Welt-Dental-Kongress in Prag: Viel Zukunft und ein bisschen Vergangenheit der Zahnheilkunde

Welt-Dental-Kongress in Prag

Kennen Sie jemanden, der gern zum Zahnarzt geht? Kaum eine Praxis ist wohl so unbeliebt wie die, in der es Bohrer gibt und wo Wurzelbehandlungen durchgeführt werden. Die Möglichkeiten der Betäubung sowie sanfter Behandlungsmethoden entwickeln sich aber zügig weiter. Und die Angst vor dem Zahnarztbesuch könnte in Zukunft immer weiter gemindert werden, je mehr Künstliche Intelligenz in der Praxis zum Einsatz kommt. Dies ist zumindest die Vision des Weltverbandes der Zahnärzte FDI, der am ersten Septemberwochenende seinen Jahreskongress in Prag abgehalten hat. Bei der Großveranstaltung konnten die Besucher aber auch einen Blick in die Vergangenheit der Stomatologie werfen.

2026 ist das Jahr der tschechischen Stomatologie. So hat es die hiesige Zahnärztekammer Anfang März ausgegeben. Im gleichen Monat wurde nicht nur traditionell auf den Welttag der Mundgesundheit hingewiesen, bei dem am 20. März zahlreiche Kinder etwas darüber lernen konnten, wie wichtig das Zähneputzen ist. Es werde dieses Jahr auch Geburtstag gefeiert, betont Kammerpräsident Roman Šmucler im Interview für Radio Prag International:

Roman Šmucler beim Welt-Dental-Kongress,  im Hintergrund Adam Vojtěch und Nikolai Sharkov | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

„Die Zahnärztekammer hat 35. Jubiläum. Und vor allem findet in Prag der Weltkongress statt. Damit wollen wir die Stomatologie stärken und kommunizieren, dass vieles heute schon anders ist. Unsere Mitteilung lautet: Wer sich die Zähne gut putzt, muss kein Karies und keine Parodontose bekommen. Das heißt, dass es bei der Stomatologie jetzt eher um kosmetische Fragen geht oder um Zahnspangen für Kinder. Die Vorstellung, dass jemand seine Zähne verderben lässt und darum eine Krone oder ein Implantat braucht, ist nicht mehr von dieser Welt.“

Dies ist allerdings etwas zugespitzt. Die Menschen hätten freilich immer noch Karies, räumt Šmucler ein, und man wisse auch warum. Aus Studien sei nämlich bekannt, dass die durchschnittliche Dauer des Zähneputzens in der Europäischen Union bei 45 Sekunden liege. Dann könnte man es eigentlich auch gleich sein lassen, fügt der Kammerpräsident ironisch hinzu. Und auf die Frage, welches Niveau die zahnärztliche Versorgung hierzulande habe, antwortet er:

Messestände beim Welt-Dental-Kongress | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

„Tschechien ist auf dem Feld der Stomatologie absolute Spitze. Unsere Experten sind auf der ganzen Welt bekannt, weil sie überall Vorträge halten. Dies hängt mit der Versorgung zusammen, die sie hierzulande leisten. Denn die Menschen bezahlen auch Zusatzleistungen, und die Patienten sind seit Jahrzehnten unter den Praxen stark umkämpft. In den Medien heißt es zwar immer, es gebe einen Zahnärztemangel. Aber zumindest in Prag muss ein Arzt verdammt gut sein, weil sonst niemand zu ihm kommt. Dies gilt auch für Brünn oder Příbram – das ist heute keine Frage des Zentrums mehr.“

Priorität für die Regierung

Eine gute Versorgungslage liege auch der Regierung am Herzen, sagt Gesundheitsminister Adam Vojtěch (parteilos). Bei der Pressekonferenz auf dem Welt-Dental-Kongress in Prag führte er aus:

„Für mich und mein Ministerium ist die Zahnpflege natürlich eine der Prioritäten. Sie gehört zur Grundgesundheitsversorgung und somit auch zu der Reform, an der wir gerade arbeiten. Wir haben eine spezielle Arbeitsgruppe für Dentalfragen, die ein Beratungsorgan des Ministers ist. Sie konzentriert sich auf die Stärkung der Prävention, denn dies ist ein zentrales Thema für die Bevölkerung im Allgemeinen und für Kinder sowie Jugendliche im Besonderen. Wir diskutieren außerdem, wie den Patienten moderne Behandlungsmethoden angeboten werden können und wie die Zahnpflege für jeden Menschen in Tschechien bezahlbar wird.“

Gesundheitsminister Adam Vojtěch beim Welt-Dental-Kongress | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Diese Themen wurden auch beim Kongress diskutiert. Der Weltverband der Zahnärzte FDI richtet jedes Jahr ein internationales Treffen aus, und diesmal waren die Stomatologen Anfang September ins O2 Universum in Prag geladen. 6700 Teilnehmer aus 122 Ländern der Erde waren da. Laut FDI-Präsident Nikolai Sharkov kam damit das weltweite Zahnarztwissen zusammen, um sich über aktuelle Entwicklungen auszutauschen, über die weitere Zukunft der Stomatologie zu diskutieren und ihre Anliegen an die internationalen politischen Institutionen wie die EU oder die Weltgesundheitsorganisation WHO weiterzuleiten.

