Hinter den Fassaden der Stadt: „111 Orte in Prag, die man gesehen haben muss“

Matěj Černý (Foto: Eva Turečková)

Wo kann man in Prag die besten belegten Brötchen kaufen? Wo findet man das einzige Bitcoin-Café der Welt? Wo steht das Hotel mit einem einzigen Zimmer? Die Antworten auf diese und viele weitere Fragen findet man in dem Buch „111 Orte in Prag, die man gesehen haben muss“. Der Stadtführer zeigt versteckte Winkel und oft etwas bizarre Orte in der tschechischen Hauptstadt. Im folgenden Spaziergang durch Prag bringen wir ein Gespräch mit Matěj Černý, der an dem Buch mitgeschrieben hat.

Foto: Verlag Emons
Das Buch „111 Orte in Prag, die man gesehen haben muss“ haben Marie Peřinová und Matěj Černý geschrieben. Černý studierte Journalistik und arbeitete in der renommierten tschechischen Hilfsorganisation „Člověk v tísni“ / „Mensch in Not“. Dort hat er auch Marie Peřinová kennengelernt, sie war in der Presseabteilung der Organisation angestellt. Beide hätten jeweils eine Hälfte des Buchs verfasst, erzählt Černý.

„Während der Arbeit am Buch sind unsere zwei Kinder zur Welt gekommen. Mit der älteren Tochter haben wir viele der beschriebenen Orte besucht. Ich bin von Natur aus faul und hätte es nie geschafft, das ganze Buch alleine zu schreiben. Marie hat jetzt mit den zwei Kindern auch keine Zeit mehr. Es dauert sehr lange, einen derartigen Stadtführer zusammenzustellen. Denn zuerst muss man den Ort sehen, dann recherchieren und schließlich genau planen, wie man das anpacken soll. Aber die Arbeit war glänzend. Über etwa anderthalb Jahre hatten wir ein Programm für jedes Wochenende.“

Vom Erfolg des Buchs überrascht



Matěj Černý  (Foto: Eva Turečková)
Auf die Idee, eine Serie dieser besonderen Stadtführer herauszugeben, seien die Mitarbeiter des Verlags Emons in Köln gekommen, erzählt Černý. Durch Freunde aus Bayern knüpften Peřinová und Černý Kontakte zum Verlag. Als ihre Bekannte damals ein Buch über 111 sehenswerte Orte in München schrieb, bot ihnen der Verlag an, ein ähnliches Buch über Prag zusammenzustellen. Erschienen ist es dann auf Deutsch und Tschechisch, im Sommer wird die englische Übersetzung herausgegeben. Matěj Černý:

„Das Buch verkauft sich in Tschechien sehr gut. Das hat uns überrascht. Denn wir waren davon überzeugt, dass die Prager genauso wie wir der Meinung sind, dass sie alles über ihre Stadt wissen und darum eigentlich kaum einen Grund haben, ein Buch über Prag zu kaufen.“

Gebäude mit dem Bitcoin-Café  (Foto: Offizielle Facebook-Seite von Ztohoven)
111 besondere Orte in Prag auszusuchen, scheint keine ganz leichte Aufgabe zu sein. Zuerst sollten die Autoren dem Verlag 60 Orte vorschlagen, die es ins Buch schaffen könnten.

„Für jemanden, der Prag sehr gern hat, ist es kein großes Problem. Wir beide spazieren gern durch die Stadt. Wir haben uns hingesetzt und die 60 Orte aufgeschrieben. Bei den restlichen 51 Orten haben uns jedoch Experten geholfen. Wir haben mit dem Architekten Zdeněk Lukeš sowie mit dem Kunsthistoriker und Philosophen Ladislav Čumba gesprochen und auch der Rapper Vladimír 518, der sich für die Architektur der 1970-er und 1980-er Jahre interessiert, hat uns beraten.“

Zu den 111 Orten, die man in der tschechischen Hauptstadt gesehen haben muss, gehört beispielsweise das Bitcoin-Café in der Straße Dělnická Nr. 43 im Stadtteil Holešovice. Als er das Buch geschrieben habe, sei es das einzige Bitcoin-Café auf der Welt gewesen, erzählt Matěj Černý:

