Menschen in Tschechien 2014

Karel Gott (Foto: David Sedlecký, Wikimedia CC BY-SA 4.0)
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Sie haben begeistert, oder auch verärgert: Im Jahresrückblick von Radio Prag stellen wir vier Menschen vor, die das Geschehen in Tschechien 2014 geprägt haben – in der Politik, im Sport, im Showbusiness und in der Kultur.

Miloš Zeman (Foto: David Sedlecký, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Kein anderer Politiker spaltet die tschechische Öffentlichkeit wie er. Kein anderer hat in diesem Jahr so oft für Schlagzeilen gesorgt. Staatspräsident Zeman genießt es, zu provozieren, egal mit welchen Mitteln.

Schon kurz nach seiner Einführung ins Präsidentenamt Ende 2013 deutete Miloš Zeman an, dass man sich mit ihm nicht langweilen werde. Sein Torkeln vor den ausgestellten böhmischen Krönungsinsignien erklärte er mit einer starken Erkältung. Dann stritt er über die Ernennung von Professoren, die nicht gerade zu seinem Fanklub gehörten. Mittlerweile, nach über einem Jahr seiner Präsidentschaft, ist klar, dass Zeman sich nicht damit begnügt, Kränze niederzulegen und ausländischen Politikern Hände zu schütteln.

Dabei schien es zu Jahresbeginn 2014, als ob sich das Staatsoberhaupt etwas zurückziehen würde. Zuvor hatte er die Regierungskoalition von Premier Sobotka ernannt, obwohl er diesen nie gemocht hat. Um es aber dem sozialdemokratischen Politiker zu erschweren, brachte Zeman seine Einwände gegen einige Kandidaten für die Ministerposten vor. Doch in den folgenden Monaten herrschte auf der Prager Burg fast Ruhe. Es war, als ob der Präsident alle Kräfte für den Herbst gesammelt hätte, um den Medien ausreichend Stoff für Kommentare zu liefern.

Foto: Miala, CC BY-SA 2.0
Für eine kleine amüsante Episode sorgte der Präsident jedoch schon Ende Februar, als er eine Rede vor den Europaabgeordneten in Straßburg hielt. Er warnte vor der Bürokratie und verkündete den erstaunten Parlamentariern auf Englisch unter anderem Folgendes:

„Es ist nicht mein Traum, im Zentrum der EU ein Steak zu essen, das wie Kaugummi aussieht und wie Kaugummi schmeckt.“

Anstelle von Bubblegum, also Kaugummi, sagte der Präsident jedoch Bubblebum – was auch immer er damit gemeint haben könnte. Seine Erklärung inspirierte bald einige Künstler zu einem Song.

Als schier unerschöpfliche Inspirationsquelle für Musiker sollte sich Zeman jedoch erst im Herbst bewähren. Ende September fing der Präsident an, bei verschiedenen Gelegenheiten seine entgegenkommende Haltung zu Putin zu demonstrieren. Er verurteilte die EU-Sanktionen und verglich das Geschehen in der Ukraine mit einer Grippe, über die man nicht zu sprechen brauche, weil sie auch wieder vorübergehe. Ende Oktober begab sich Zeman auf eine Tournee durch China. Im Fernsehgespräch ließ er dort unter anderem verlauten:

Pussy Riot (Foto: Igor Muchin, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
„Wir werden nicht andere belehren, wie sie die Marktwirtschaft führen oder über die Menschenrechte entscheiden sollen. Ich bin nach China gekommen, um zu lernen, wie die Gesellschaft zu stabilisieren ist.“

