Stift Vyšší Brod: Madonnen, Paradiesgarten und Rokoko-Bibliothek

Stift Vyšší Brod (Foto: Martina Schneibergová)

Derzeit läuft die Landesausstellung von Oberösterreich und Südböhmen, sie wird in vier Gemeinden auf beiden Seiten der Grenze präsentiert. In Südböhmen sind Ausstellungen in Český Krumlov / Krumlov und in Vyšší Brod / Hohenfurth zu sehen. In der Zisterzienserabtei in Vyšší Brod gilt als Höhepunkt ein einzigartiger mittelalterlicher Reliquienschrein – das Zawisch-Kreuz. Vor zwei Wochen haben wir Sie bereits bei einer Führung durch das Kloster über dieses wertvolle Exponat und seine Geschichte informiert.

Stift Vyšší Brod (Foto: Martina Schneibergová)
Die Führung durch die Zisterzienserabtei Vyšší Brod beginnt in den gotischen Kellern des Klosters, die aus zwei Stockwerken bestehen. Ursprünglich wurden dort Lebensmittel aufbewahrt. Im unteren Keller lagerte das Bier, das einst im Kloster gebraut wurde. Im oberen Keller befinden sich derzeit für die Ausstellung mehrere Schautafeln zum Zawisch-Kreuz. Der Reliquienschrein selbst ist im Oratorium der Stiftskirche ausgestellt. Im unteren Keller werden die Resultate von Untersuchungen über die Gruft der Rosenberger vorgestellt. Die Rosenberger waren bis ins 17. Jahrhundert eines der reichsten Adelsgeschlechter des Landes, sie hatten ihren Sitz in Südböhmen und Hohenfurth war ihr Hauskloster. Der Kurator der Landesausstellung in Vyšší Brod, Jiří Franc, über die Untersuchungen der Rosenberger-Gruft:

Klostermuseum (Foto: Archiv der Zisterzienserabtei in Vyšší Brod)
„Man hat eine kleine Kamera in die Gruft hineingelassen und so viele interessante Bilder gemacht, die wir jetzt bei der Landesausstellung zeigen können. Wir stellen auch dar, wie die Rosenberger Gruft überhaupt gefunden wurde. Seit der früheren Neuzeit wurde erzählt, dass die Rosenberger in der Gruft auf goldenen Sesseln sitzen und sich beraten würden, was mit dem Kloster und dem Dominium, sprich den Herrschaftsgebieten, passieren solle. Die Ergebnisse der Untersuchung waren daher sehr überraschend, denn die Rosenberger sind sehr schlicht und einfach bestattet worden. Die Leichen haben sich in der Familiengruft im Laufe der Jahrhunderte immer mehr übereinander gestapelt. Erst die letzte Ruhestätte für den letzten Rosenberger, Petr Vok, der am 6. November 1611 starb, wurde etwas repräsentativer gestaltet. Es stehen zwei wunderschöne Zinnsärge in der Gruft, und durch dieses letzte Begräbnis war die Rosenberger Nekropole dann voll. Das Geschlecht ist mit Petr Vok aber ohnehin ausgestorben. Wir haben hier die einzelnen Details des wunderschönen Sarkophags abgebildet, mit dem Kruzifix und vor allem mit dem Rosenberger Wappen.“

Foto: Archiv der Zisterzienserabtei in Vyšší Brod
Aus den gotischen Kellern geht es über den Klosterhof weiter in die Kirche.

