Vorbote der Charta 77: Vor 50 Jahren veröffentlichte Havel seinen Brief an KPTsch-Chef Husák
Vor 50 Jahren schrieb Václav Havel einen offenen Brief an Gustáv Husák, der wenige Wochen später Präsident der Tschechoslowakei wurde. In seinem Schreiben, das international große Aufmerksamkeit erlangte, prangerte Havel die sogenannte Normalisierung in seinem Heimatland an.
Am 8. April 1975 schickt der Theatermacher Václav Havel einen offenen Brief an den Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPTsch) Gustáv Husák. In diesem kritisiert er die Zeit der Normalisierung, zu der es infolge der Niederschlagung des Prager Frühlings im Jahr 1968 gekommen war, und er bemängelt, dass eine Atmosphäre der Angst in der Gesellschaft herrsche. Außerdem fordert der Regimegegner und spätere demokratisch-gewählte Präsident die Einhaltung der Menschenrechte in seinem Land.
Eine Antwort auf seine Zeilen erhält Havel nicht. Reaktionen auf den Brief erscheinen aber in zahlreichen westlichen Medien – darunter auch in der Neuen Zürcher Zeitung, der Zeit und der „Presse“. In der Tschechoslowakei hingegen kursiert die 28-seitige Abhandlung nur im Untergrund. Sie kommt unter anderem der damals 24-jährigen Anna Freimanová in die Hände:
„Der Brief war für mich die Bestätigung jenes Václav Havels, den ich kannte – ein Dramatiker, der die Dinge aufwühlt und kritisiert und dabei die Welt so sieht, wie sie sein sollte. Ich habe den Text förmlich aufgesogen.“
Ladislav Kudrna ist Leiter des Instituts für das Studium totalitärer Regime (ÚSTR) in Prag:
„Damals, im April 1975, also vor 50 Jahren, dürfte Václav Havel sicher mehr Aufmerksamkeit erwartet haben, vor allem durch seine Landsleute. Mit Ausnahme einiger Intellektueller bekam aber kaum jemand etwas von dem Brief mit.“
Dennoch kam dem Schreiben laut Kudrna hohe Bedeutung zu:
„Es passte in dieses Mosaik und fiel auf fruchtbaren Boden. Denn damals begannen die zwei Prozesse um die Band ‚Plastic People of the Universe‘. Am 1. August 1975 unterzeichnete die Tschechoslowakische Sozialistische Republik die Helsinki-Schlussakte und verpflichtete sich damit zur Einhaltung von Menschenrechten. Während des Prozesses um die ‚Plastic People‘ stellte sich Havel an die Spitze des Widerstands. Und es passierte das, was die Kommunisten gerade nicht wollten: Die zersplitterte Opposition bildete eine gemeinsame Plattform, die Charta 77.“
Havels Brief ist keine historische Neuentdeckung. Die Geschichtswissenschaftler konnten in den vergangenen Jahren aber einige interessante Umstände aufklären. So wurde das Original im Präsidialarchiv gefunden. Der Historiker Radek Schovánek konnte zudem aufdecken, dass das Dokument unter Dozenten der Pädagogischen Fakultät der Prager Karlsuniversität verbreitet wurde. Fünf Mitarbeiter wurden deshalb im November des Jahres entlassen. Schovánek sagt zu seiner Recherche:
„Früher war nicht bekannt, dass jemand wegen des Briefs Probleme bekommen hat. Diese neue Erkenntnis zeigt, dass Havel in seiner Analyse Recht hatte: Schon für das bloße Lesen eines Briefes musste mit Repressionen gerechnet werden.“
Heute kann das historische Dokument einfach im Internet eingesehen werden. Anlässlich des 50. Jahrestages hat das Institut für das Studium totalitärer Regime zudem eine Online-Ausstellung über das Schreiben gestartet.
„Zielgruppe sind junge Menschen ab der Mittelschule, die keine Erfahrungen mit totalitären Regimen haben“, sagt Historiker Schovánek.
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