Serien- und Filmprojekte liegen auf Eis: Auswirkungen des Hollywoodstreiks auf Tschechien

Hollywood

Wenn Hollywood streikt, wird auch in Tschechien nicht gedreht. So in etwa könnte man die Folgen beschreiben, die der Arbeitsausstand der US-amerikanischen Schauspielergewerkschaft SAG (Screen Actors Guild) für einige große Produktionsfirmen hierzulande hat. Filmschaffende vor und besonders hinter den Kameras seien über Nacht arbeitslos geworden, berichten Branchenkenner. Sie rechnen zudem damit, dass der Streik in Hollywood noch Monate dauern könne und damit auch das Geschäft in Tschechien auf Eis liegen werde.

Wer den Namen Hollywood hört, denkt an schwerverdienende Filmstars. Der Großteil der in der Branche Beschäftigten fühlt sich aber unterbezahlt. Darum streiken derzeit sowohl die US-amerikanischen Drehbuchautoren als auch zahlreiche Schauspieler. Deren Gewerkschaftsverband SAG-Aftra hat sich am 14. Juli den Arbeitnehmerorganisationen der schreibenden Zunft angeschlossen. Und diese Entscheidung habe auch einen Effekt auf Tschechien, sagt Jason Pirodsky. Der Autor des Online-Kinomagazins „The Prague Reporter“ erläuterte im Interview mit Radio Prag International:

„Die Auswirkungen waren sofort zu spüren und sind ziemlich verheerend. In Prag liefen gerade Dreharbeiten für drei große internationale Serienproduktionen. Eine davon war ‚The Wheel of Time‘ für die Amazon-Studios. Daran wird auch trotz des Streiks weitergearbeitet und ungeachtet der Tatsache, dass mehrere beteiligte Schauspieler Mitglied bei SAG-Aftra sind. Das läuft also weiter, aber ich bin nicht sicher, ob der Streik die Dreharbeiten nicht doch in gewisser Weise beeinflusst.“

Anders verhalte es sich bei den anderen beiden Großprojekten, fährt Pirodsky fort. Die Arbeiten an den Serien „Interview With a Vampire“ für AMC sowie „Foundation“ für Apple-TV seien unterbrochen.

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Dies bestätigt ein Besuch von Reportern des Tschechischen Rundfunks bei den Prague Studios. In den Filmateliers im Stadtteil Letňany entsteht mittlerweile schon die dritte Staffel der SciFi-Serie „Foundation“, basierend auf einem Werk des Schriftstellers Issac Asimov. Studiodirektor Tomáš Krejčí steht neben einem riesigen Raumschiff. Noch Anfang Juli seien auf dem Gelände täglich 700 bis 800 Menschen unterwegs gewesen, die solche Kulissen gebaut haben…

„Heute stehen wir hier ganz allein und verlassen. Als SAG den Streik ausrief, mussten wir die gesamte Produktion sofort einstellen. Denn bei uns war eine ganze Reihe hervorragender Schauspieler und Schauspielerinnen beschäftigt, die von dieser Organisation in Los Angeles vertreten werden. Weil SAG sich nicht mit der Produzentenvereinigung hatte einigen können, wurde der sofortige Streik beschlossen. Und der reicht eben auch bis nach Tschechien. Schauspieler, die Mitglied von SAG sind, durften von dem einen auf den anderen Tag nicht mehr drehen.“

Foto: Prague Studios

Zwar habe die Möglichkeit des Streiks schon länger in der Luft gelegen, wirft Krejčí ein. Denn schließlich hat es die SAG im Juli nur der Autorengewerkschaft WGA (Writers Guildo f America West) gleichgetan, deren Mitglieder schon seit 2. Mai im Ausstand sind. Trotzdem sei es bei Prague Studios plötzlich hektisch geworden, so der Direktor:

„Es kam leider zu einer Kettenreaktion. Ihre Folgen sind sehr unangenehm für alle Mitarbeiter unseres Filmstabs. Vor dem Streik waren dies etwa 1700 Menschen. Und diese tollen Mitarbeiter musste ich alle entlassen.“

Dreharbeiten über Nacht abgebrochen, ganzer Stab entlassen

In den USA sind es zwei Berufsgruppen, die streiken. In der tschechischen Filmindustrie wirke sich dies allerdings in allen Bereichen aus, betont Journalist Pirodsky:

„Jeder im Produktionsteam ist betroffen. Das entspricht im Prinzip der ganzen Namensliste im Abspann eines Films. Bei diesen großen Serienprojekten stammt die Mehrheit der Beteiligten aus der einheimischen, also der tschechischen Filmindustrie. Das gilt für alle Mitarbeiter etwa im Produktionsdesign, beim Casting und für jeden weiteren Bereich des Drehprozesses. All diese Menschen sind nun arbeitslos. Und weil keine neuen Projekte in Aussicht sind, die diese Großproduktionen ersetzen könnten, haben die Betroffenen Probleme, in ihrer Branche jetzt einen neuen Job zu finden.“

