unternehmen suchen überall nach neuen Möglichkeiten, aber verständlicherweise ist die Lage der europäischen Industrie nirgendwo rosig. Die Verteidigungsindustrie wächst zwar, reicht aber mit ihrem Volumen nur an einen Bruchteil dessen heran, was die Automobilindustrie generiert.“

Foto: Archiv Škoda Auto

Die VW-Tochter Škoda Auto erzielt an ihrem Stammsitz in Mladá Boleslav bislang gute Ergebnisse. Laut dem Experten besteht derzeit keine Gefahr, dass die Umstrukturierung des Mutterkonzerns auch das tschechische Werk in absehbarer Zeit belasten könnte:

„In der jetzigen Situation ist Škoda für Volkswagen eine Art Goldgrube mit extrem starken Gewinnmargen. Die Auslastung der hiesigen Werke läuft auf Hochtouren. Die Produktion wird derzeit vielmehr an andere Standorte ausgeweitet, an denen bereits der Superb oder verschiedene Elektroautos vom Band laufen.“

Die Automobilindustrie trägt rund neun bis zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Tschechischen Republik bei. Dennoch befürchtet Knap nicht, dass der Stellenabbau bei Volkswagen und eventuelle Umsatzeinbußen der Zulieferer die tschechische Wirtschaftsleistung dauerhaft einbrechen lassen:

Foto: Toyota

„Wir dürfen nicht vergessen, dass es neben Škoda mit Toyota und Hyundai noch zwei weitere große und sehr erfolgreiche Automobilhersteller auf dem hiesigen Markt gibt. Gleichzeitig werden im Zuge der Krise einige Aktivitäten – sowohl in der Entwicklung als auch in der Produktion – aus Deutschland und anderen westlichen Ländern hierher verlagert. Tschechien kann von diesen Umstrukturierungen also durchaus profitieren, da das Land nach wie vor ein leistungsfähiger Produktionsstandort mit niedrigeren Kosten ist.“

Laut Knap müssen zwar einige hundert Mitarbeiter die klassische Fertigung verlassen, im Gegenzug wachsen jedoch die Entwicklungsteams hierzulande. Er glaube also nicht, dass der tatsächliche Personalrückgang dramatisch sein wird, schließt der Experte.

Autor: Markéta Kachlíková | Quelle: Český rozhlas Plus
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