Gartenrestaurant Klamovka  (Foto: Archiv von Matěj Černý)
„Inzwischen ist hierzulande die Registrierkassenpflicht eingeführt worden. Die Café-Besitzer wollen mit den Bitcoins demonstrieren, dass man leben kann, ohne vom Staat irgendwie kontrolliert zu werden. Die elektronischen Registrierkassen bedeuten das Gegenteil, denn damit besteht eine ständige Online-Kontrolle durch den Staat. Es bleibt aber abzuwarten, wie sich das mit dem Café weiter entwickeln wird.“

Underground und Graf Clam-Gallas

Ein anderer zweifelsohne besonderer Ort mit interessanter Geschichte ist das Gartenrestaurant Klamovka. Es befindet sich inmitten des gleichnamigen Parks. Die Kneipe war während des Kommunismus ein inoffizielles Zentrum der Underground-Künstler. Dort trafen sich beispielsweise die Brüder Topol, die Publizisten von der Revolver Revue oder die Mitglieder der Band Plastic People of The Universe und andere Musiker, erzählt Černý.

Kasten für Pilze  (Foto: Archiv von Matěj Černý)
„Das war der Grund, warum wir über das Klamovka geschrieben haben. Zudem ist es ein sehr angenehmes Restaurant in einem großen Park. Später haben wir zudem entdeckt, dass es eine faszinierende Geschichte hat. Graf Clam-Gallas hat den Park im 18. Jahrhundert anlegen lassen. Wahrscheinlich, um die namhafte Sängerin Josefína Dušek treffen zu können, was wir aber nicht in unser Buch aufgenommen haben. Aber auch die spätere Geschichte des Parks ist sehr interessant.“

Kasten für Pilze

Es sei es sehr schwierig zu sagen, welchen Ort er aus dem Buch am liebsten habe, räumt Černý ein.

„Ich mag einen sogenannten Kasten für Pilze sehr gern. Er befindet sich in einem Haus in der Straße Karmelitská auf der Kleinseite, direkt gegenüber der Kirche Maria vom Siege mit dem Prager Jesulein. Im Haus gegenüber hat die Tschechische Gesellschaft für Mykologie ihren Sitz. Wenn man außerhalb der Öffnungszeiten hinkommt und einen Pilz mitbringt, den man nicht kennt, kann man dort ein Formular ausfüllen und den Pilz in einen Kasten legen. Die Gesellschaft schickt einem dann die Information, welcher Pilz das war. Dies ist ein einzigartiger Dienst, den wir per Zufall entdeckt haben.“

Kindergrab auf dem Friedhof im Stadtteil Ďáblice  (Foto: Archiv von Matěj Černý)
Ein weiterer Tipp von Černý ist die Unterkunft im Kapuzinerkloster nahe der Loreto-Kirche auf dem Hradschin.

„Das haben wir auch per Zufall gefunden. Es ist eine Unterkunft zu einem unglaublichen Preis und mit einer speziellen Atmosphäre.“

Grabmäler für Kinder politischer Gefangenen

Der Verfasser macht zudem auf einen traurigen Ort aufmerksam, über den auch die Prager kaum etwas wissen – den Kinderfriedhof auf dem Friedhof im Stadtteil Ďáblice.

„Dort sind Kinder bestattet, deren Mütter in den 1950er Jahren in den kommunistischen Arbeitslagern inhaftiert waren. Es gibt dort etwa 35 Gräber. Die Kinder der politischen Gefangenen wurden dort ursprünglich in einem Schacht – einer Art Massengrab – bestattet. Nach der Wende von 1989 wurden die sterblichen Überreste der Kinder exhumiert. Auf jedem Grabstein stehen der Name des Kindes und das Geburtsdatum und das Datum des Todes. Zwischen den beiden Daten sind oft nur ein oder zwei Tage vergangen. Dies ist die stärkste Anklage gegen den Kommunismus, die ich je gesehen habe. Was die emotionale Stärke betrifft, ist es mit der Dauerausstellung über die Kindesopfer in Yad Vashem in Jerusalem vergleichbar. Es kann sein, dass der der Prager Friedhof eine noch stärkere Wirkung entfaltet, weil die Kinder dort wirklich unter den Füßen der Besucher begraben liegen.“