Buch von Niklas Zimmermann: Wie die Ackermann-Gemeinde Gläubigen in der Tschechoslowakei half
Die Hilfe der Ackermann-Gemeinde für Christen in der kommunistischen Tschechoslowakei steht im Fokus eines Buchs von Niklas Zimmermann. Martina Schneibergová hat mit dem Journalisten und Historiker über die Publikation gesprochen.
Herr Zimmermann, vor kurzem ist Ihr Buch über die Ackermann-Gemeinde erschienen. Sie gehen vor allem auf die Beziehungen der Ackermann-Gemeinde zu den Katholiken in der Tschechoslowakei ein. Wie ist die Idee entstanden?
„Die Idee ist ganz anfänglich dadurch entstanden, dass es eine Ausschreibung gab an der Ludwig-Maximilians-Universität in München – dem Graduiertenkolleg Religiöse Kulturen. Da war ein Thema, das grenzüberschreitend zwischen Deutschland und Mitteleuropa angelegt ist, sehr erwünscht. Ich habe darüber nachgedacht, wie man forschen könnte. Ich stellte mir die Frage, inwiefern religiöse Aspekte über die Ackermann-Gemeinde Eingang in die deutsch-tschechischen Beziehungen gefunden haben. Dann habe ich gemerkt, dass das Thema noch viel breiter ist, als ich am Anfang gedacht habe.“
Das Buch hat einen komplizierten Titel. Können Sie ihn nennen und erklären?
„Ja. Der Obertitel lautet ,Volksgruppe und Versöhnung‘ und der Untertitel ,Die Ackermann-Gemeinde als sudetendeutscher Verband und als Akteur im deutsch-tschechischen Dialog (1946–2004)‘. Ich kann ein bisschen ausführen, was das bedeuten soll. ,Volksgruppe‘ ist schon sehr stark bei vertriebenen Deutschen das Selbstbild gewesen. In den 1950er- und 1960er Jahren in der Ackermann-Gemeinde und in anderen sudetendeutschen Verbänden war das eine gängige Selbstzuschreibung. ‚Volksgruppe‘ ist also die Positionierung der Ackermann-Gemeinde in diesem sudetendeutschen Spektrum, aber die Ackermann-Gemeinde hat schon sehr früh auch über das eigene Spektrum hinausgeschaut – über die Grenze nach Tschechien. Sie hat sehr früh, schon weit vor 1989 Kontakte geknüpft.“
Die Ackermann-Gemeinde wurde von den sudetendeutschen Katholiken kurz nach dem Krieg gegründet. Wann kam es zu den ersten Kontakten zur Tschechoslowakei? In den 1950er Jahren war das wahrscheinlich unmöglich, erst als ein bisschen Entspannung herrschte…
„Genau. Die Liberalisierung des Grenzregimes kam im Jahr 1963 – zwischen der Bundesrepublik und der Tschechoslowakei – wo Reisen dann grundsätzlich möglich waren. Aus meinen Quellen weiß ich, dass Mitglieder der Ackermann-Gemeinde ab 1966 in die damalige Tschechoslowakei gefahren sind. Natürlich war das auch innerhalb der Ackermann-Gemeinde am Anfang nicht unumstritten.“
Gab es Gegner dieser Bemühungen in der Ackermann-Gemeinde oder überhaupt unter den Sudetendeutschen?
„Auf den ersten Geschäftsführer der Ackermann-Gemeinde, Adolf Kunzmann, haben sie gleich mehrere Agenten angesetzt.“
„Der erste Vorsitzende der Ackermann-Gemeinde, Hans Schütz (1901–1982), hat 1968 über diese grenzüberschreitenden Fahrten gesagt, es seien nicht mehr als Versuche. Das war keine komplette Ablehnung, weil der Versuch ist ja auch ein Vorausblick in die Zukunft. Schütz war vor allem daran gelegen, die Vertriebenen und die Mitglieder der Ackermann-Gemeinde in der westdeutschen Gesellschaft und der Politik zu verankern.“
Wie waren die Reaktionen auf diese Fahrten und die Kontakte zu den Katholiken in der Tschechoslowakei?
„Eine starke Reaktion gab es von Seiten des tschechoslowakischen Staates. Die Ackermann-Gemeinde wurde nämlich von der Staatssicherheit, dem kommunistischen Geheimdienst StB, beobachtet. Auf den ersten Geschäftsführer der Ackermann-Gemeinde, Adolf Kunzmann (1920–1976), haben sie gleich mehrere Agenten angesetzt. Sie wollten genau wissen, was mit diesem theologischen Literaturversand und den Beziehungen mit tschechischen Katholiken, mit tschechischen Priestern, auf sich hat, wer mit wem in Verbindung steht. Und da war aus meiner Sicht die Ackermann-Gemeinde für den tschechoslowakischen Staat viel gefährlicher als, sage ich mal, Politiker, die auf dem Sudetendeutschen Tag etwas sagten.“
Passierte es, dass zum Beispiel jemand von der Ackermann-Gemeinde von der Tschechoslowakei ein Reiseverbot bekam?