Laut dem Kurator bietet die Landesausstellung ein doppeltes Erlebnis: Einerseits werden Kunstschätze gezeigt, andererseits lassen sich die gotischen Räumlichkeiten besichtigen. Vor allem der Innenraum der Abteikirche wurde anlässlich der Landesausstellung komplett renoviert, erzählt Jiří Franc:

„Wir stehen hier jetzt direkt im Querschiff. Der Grundriss der Kirche ist ein lateinisches Kreuz. Der ursprüngliche mittelalterliche Charakter ist nur noch teilweise vorhanden. Im 19. Jahrhundert wurde das Kloster Hohenfurth weitgehend im neugotischen Stil umgebaut, und in diesem Stil wurde auch die Kirche restauriert. Man kann die wunderschön gelungene Marmorierung der Säulen sehen, die damals sehr repräsentativ war. Genauso wie die herrlichen Verglasungen, die hier erhalten sind und zum Beispiel die Legende vom heiligen Johannes von Nepomuk zeigen. Es waren hier sehr viele Künstler und Architekten aus Österreich tätig. Auch die Vitragen sind ein Austriakum, da sie aus Innsbruck stammen. Sie wurden vom damaligen Abt Leopold Vačkář bestellt. Er war der Generalabt des Zisterzienserordens und residierte in Hohenfurth, von hier aus leitete er auch alle weiteren Zisterzienserklöster.“

Kapitelsaal (Foto: Archiv der Zisterzienserabtei in Vyšší Brod)
Die Wendeltreppe im gotischen Turm führt zum Rosenberger Oratorium. Dieses wurde speziell für die Ausstellung des Zawisch-Kreuzes umgebaut und neu gestaltet. In diesem Oratorium haben die Mitglieder der Adelsfamilie den Messen beigewohnt, wenn sie Hohenfurth besuchten. Das Zawisch-Kreuz steht mitten im Oratorium in einer Glasvitrine, so kann man es von allen Seiten besichtigen.

Anlässlich der Landesausstellung sind einige gotische Räumlichkeiten, die zuvor verschlossen waren, wieder für die Besucher zugänglich. Dazu gehören der Kreuzgang und vor allem der berühmte Kapitelsaal.

„Das gesamte Gewölbe beruht auf einer einzigen Mittelsäule. Dieses dreistrahlige Gewölbe in vier Jochen ist wirklich etwas Einzigartiges, da es in Europa nur noch ein weiteres Beispiel aus dieser Zeit gibt. Der Saal ist einer der ältesten Teile des Klosters, frühgotisch, und ein Beweis dafür, wie unheimlich modern die Zisterzienser als größte Bauherren des Mittelalters waren. In diesem Stil hat dann erst 100 Jahre später Peter Parler in Prag gebaut.“

Kreuzgang (Foto: Archiv der Zisterzienserabtei in Vyšší Brod)
Im Kreuzgang sind Plastiken ausgestellt, die aus verschwundenen Kirchen stammen. Nach der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung ab 1945 und nach der Entstehung des Eisernen Vorhangs wurden viele Dörfer im Grenzgebiet geschleift. Ein paar Statuen, die aus Kirchen gerettet wurden, sind im Kreuzgang als Zeugnisse der Zerstörung zu besichtigen. Anlässlich der Landesausstellung wurde zudem der Paradiesgarten des Stiftes zugänglich gemacht. Er sei im Rahmen eines gemeinsamen Projektes der Rotary-Klubs von den beiden Seiten der Grenze in Stand gesetzt worden, erzählt der Kurator:

„Die Wege und die Beete sind neu angelegt, auf den Rasenflächen und Wiesen wächst alles, zum Beispiel auch Löwenzahn. Das ist mit Absicht so, da wir nicht einen übertrieben gepflegten Garten haben wollten wie in einem Schloss, denn der Paradiesgarten ist das Abbild der Natur. Die Zisterzienser sind auch deshalb so wichtig gewesen, weil sie den Landschaften Europas sehr viel Spiritualität verliehen haben. Diese Kultivierung und Verchristlichung der Erde Europas gehört zu den großen Verdiensten der Zisterzienser. Die Benediktiner haben durch die regelmäßige Wiederholung der Gebete die Zeit rhythmisiert, und die Zisterzienser haben diese Tradition übernommen, aber sie dadurch reformiert, dass sie die Arbeit einführten. Die Verbundenheit mit der Erde und ihrer Geheimnisse spielt bei den Zisterziensern eine sehr wichtige Rolle. Der Paradiesgarten ist ein Symbol dafür und natürlich auf für das Paradies.“

