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16) Bohumil Hrabal: Allzu laute Einsamkeit

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Der Schriftsteller Bohumil Hrabal gehört zu den Klassikern der tschechischen Literatur. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt.

„Fünfunddreißig Jahre arbeite ich in Altpapier, und das ist meine Lovestory. Fünfunddreißig Jahre presse ich Altpapier und Bücher, fünfunddreißig Jahre beschmutze ich mich mit Lettern und bin fast schon wie die Enzyklopädien, von denen ich während dieser Zeit an die dreißig Tonnen zerpresst habe.“
Bohumil Hrabal

Quelle: Suhrkamp Verlag

Mit diesen Sätzen beginnt die Geschichte von Haňťa . Der ältere Mann arbeitet in einer Annahmestelle für sekundäre Rohstoffe, inmitten der sozialistischen Tristesse der Stadt Prag. Haňťa  ist der Protagonist und gleichzeitig der Ich-Erzähler in „Allzu laute Einsamkeit“. Der Roman ist eines der bekanntesten Werke von Bohumil Hrabal. Die Hauptfigur hat ihr Vorbild in Hrabals eigenem Leben. Der Autor arbeitete in den 1950er Jahren im Prager Stadtzentrum in einer solchen Annahmestelle.

„Haňťa  war Hrabals Kollege. Der Mann hieß Jindřich Pojkrt, er wurde auch Heinrich Hajný oder kurz Haňťa  genannt. Das sind sozusagen die Wurzeln der Figur. Aber das ist nicht alles. Ab einem gewissen Moment projiziert sich Hrabal selbst in Haňťa . Das Werk ist in mancher Hinsicht autobiografisch. Haňťa  erzählt seine Lebensgeschichte, die ziemlich lang ist. Der Bogen seiner Erzählung spannt sich über 35 Jahre seines Lebens, an das er sich erinnert.“

Jiří Pelán (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International)

Soweit Jiří Pelán. Er ist Literaturhistoriker an der Karlsuniversität in Prag und Autor einer Monographie über Bohumil Hrabal. Der Schriftsteller habe einen Sinn für hyperbolische Erzählung, betont er:

„Er erzählt sehr expressiv und übertreibt gerne. Jeder Forscher, der sich mit dem Werk Hrabals beschäftigt und fragt, ob eine Figur ein Vorbild hat oder ob die Geschichte auf Tatsachen basiert, erfährt dann, dass praktisch alles zu Hrabals Autobiografie gehört.“

Fünfunddreißig Jahre in Altpapier

Philippe Noiret als Haňťa im Streifen „Allzu laute Einsamkeit“ (Foto: Tschechisches Fernsehen)

Haňťa  lebt das Leben eines Einsiedlers. Die Einsamkeit teilt er sich mit Mäusen, Ratten und Fleischfliegen. Nur ab und zu wird er von einem anderen Menschen in seinem Alleinsein gestört. Dafür bekommt er Besuch von etlichen Geistesgrößen, zum Beispiel von Laozi oder Jesus Christus. Und Haňťa s leicht betrunkener Monolog verbindet sich in schier endlos scheinenden Sätzen mit Visionen und philosophischen Überlegungen:

Bohumil Hrabal (Foto: Archiv des Nationalmuseums für Fotografie)

„Hrabal war ein Intellektueller. Dies lässt sich nicht auf den ersten Blick erkennen, vor allem in seiner ersten Schaffensperiode, in der er seine Bafler-Erzählungen schrieb. Da schien er den Erzählstrom nur aufgeschnappt und gar nicht literarisch gefiltert zu haben. Das war aber nicht der Fall. Eben in der Zeit, als er seine ersten Erzählungen schrieb, war er ein starker Leser. Um sein 20. Lebensjahr herum hatte er in seinem mentalen Archiv sozusagen eine Bibliothek angesammelt, aus der er dann schöpfte. Zu dieser gehörten damals Schopenhauer, Hašek, Tschechow oder Isaac Babel. Das war die Lektüre in Hrabals Jugendjahren, und er blieb diesen Autoren überwiegend treu. Ich habe den Eindruck, dass Hrabal später nicht mehr gelesen hat. Das Schreiben war für ihn wichtiger als das Lesen. Es war aber nicht nur Schreiben an sich, sondern er wollte damit ein Zeugnis ablegen.“

Haňťa im Puppenfilm „Allzu laute Einsamkeit“

Neben Altpapier muss Haňťa auch Bücher pressen, die von den kommunistischen Machthabern verboten wurden. Die Aufgabe geht er mit Liebe und Sorgfalt an – und rettet die kostbarsten Exemplare vor der Vernichtung. Doch wie lange wird das noch der Fall sein? Mit Schrecken nimmt Haňťa  zur Kenntnis, dass leistungsstärkere Papierpressen gesamte Auflagen der unerwünschten Bücher zerstören können. Die Bediener der neuen Maschinen sollen sich mit der „Schundliteratur“ nicht mehr die Finger schmutzig machen oder ihren Geist verderben.

Drei Versionen

Bohumil Hrabal (Foto: Dániel Kertész, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.5)

Bohumil Hrabal hat die „Allzu laute Einsamkeit“ gleich in drei Versionen geschrieben.