„Ja. Der frühere Generalsekretär Franz Olbert (1935–2023) hatte über mehrere Jahre ein Einreiseverbot. Und er wurde von der Staatssicherheit beobachtet.“
Wo haben Sie überall recherchiert?
„Über diese Beobachtungen habe ich im Archiv bezpečnostních složek – im Archiv der Sicherheitsdienste – in Prag recherchiert. Da habe ich Einsicht in die Akten genommen. Ich habe auch vorher tschechisch gelernt. Ich spreche nicht perfekt tschechisch, aber ich lerne es seit mehr als zehn Jahren. Das Archiv ist dem ÚSTR angegliedert, dem Institut für die Erforschung der totalitären Regime. Die Kollegen waren sehr kooperativ, alle Akten, die sie hatten, waren zugänglich. Das war eine sehr tolle Quelle aus tschechischer Sicht. Aber natürlich war ich auch in der Hauptstelle der Ackermann-Gemeinde. Sie haben auch ihre Akten archiviert. Was in den Beobachtungen der Staatssicherheit stand, etwa, wer wann wen getroffen hat, das habe ich in den Quellen der Ackermann-Gemeinde selbst überprüft, ob das überhaupt stimmen kann.“
Was beobachtete die Staatssicherheit alles? Wurden die Personen gleich nach der Einreise beobachtet?
ZUM THEMA
„Ja, also innerhalb der Tschechoslowakei wurden sie auch auf jeden Fall beobachtet. Aber der Geheimdienst StB hat auch einen Mann von ,Pacem in Terris‘, einer regimetreuen Priestervereinigung, gezielt auf Adolf Kunzmann, den ersten Geschäftsführer der Ackermann-Gemeinde, angesetzt. Da sind auch Treffen in Paris dokumentiert. Der StB hat da auch einen größeren Aufwand betrieben. Bei den Geschäftsführern als Organisatoren der Osthilfe – sei das Adolf Kunzmann oder später Franz Olbert – wollte der StB wissen, ob sie irgendwelche Leichen im Keller hatten. Bei einer Tochter von Adolf Kunzmann wurde ihre angebliche Zugehörigkeit zur 68er-Bewegung aufgeschrieben. Bei Franz Olbert haben sie versucht, irgendwelche privaten Leichen im Keller zu finden, sie haben aber keine gefunden.“
Ahnten die Vertreter der Ackermann-Gemeinde, dass sie hier beobachtet wurden?
„Franz Olbert hat mir in einem Zeitzeugengespräch gesagt: Ja, man musste damit rechnen. Und manchmal hatte er auch den Eindruck, dass die Beobachteten es spüren sollten, dass sie beobachtet werden, also dass irgendwie Autos auffällig hinter ihnen hergefahren sind.“
Aber sie haben die Hilfe trotz dieser Verfolgung und Beobachtung nicht aufgegeben…
„Sie haben auf die Hilfe trotz dieser Verfolgung nicht verzichtet und haben die Beobachtungen in gewissem Maße in Kauf genommen.“
„Nein, sie haben auf die Hilfe nicht verzichtet, trotz dieser Verfolgung oder Beobachtung. Sie haben die Beobachtungen in gewissem Maße in Kauf genommen, aber trotzdem haben die Geschäftsführer, Adolf Kunzmann und Franz Olbert, die Leute in den Osthilfekreisen genau instruiert, was sie machen können und was nicht. Und es gab auch die Ansage, man solle nichts Verbotenes und nichts Riskantes tun, also nicht den Helden spielen.“
Kam es zu einer Änderung in den Beziehungen nach der Niederschlagung des Prager Frühlings?