Foto: Martina Schneibergová
Aus dem Paradiesgarten geht es wieder zurück ins Kloster, in die neu gestaltete Galerie gotischer Kunst. Die wertvollsten Werke dort werden erstmals nach vielen Jahrzehnten wieder gezeigt. Sie waren zuvor verstreut an anderen Orten. Denn während des Zweiten Weltkriegs lösten die Nazis die Klostergemeinschaft auf und schafften die Kunstgegenstände des Stifts weg. Stattdessen gelangten andere Kunstwerke ins Kloster. Die Bibliothek, die Gemäldegalerie sowie der Kreuzgang waren damals voll von wertvollsten Kulturgütern aus ganz Europa. Als die Amerikaner im Mai 1945 kamen, wurde die Nazi-Sammlung nach München transportiert. Stattdessen kehrten einige ursprüngliche Kunststücke wieder nach Vyšší Brod zurück, darunter auch das Zawisch-Kreuz, das in Österreich gelagert war. Als die Klostergemeinschaft erneut aufgelöst wurde – diesmal vom kommunistischen Regime – gelangten alle Kunstgegenstände in die Prager Nationalgalerie und in andere staatliche Museen. Jiří Franc beschreibt einige der interessantesten Stücke, die nun zu sehen sind:

Hohenfurther Madonna (Foto: Archiv der Zisterzienserabtei in Vyšší Brod)
„Zum Beispiel gibt es hier ‚Die Kreuzigung von Hohenfurth’, welches höchstwahrscheinlich eines der Frühwerke des Wittingauer Meisters ist. Er war die erste große Persönlichkeit des schönen Stils in Böhmen, aber auch überhaupt in Mitteleuropa. Die Farbgebung ist sehr expressiv und modern. Natürlich besteht auch eine Sammlung von Madonnenbildern, zum Beispiel die Goldenkronenmadonna und die Hohenfurther Madonna. Man sieht ‚Die Entschlafung Mariens’ nach dem Vorbild des Meisters des Altars aus Kefermarkt. Hier kann man also einfach genießen, Bilder anschauen und im Katalog nachlesen.“

Von der gotischen Galerie geht es weiter in die Gemäldegalerie – die Rosenberger Galerie. Die Führung durch die Abtei endet in der Klosterbibliothek. Der Kurator:



Theologischer Saal (Foto: Archiv der Zisterzienserabtei in Vyšší Brod)
„Der Gründer dieser Bibliothek hat eine fünfbändige lateinische Enzyklopädie verfasst. Sein Porträt hängt direkt über dem Eingang. Quirin Mickl hat am Bernardinum in Prag gelehrt, und es wird erzählt, dass er 35 Sprachen und Dialekte beherrscht haben soll. Diese Prachtbilbiothek hat er im repräsentativen Stil ausstatten lassen, es ist die drittgrößte Klosterbibliothek in der Tschechischen Republik. Sehr viele Kunsthistoriker sagen aber, dass es die Schönste sei, weil sie nicht im Barock, sondern im heiteren Rokokostil gestaltet wurde. Die Optik der Bücher ist auch einmalig, da sie speziell für Hohenfurth entweder einheitlich vergoldet oder in Schweinsleder gebunden sind. Deshalb macht das auch so einen einheitlichen Eindruck. Hohenfurth hat noch sehr viel zu bieten, und wir möchten natürlich alle zur Landesausstellung einladen, aber auch zu den weiteren Ausstellungen, die hoffentlich bald folgen werden.“

Die Landesausstellung in der Abtei Vyšší Brod ist noch bis zum 3. November zu sehen.

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