Wien unterstützt umstrittenen Umzug des Brünner Bahnhofs

Gerade erst haben alle Zeitungen über die Eröffnung des neuen Berliner Hauptbahnhofes berichtet - da ist aus Brünn von einem Prestigeprojekt ähnlichen Ranges zu hören: Auch die mährische Metropole will bis 2015 einen neuen, schicken Bahnhof bauen. Am Dienstag wurde deshalb ein Memorandum unterzeichnet, in dem die Partnerstadt Wien ihre Unterstützung für den neuen Bahnhof zusagt. Was hinter dieser Freundschaftsgeste steckt und was es mit dem Brünner Bahnhof auf sich hat, erfahren Sie von Anneke Hudalla.

Die Zeiten, da in Böhmen alle Züge nach Wien fuhren, sind lange vorbei. Ziemlich viele Züge sind es aber immer noch, die sich täglich von Prag nach Brünn und Wien Südbahnhof quälen. Quälen ist der richtige Ausdruck - denn wer je auf dieser Strecke gefahren ist, der weiß, wie unerfreulich die ständigen Zugverspätungen sind. Doch das soll sich bald ändern. Sowohl Brünn als auch Wien wollen in den kommenden Jahren Millionen Euro in neue Bahnhöfe investieren - und haben diese Absicht am Dienstag in einem gemeinsamen Memorandum bekräftigt.

"Die beiden Städte haben sich mit der Unterzeichnung des Memorandums ihrer gegenseitigen Unterstützung für ihre Projekte versichert. Für Wien geht es dabei um das Projekt Wien Hauptbahnhof - Europa Mitte, für Brünn um das Projekt Europoint. Die Vertreter der beiden Städte werden sich nun gemeinsam um Gelder aus der EU bemühen und sich zusammen über die Möglichkeiten dabei informieren",

sagt Pavel Zara, der Pressesprecher der Stadtverwaltung Brünn. Und auf den ersten Blick erscheint diese enge Kooperation tatsächlich einleuchtend: Die beiden Städte liegen im selben europäischen Verkehrskorridor. Art und Umfang der Bauvorhaben sind ähnlich. So soll in beiden Städten nicht nur ein leistungsfähiger Bahnhof entstehen. Zugleich sind an der Stelle der alten Gleisanlagen ganz neue Stadtviertel mit Wohnungen, Geschäften und Büros geplant. Und doch gibt es einen wichtigen Unterschied: Während in Wien breite Einigkeit über den neuen Bahnhof herrscht, tobt in Brünn seit Jahren ein heftiger Streit. Denn im Zuge des Neubaus will die Stadtführung den Bahnhof um 700 Meter nach Süden verlegen. Eine Katastrophe für die Infrastruktur der Stadt, meint Svatopluk Bartosik von der Vereinigung "Bahnhof im Zentrum":

"Das Hauptargument gegen eine Verlegung des Bahnhofs ist, dass sie die Verkehrsanbindung der Stadt erheblich verschlechtert, und das nicht nur mit Blick auf die Bahn. Die Verlegung des Bahnhofs zerstört den in Brünn einmaligen öffentlichen Nahverkehr. Derzeit fahren acht von insgesamt 13 Trambahnlinien zum Bahnhof, der neue Bahnhof wird nur von zwei Linien bedient. Wenn die Stadt noch mehr Verbindungen schaffen will, muss sie sich in Schulden stürzen - und es ist auch technisch gar nicht möglich."

In einem Referendum haben sich im Oktober 2004 knapp 70 000 Einwohner gegen eine Verlegung des Bahnhofs ausgesprochen. Doch obwohl die Zahl der Neubau-Kritiker damit größer ist als die Zahl der Stimmen, die die derzeitige Stadtregierung bei den letzten Kommunalwahlen erhalten hat, wurde das Ergebnis des Referendums ignoriert. Und obwohl dieser Tage die ersten Arbeiten für den neuen Bahnhof beginnen sollten, tut sich bislang noch nichts.

"Ich persönlich vermute, dass die Unterzeichnung des Memorandums für Brünn vor allem dazu dient, die riesigen Mängel des Projekts zu vertuschen und zu verschleiern, dass es bisher nicht gelungen ist, sämtliche Voraussetzungen für den Baubeginn zu schaffen - und vor allem Geld von der EU aufzutreiben", meint Svatopluk Bartosik. Ob er mit dieser Einschätzung richtig liegt, werden die nächsten Monate zeigen.