Preisgekrönte Kriegsberichterstatterin: Darja Stomatová berichtet seit vier Jahren aus der Ukraine
Seit dem Einmarsch der russischen Truppen, der vor genau vier Jahren begann, berichtet Darja Stomatová für die Fernsehzuschauer in Tschechien aus der Ukraine. Die 34-Jährige hat Anfang des Monats dafür den Ferdinand-Peroutka-Preis bekommen. Mit diesem werden hierzulande Journalisten ausgezeichnet, die laut Jury eine hohe Integrität beweisen sowie einen kompromisslosen Einsatz für die Demokratie.
Geboren wurde Darja Stomatová 1992 in Kasachstan. Ihr Vater ist Russe, und als die Tochter fünf war, siedelte die Familie nach Prag über. Später studierte Darja an der Karlsuniversität Politologie, Internationale Beziehungen und Journalistik. Im Interview für Radio Prag International schilderte sie den Beginn ihrer Karriere:
„Ich mag die Kombination aus Ton, Informationen und Video. Für mich ergibt dies das komplette Bild einer Situation. Das war einer der Gründe, warum ich zum Fernsehen gegangen bin. Zudem wollte ich schon immer Auslandsreporterin werden, weil man dann reisen kann. So lernt man Menschen kennen, die man sonst nie getroffen hätte, und kann mit ihnen über ihre Kultur und ihr Leben sprechen. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Kriegsberichterstatterin werde.“
Nahezu schicksalhaft verbanden sich für Stomatová jedoch ihr professionelles und ihr persönliches Leben. Nach nur fünf Berufsjahren wurde sie vor eine wichtige Entscheidung gestellt. Mit ihrem Kameramann und Lebenspartner Ján Schürger hatte sie als Reporterin für das Privatfernsehen schon mehrere Auslandsreportagen gedreht, und Anfang 2022 wurde sie nach Charkow geschickt. Ihr Arbeitgeber war damals der tschechische Sender CNN Prima News, und Stomatová eignete sich für den Auftrag wegen ihrer Russischkenntnisse...
„Ján und ich entschieden, gemeinsam dorthin zu fahren. Das war eine Woche vor dem Beginn der Invasion. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich noch nicht, dass es dazu kommen würde. Aber es passierte, und dann konnten wir mit der Arbeit nicht einfach aufhören. Wir reisten von da an immer wieder in das Land. So wurde dieser Teil der Ukraine zu einem Teil von mir.“
Das Paar erlebte die ersten intensiven Bombardierungen von Charkow mit. Laut der Jury des Ferdinand-Peroutka-Preises, mit dem die Reporterin gerade ausgezeichnet wurde, waren Stomatová und Schürger das letzte Fernsehteam aus Mittel- und Westeuropa, das auch nach Kriegsausbruch vor Ort blieb.
Vorsichtiger Umgang mit Informationen
Seit März 2023 ist Darja Stomatová als Ukraine-Korrespondentin für das öffentlich-rechtliche Tschechische Fernsehen (ČT) tätig. Jede einzelne ihrer zahlreichen Reportagen beinhalte eine starke Geschichte, sagt die Journalistin:
„Manchmal ist es eine Erzählung über Traurigkeit, manchmal über Helden. Manchmal kommt auch eine deutliche Kritik an der Ukraine zur Sprache – über Korruption oder andere Dinge, die nicht okay sind für eine demokratische Gesellschaft. Eine der Geschichten, die mir im Gedächtnis geblieben sind, ist die eines Vaters, der seinen Sohn suchte – einen Soldaten, der seit einem Monat vermisst wurde. Der Vater fand ihn, nahm ihn mit in die Westukraine und schickte ihn ins Krankenhaus. Als der Sohn wieder gesund war, entschloss er sich, zurück ins Kriegsgebiet zu gehen – und dort starb er dann. Dies ist vielleicht die eindrucksvollste Geschichte, weil sie die Essenz des Krieges beschreibt: Die Menschen verlieren ihre Angehörigen, Väter und Mütter müssen ihre Söhne in den Kampf schicken.“
Solche Geschichten aufzuspüren, ist ein Aspekt der Arbeit von Kriegsreportern. Ein anderer ist die nötige Vorsicht, durch die Berichte nicht auch der russischen Seite indirekt sensible Informationen zu liefern. Solche Überlegungen müsse sie vor allem anstellen, wenn sie etwa zu Korruption und Missständen in der Ukraine recherchiere, so Stomatová:
