„Wohnen lernen“ von Adolf Loos

Adolf Loos
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Adolf Loos gilt als ein wichtiger Pionier der europäischen Architektur der Moderne. Er hat vor allem in Wien Anerkennung gefunden. Zu seinen bekanntesten Werken gehören das Haus Steiner und das Geschäftshaus Goldman & Saatsch in Wien. Aber auch in Böhmen und Mähren, besonders in Prag, Plzeň / Pilsen sowie in seiner Geburtsstadt Brno / Brünn hat Loos viele Werke hinterlassen. „Wohnen lernen“ ist der Titel eines Aufsatzes von ihm über das moderne Wohnen. Diesen Titel hat sich auch die Ausstellung ausgeliehen, die zurzeit im Österreichischen Kulturforum am Jungmann-Platz in Prag zu sehen ist. Radio Prag hat anlässlich der Eröffnung mit der Leiterin des Österreichischen Kulturforums in Prag, Natascha Grilj, und mit der Kuratorin Maria Szadkowska gesprochen. Hören Sie eine neue Ausgabe unseres Kultursalons.

Adolf Loos
Im Österreichischen Kulturforum in Prag wird eine Ausstellung über Adolf Loos eröffnet. Frau Grilj, warum haben Sie sich gerade für diese Ausstellung in dieser Zeit entschieden?

„Es gibt einige Gründe. Erstens Adolf Loos ist eine herausragende Persönlichkeit der architektonischen Moderne. Zweitens feiern wir heuer den 80. Todestag von Adolf Loos. Und drittens gibt es natürlich einen starken Tschechien-Bezug. Adolf Loos ist in Brünn geboren, er hat die Gewerbeschule in Liberec besucht, viele seiner Werke stehen hier in Tschechien. Das heißt, die Tschechen lieben ihn auch, wir wissen es. Und wir rechnen damit, dass wir mit dieser Ausstellung sehr viele Besucher haben werden - Prager und Tschechen aus anderen Städten sowie auch Touristen. Die Ausstellung dauert bis 19. September, das heißt wir decken den ganzen Sommer ab und hoffen auf sehr viele Gäste. Wir möchten zeigen, wie toll, wie positiv, wie wunderbar unser gemeinsames Erbe ist. Das ist das Verbindende zwischen unseren Völkern.“

Natascha Grilj mit Markéta Kachlíková (Foto: Österreichisches Kulturforum)
Sie erwähnen den Starken Tschechien-Bezug von Adolf Loos. Ist eben diesem Thema eine besondere Aufmerksamkeit in der Ausstellung gewidmet, oder stellen Sie seine Persönlichkeit als Ganzes vor?

„Wir präsentieren in erster Linie seinen Bezug zu Tschechien. Die Fotos zeigen hauptsächlich Werke in Tschechien, vor allem in Prag und in Pilsen. Natürlich stellen wir auch seine Persönlichkeit, sein großartiges, geniales Konzept dar und seine wunderbaren Einrichtungen, aber in erster Linie möchten wir zeigen, was Adolf Loos in Tschechien geschaffen hat. Die Sachen sind noch alle hier, sie können zum Teil besichtigt werden. Falls die Menschen zuerst die Ausstellung besuchen, sollen sie angeregt werden, sich auch seine Bauten wie die Villa Müller anzuschauen. Oder umgekehrt: zuerst die Villa Müller und dann die Ausstellung bei uns.“

Villa Müller (Foto: Archiv des Museums der Haupstadt Prag)
Die Ausstellung wurde nicht nur vom Österreichischen Kulturforum vorbereitet. Mit wem haben Sie zusammengearbeitet?

„Wir haben für diese Ausstellung mit dem Museum für die Hauptstadt Prag zusammengearbeitet. Wir hatten eine wunderbare Zusammenarbeit mit der Direktorin Zuzana Strnadová und mit der Kuratorin Maria Szadkowska. Sie ist eine große Spezialistin, sie weiß sehr viel von Loos, sie hat sich auch in den letzten Jahren mit Loos beschäftigt. Ich finde, die Zusammenarbeit mit diesem Museum hat sich sehr bewährt, und wir sind überglücklich darüber.“

Maria Szadkowska mit Markéta Kachlíková (Foto: Österreichisches Kulturforum)
Soweit die Leiterin des Österreichischen Kulturforums in Prag, Natascha Grilj. Das Konzept der Ausstellung erstellt hat die Kuratorin Maria Szadkowska. Ihr zufolge ist es durch zwei Ideen geprägt:

„Wir wollten die Philosophie und Idee des Wiener Architekten Adolf Loos zum Ausdruck bringen. Er hat sich selbst nicht als Architekt, sondern als Handwerker und Lehrer des Wohnens gesehen. Dies hängt mit seinen Aufenthalt in den USA zusammen: Er lernte dort kennen, wie sich die Kultur der neu entstehenden amerikanischen Gesellschaft von der Kultur im konservativen Wien unterscheidet. Unmittelbar nach seiner Rückkehr wollte er durch Aufsätze und Vorträge die Gesellschaft in Wien davon überzeugen, dass es nicht wichtig ist, Häuser mit Ornamenten zu schmücken. Er wollte lehren, modern und bequem zu wohnen und sich von den Wohnbedürfnissen leiten zu lassen. Im konservativen Wien sind seiner Meinung nach Potemkinsche Dörfer entstanden. Die von außen prächtige Fassade verberge etwas, was nicht funktioniere.“

Villa Müller (Foto: Free Domain)
Die Ausstellung nimmt zwei Säle des Österreichischen Kulturforums in Prag ein. Maria Szadkowska erläutert die Aufteilung.

