Heidi Vidaic auf den Spuren ihrer Vorfahren im Böhmerwald

Mitte August fand in der Böhmerwaldgemeinde Kvilda ein Treffen von Nachfahren der früheren Bewohner statt. Martina Schneibergová war dabei und hat mit der Initiatorin der Veranstaltung, Heidi Vidaic, gesprochen.

Frau Vidaic, wie ist dieses Treffen der Nachfahren in Kvilda – auf Deutsch Außergefild – zustande gekommen? Es sind viele Leute hier, vertreten sind dabei verschiedene Generationen…

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Wir haben eine Gruppe gegründet für diese Nachfolgegeneration unserer Eltern, die vertrieben worden sind. Ich habe vor ungefähr acht Jahren über Facebook meinen Cousin in Tschechien entdeckt, in der Nähe von Winterberg (Vimperk) in Kaltenbach (Nové Hutě), er wohnt in Budweis (České Budějovice). Wir haben uns getroffen, und dann wurde der Wunsch immer größer, dass wir noch mehr Menschen finden, die zu dieser großen nächsten Generation gehören. Ich habe mir überlegt, dass ich an diese Generation über Facebook besser herankomme als über eine Zeitschrift – es gibt ja einen Böhmerwald-Heimatbrief von der alten Generation. Es hat ganz klein angefangen mit nur einem Kontakt, und untereinander hat sich das dann immer weiter vermehrt. Wir sind jetzt vielleicht auch nur 70, aber sehr aktive Personen. Und wir sind fast alle miteinander verwandt durch unseren Böhmerwald-Stammbaum aus Außergefild, Buchwald (Bučina) und Fürstenhut (Knížecí Pláně). Der Wunsch war einfach, dass wir uns persönlich treffen. Das war sehr wichtig.“

Ich habe gerade an einer Führung durch das Dorf teilgenommen und war erstaunt, was einige der Nachkommen alles über ihre Vorfahren, die aus dem Böhmerwald stammten, wissen …

„Ja, ich weiß auch ganz viel, und da muss ich ein ganz großes Lob an unsere Vorfahren aussprechen. Sie haben 1946 das Land verlassen und schon zwei Jahre später eine monatliche Zeitschrift herausgebracht. Darin wurde berichtet, wer Geburtstag hat, wer gestorben ist, immer von jedem Ort extra. Es wurde benannt, wenn jemand umgezogen ist, damit man sich wiederfindet. Sie haben in Deutschland schon früh wieder Treffen mit der Dorfgemeinschaft veranstaltet und alle Geschichten aufgeschrieben. Diese findet man in den alten Böhmerwald-Heimatbriefen. Und da kann man diese persönlichen Geschichten herauslesen.“

Wissen Sie, wo Ihre Vorfahren gelebt haben? In welchem Haus?

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Ich weiß alles ganz genau bis zurück ins Jahr 1600. Leider gibt es das ursprüngliche Haus meiner Familie nicht mehr. Dort ist jetzt ein Parkplatz in Kvilda, aber ich kenne den Platz. Und ich weiß, wo mein Urgroßvater geboren wurde – hier in Wilhelmswald, in dem anderen Ortsteil. Durch die Kirchenbücher weiß man auch, wie viele Kinder jemand hatte, wann diese geheiratet haben, wer gestorben ist. Etwas ist aber schade: Ich weiß, dass auf diesem Friedhof Generationen unserer Familie begraben sind, aber leider gibt es die Grabsteine und Grabkreuze nicht mehr. Ich habe aber einen Uropa in Winterberg, und dort gibt es sein Grab noch. Ich habe also ein Familiengrab, das von meinen Praschl-Vorfahren übrig geblieben ist.“

Wie alt waren Ihre Verwandten, als sie Kvilda verlassen mussten?

„Meine Mutter hat die Vertreibung miterlebt. 1946 war sie elf Jahre alt. Und mein Onkel war sechs Jahre alt. Sie wurden von Winterberg vertrieben über ein Lager in Prachatitz (Prachatice) bis nach Dachau. Das ehemalige KZ war die erste Station für die Kinder zusammen mit meiner Oma.“

Haben sie Ihren Heimatort besucht, vielleicht nach der Wende?