Diese Worte über die Stabilisierung auf chinesische Art haben viele Bewohner Tschechiens kurz vor dem 25. Jahrestag der Samtenen Revolution geschockt. Nicht nur Zemans schmeichelnde Worte über chinesische Stabilisierungsmethoden sorgten aber für Empörung in der Öffentlichkeit, sondern auch die Art, wie der Staatspräsident von seiner China-Reise in die Heimat reiste. Er kehrte nicht mit der offiziellen Maschine, sondern mit einem Privatjet eines Milliardärs zurück. Den allergrößten Aufschrei verursachte Zeman jedoch erst im November. Im live ausgestrahlten Rundfunkinterview nutzte er eine höchst spezifische Sprache, die später in den Medien als Fäkalsprache bezeichnet wurde. Vulgär äußerte sich der Präsident über die Arbeit der Regierung am Beamtengesetz, und im Zusammenhang mit der russischen Punkband Pussy Riot griff er nach noch stärkeren Ausdrücken. Viele Rundfunkhörer konnten ihren Ohren kaum glauben. Und Musiker haben die Worte des Präsidenten als einen „Dirty Remix“ vertont:

Tausende von Demonstranten zeigten Zeman die rote Karte (Foto: ČT24)
Kurz nach den Obszönitäten im Rundfunkinterview provozierte Zeman erneut, als er die brutale Unterdrückung der Proteste am 17. November 1989 verharmloste. Zemans Verhalten trieb schließlich die Menschen auf die Straße. Die größte Protestdemonstration fand in Prag statt, wo Zeman während seiner Rede am 17. November in der Anwesenheit von weiteren vier Staatsoberhäuptern der Nachbarländer ausgepfiffen wurde. Tausende von Demonstranten zeigten Zeman die rote Karte und forderten ihn zum Rücktritt auf. Der Liedermacher Xindl X reagierte auf Zemans Erklärungen mit dem Lied „Zdravíme Vás, pane prasidente“.

Neandertaler (Foto: UNiesert, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Wenig überraschend war dann auch Zemans Weihnachtsansprache, die wenig mit dem Weihnachtsfest zu tun hatte. Vielmehr verglich er dort seine Kritiker mit den Neandertalern, die seinen Worten zufolge auch nur brüllen konnten. Auf Zemans Erklärung reagierten aber prompt die Anthropologen von der Karlsuniversität. Sie machten den Präsidenten darauf aufmerksam, dass den bisherigen Erkenntnissen zufolge die Neandertaler miteinander gesprochen haben. Die Reaktion des Präsidenten auf den Einwand der Wissenschaftler ist bisher unbekannt. Es ist jedoch zu erwarten, dass er oder sein Sprecher sich noch melden werden.


Gabriela Soukalová (Foto: Miceman, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Im Sport hielt das Jahr 2014 zwei große Highlights parat: die Olympischen Winterspiele in Sotschi und die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. In Tschechien wurde besonders der erstgenannte Event sehr emotional verfolgt, denn - im Gegensatz zu den Fußballern - hatten sich 88 Wintersportler eine Teilnahme an den Spielen erkämpft. Eine von ihnen war die Biathletin Gabriela Soukalová. Die 25-Jährige gewann in Sotschi zwei silberne Medaillen und trug so zum erfolgreichen Abschneiden der tschechischen Olympioniken maßgeblich bei. Darüber hinaus machte sie auch neben ihrer Wettkampfstätte viel von sich reden, kurz: Gabriela Soukalová ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten, die der tschechische Sport derzeit zu bieten hat. Lothar Martin stellt sie Ihnen jetzt etwas näher vor.

In der Saison 2012/13 schaffte Biathletin Gabriela Soukalová ihren internationalen Durchbruch. Im slowenischen Pokljuka landete sie ihren ersten Weltcupsieg, und zum Saisonfinale im russischen Chanty-Mansijsk legte sie noch einen Dreifachsieg drauf. Auf sich aufmerksam machte die hübsche Tschechin aber auch musikalisch im Internet. Ihre Interpretation des Simon-and-Garfunkel-Songs „Scarborough Fair“ hatte Soukalová in ein Video verpackt, das auch den Journalisten der ARD-Sportredaktion nicht verborgen blieb. Das bestätigte ARD-Expertin Kati Wilhelm gegenüber Radio Prag:

Kati Wilhelm (Foto: Archiv ARD)
„Und dann gab es noch so einen netten Clip auf ´You Tube´, in dem sie gesungen hat. Den haben sich schon alle im Sender mit einem kleinen Strahlen im Gesicht angeschaut. Sie bringt natürlich einiges mit. Vor allem ein sehr gutes Schießen.“