„Die Osthilfekreise hatten auch etwas Emanzipatives in dem Sinne, dass dort sehr viele Frauen maßgeblich die Arbeit gemacht haben.“
„Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings ging es mit der Osthilfe erst richtig los. Fahrten wurden schon vorher gemacht oder auch sehr stark im Prager Frühling. Während des Prager Frühlings kam zunächst die Idee auf, zentrale theologische Bibliotheken auf tschechischem Gebiet einzurichten. Das ging aber mit der Niederschlagung des Prager Frühlings nicht mehr. Auch das Regime hat die Schrauben angezogen und so war die Ackermann-Gemeinde gezwungen, ihre Osthilfe zu dezentralisieren. Sie hat in jeder Diözese in Deutschland Osthilfekreise eingerichtet, wo viele Freiwillige, Ehrenamtliche geholfen haben. Diese Osthilfekreise hatten auch etwas Emanzipatives in dem Sinne, dass dort sehr viele Frauen maßgeblich die Arbeit gemacht haben, auch im grenzüberschreitenden Kontext. Helena Faberová war eine tschechische Organisatorin der Osthilfe. Eine Frau von der Ackermann-Geschäftsstelle in München, Maria Weiß, ist immer über die Grenze gefahren. Ich habe erst am letzten Wochenende auch mit anderen Zeitzeuginnen gesprochen, die auch eingespannt waren. Und eine hat mir gesagt, man habe sehr gerne auf Frauen gesetzt, weil die an den Grenzen ein wenig unterschätzt wurden. Und das wusste man auszunutzen.“
Lief diese Osthilfe bis zur Wende oder auch noch nach der Wende weiter?
„Die Osthilfekreise wurden nach der Wende, ich kann nicht genau sagen wann, relativ schnell aufgelöst. Es gibt auch Leute, die sagen, das sei ein Fehler gewesen. Aber die Ackermann-Gemeinde hatte in den 1990er Jahren ganz andere Schwerpunkte.“
Was war für die Ackermann-Gemeinde während der Jahre Ihrer Meinung nach besonders wichtig?
„Die Ackermann-Gemeinde zielte schon sehr früh auf eine Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechen oder genauer gesagt zwischen Sudetendeutschen und Tschechen. Der Kern dieser Versöhnungsidee, die natürlich aus dem Christentum kommt, war, dass alle Akteure sich Gedanken machen, inwiefern sie in der Geschichte selbst Schuld auf sich geladen haben. Das ist eine sehr langsame, schrittweise Entwicklung gewesen. Schon bei diesem Gründungsgebet im Januar 1946, dem Vertriebenengelöbnis, hat Paulus Sladek (1908–2002), der entscheidende Gründungsvater der Ackermann-Gemeinde, zum Bekenntnis eigener Schuld aufgerufen. Damals war das noch nicht näher konkretisiert im Sinne von was, welche Schuld, sondern es war ein abstraktes Schuldbekenntnis vor Gott. Dann, während einer Predigt im Jahr 1955 in Haidmühle im Bayerischen Wald, hat Sladek davon gesprochen, dass Deutsche sich durch Geringschätzungen gegenüber Tschechen schuldig gemacht haben. Er hat nicht genau gesagt, wann das passiert ist, aber das ist schon ein Schritt weiter. In den Jahrzehnten danach ist diese Reflexion über begangenes Unrecht der eigenen Seite immer weitergegangen. Auch das Protektorat und die Henlein-Zeit wurden klar benannt. Da ist die Ackermann-Gemeinde schon immer viele Schritte weitergegangen als der Mainstream im sudetendeutschen Spektrum.“
Sie haben die Zeitzeuginnen erwähnt. Sie hatten noch die Möglichkeit, mit Herrn Olbert zu sprechen. Haben Sie auch weitere Persönlichkeiten der Ackermann-Gemeinde aus der früheren Zeit getroffen?
„Tatsächlich habe ich viele Gespräche eigentlich zum letztmöglichen Zeitpunkt geführt. Mit Franz Olbert war das eine sehr spannende und auch sehr freundliche Begegnung. Ich glaube, im Jahr 2018 habe ich ein bisschen gespürt, wie Herr Olbert als Organisator dieser ganzen Osthilfe und als Praktiker der grenzüberschreitenden Beziehungen funktioniert hat. Genauso hochinteressant war, mit Anton Otte zu reden, dem Priester mit einer etwas ungewöhnlichen Lebensgeschichte, der erst 1960 in die Bundesrepublik emigriert ist und dann nach der Wende als Vertreter der Ackermann-Gemeinde nach Prag gekommen ist und sich dort sehr stark für eine Versöhnung jenseits von politischen Forderungen eingesetzt hat.“
Handelt es sich um ein wissenschaftliches historisches Buch? Oder ist es auch für die breitere Öffentlichkeit bestimmt?
„Es ist ein vollwertiges wissenschaftliches Buch. Es ist in der Buchreihe des Collegium Carolinum in München erschienen, also des Instituts für die Geschichte Tschechiens, der Slowakei und der Sudetendeutschen. Aber ich habe durchaus den Eindruck, dass die Mitglieder der Ackermann-Gemeinde oder auch die Nachfahren der Vertriebenen daran sehr interessiert sind. Ich bin sehr zuversichtlich, dass es doch einige interessierte Leser finden wird, aber ein Bestseller wird es natürlich nicht.“
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