Sharkov wies jedoch auch darauf hin, dass die stomatologische Versorgung in der Welt sehr ungleich verteilt sei. In ländlichen Gegenden sei sie schwieriger zugänglich als in Städten, und in armen Regionen wesentlich schlechter als in reichen Ländern. 60 Staaten seien nicht in der FDI vertreten, so der Präsident, und in einigen davon gebe es nicht einmal Zahnärzte.

Die weltweiten Vorreiter in Sachen Dentalforschung hingegen benannte Roman Šmucler bei der Pressekonferenz am 4. September:

„Es sind fünf Länder in der Welt, in denen es eine außergewöhnlich gute zahnärztliche Versorgung für die Bevölkerung gibt: Dies sind Luxemburg, Deutschland, Österreich, Kroatien und Tschechien. Die Patienten in Tschechien sind also in einer komfortablen Lage, aber wir blicken weiter in die Zukunft. Erst vor zwei Tagen wurden uns Projektgelder von 20 Millionen Euro genehmigt zur Nutzung von Künstlicher Intelligenz durch ein Team aus Prag und Deutschland.“

Und Künstliche Intelligenz (KI) war auch das Stichwort für den diesjährigen Welt-Dental-Kongress. In den Präsentationen und Vorträgen ging es um elektronische Zahnbürsten, die Karies aufspüren, des Weiteren um Implantate, die auf Mikrometer genau angefertigt werden, oder auch um Roboter, die diese Implantate dann einsetzen. Die Stomatologie sei im Zeitalter der KI angelangt, proklamierte Šmucler. Und so ging es in einem der Symposien auch um den Datenschutz sowie um ethische Fragen und Risiken bei der Nutzung von KI. Einer der Redner war Dominik Groß, Medizinethiker von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen.

Dominik Groß beim Welt-Dental-Kongress | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

„KI ist auf jeden Fall segensreich. Man muss sie nur richtig anwenden, das darf nicht unkritisch sein“, konstatierte Groß zunächst im Interview für Radio Prag International. Sein Forschungsgebiet seien dann auch die Fallstricke, die es bei der Nutzung von KI in der Medizin gebe:

„Ein Beispiel wäre etwa, dass man sehr viel Künstliche Intelligenz in die Arzt-Patienten-Beziehung einbaut und dass dadurch der persönliche Kontakt und auch das vertrauensvolle Band zwischen Patient und Zahnarzt verloren geht, weil es zum Teil durch Technik ersetzt wird. So tritt eine Art Entfremdung auf und im schlimmsten Fall auch ein Misstrauen, weil der Patient seinen Zahnarzt eigentlich gar nicht mehr richtig kennenlernt. Damit kann das, was wir ein therapeutisches Bündnis nennen, gar nicht erst aufgebaut werden.“

Auf ärztlicher Seite könne es zudem zum sogenannten Black-Box-Syndrom kommen, fährt Groß fort. Unter Umständen werde die KI so kompliziert, dass der Anwender sie nicht mehr richtig durchblicke und sie damit auch nicht kritisch einordnen könne. Und darüber hinaus macht der Hochschulprofessor auf unzureichende Grundlagen der KI aufmerksam:

„Künstliche Intelligenz ist nur so gut wie die Daten, mit denen sie gefüttert wird. Ein Beispiel aus der Dermatologie wäre – das betrifft aber auch den Mundraum –, dass man bei der Erkennung bestimmter krankhafter Veränderungen an der Mundschleimhaut bisher hauptsächlich die Haut von weißen Menschen zugrunde gelegt hat. Manche Erkrankungen sehen aber auf farbiger Haut anders aus. Diese Personen sind in den Datensätzen unterrepräsentiert, und deshalb ist das Risiko von Fehldiagnosen bei diesen Personen natürlich entsprechend groß. Und wenn ein Zahnarzt blind der KI vertraut, dann kann es sein, dass er zu falschen Schlüssen gelangt.“

Das Gebiss von Karl IV.

Auch an den Messeständen beim Welt-Dental-Kongress blickte man vor allem in die Zukunft der Stomatologie. Aber zwischen den hochmodernen Behandlungsstühlen und den Verkaufstischen voller Bohrer, Kratzer und Spiegelchen fanden sich auch einige Vitrinen mit historischen Exponaten. Und ein Banner rief auf Deutsch dazu auf, mit Spenden das dentale Erbe zu retten...