„Wir haben zum Beispiel über ukrainische Befestigungsanlagen an der Front gedreht, die in keinem guten Zustand waren. Dabei fragten wir nach dem Grund – ob das Geld für die Anlagen woanders hinfließt oder die Konstruktionspläne schlecht sind. Es war gar kein Bericht über Korruption, sondern über die Lage an der Front. Aber wenn wir diesen zu früh veröffentlicht hätten, dann hätte die russische Seite gewusst, wo sich diese Befestigungen befinden. Also haben wir etwa ein Jahr abgewartet, bis sich die Lage änderte und die russische Armee diese Orte sowieso erobert hatte.“
So habe der Hintergrundbericht den ukrainischen Truppen nicht mehr schaden können, fügt die Reporterin hinzu. Weiter erläutert sie, dass sie sich in den vier Jahren in der Ukraine ein dichtes Netz an persönlichen Kontakten aufgebaut habe:
„Das Wichtigste für uns sind die Menschen, mit denen wir sprechen. Wir stehen in ständigem Kontakt sowohl mit Soldaten als auch mit Zivilisten, sie sind die grundlegenden Quellen für mich. Die Informationen, die ich von ihnen bekomme, gleiche ich dann mit den offiziellen Angaben ab sowie mit den Nachrichten aus den sozialen Netzwerken und den unterschiedlichen ukrainischen Medien. Das füge ich dann alles zusammen.“
Stomatová berichtet oft direkt von der Front. In ihren Reportagen zeigt sie Bilder von zerstörten Häusern und Aufnahmen ihrer Autofahrten durch das Kriegsgebiet oder steht an Orten, an denen kurz zuvor Drohnen eingeschlagen sind. Während sie vor der Kamera ins Mikrofon spricht, trägt sie mitunter einen Helm und eine schusssichere Weste mit der gut sichtbaren Bezeichnung „Presse“.
Das Team ist immer einen Monat in der Ukraine und einen Monat in Tschechien. Meistens verarbeite sie ihre Erlebnisse erst, wenn sie zu Hause sei, sagt Stomatová. Dort fühle sie sich wieder sicher und denke über die Menschen nach, die sie in dem Kriegsland getroffen habe:
„Mit vielen Menschen kann ich von hier aus keinen Kontakt aufnehmen, weil ihr Telefon nicht funktioniert. Dann überlege ich, wie es für sie weitergegangen ist, ob sie leben oder tot sind. Und ob sie in den Frontstädten geblieben sind oder sich entschieden haben, sie zu verlassen. Diese Gedanken sind wahrscheinlich zermürbender für mich als die Erinnerung daran, dass ich die Leichen von Soldaten und Zivilisten gesehen habe. Denn diesen kann man dann schon nicht mehr helfen. Man weiß, dass es für sie keine Zukunft gibt. Aber die Menschen, mit denen wir drehen, haben in dem Moment noch eine Zukunft – und diese hängt von ihren Entscheidungen ab.“
Und viele dieser Menschen entscheiden sich tagtäglich dafür, in ihren Häusern mitten im Kriegsgebiet zu bleiben und ihre Heimat nicht zu verlassen. Das könne sie kaum verstehen, räumt Stomatová ein, obwohl ihr eigenes Zuhause für sie selbst auch eine große Bedeutung habe.
Eine Art Mission
Durch die Kriegsberichterstattung aus der Ukraine habe sich in den vergangenen vier Jahren viel für sie persönlich verändert, resümiert Darja Stomatová:
„Für mich ist die Erkenntnis wichtig, dass es nicht selbstverständlich ist, immer einen sicheren Ort zu haben. Wir müssen uns darüber klar sein, dass sich mit einem Mal alles ändern kann – so wie sich das Leben für die Menschen in der Ukraine plötzlich geändert hat. Ich empfinde es als sehr wertvoll, wenn ich zu Hause mit meiner Familie zusammen sein kann. Man begreift, dass das nicht selbstverständlich sein muss. Diese Momente müssen wir schätzen.“
Als Kriegsreporter muss man offenbar nicht unbedingt einen angstlosen Charakter haben. Aus Stomatovás Worten lässt sich ableiten, dass es darauf ankommt, wie man vor Ort mit der Lage umgeht. Beim Drehen in der Ukraine denke sie nicht nach, sondern tue einfach, was nötig sei, beschreibt die Journalistin ihren Arbeitsalltag. Den Job zu wechseln und womöglich aus einem anderen Land zu berichten, käme für sie nicht in Frage, unterstreicht Stomatová. Auch wenn sich ihre Familie dies vielleicht bei jeder neuen Abreise ins Kriegsgebiet wünschen würde...