Ihre Stärke im Schießen paarte Soukalová in der vergangenen Saison mit immer besseren Laufleistungen. Dies war auch darauf zurückzuführen, dass sie in der Übungsgruppe der tschechischen Männer mittrainierte. Der hohe Einsatz zahlte sich aus: Bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi gewann die mittlerweile 25-Jährige zwei Silbermedaillen – im Massenstart-Rennen und mit der tschechischen Mixed-Staffel. Die Minuten, in denen sie ihre olympischen Medaillen in Empfang nahm, zählt sie daher zu den ergreifendsten Momenten ihrer bisherigen Karriere:

Karel Soukal (Foto: Archiv SG Jablonec nad Nisou)
„Ein sehr emotionales Erlebnis für mich war die Siegerehrung, besonders als vor uns die tschechische Nationalflagge gehisst wurde und kurz dahinter das olympische Feuer loderte. In dem Moment begreift man erst so richtig, bei welch großem Ereignis man zugegen ist und was einem dabei gelungen ist.“

Neben ihren zwei Vizerängen belegte Soukalová in Sotschi auch noch zwei vierte Plätze in der Verfolgung und im Einzelrennen. Ein sehr gutes Abschneiden also für die junge Tschechin, über das sich auch ihre Eltern sehr freuten. Mit einem Augenzwinkern verriet Vater Karel Soukal indes, dass seine Tochter auch ihre schwachen Seiten habe:

„Eine ihrer Untugenden ist, dass sie fast immer zu spät kommt. Ansonsten aber ist sie eine durchaus vorbildliche Tochter.“

Und um Jedem zu versichern, wie zufrieden er mit der sportlichen Entwicklung seiner Tochter ist, schiebt Vater Soukal noch diese Worte nach:

Gabriela Soukalová (links). Foto: Jerica Pavšič, MORS, Wikimedia CC BY 3.0
„Was ihre Leistungen als Wettkämpferin betrifft, da gibt es nicht mehr viel auszusetzen.“

Zu Beginn der letzten Saison lag Gabriela Soukalová eine Zeitlang an der Spitze des Weltcups. Die Beste unter den besten Biathletinnen hätte sie wohl auch am Saisonende sein können, wäre ihr im italienischen Antholz nicht ein dummes Missgeschick beim Austausch ihres defekten Gewehrs passiert. Das hat sie wertvolle Punkte in gleich zwei Rennen gekostet. Den olympischen Winter schloss sie letztlich als Vierte des Gesamt-Weltcups ab.

Danach aber wurde es – sportlich gesehen – etwas still um die gebürtige Gablonzerin. Dafür machte sie sich umso mehr Gedanken um ihre bisherige Karriere:

Gabriela Soukalová (Foto: Archiv ZDF)
„Ich habe dem Sport stets alles untergeordnet. Wenn ich in den Urlaub gefahren bin, dann nur an Orte, wo es in unmittelbarer Nähe einen Schießstand gab. Ich wollte nicht, dass ich womöglich drei Tage am Stück keinen einzigen Schuss abgab. Da hörte der Spaß dann letztlich auf.“

Dieses konsequente Vorgehen und ihr Trainingsfleiß haben Gabriela Soukalová im Biathlon bis in die Weltspitze geführt. Neben den zwei Olympiamedaillen kann sie bereits acht Weltcupsiege in einem Einzelrennen vorweisen. Im Sport hat sie also schon vieles erreicht.

