Durchlässiger Eiserner Vorhang: Flucht von Grenzsoldaten der Tschechoslowakei bis 1989
Eigentlich gab es spätestens ab Mitte der 1950er Jahre kein Durchkommen mehr. Denn die Grenze zwischen dem sozialistischen Osten und dem kapitalistischen Westen war auch in der Tschechoslowakei bereits zum Eisernen Vorhang ausgebaut. Und die Soldaten, die dort ihren Dienst schoben, waren ideologisch überprüft und streng ausgewählt worden. Dennoch flohen zwischen 1951 und 1989 fast 400 tschechoslowakische Grenzwachen in den Westen.
Es ist nicht viel Material, das es zu dem Thema gibt. Aber immer wieder flüchteten zu kommunistischen Zeiten auch diejenigen in den Westen, die dies eigentlich verhindern sollten – also Grenzsoldaten. Die Redaktion von Radio Free Europe aus München hat mit einigen von ihnen Interviews damals Interviews geführt. So zum Beispiel dieses:
„In diesem Sommer ist neben einigen weiteren Grenzsoldaten auch Evžen geflohen, den wir heute in Nürnberg vor unserem Mikrofon haben. Wo haben Sie bei der Grenzwacht gedient? ‚Ich habe in Modrava gedient, beim Bataillon Modrava – also im Böhmerwald.‘“
Der Soldat, der sich im Interview als Evžen vorstellt, hieß eigentlich Milan Vaner. Er floh im Juni 1958 aus der Tschechoslowakei. Dies hat der Historiker Libor Svoboda herausgefunden, der beim Institut für das Studium totalitärer Regime in Prag arbeitet. Schon lange beschäftigt sich Svoboda mit der Flucht von Grenzsoldaten. Er erläutert:
„Bei den Grenztruppen handelte es sich um eine Eliteeinheit. Ihre Mitglieder wurden nicht nur nach politischen, sondern auch nach moralischen Kriterien ausgewählt. Sie durften also keine Vorstrafen haben oder drogenabhängig sein. Dennoch kam es in der gesamten Dauer des Bestandes dieser Grenztruppen zur Flucht in den Westen – das heißt, ab der Bildung der Einheit im Januar 1951 bis zur Samtenen Revolution. Insgesamt waren es 384 Soldaten der Grenzwache. Zum ersten Fall kam es am 8. Januar 1951 im Böhmerwald. Der letzte Fall betraf am 3. Oktober 1989 die damalige 15. Brigade der Grenztruppe in Budweis, konkret das Bataillon in České Velenice.“
Aufbau des Eisernen Vorhangs
Von 1945 bis 1949 bewachten unterschiedliche Sicherheitseinheiten die tschechoslowakische Grenze. Bereits 1949 entstanden die Grenztruppen (Pohraniční stráž), die zwei Jahre später per Gesetz besondere Vollmachten erhielten. Denn sie sollten die Grenze nicht nur gegen einen möglichen Angriff von außen schützen, sondern auch die Bewohner der Tschechoslowakei am Verlassen des Landes hindern. In diesem Zusammenhang wurde eben ab 1951 der Eiserne Vorhang aufgebaut.
„Zunächst war dies der Stacheldrahtzaun, also das Symbol des Eisernen Vorhangs. Hinzu kam dann der Hochspannungszaun, der ab 1951 über mehrere Jahre hinweg entstand. Ein Jahr später wurde zudem mit dem Anlegen von Minenfeldern begonnen. Zudem wurden Wachtürme errichtet, von denen aus die Soldaten die Staatsgrenze beobachteten. Panzersperren gab es des Weiteren. Später wurde der innere Hochspannungszaun immer weiter ins Landesinnere verlagert. Daher ist auch zu verstehen, warum es die meisten flüchtenden Grenzsoldaten im ersten Jahr gab, also 1951 – es waren insgesamt 85 Soldaten im Grundwehrdienst, die der Grenzsicherung zugeteilt waren“, so Historiker Svoboda.
Mit dem Ausbau des Eisernen Vorhangs wurden die Fluchtversuche komplizierter, obwohl die Soldaten auch jenseits des letzten Zaunes auf Streife gingen.
Bericht für das Innenministerium
Dennoch kam es immer wieder eben dazu, dass Grenzsoldaten in den Westen desertierten. Deswegen mussten immer zwei Soldaten zusammen auf Streife gehen, früher war es häufig nur einer gewesen. 1989 wurde für das tschechische Innenministerium, dem die Grenztruppen unterstanden, ein Bericht über dasw Fluchtphänomen angefertigt. Laut Libor Svoboda darf die Grundthese aber für die gesamte Zeitspanne des Eisernen Vorhangs gelten…
„Für den Innenminister wurde in dem Bericht konstatiert, dass ein Soldat der Grenztruppen, der hinter die Grenze fliehen will, dies auch mache. Es gebe praktisch keine Möglichkeit, ihn daran zu hindern. Solch ein Soldat nutzte beispielsweise die Gelegenheit, wenn er allein auf Wache war. Oder er entwaffnete seinen Kollegen. Oder er floh unter dem Vorwand, aufs Klo zu müssen. Mir sind mindestens zwei sehr kuriose Fälle bekannt. Der eine ereignete sich im Ascher Ländchen. Der andere war in Südböhmen, wo sich ein Grenzsoldat betrank und zunächst desertierte – aber dann doch wieder umkehrte und aussagte, er sei aus Trunkenheit weggelaufen“, schildert der Experte.
