Zu Ehren des Kirchenreformators: Jan-Hus-Gedenkstätte in Husinec (Teil II)

Jan-Hus-Gedenkstätte in Husinec (Foto: Martina Schneibergová)

Das südböhmische Städtchen Husinec liegt etwa fünf Kilometer nordwestlich von Prachatice. Bekannt geworden ist es als Geburtsort von Jan Hus. Im Geburtshaus des böhmischen Kirchenreformators wurde vor einigen Wochen feierlich ein neues Jan-Hus-Zentrum eröffnet. In einer der vergangenen Ausgaben von „Reiseland Tschechien“ haben wir Ihnen die Hus-Gedenkstätte schon vorgestellt. Die Führung durch die Dauerausstellung setzen wir in den folgenden Minuten fort.

„Baum der Reformation“ (Foto: Martina Schneibergová)
Das neue Jan-Hus-Zentrum in Husinec wird von der Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche verwaltet. Hana Tonzarová ist Theologin und Pfarrerin. Sie erläutert, was der sogenannte „Baum der Reformation“ bedeutet, der in der Dauerausstellung zu sehen ist:

„Es werden hier die ersten Kirchenreformatoren vorgestellt – wie Petrus Waldes, Joachim von Fiore, John Wycliff, Jan Hus, Hieronymus von Prag oder Martin Butzer. Zu den Reformatoren gehörten auch Jan Rokycana, Petr Chelčický und Jakob von Mies (Jakoubek ze Stříbra) – das waren die tschechischen Mitarbeiter und Nachfolger von Jan Hus. Fortgesetzt wird die Reihe von Reformatoren mit Ulrich Zwingli, Johannes Calvin, Martin Luther, John Knox und Philipp Melanchthon. Nicht vergessen werden sollte Jan Blahoslav, Bischof der Böhmischen Brüder, der das Neue Testament übersetzt hat, und Jan Amos Comenius, Pädagoge und Bischof der Brüderunität. Wir möchten mit diesem Baum sagen, dass die Reformation nicht nur das Werk eines einzigen Mannes war, sondern dass sie ein Prozess war, der von vielen Reformatoren in Europa immer weiter getragen wurde. Die Tschechoslowakische Hussitische Kirche hat sich bei ihrer Entstehung 1920 zu Jan Hus und seinen Nachfolgern bekannt. Auf einer Landkarte Europas sind die Zentren der Reformation gekennzeichnet. Es ist zu sehen, wie weit sich die Gedanken der Reformatoren verbreitet haben.“

Foto: Martina Schneibergová
In der Gedenkstätte wurde erst vor kurzem eine kleine Kapelle feierlich eröffnet. Am 29. Juni zelebrierte der Patriarch der Hussitischen Kirche, Tomáš Butta, dort den ersten Gottesdienst. Neben der Bibel befinden sich in dem kleinen Sakralraum mehrere Gesangbücher. Hana Tonzarová:

„In diesen Gesangbüchern findet man Lieder von Jan Hus sowie spätere reformatorische Kirchenlieder. Es sind Lieder aus mehreren Jahrhunderten: vom 14. Jahrhundert bis in die Gegenwart. An der Wand ist der Anfang des berühmten Lieds Jezu Kriste, štědrý kněže zu lesen. Es ist interessant, dass die Melodie oft bei den Promotionsfeiern in der Prager Karlsuniversität erklingt. Die meisten Studierenden wissen nicht, dass es sich um ein Kirchenlied handelt, dessen Text Jan Hus selbst geschrieben hat. Das Lied hat 24 Strophen und enthält die Abendmahlstheologie von Hus.“

Foto: Martina Schneibergová
Aus der Kapelle geht es in das Hus-Zimmer, das der Kirchenreformator in seiner Kindheit und Jugend bewohnte. Hana Tonzarová:

„Es gibt hier einen Tisch mit Sesseln, aber die Ausstattung stammt aus dem 18. Jahrhundert. Auch der Bücherschrank stammt nicht aus dem Mittelalter, denn damals hatten die Menschen keine Bücher zu Hause, sie waren viel zu teuer. Im Mittelalter befand sich in diesem Zimmer wahrscheinlich ein Bett, auf dem der Vater mit den größeren Kindern übernachtete. Die Mutter mit den Kleinkindern schlief in der Regel in der Schwarzküche. Auch hier befindet sich eine derartige Küche. Die Aufgabe der Mutter war es, nicht nur zu kochen, sondern sich auch den ganzen Tag lang um das Feuer in der Küche kümmern. Denn dieses diente zudem als Heizung für das Haus. Die Schwarzküche war der wärmste Platz im Haus, darum übernachteten dort die Mutter und die kleinsten Kinder.“

Foto: Martina Schneibergová
Der Holzboden in der Stube ist einige Jahrhunderte alt. Die Bretter sind dünn und löchrig. Der Grund dafür ist nicht nur die Abnutzung. Wie Hana Tonzarová erzählt, haben sich die Besucher des Hauses während der letzten Jahrhunderte häufig ein Stück Holz als eine Art Reliquie mit nach Hause genommen. Denn viele hielten Hus für einen Märtyrer.

Nicht nur das ganze Hus-Haus wurde in den letzten Jahren in Stand gesetzt, sondern auch der Hof mit dem Garten wurde neugestaltet. Im Hof wurde ein Podium errichtet, im Garten sind drei Plastiken installiert. Es sind Werke von Studenten der Steinmetz- und Bildhauerschule in Hořice / Horschitz. Hana Tonzarová:



‚Das Tor‘ (Foto: Martina Schneibergová)
„Diese Statuen stehen seit Mai dieses Jahres hier. Die erste Plastik heißt ‚Das Tor‘. Das Tor soll eine geöffnete Tür symbolisieren. Denn die jungen Künstler haben ihre Werke im Rahmen des Projekts ‚Jan Hus – der Weg zur Versöhnung‘ geschaffen.“

Auf dem Steintor ist ein Aufruf zu lesen: „Defende veritatem“ (Verteidige die Wahrheit). Eine andere Plastik mit dem Titel „Die Säule“ soll die konsequente Haltung des Kirchenreformators darstellen. Das dritte Kunstwerk heißt „Das Buch“ und stellt die Symbole der Hussitenbewegung dar: die Bibel und den Kelch.


Jan-Hus-Zentrum in Husinec (Foto: Martina Schneibergová)
Die Hus-Gedenkstätte ist von Juni bis August täglich geöffnet, und zwar von 9 bis 12 Uhr und von 12.30 bis 17 Uhr. Im Mai, September und Oktober wird das Zentrum eine Stunde früher, also um 16 Uhr geschlossen.

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