„Hrabal war sehr experimentierfreudig. Das muss man vorausschickend sagen. Er suchte immer wieder nach neuen Formen für seinen Ausdruck und nach idealen Formen für den Inhalt. ‚Allzu laute Einsamkeit‘ ist ein einzigartiger Beleg dieser Suche. In diesem Fall schrieb er in kurzer Abfolge praktisch drei Versionen. Alle sind interessant. Die erste wurde sogar in Versen geschrieben. Später meinte Hrabal aber, dass die Geschichte beeindruckender sei, wenn er sie in Prosa erzähle, und er schrieb sie um. Der Autor nutzte dabei das allgemeine umgangssprachliche Tschechisch. Aber auch damit war er nicht zufrieden. Hrabal kam zum Schluss, dass das, was dort erzählt wird und eigentlich sehr peinigend ist, gelehrter wirkt, wenn die formale Ebene des Texts viel strikter ist. Deswegen schrieb er den Text noch einmal in die Hochsprache um. Alle Texte hat er aber einheitlich datiert, das ist sehr interessant. Sie tragen das Datum Juni 1976.“

Quelle: Suhrkamp Verlag

Immer wieder porträtierte Bohumil Hrabal in seinen Büchern Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben. Zu ihnen zählen auch Intellektuelle, die beim Regime in Ungnade gefallen waren. Haňťa , eigentlich nie ganz nüchtern, arbeitet gegen seinen Willen für die Altstoff-Sammlung. Er gehört zu jenen Charakteren Hrabals, die zwar ein reiches Innenleben haben, aber weder über materiellen Reichtum verfügen, noch eine hohe soziale Stellung haben.

Für die amüsante Erzählweise erfand Hrabal ein neues Wort „Bafeln“ – tschechisch „pábit“. In der „Allzu lauten Einsamkeit“ knüpfte er an die früheren Bafler-Erzählungen an. Trotzdem unterscheide sich der Text aber wesentlich von ihnen, so Literaturhistoriker Pelán:

Bohumil Hrabal (Foto: Dániel Kertész, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.5)

„Nehmen sie die Poetik der ersten Bücher, der Bafler-Erzählungen, die das Bild Hrabals sehr lange prägten. In diesen Prosatexten findet man eine unproblematische Akzeptanz des Lebens. Obwohl es nicht einfach sei, müsse man das Leben führen und darin die verborgene Schönheit und die verborgenen Werte suchen. Das Leben müsse in Gemeinsamkeit gelebt werden, was Hrabals Figuren auch tun. Seine Bafler sprechen und erzählen ununterbrochen. Er verkettet unglaubliche Reihen von Geschichten.“

Der Himmel ist nicht human

Doch in der ‚Allzu lauten Einsamkeit‘ scheint es, als ob alle Charakteristiken ein Minuszeichen bekommen hätten, betont der Literaturwissenschaftler:

Film „Allzu laute Einsamkeit“ (Foto: Tschechisches Fernsehen)

„Früher wurden die Welt und die Menschen mit Staunen und Begeisterung betrachtet. In diesem Buch ist es ganz anders: Der Blick auf die Welt führt zu einem schweren Kater. Die Figuren der ersten Prosastücke vereinigen sich, hingegen lebt Haňťa  in einer kennzeichnenden Einsamkeit. Die frühen Prosastücke sind voll von authentischem Humor, bei Haňťa  ist überhaupt nichts zum Lachen. In der frühen Poetik schaut man auf die Welt, ohne sie zu beurteilen. Niemand fragt dort, ob der Mensch gut oder böse, klug oder dumm ist. Die ‚Allzu laute Einsamkeit‘ ist sozusagen eine Kritik an dem früheren Konzept. Die philosophische Dimension ist im Buch ganz offensichtlich. Es werden ernsthafte Fragen gestellt, die eindeutige Antworten erfordern. Der Himmel ist nicht human – das ist das Leitmotiv dieses Buches. Aber wenn der Himmel nicht human ist, wie soll sich der Mensch verhalten? Das ist wohl der tiefste Paradox bei Hrabal: Einerseits die Beobachtung ohne jegliches Beurteilungsprinzip, andererseits eine Metaphysik – eine philosophische Perspektive, die eine verbindliche ethische Dimension in sich trägt.“

Bohumil-Hrabal-Bank in Nymburk (Foto: Petr1888, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Bohumil Hrabal hatte ein abgeschlossenes Jura-Studium und übte in seinem Leben viele Berufe aus. Das Schreiben machte Hrabal erst 1963 zum Beruf – ein Jahr vor seinem 50. Geburtstag. In den 1970er Jahren stand er vorübergehend auf dem Index. 1976 wurde sein Publikationsverbot aufgehoben, als Hrabal einen selbstkritischen Artikel in der Presse veröffentlichte. Seine Bücher konnten nun stark zensiert in den Staatsverlagen erscheinen.

Dieser Artikel eröffnete dem Schriftsteller Bohumil Hrabal Mitte der 1970er Jahre die Möglichkeit, wieder publizieren zu können (Foto: Archiv der Stadtbibliothek Nymburk)

„Hrabal hat die Jahre des Verbots offensichtlich sehr schwer ertragen. Vor allem fehlten ihm in jener Zeit die Leser. Diese brauchte er. Später versuchte er daher, zu den Lesern zurückzukehren. Das bedeutete, dass er eine gewisse Selbstkritik üben musste. Die Art und Weise, wie er das tat, finde ich nicht würdelos – obwohl er gewisse Formulierungen gebrauchte, die wohl zu weit gehen. Die Frage ist, ob Hrabal den Text wirklich selbst so formuliert hat. Denn bekannt ist, dass sein selbstkritischer Text überarbeitet wurde. Der Artikel eröffnete ihm Mitte der 1970er Jahre die Möglichkeit, wieder publizieren zu können. Dennoch schloss man ihn weiter aus dem Literaturbetrieb aus. Der Roman ‚Allzu laute Einsamkeit‘ wurde erst Ende der 1980er Jahre veröffentlicht.“