Andreas Haesler und Hans-Rainer Fischer vom Dentalmuseum | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

„Mein Name ist Andreas Haesler. Ich habe das Dentalmuseum gegründet. Wir führen es jetzt ins Dentale Erbe über, das wollen wir nächstes Jahr mit einem internationalen Kongress machen. Das Museum befindet sich zwischen den drei Städten Leipzig, Chemnitz und Dresden in Sachsen.“

Konkret in dem Örtchen Zschadraß bei Colditz. Auf 320 Quadratmetern Fläche sind dort über eine halbe Million Exponate und mehr als 270.000 Bücher versammelt, die sich alle um den Zahn drehen. Damit werde eine 360-Grad-Betrachtung von 5000 Jahren Geschichte der Zahnheilkunde ermöglicht, betont Haesler. Er berichtet weiter, dass er in Prag gerade mit einem Kongressbesucher aus Utrecht verhandelt habe, der eine stomatologische Sammlung aus den Niederlanden in das Museum in Sachsen überführen wolle:

„In Zschadraß befinden sich der Louvre, die Eremitage und das Grüne Gewölbe der Zahnheilkunde an einem Platz. Wenn Utrecht dazukommt, würden wir noch das Britische Museum bekommen. Da kann man die Dimension ein bisschen erahnen. Unsere älteste Zahnarztpraxis ist von 1750, und wir können sofort loslegen, wenn Sie Zahnschmerzen haben. Wir haben die ältesten Originalgebisse, die 2300 Jahre alt sind, und die ältesten Zahnwehdarstellungen – über 2500 Jahre alt und präkolumbianisch.“

Kopie des Unterkiefers von Karl IV. im Dentalmuseum | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Auf dem FDI-Kongress in Prag konnten Haesler und sein Kollege Hans-Rainer Fischer mit vier Vitrinen nur eine sehr kleine Auswahl des Museumsbestandes präsentieren. Aber ein Exponat hatte sogar eine direkte Verbindung zu Prag: Zu sehen war die Kopie des Unterkiefers von Karl IV. mit einigen rosafarbigen Markierungen. Fischer erläutert:

„Karl IV. war ein Draufgänger. Er hat einst inkognito an einem Ritterturnier teilgenommen, die haben mit Holzlanzen aufeinander eingestoßen. Dabei ist es passiert, dass Karl IV. frontal am Kinn getroffen wurde. Im Eckzahnbereich wurde ein Mittelstück herausgesprengt und nach hinten verlagert. Und gleichzeitig sind die Gelenkköpfchen des Unterkiefers, wo dieser beweglich aufgehängt ist, weggebrochen. Für die Zeit ist es ein Wunder, dass Karl das überlebt hat. Er wurde flüssig ernährt, mit Opioiden wurden ihm die Schmerzen genommen, und man hat sicherstellen müssen, dass er noch atmen konnte. Dann wurde dieses herausgebrochene Kinnstück manuell wieder in eine einigermaßen gangbare Position gebracht. Dabei musste es etwas höher gesetzt werden, damit Kontakt zum Oberkiefer bestand. Weil sich der Knochen wieder neugebildet hat, hatte Karl dann ein recht ausgeprägtes Kinn. Die Gelenkköpfchen sind erneut festgewachsen, sogar an der Schädelbasis, und die Gelenkpfannen haben sich im Knochenwachstum reorganisiert. Und nach einem Jahr war Karl IV. weitestgehend wiederhergestellt.“

Stomatologie im KI-Zeitalter

Dank der Vertreter des Dentalmuseums in Sachsen fehlte beim Welt-Dental-Kongress in Prag also nicht der Hinweis, dass es bereits im Mittelalter sehr fähige Zahnärzte gegeben haben muss. Nur möchte man sich heute wohl nicht vorstellen, wie solche Eingriffe wie bei Karl IV. ohne wirkungsstarke Betäubungsmittel vonstattengingen. Nicht nur diese sind in der Stomatologie des 21. Jahrhunderts gang und gäbe. Roman Šmucler von der tschechischen Zahnärztekammer hob bei den Debatten mehrfach hervor, dass es in seinem Beruf heute nicht mehr ums Bohren und die Füllungen geht. Für ihn stünden jetzt Digitalisierung und KI im Mittelpunkt, unterstrich Šmucler und gab einen weiteren Ausblick:

Messestände beim Welt-Dental-Kongress | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

„Wir versuchen nun den Übergang von einer Zahlheilkunde, die auf Erfahrungen basiert, hin zu der Nutzung von KI-Diagnostik, deren Ethik erarbeitet werden muss. Zuletzt haben wir im FDI in Budapest darüber entschieden, wie die Stomatologiestudenten anhand von KI unterrichtet und beurteilt werden können. Noch vor einem Jahr haben alle gesagt, das wäre nicht möglich. Heute studiert aber niemand mehr ohne KI. Wir bewegen uns in Richtung Automatisierung und Robotereinsatz.“

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