Petr Koukal (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Es gab Momente, da wurden meine Erfolge auch etwas zum Problem. Ich habe mich gefragt: Wenn mir das alles gelungen ist, warum sollte ich nicht auch das Leben etwas mehr genießen. In diese Zeit trat auch mein neuer Freund, und diese Momente waren sehr schön und neu für mich.“

Der neue Partner an der Seite von Gabriela Soukalová ist der Badminton-Spieler Petr Koukal, er war Fahnenträger der tschechischen Olympiamannschaft von 2012 in London. Das private Glück, das sie seit einigen Monaten mit ihm teilt, hat sie aber nachdenklicher gemacht:

Magdalena Neuner (Foto: Ragnar Singsaas, Wikimedia CC BY-SA 2.0)
„Biathlon hat für mich nicht mehr die absolute Priorität. Jetzt sehe ich um mich herum weitaus mehr Dinge, die wirklich wichtig sind.“

Eine Operation im Frühjahr, zahllose Sponsorentermine, die ihr kaum Zeit für Erholung ließen, und ihre schon üblichen Viruserkrankungen ließen schließlich die Befürchtung aufkommen, dass es Gabriela der deutschen Biathletin Magdalena Neuner gleichtun könnte. Diese hatte ihre Erfolgskarriere schon mit 25 Jahren beendet. Kurz nach dem Beginn der laufenden Saison aber gab sie Entwarnung und ließ ihre Fans wissen:

Gabriela Soukalová als Sängerin (Foto: YouTube)
„So wie ich das jetzt sehe, habe ich wieder Lust weiterzumachen. Und ich will mich entsprechend zurückmelden.“

Das tat die 25-Jährige dann auch eindrucksvoll kurz vor Weihnachten mit ihrem erneuten Weltcupsieg in Pokljuka. Und wenn sie eines Tages doch aufhören wird, steht sie womöglich vor einer ebenso erfolgreichen Karriere als Sängerin. Denn auch auf einer Prager TV-Showbühne hat sie ihr Können schon gezeigt.


Karel Gott (Foto: David Sedlecký, Wikimedia CC BY-SA 4.0)
Im tschechischen Showgeschäft gab es 2014 durchaus einige Newcomer. Doch der wahre Star hierzulande war einer, der schon seit 50 Jahren auf der Bühne steht – und damit ist kein geringerer gemeint als Karel Gott. Im Juli feierte er seinen 75. Geburtstag. Andere gehen da bereits ins Altersteil, nicht so aber der Tenor, der zwar immer als „Goldene Stimme aus Prag“ gepriesen wird, eigentlich aber aus dem westböhmischen Plzeň / Pilsen stammt. Seine ersten musikalischen Erfolge hatte Gott jedoch tatsächlich in der Stadt an der Moldau. Nach einer Gesangsausbildung am Prager Musik-Konservatorium nahm seine Karriere Anfang der 1960er Jahre einen steilen Verlauf. Dazu trug auch die Umfrage zur Goldenen Nachtigall bei, bei dieser stimmten die Hörer über den beliebtesten tschechoslowakischen Sänger oder die beliebteste Sängerin ab. Gegenüber Radio Prag erinnerte sich der Schlagerstar vor wenigen Wochen an seinen allerersten Sieg:

Karel Gott 1963 (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Diese Verleihung gibt es seit 1962. Bei der ersten Umfrage landete ich auf Platz 49. Aber schon im darauffolgenden Jahr 1963 wurde ich zur Goldenen Nachtigall gewählt. Damals ging das schneller, weil es noch möglich war, einen Hit zu landen. Das geht heute angesichts der vielen Radiostationen praktisch nicht mehr, denn dazu sind viele Wiederholungen eines Songs im Radio vonnöten. Mir ist das auch schon passiert, dass ich bei einem Stück dachte, das kann doch unmöglich ein Hit sein. Aber dann bin ich in den Plattenladen gegangen und habe die Platte gekauft. Und damals hat mir ebenfalls ein Songtitel zum ersten Platz verholfen.“

In diesem Jahr konnte Karel Gott nun schon zum unglaublichen 39. Mal diese Hörerumfrage für sich entscheiden. Der Wettbewerb ist mittlerweile natürlich rein tschechisch und nennt sich auch anders, nämlich „Tschechische Nachtigall“. Mit 44.430 Stimmen setzte sich Gott aber auch gegen bedeutend jüngere Konkurrenten durch. Überhaupt kein Zufall, sagt der Jubilar:

