Kinematografie der ČSSR: Vor 75 Jahren wurde die Filmwirtschaft verstaatlicht

Foto: Gerd Altmann, Pixabay / CC0

Nach dem Kriegsende 1945 war die Filmbranche der erste Wirtschaftsbereich, der in der Tschechoslowakei verstaatlicht wurde. Bis in die 1990er Jahre hinein stand die gesamte Kinematografie unter staatlicher Kontrolle.

Edvard Beneš unterzeichnete das Dekret am 11. August 1945 (Foto: ČT24)

Das Dekret zu den entsprechenden „Maßnahmen im Filmbereich“ unterzeichnete der damalige Präsident Edvard Beneš genau heute vor 75 Jahren, also am 11. August 1945. Die staatliche Kontrolle schrieb vor, dass Privatpersonen Filme weder drehen, noch im Ausland einkaufen und im Inland vertreiben durften. Die Zentralisierung der Kinematographie und ihre Unterordnung unter die politische Führung bereiteten Filmschaffende und Intellektuelle schon in der Zeit der Okkupation vor. Welche Gründe das hatte, erklärt Michal Bregant, Leiter des Nationalen Filmarchivs, in einem Interview für das Tschechische Fernsehen:

„Da spielten die Erfahrungen aus der Vorkriegszeit eine Rolle, die beginnende Kinematografie und die aufkommende internationalen Konkurrenz. Die Filmleute wollten Bedingungen für die Nachkriegszeit schaffen, in denen die Kinematographie eines so kleinen Landes wie der Tschechoslowakei auf internationaler Ebene bestehen könnte.“

Miloš Havel (Foto: Tschechisches Fernsehen)

Der Impuls zur Zentralisierung kam also aus der Branche selbst. Der Produzent Miloš Havel zum Beispiel schlug die Gründung einer Aktiengesellschaft vor, an der der Staat den größten Anteil halten sollte. Das wurde zwar nicht umgesetzt, aber auch mit den letztlich getroffenen Maßnahmen arrangierten sich die Akteure:

„Es gab daraufhin keine starke Emigrationswelle. Die Filmschaffenden hatten das Protektorat überstanden, und so ließ die große Mehrheit von ihnen sich nun auf die Zusammenarbeit mit dem neuen Staat ein. Zum Film hatten sie ein stark emotionales Verhältnis. Sie wollten weiter in diesem Bereich arbeiten, also schafften sie es, sich den Bedingungen anzupassen. Wahrscheinlich hofften sie, dass sich die Situation mit der Zeit so entwickeln würde, dass sie an ihre Aktivitäten der Vorkriegszeit anknüpfen könnten. Das trat aber nicht ein, denn kurz nach der Verstaatlichung kam es zur Monopolisierung im Rahmen der staatlichen kommunistischen Ideologie.“

Michal Bregant (Foto: Martin Melichar, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Nach der Machtübernahme der Kommunisten im Februar 1948 gründete die neue Regierung nämlich ihr eigenes Unternehmen mit dem Namen Československý státní film (Tschechoslowakischer staatlicher Film). Es schloss sämtliche Aktivitäten im Filmbereich ein und bestimmte die inhaltliche Ausrichtung, erklärt Bregant weiter:

„Anders als auf Bestellung konnte man damals nicht drehen. Es gab dramaturgische Pläne, das heißt die Barrandov-Studios in Prag oder die Gottwald-Studios in Zlín waren den Vorgaben des Politapparates unterstellt. Wenn also entschieden wurde, dass mehrere Filme im Arbeiter- oder Gewerkschaftsmilieu gedreht werden, gab es dazu einen dramaturgischen Plan und die Drehbücher wurden angepasst, damit der Plan erfüllt wurde.“

Streifen „Die stolze Prinzessin“

In der Zeit der Zentralisierung entstanden zahlreiche tschechische Filmklassiker. Alte Schwarzweißstreifen und vor allem Märchen erfreuen sich bis heute beim einheimischen Publikum nicht nur großer Beliebtheit. Oft lösen sie auch nostalgische Reaktionen aus, denen Michal Bregant indes entgegensetzt:

„Wir sollten nicht glauben, dass früher alle Filme toll waren und heute nichts Gutes mehr gedreht wird. Es ist die Optik alter Filme, die die Qualität neuerer Werke etwas überschattet. Das ist vor allem eine Frage der Gewohnheit, denn wir sind mit diesem Filmen aufgewachsen. Andere Filme, die heute nicht mehr so häufig gezeigt werden, könnten für die Zuschauer echte Entdeckungen sein. Auch in ihnen finden wir gut erzählte Geschichten.“

Film „Die schwarzen Barone“ (Foto: Tschechisches Fernsehen)

Das Staatsmonopol im Filmbereich galt offiziell noch vier Jahre nach der Samtenen Revolution vom November 1989. Die Filmschaffenden beachteten es in der Zeit aber schon nicht mehr. Bereits 1991 gab es mit „Tankový prapor“ (Das Panzerbataillon) die erste Produktion aus privater Hand. Der letzte staatlich produzierte Film war „Černí baroni“ (Die schwarzen Barone) aus dem Jahr 1992.

Filme aus der Zeit der Zentralisierung haben jedenfalls noch heute Einfluss auf das moderne tschechische Filmschaffen. Der Staat hat sich freilich aus der Branche nicht komplett zurückgezogen. Geld aus öffentlichen Vorführungen fließt heute nämlich in den staatlichen Fond zur Unterstützung und Entwicklung der tschechischen Kinematografie.