„Im Erdgeschoss illustriert eine Fotodokumentation die beiden grundlegenden Ideen von Loos: seinen Kampf gegen das Ornament, den er im Essay „Ornament und Verbrechen“ formulierte, und sein Wohnkonzept, den so gennanten Raumplan. Diese beiden Themen vereinen, was er sein ganzes Leben lang anstrebte. Im Obergeschoss befindet sich ein eher narrativer Teil, der über das Leben und Werk von Adolf Loos informiert. Wir zeigen die wichtigsten Stationen seiner Karriere: die Reise in die USA, den Aufenthalt in Paris und selbstverständlich die tschechoslowakische Etappe. Hierzulande hat er zahlreiche Inneneinrichtungen von Häusern in Pilsen, Brünn und anderen Städten geschaffen sowie sein größtes und berühmtestes Werk - die Villa Müller in Prag.“

Richard Hirschs Wohnung (nach dem Entwurf von Adolf Loos). Foto: Archiv Adolf Loos Apartment and Gallery
Ausführlich wird auch Loos’ privates und berufliches Umfeld in Tschechien beleuchtet, der Architekt fand hier viele Schüler, Freunde und Förderer.

„Er hat in den böhmischen Ländern viel geschaffen. Die erste Etappe ab 1908 hängt noch mit Wien zusammen. Dort traf er den Industriellen Hirsch, der eine bedeutende Persönlichkeit der westböhmischen Stadt Pilsen war. Hirsch war von Adolf Loos´ Inneneinrichtungen in Wien begeistert und bat ihn, nach Pilsen zu kommen und in seinem neu gekauften Miethaus seine Wohnung zu entwerfen. Dies geschah dann 1908. Daran knüpften weitere Aufträge an. Weitere Industrielle und ihre Frauen wollten ähnliche Einrichtungen haben wie Hirsch. Loos gewann also viele Kunden aus der Pilsner höheren Gesellschaft.“

Ein Interieur in Pilsen nach dem Entwurf von Adolf Loos
Die Interieure in Pilsen sind zum Teil erhalten geblieben, obwohl sie in den vergangenen Jahrzehnten zweckentfremdet wurden.

„Keine einzige der Inneneinrichtungen wurde zum Wohnen genutzt, so wie die jeweiligen Familien es bestellt hatten. Erhalten geblieben ist nur die Hülle, sie ist universal und für Loos typisch. Das heißt, jedes Interieur war vom Material her tadellos. Auf den Fotos, die wir seit 2000 gemacht haben, kann man sehen, dass das Material in wunderbarem Zustand erhalten geblieben ist. Nachdem die An- und Umbauten jener Institutionen entfernt wurden, die in diesen Wohnungen ihre Büros hatten, sieht man wunderbar die Substanz und die Konstruktion dieser Interieure. Die Stadt Pilsen kümmert sich sehr gut um diese neu entdeckten Inneneinrichtungen. Sie will diese erwerben und restaurieren, damit dieser Komplex der Loos-Interieure für weitere Generationen gerettet wird.“

Karel Lhota
Pilsen wird im Jahr 2015 Kulturstadt Europas sein. Aus diesem Anlass plant die westböhmische Stadt, die restaurierten Wohnungen zugänglich zu machen. Pilsen war für Loos auch in einem weiteren Sinn von Bedeutung:

„Er kam dort zum ersten Mal mit der Baufirma Kapsa-Müller in Kontakt. Sie bot ihm Räumlichkeiten an und die Hilfe tschechischer Zeichner. Er lernte dort auch den Architekten Karel Lhota kennen, dieser setzte die Ideen von Loos in Baupläne um und trug zur Realisierung der Bauten bei.“

Eben für den Bauunternehmer Müller baute Loos in den 1920er Jahren sein berühmtestes Gebäude in Tschechien: die Villa Müller in Prag-Střešovice. Der Architekt setzte dort sein Konzept des Raumplans um. Der Raumplan stützt sich auf seine Auffassung von Wirtschaftlichkeit und Zweckmäßigkeit und beruht auf der unterschiedlichen Höhe der jeweiligen Räume, entsprechend ihrer Nutzung und symbolischen Bedeutung.

Ausstellung „Wohnen lernen“ (Foto: Archiv des Museums der Haupstadt Prag)
„Loos sagte, er schaffe die Räume nicht auf dem Papier, auf einer Fläche. Er diskutiere über die Architektur, er entwerfe die Architektur im Raum. Er habe eine Vision im Kopf, wie das Haus aussehen solle, welche Wege der Bewohner darin gehen solle. Der Begriff ‚Raumplan’ als Name der Wohnphilosophie wurde von Loos’ Assistenten und Kollegen Heinrich Kulka zum ersten Mal publiziert. Kulka erklärte in einem Artikel das Prinzip des Innenraums, in dem man auf klassische Etagen verzichtet, in dem jedes Zimmer eine bestimmte Größe und Ausstattung hat - je nach seiner Funktion. Man passt die Funktion nicht an den Raum an, sondern schafft einen Raum mit einer bestimmten Funktion.“

Loos’ Wohnraumprogramme werden in der Ausstellung anhand von Beispielen aus Pilsen, Prag und Brünn gezeigt. Sie demonstrieren seinen kunstvollen Umgang mit Raum, Material, Ausstattung und Licht, der heute noch aktuell und inspirierend ist.



Ausstellung „Wohnen lernen“ (Foto: ČT24)
Die Ausstellung im Österreichischen Kulturforum ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet, außer an österreichischen und tschechischen Feiertagen. Der Eintritt ist frei.