Rivalität am Siedepunkt: Fifa-Referee Stark pfiff das Hassduell Sparta Prag – Pilsen

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Die höchste tschechische Fußball-Spielklasse, die Gambrinus Liga, begeht ein Jubiläum. Die laufende Spielzeit ist die 20. Saison der Liga seit ihrer Einführung im Jahr 1993. Die bisherigen Meisterschaften wurden von fünf Mannschaften gewonnen, Rekordhalter ist Sparta Prag mit 11 Titeln. Die vorerst letzte Trophäe aber gewannen die Prager vor nunmehr drei Jahren; auch weil sich seitdem ein Verein immer mehr ins Rampenlicht geschoben hat: Viktoria Pilsen. Sparta und Viktoria geben auch in dieser Saison den Ton an, doch wer von beiden am Ende die erste Geige spielen wird, ist noch offen.

Sparta Prag (Foto: ČTK)
Viktoria Pilsen und Sparta Prag führen nach dem 21. Spieltag die Tabelle der Gambrinus Liga an – mit jeweils 44 Punkten, Pilsen hat jedoch das um vier Treffer bessere Torverhältnis. Vor dem Spieltag, an dem beide Mannschaften am Karsamstag im direkten Duell aufeinandertrafen, aber hatte Pilsen noch einen Drei-Punkte-Vorsprung. Sparta war also in der Verfolgerrolle und stand unter Siegzwang, sollte der ungeliebte Rivale nicht weiter allein vom Gipfel grüßen. Für Spartas Trainer Vítězslav Lavička stand das Spitzenspiel aber nicht nur deshalb im Fokus der hiesigen Sport-Öffentlichkeit:

Pavel Horváth (Foto: ČTK)
„Meiner Meinung nach haben beide Mannschaften in dieser Saison sehr gute Vorstellungen auf europäischer Bühne geboten. Dank der Spiele in der Europa League haben sowohl wir, als auch Viktoria Pilsen viel an Erfahrung hinzugewonnen.“

Pilsen hat dabei schon das zweite Mal in Folge in einem europäischen Wettbewerb überwintert. Nach zwei Siegen über den SSC Neapel waren die Westböhmen sogar bis ins Achtelfinale der Europa League vorgedrungen. Entsprechend selbstbewusst gingen sie in das Gipfeltreffen. Kapitän Pavel Horváth auf die Frage, wie er die Spielstärke des Gegners einschätze:

Marek Matějovský (rechts). Foto: ČTK
„Ich habe in diesem Jahr noch kein einziges Spiel von Sparta gesehen, daher kann ich auch nicht bewerten, wie Sparta im Frühjahr so drauf ist.“

Die von Horváth etwas überheblich anmutende Überzeugung von der eigenen Stärke konterte Spartas Kapitän Marek Matějovský sofort:

„Es ist seine Sache, wenn er die Möglichkeit nicht genutzt hat, unsere Spiele zu verfolgen. Ich habe Pilsens Auftritte durchaus verfolgt, genauso wie ich mir andere Ligaspiele anschaue, sofern es mir die Zeit erlaubt.“

Daniel Křetínský (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Das über die Medien verbreitete Wortgefecht der beiden Kapitäne war jedoch ein vergleichsweise harmloses Scharmützel gegenüber den versteckten Vorwürfen und Verdächtigungen, die zwischen den Chefetagen beider Vereine nach der Hinspielpartie in Plzeň / Pilsen hoch gekocht wurden. Stein des Anstoßes war ein höchst umstrittener Elfmeter, der zum 1:0-Siegtor für die Bierstädter führte. Spartas Clubchef Daniel Křetínský stellte damals eine Verschwörungstheorie auf, nach der von außen auf Spielverläufe und Resultate Einfluss genommen werde. Ross und Reiter allerdings nannte Křetínský nicht, nachdem er mit einer großen schwarzen Tasche voller angeblicher Beweise bei der Führung des tschechischen Fußball-Verbandes (FA ČR) vorstellig gewesen war:

Miroslav Pelta (Foto: Radim Beznoska, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Ich bin gekommen, um dem Verband Informationen zu überbringen, die sehr ernst sind und das ganze System betreffen“,

äußerte Křetínský lediglich vor Journalisten. Verbandschef Miroslav Pelta aber gab den Spekulationen noch weitere Nahrung, indem er damals sagte:

„Ich bin erschüttert von den Informationen. Es sind Dinge darunter, die furchtbar sind.“



Wolfgang Stark (Foto: ČTK)
Seit den Äußerungen der beiden Fußballfunktionäre ist mittlerweile ein halbes Jahr vergangen, doch nichts Genaues weiß man nicht. Der angebliche Bestechungsfall wurde zwar an die Polizei weitergeleitet, doch auch die hüllt sich weiter in Schweigen. Und von Sparta-Boss Křetínský wurden bisher auch keine Beweise für seine verklausulierten Verdächtigungen vorgelegt. Was seitdem aber wie ein Fehdehandschuh im Raum liegt, ist das große Misstrauen zwischen den beiden Top-Vereinen. Um sämtlichen Spekulationen vor dem mit Spannung erwarteten Rückspiel entgegenzutreten, wurde deshalb vom Verband eine außergewöhnliche Vorkehrung getroffen: Als Spielleiter wurde der deutsche Fifa-Referee Wolfgang Stark angefordert. Eine Maßnahme, die sich auszahlen sollte.