„Ja. Mein Onkel war Berufssoldat. Er durfte seine Heimat vor 1990 nicht besuchen, und meine Mutter wollte nicht. Später habe ich zwei Besuche mit ihr gemacht, aber das war immer sehr schmerzhaft. Für sie waren die Tschechen immer noch fremd. Sie hat ihr ganzes Leben lang zwei Kategorien gehabt: das Leben ,drinnen‘ und das Leben ,draußen‘.‚Drinnen‘ war die Kindheit vor der Vertreibung, da gab es Geschichten davon. Und ,draußen‘ war ein anderes Leben. Das war für sie immer sehr schwierig.“

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Wann haben Sie selbst diese früheren Heimatorte für sich entdeckt?

„Ich habe noch den Ahnenpass von meinem Opa und habe darin festgestellt, dass meine Familie nicht aus Winterberg stammt. In diesem Ahnenpass sind ja alle Familienmitglieder aufgeführt. Dort habe ich dann den Namen Außergefild gelesen und angefangen zu recherchieren. 2008 war ich das erste Mal für ein paar Tage hier. Aber da wusste ich noch gar nichts. Heute kenne ich jedoch wirklich die komplette Geschichte. Ich kenne die Berufe und die Familienzusammenhänge.“

Was waren Ihre Vorfahren von Beruf?

„Mein Uropa war Sattler. Er ging von hier nach Freyung und hat in Bayern eine Sattlerlehre gemacht. Das war 1903 oder 1904. Danach zog er nach München und hat dort als Sattler gearbeitet. Später war er in der Papierfabrik in Franzensthal (Františkov) und hat sich dann in Winterberg selbstständig gemacht. Viele der Außergefilder Vorfahren haben zum Beispiel auch als Waldheger für den Fürsten gearbeitet. So richtige Lehrberufe kannten sie noch nicht.“

Haben Sie vielleicht von Ihren Verwandten gehört, wie hart das Leben hier während des Winters war?

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Ich habe sehr viele Bücher von Karel Klostermann gelesen. Dadurch wird einem das sehr bewusst. Aber ich kenne auch Geschichten von meiner Mutter, dass sie in Winterberg sehr große Schneemassen hatten. Im Winter konnte man nirgendwohin. Ich weiß, dass mein Opa im November geboren wurde, da gab es sehr viel Schneefall. Die Hebamme, die ihn betreut hat, war hier vom Dorf. Sie musste im Tiefschnee bis nach Wilhelmswald (Vilémov) hochlaufen und blieb dann die ganze Zeit dort, bis das Kind geboren war. Als Kind kannte ich auch die Lebensmittel, die es damals gab. Denn meine Mutter hat so gekocht, mit ganz einfachen Dingen – beispielsweise die Milchsuppe. Die hat aber nur meine Oma gegessen, ich konnte das nicht. Eigentlich war das ein armes Essen für arme Leute. Aber wir sind damit groß geworden.“

Haben Sie auch Pilze gegessen?

„Ja. Und ich kenne viele Pilzgeschichten von meiner Mutter, nach denen sie nie wieder so gute Pilze gegessen hat wie ,drinnen‘. Das musste man dann immer hören: ,Drinnen‘ gab es die Pilze und die Beeren, die sie gesammelt haben. Das ist so in meinem Gedächtnis geblieben.“

Hat sie auch gebacken?

„Dazu gibt es eine Geschichte. Ich habe ja auch Kinder, und wir waren mit meinem Sohn einmal in Tschechien. Er freute sich auf das Essen dort, das war ja ein Urlaub im Ausland. Als er die Speisekarte sah, schaute er mich an und sagte: ‚Aber Mama, das essen wir doch zu Hause immer schon. Das ist gar kein fremdes Essen.‘ Für ihn waren diese Gerichte also das, was wir sowieso immer kochen. Das war sehr interessant. Wir wurden geprägt, ohne dass wir es wussten.“

Meinen Sie, dass so etwas auch in anderen Familien weitergegeben wurde?