Album „With a Little Help From My Friends“ (Foto: Bonton)
„Ich bin nicht überrascht gewesen vom Erhalt der Goldenen Nachtigall, weil es für mich ein sehr gutes Jahr war – ein ganz besonderes. Dank diesem halbrunden Geburtstag habe ich die Gelegenheit gehabt, nicht nur hier, sondern auch in Deutschland ein Album zu machen – With a Little Help From My Friends. Ich habe mir diesen Beatles-Titel von damals geliehen, weil das auch gepasst hat. Freunde, Kollegen, Sänger, die auch selbst komponieren, haben für mich Lieder en Masse geschrieben. In Deutschland war das ähnlich, aber in Form eines Songwriter-Camps in Berlin. Da kamen Komponisten zusammen, die eine eigene Band haben, singen und den Durchbruch schaffen möchten. Sie haben praktisch innerhalb von drei Tagen ein ganzes Album für mich geschrieben. Wir haben eine Auswahl getroffen – so richtig in einem Wettbewerbssystem. Anlässlich meines Geburtstags habe ich auch ein Buch geschrieben – meine erste Biographie in Deutschland mit dem Titel ‚Zwischen zwei Welten‘. Und bei uns in Tschechien gibt es eine DVD mit einer Auswahl aus den ersten 50 Jahren (lacht, Anm. d. Red.) meiner Laufbahn. Ich bin stolz darauf, ein halbes Jahrhundert auf Video zu haben. Es war also ein sehr gutes Jahr mit einer Tournee in meiner Heimat – die Riesensporthallen sind absolut voll.“

Karel Gott mit Bushido (Foto: Archiv RTL)
Während Karel Gott in Deutschland ganz klar zum Schlager gehört, wird in seiner Heimat Tschechien der Begriff „Pop“ benutzt – dieser schließt dann auch das genannte Genre ein. Dass Karel Gott selbst genreübergreifend als Star wahrgenommen wird, zeigt sich auch bei seinen Gesangs-Partnern. Was in Deutschland das Duett mit Bushido war, wurde in diesem Jahr in Tschechien der Doppelpart mit Rapper Gipsy.cz.

In Tschechien ist er omnipräsent im Fernsehen. So feierte selbst die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt Česká televize (ČT) zwei Wochen lang Karel Gotts diesjährigen Geburtstag. Anfang Dezember, nach der Verleihung der Nachtigall, resümierte daher der Sänger mit deutlichen Worten:

Karel Gott nach der Verleihung der Nachtigall 2014 (Foto: Archiv TV Nova)
„Mehr geht nicht. Deswegen war ich bei der Verleihung nicht sehr überrascht. Das habe ich dort auch gesagt: Dieses Jahr dürften sie von mir keine falsche Bescheidenheit erwarten. Es ist einfach so: Ich habe ein gutes Jahr gehabt.“

Und nichts steht einem weiteren solchen Jahr im Weg – zumindest wenn man einem seiner neuen Lieder glauben mag: „Als wär dies mein erster Song“.


Jan Němec (Foto: AN, Wikimedia CC BY-SA 4.0)
Jan Němec – dieser Name ist in Tschechien weit verbreitet. Zu einer Reihe von bekannten Trägern dieses Namens hat sich in diesem Jahr ein weiterer hinzugesellt. Der 33-jährige Schriftsteller Jan Němec aus Brno / Brünn wurde für seinen ersten Roman mit dem europäischen Literaturpreis ausgezeichnet. Öffentlich engagiert er sich zudem für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen der Schriftsteller hierzulande.

Ganz unbekannt war er auch vorher nicht. Immerhin war Jan Němec‘ Debütroman „Dějiny světla“ / „Eine Geschichte des Lichts“ in Tschechien bereits zum Buch des Jahres 2014 gekürt worden. Außerdem wurde es für den wichtigsten tschechischen Literaturpreis, den Magnesia Litera nominiert – gemeinsam übrigens mit einem Werk seines Vaters Ludvík, ebenfalls Autor. Dennoch mussten viele im Oktober erst einmal nachsehen, wer dieser Jan Němec eigentlich ist, der nun gemeinsam mit 12 weiteren Autoren aus anderen Ländern den Europäischen Literaturpreis erhalten sollte. Und auch die Auszeichnung selbst sagte nicht jedem etwas. Als Němec dann zur Preisverleihung nach Brüssel reiste, erklärte er, was dahinter steckt:

„Dieser Preis wurde geschaffen, damit Bücher aus verschiedenen europäischen Ländern nach ganz Europa gelangen. Sie sollen also, wenn möglich, in weitere Sprachen übersetzt werden. Als Autor eines dieser Bücher bin ich natürlich sehr froh, mit dem Preis ausgezeichnet zu werden.“

Nach Tomáš Zmeškal ist Němec der zweite Tscheche, der ihn erhält. Sein Roman „Die Geschichte des Lichts“ ist die Geschichte von František Drtikol, einem der bekanntesten tschechischen Fotografen, der während der Ersten Republik Erfolge feierte und später in Vergessenheit geriet. Němec war vom Schicksal Drtikols fasziniert:

František Drtikol (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„In vielen Dingen war er der Erste. Er hat als erster hierzulande Aktfotografien öffentlich ausgestellt, diese wurden dann weltweit berühmt. In seiner zweiten Lebenshälfte wurde er dann ein geistiger Lehrer, er hat auch als Erster das tibetische Totenbuch ins Tschechische übersetzt. Außerdem ist er 1945 der kommunistischen Partei beigetreten. Sein Leben war also reich an Widersprüchen, und das hat mich herausgefordert, mich mit ihm auseinanderzusetzen und ihm so auch etwas näherzukommen.“

Vor seinem ersten Roman hat Němec schon Gedichte und Erzählungen veröffentlicht und außerdem ein Studium der Soziologie in Brünn absolviert. Nach dem Erfolg der „Geschichte des Lichts“ spart er sich nun die Doktorarbeit. Als Jan Němec den Literaturpreis im November in Brüssel entgegennahm, dankte er seinem Verlag und der Europäischen Union. Sein erster Dank galt jedoch jemand anderem…

Václav Havel (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Gestern war der 25. Jahrestag der Samtenen Revolution, das Ende der kommunistischen Ära in der Tschechoslowakei. In diesen Tagen und auf dieser Bühne möchte ich noch einmal Václav Havel und den Menschen um ihn herum danken… Das ist ein weiterer Applaus für ihn, er geht in den Himmel der moralischen Politiker. Es ist einfach so, dass ich ohne seine Leistungen heute Abend gar nicht hier sein könnte. Zudem wissen wir alle, dass es eine große historische Epoche war, als ein Dramatiker Präsident der Tschechischen Republik war – besonders im Vergleich zu unserem derzeitigen Präsidenten.“

Auch Jan Němec scheut sich nicht vor, wenn nicht politischem, so doch zumindest öffentlichem Engagement. Im Dezember 2014 wurde er zum Gründungsvorsitzenden eines neuen Schriftstellerverbandes. Die Assoziation der tschechischen Schriftsteller positioniert sich ganz bewusst als Ablösung des umstrittenen Verbandes „Obec spisovatelů“. Jan Němec:

Petra Hůlová (Foto: Šárka Ševčíková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Uns geht es darum, etwas für die Literatur an sich zu tun. Dazu gehört zum Beispiel, dass ein Literaturhaus gegründet wird und dass wir versuchen, für die Literatur mehr Geld einzutreiben, damit dieser Bereich, der ja schon lange Zeit völlig unterfinanziert ist, ein etwas höheres Niveau erreicht.“

Gemeinsam mit seinen Mitstreitern wie Emil Hakl, Petra Hůlová und Kateřina Tučková will Němec zum Beispiel auch einen Fonds für Literatur gründen und eine Beratungsstelle für Schriftsteller einrichten. Nichts weniger als die Schriftsteller wieder zurück in die Öffentlichkeit zu holen, das ist das Ziel des neuen Verbandes. Der Vorsitzende Jan Němec ist dort bereits angelangt – innerhalb weniger Monate hat er sich als das Gesicht der jungen tschechischen Literatur etabliert.