David Limberský (rechts). Foto: ČTK
Das Top-Spiel in der Prager Generali Arena war mit 19.128 Zuschauern ausverkauft. Noch bevor die Begegnung begann, hatten die Fans der Prager aber bereits den Buhmann der Partie ausgemacht – mit ständigen Pfiffen und teilweise vulgären Sprechchören bedachten sie Pilsens Linksverteidiger David Limberský. Und das aus zwei Gründen: Im Hinspiel hatte Limberský mit einer offensichtlichen Schwalbe den fragwürdigen Strafstoß für Pilsen herausgeschunden. Und nach dem Spiel hatte sich der ehemalige Sparta-Spieler noch sehr abfällig über seinen Ex-Verein geäußert. Im Spiel selbst konnte Limberský dann sein Potenzial so gut wie nicht abrufen. Nach dem Match versuchte er seine Verunsicherung zu überspielen:

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„Natürlich habe ich die Reaktionen des Prager Publikums wahrgenommen. Auf der anderen Seite denke ich, dass mich das nicht aus der Bahn geworfen hat. In der Champions League und mit der Nationalmannschaft bei der EM-Endrunde habe ich weitaus größeren Druck verspürt. Sicher, niemand hat mich ausgepfiffen, aber vor allem nach der Niederlage gegen Russland war der Druck enorm. Ich habe also schon Spiele bestritten, die noch viel stärker an die Nerven gingen.“

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Wie Limberský blieben am Samstag aber auch seine Teamkollegen hinter den Erwartungen zurück, so dass man beim Abpfiff dieses Fazit ziehen konnte:

„1:0 für Sparta Prag in einem umkämpften Spitzenspiel, das aber nur phasenweise einige starke Momente aufwies. Pilsen hat nicht überzeugt und Sparta hat sich ab und an selbst das Leben etwas schwer gemacht. Aber die Gastgeber waren die läuferisch stärkere und leidenschaftlicher agierende Mannschaft, die den Sieg mehr wollte. Deshalb ist er auch verdient.“

Pavel Vrba (Foto: Archiv FC Viktoria Pilsen)
Sparta Prag hat also diesmal den Spieß umdrehen können und nun seinerseits das Heimspiel mit 1:0 gewonnen. Ein Resultat, mit dem Pilsens Trainer Pavel Vrba angesichts der Tabellenkonstellation noch ganz gut leben konnte:

„Für uns ist das Ergebnis überhaupt nicht positiv. Wenn wir aber mit zwei Toren Differenz verloren hätten, wäre das viel schlechter, denn bei Punktgleichheit entscheidet in der Endabrechnung der direkte Vergleich. Das wussten meine Spieler auch während der Partie. Damit will ich aber nicht sagen, dass wir nach dem Rückstand das 0:1 nur noch verteidigt haben.“

Über den knappen Sieg freute sich indes Spartas Kapitän Marek Matějovský. Mit Blick auf die Tabelle konnte er sich jedoch nicht verkneifen, noch einmal Vergangenes aufzuwühlen:

Vítězslav Lavička (Foto: ČTK)
„In diesem Moment muss ich einfach an das Hinspiel im vergangenen Herbst denken. Wäre es 0:0 ausgegangen, hätte uns das sehr weitergeholfen. Wir werden sehen, wie die Saison am Ende ausgeht. Jetzt aber betrachten wir es so, dass wir eigentlich schon an der Spitze stehen müssten.“

Spartas Trainer Vítězslav Lavička hob indes hervor, warum seine Schützlinge im Match wohl etwas motivierter waren als ihre Gegenspieler aus Pilsen:

„Wir wollten uns nicht in die Ecke stellen lassen als diejenigen, die sich benachteiligt fühlen und sich darüber aufregen. Im Gegenteil, unsere Motivation bestand darin, zu zeigen, dass auch wir Fußball spielen können.“

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Auf der Pressekonferenz nach dem Abpfiff äußerte sich Lavička zudem sehr zufrieden über die sportliche Fairness, die das Spitzenspiel diesmal hatte:

„Ich bin froh, dass es während des Spiels keine einzige strittige Szene gegeben hat. Dazu hat auch der Schiedsrichter beigetragen, der die Begegnung weitgehend laufen ließ und dabei viel Fingerspitzengefühl zeigte. In den Situationen, in denen es etwas härter zuging, schritt er aber sofort ein.“

Resümierend fügte Lavička schließlich an:

FC Baumit Jablonec nad Nisou (Foto: ČTK)
„Wir sind froh, dass wir nach Punkten zu Pilsen aufgeschlossen haben. Aber wir sind uns auch bewusst, dass noch weitere, sehr schwere Spiele auf uns warten.“

Im Endspurt um die diesjährige tschechische Fußball-Meisterschaft stehen noch neun Spieltage aus. Und in der Tat, das Restprogramm hält für die Prager die vermeintlich schwierigeren Prüfungen bereit als für den Widersacher aus Pilsen. Für viel Spannung ist indes reichlich gesorgt, denn neben den beiden Rivalen rechnen sich auch noch Olomouc / Olmütz und Jablonec nad Nisou / Gablonz gewisse Chancen auf den Titelgewinn aus.

Autor: Lothar Martin
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