„Ich hatte gerade so eine Unterhaltung und weiß daher, dass es tatsächlich so war. Wenn es in der Familie noch eine Oma gab, dann wurde intensiv böhmisch gekocht. Von Generation zu Generation wird es leider weniger. Aber es war so, das Essen verbindet die Menschen.“

Was die Pilze anbelangt: Ich glaube, in Deutschland ist es nicht so üblich, Pilze zu sammeln…

„Meine Freundin Zuzana (eine Tschechin, Anm. d. Red.) wollte mit mir einmal Pilze sammeln gehen. Ich erzählte ihr, dass ich noch nie Pilze gesammelt habe. Sie konnte überhaupt nicht glauben, dass man Pilze nicht sammelt, sondern im Geschäft kauft. Ich kenne auch niemanden, der Pilze sammelt. Aber ich sehe in Deutschland immer im Herbst die Leute mit dem Korb durch den Wald laufen.“

Ist es das erste Mal, dass es so ein größeres Treffen direkt hier in Kvilda gibt?

„Es gibt diese Treffen, glaube ich, seit 70 Jahren. Sie wurden von den älteren Generationen organisiert, fanden aber immer nur in Mauth statt. Denn es gab ja zuerst keine Möglichkeit, sich hier im Böhmerwald zu treffen. Später hat man sich dort getroffen und ist für ein paar Stunden mit dem Bus hierhergefahren. Und jetzt ist es 80 Jahre nach der Vertreibung vielleicht an der Zeit, dass wir, die junge Generation, dies wieder aufnehmen und am Leben erhalten. Wir haben gute Partner in der Gemeinde Kvilda, das freut mich. Der Bürgermeister war da, und wir haben viele weitere Kontakte. Der Bürgermeister bekommt manchmal Anfragen von Menschen, die Ahnenforschung machen. Dann gibt er mir Bescheid, denn ich habe einen Stammbaum mit über 2500 Personen. Und wenn ich etwas brauche, dann sage ich ihm Bescheid. Wir treffen uns immer, wenn ich hier bin, tauschen uns aus und erzählen. Jetzt wird die Kirche renoviert. Das war eine sehr wichtige Sache, für die er sich sehr engagiert hat. Da sind wir sehr dankbar.“

Es scheint, dass die zweite oder dritte Generation an ihren Wurzeln interessiert ist…

„Auf jeden Fall. Natürlich haben die Menschen nicht mehr diese Verbindung, wie ihre Eltern oder Großeltern das hatten. Aber sie sind an einem guten Kontakt interessiert – und an Geschichten. Jetzt versterben viele Großeltern. Dann tauchen plötzlich Dokumente oder Fotos auf, und die Menschen fangen an zu überlegen: ‚Mensch, da war doch was. Wir kommen schließlich aus Außergefild.‘ Dann bekomme ich manchmal Bilder geschickt, und jemand fragt, wo ein bestimmtes Haus ist. Oder was eine Person gemacht hat. Das Interesse ist wirklich sehr groß.“


An dem Treffen der Nachfahren nahm auch Horst Praschl teil. Er ist ein Onkel von Heidi Vidaic. Hier ein kleines Gespräch mit dem Zeitzeugen:

Herr Praschl, haben Sie einiges Neues gehört oder erlebt während des Treffens? Denn Sie sind ein Zeitzeuge…

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Ja, aber ich stamme nicht aus Außergefild, sondern aus Winterberg. Außergefild habe ich eigentlich erst durch Heidi kennengelernt, die uns einmal eingeladen hatte. Wir sollen mitfahren und sehen, woher unsere Vorfahren stammen.“

Hatten Sie Außergefild schon zuvor besucht?

„Ja, wir haben einen kleinen Abstecher gemacht, als wir in Winterberg und in Kaltenbach waren. Und da hat uns Heidi ein bisschen erzählt, was da alles gelaufen und passiert ist. Damals waren wir auch im Museum, das ist ja ganz toll. Vor allen Dingen die Schulklasse, die dort aufgebaut ist.“