„Aber was wird dann mit den Menschen in der Ukraine, mit denen ich in Kontakt stehe? Wie könnte ich ihnen sagen, dass ich nicht mehr wiederkomme? Wie könnte ich ihnen sagen, dass ich aufgebe, wo sie selbst doch nicht aufgeben? Es geht nicht nur um die Arbeit. Es ist eine Art Mission, das alles zu Ende zu führen – also bis zum Ende des Krieges dort zu sein, die Geschichten zu erzählen und mit den Menschen in Kontakt zu bleiben.“
Sie hoffe, dass der Krieg nicht mehr länger als zwei Jahre dauern werde, wagt Stomatová eine Prognose. Die Reporterin spricht davon, dass auf beiden Seiten der Front eine große Müdigkeit herrsche. Und das betreffe auch die Wirtschaft der Länder:
„Im Moment geht es nur um das Durchhalten bis zum Ende. So beobachte ich es sowohl auf der russischen als auch auf der ukrainischen Seite. Sie wollen nicht aufgeben. Für die Ukraine ist dies eine gute Einstellung, aber auch die Russen wollen nicht abrücken. Ein Ende des Krieges hängt davon ab, in welcher Lage sich die jeweiligen Seiten befinden werden – ob es so schlimm sein wird, dass sie einfach aufgeben müssen. Ich hoffe nicht, dass es so weit kommt. Aber es kann sein.“
In ihren Augen seien die Menschen in der Ukraine wahre Helden und schon jetzt die Gewinner dieses Krieges, unterstreicht die Journalistin. Dies sehen jedoch nicht alle Menschen in Tschechien so. Ähnlich wie in vielen anderen europäischen Ländern auch, werden hierzulande in der öffentlichen Diskussion auch antiukrainische Haltungen vertreten. Die aktuelle Regierung etwa nimmt Ukraine-Flaggen von öffentlichen Gebäuden ab, will kein Geld mehr für Waffenlieferungen aufbringen oder auch den Aufenthaltsstatus der Kriegsflüchtlinge in Tschechien revidieren. In den sozialen Netzwerken äußern sich zahlreiche Menschen in Tschechien zudem aggressiv prorussisch. Sie selbst würde mitunter unschöne Kommentare zu ihrer Arbeit bekommen, erwähnt Stomatová:
„Ich mache meine Arbeit, so gut ich kann. Aber es ist nicht meine Aufgabe, die Meinung dieser Leute zu ändern. Der Krieg dauert eben schon vier Jahre. Ich glaube, dass diese Menschen einfach mehr an sich denken als an die Zukunft. Ihnen ist wahrscheinlich nicht klar, dass alles ganz anders hätte ausgehen können, wenn die Ukraine Russland nicht aufgehalten hätte. Diese Menschen sehen wohl eher die Inflation hierzulande und dass sie mehr Geld für Lebensmittel und Strom ausgeben müssen. Es ist ihre Art zu leben und die Lage zu begreifen. Ich denke zwar, es wäre besser, wenn sie mehr Informationen über den Krieg suchen würden, auch aus anderen Quellen. Aber ich verstehe ebenso, wie einfach es ist aufzugeben und den Desinformationen zu glauben.“
Der Ferdinand-Peroutka-Preis gebe ihr hingegen ein positives Feedback, sagt Darja Stomatová. Er sei ein Zeichen dafür, dass ihre Berichte und Geschichten aus der Ukraine wahrgenommen würden, so die Reporterin. Und sie sehe darin eine große Verantwortung, mit ihrer Arbeit fortzufahren.
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