Dies gelte natürlich nicht nur für Tschechien, fügt der Redakteur hinzu. Der Hollywoodstreik habe Auswirkungen überall auf der Welt. Aber vor allem hierzulande würde sich für die Filmschaffenden eine gerade erst überwundene Krisenlage wiederholen. Das mache sie nervös, sagt Pirodsky:

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„Leider kam es in den vergangenen Jahren mehrfach zu solchen Shutdowns. Auch während der Corona-Pandemie wurden große Filmprojekte hierzulande über Nacht unterbrochen, und es hat lange gedauert, bis sie wiederaufgenommen werden konnten.“

Die jetzigen Massenentlassungen bei Prague Studios sind den engen Beziehungen zu Hollywood geschuldet. Es hätten zwar auch andere Produzenten in Tschechien Projekte eingestellt, berichtet Krejčí. Aber Co-Produktionen etwa mit europäischen Ländern könnten hierzulande normal fortgeführt werden:

„Derzeit laufen nur internationale Projekte mit solchen Schauspielern, die Mitglied bei europäischen Gewerkschaften sind, vor allem mit Sitz in London. Wenn ein Kollege also das Glück hat, seine Schauspieler über den britischen Gewerkschaftsverband engagiert zu haben, dann kann er jetzt weiterarbeiten.“

Hauptfeind Streamingdienste

Die Drehbuchautoren und Schauspieler in den USA fordern mit ihrem Streik höhere Honorare, bessere Bedingungen bei Versicherungen oder auch klare Regeln für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz bei Film- und Fernsehproduktionen. Vor allem richten sie sich aber gegen die Praktiken von Streamingdiensten wie Netflix oder Amazon. Serien würden da wie Filme am Stück vorproduziert und alle Folgen auf einmal veröffentlicht, schildert Tomáš Vyskočil von der tschechischen Streamingplattform Filmtoro. Für mögliche Fortsetzungen von Serien würden dann oftmals andere Produktionsfirmen engagiert. Damit sei dem Stab kein regelmäßiges Einkommen gesichert, so der Experte:

„Beim Streik der Schauspieler und Autoren sind die Streamingdienste der Hauptfeind. Die Filmschaffenden fordern die Gebühren für sich ein und wollen ihre Arbeit auch langfristig besser entlohnen lassen. Sie wollen die jetzige Funktionsweise der Plattformen ändern. Selbst wenn die Streamingdienste sich darauf berufen, dass sie derzeit sparen müssen, wird sie der Streik doch einiges an extra Geld kosten.“

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Änderungen seien aber mittlerweile unumgänglich, ist Vyskočil überzeugt. Und tatsächlich haben sich die Streamingdienste laut einer Nachricht vom Mittwoch verpflichtet, der Gewerkschaft WGA künftig regelmäßig ihre Zuschauerstatistiken mitzuteilen. Bisher seien nämlich die Nutzerzahlen ein gut gehütetes Geheimnis der Plattformen gewesen, erläutert Vyskočil:

„Sie wollen natürlich verhindern, dass man ihnen auf die Finger schaut. Dabei geht es nur um Aufträge und Verhandlungstaktiken. Leider beherrschen sie das sehr gut. Und darum wird dies lang und schmerzhaft sein.“

Dass der Streik noch eine ganze Weile dauern wird, glaubt auch Tomáš Krejčí:

„Seitdem der letzte Tarifvertrag zwischen Schauspielern, Drehbuchautoren und Produzenten unterschrieben wurde, sind schon wieder einige Jahre vergangen. Das gesamte Geschäft hat sich in dieser Zeit leider grundlegend geändert. Die verschiedenen Seiten sind mit ihren Anliegen so weit voneinander entfernt, dass es bisher kein Vorankommen gibt. Im Gegenteil, während der Verhandlungen entstanden weitere, teilweise geradezu emotionale Konflikte. Die drei Seiten hängen in ihren Gräben fest.“

Nun scheint aber Bewegung in die Sache zu kommen. Die neueste Nachricht vom Mittwoch besagt nämlich auch, dass die Produzentenvereinigung AMPTP einen neuen Vorschlag gemacht hat, mit dem den Forderungen der Drehbuchautoren entgegengekommen werden soll. Ob dies zu einer baldigen Beendigung des Streiks führt und inwiefern ein Kompromiss ebenfalls für die Schauspieler ausgehandelt wird, bleibt nun abzuwarten. Auch Jason Pirodsky äußert sich nur vorsichtig:

„Positive Prognosen gehen davon aus, dass der Schauspielerstreik in einigen wenigen Monaten beendet wird. Eher pessimistische Schätzungen sehen dies erst im kommenden Jahr. Meiner Meinung nach wird es aber so sein, dass es selbst nach einer Einigung noch eine gewisse Zeit dauern wird, alle Räder wieder in Bewegung zu setzen und die Produktionsteams zurück nach Prag zu bringen. Ich weiß, dass weder die Fans der betroffenen Serien, noch die Mitarbeiter der Drehteams dies hören wollen. Aber es wird mindestens bis kommendes Frühjahr oder auch bis zum Sommer dauern, dass die Filmtätigkeiten in Prag fortgesetzt werden können.“

Autoren: Daniela Honigmann , Ian Willoughby , Martin Hrnčíř , Alžběta Havlová | Quelle: Český rozhlas
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