Auch die Flucht des bereits gehörten Milan Vaner verlief auf interessante Weise. Aus den Archivunterlagen des kommunistischen Regimes dazu geht hervor, dass Vaner zusammen mit einem weiteren Soldaten auf Streife war. Beide sollten auf dem Pfad entlang des Stacheldrahtzauns bis zu einem bestimmten Grenzstein gehen. Dieser Soldat beschrieb die Situation gegenüber den ermittelnden Behörden in seiner ersten Aussage mit folgenden Worten:
„Etwa um 2 Uhr 45 bat der Soldat Vaner den Wachälteren um die Bewilligung, auf die große Seite gehen zu dürfen. Dabei legte er den Tornister, die Patronenmagazine und sein Mikrotelefon ab, behielt aber die Maschinenpistole mit dem eingeklinkten Magazin und entfernte sich aus dem Sichtfeld des Wachälteren. Da der Soldat Vaner nach 20 Minuten immer noch nicht zurückgekehrt war, ging der Ältere nachschauen. Doch er fand ihn nicht und ging in Richtung des Sitzes der Kompanieführung, um den Vorfall zu melden. Dabei traf er auf der Außenseite der Grenzbefestigung auf eine Wache.“
Die Wache setzte einen Spürhund auf die Spur von Vaner an. Und dieser zeigte ihnen umgehend auf, dass Vaner nach Westdeutschland geflohen war.
Allerdings ergab sich im Lauf der weiteren Ermittlungen, dass die Schilderungen des Soldaten über die Flucht von Vaner nicht ganz der Wahrheit entsprachen. Er hatte widersprüchliche Aussagen gemacht. Letztlich gab der Soldat zu, während des Dienstes eingeschlafen zu sein. Das nutzte Milan Vaner dann, um zu desertieren. Der Soldat kam wegen seiner Unachtsamkeit vor ein Militärgericht.
Die Vorgesetzten konnten indes froh sein, dass der Soldat nicht zusammen mit Vaner geflohen war. Experte Svoboda kennt einige dieser Fälle:
„Solche Massenfluchten wurden als großes Problem angesehen, das heißt, wenn ganze Wacheinheiten verschwanden. Aus dem Jahr 1953 gibt es sogar einen Fall, als gleich sechs Grenzsoldaten flohen. Und in zwei weiteren Fällen waren es jeweils vier. Häufig war die Flucht aller beider Soldaten einer Wache, meinen Schätzungen nach dürften es etwa 30 Mal dazu gekommen sein. Der letzte Fall stammt aus dem Jahr 1987.“
Zu den Interviews von Radio Free Europe gehört auch eines mit eben zwei Wachsoldaten, die gemeinsam geflohen waren. Laut den Nachforschungen von Libor Svoboda dürfte es sich um František Hlocký und Rudolf Adamec gehandelt haben, die sich im Mai 1958 in den Westen absetzten.
„Wir sind dann in die Stadt Eslarn gekommen. Die fünf Kilometer von der Grenze sind wir zu Fuß gegangen, in voller Ausrüstung und mit Waffe. Dafür haben wir Feldwege genutzt“, so die Grenzsoldaten.
Beide emigrierten laut den Dokumenten der tschechoslowakischen Behörden später in die USA. Interessant an diesem Fall ist, dass die Soldaten auch ihre Maschinenpistolen bei sich hatten. Historiker Svoboda erläutert das unterschiedliche Vorgehen bei der Flucht:
„Wenn nur einer floh, dann wurden häufig seine Munitionstasche und die Maschinenpistole abgelegt an der Grenze gefunden. Bei der Flucht beider Wachsoldaten oder eines Soldaten mit Wachhund war das anders. Aus dem Jahr 1969 gibt es einen solchen Fall, anschließend dann brachten die deutschen Behörden sowohl den Hund als auch die Waffen zurück.“
Die Republikflucht an sich war schon ein schweres Vergehen, das die Militärstaatsanwaltschaft nach Paragraf 281 verfolgte. Verschwand dabei auch noch Ausrüstung, stellte zudem meist noch die betroffene Einheit eine Anzeige wegen Diebstahls an sozialistischem Eigentum.
Gewalttätige Flucht
Bei einigen gelungenen Fluchtversuchen wurde jedoch auch Gewalt angewendet. In den Aufnahmen von Radio Free Europe ist selbst dazu ein Zeugnis zu finden.
„Wir sind unter dem Graben auf die andere Seite der Grenzanlagen gegangen, um den Soldaten dort das Mittagessen zu bringen, die Arbeiter im Staatsforst bewacht haben. Wir gingen also zu zweit entlang der Staatsgrenze, da habe ich dem anderen eine gelangt, ich habe ihn also unschädlich gemacht“, erzählte ein ehemaliger Grenzsoldat.
Laut Svoboda dürfte es sich bei dem Soldaten, der hier sprach, wahrscheinlich um Miroslav Tamer gehandelt haben. Er floh im Juni 1959.
Der Historiker kennt zudem zwei Fälle, bei denen der Wachkollege brutal ermordet wurde:
„Im ersten Fall wurde der Flüchtling in Deutschland verurteilt, ich denke, das war 1955. Zum zweiten Fall kam es 1963 oder 1964. Da stieß der eine den anderen vom Wachtturm. Meiner Meinung war dies ein sinnloser Mord. Der Täter floh ebenfalls nach Deutschland, doch seine Rücküberstellung war schwierig. Das lag auch an der tschechoslowakischen Seite, die nicht wollte, dass bestimmte Dinge ans Licht kamen. Und deswegen ließ sie es.“
Svoboda erwähnt des Weiteren einen Fall ausgerechnet aus dem Reformjahr 1968, als der zurückbleibende Grenzsoldat seinen Kollegen erschoss, obwohl dieser bereits auf die deutsche Seite geflüchtet war. Dieser Soldat sei nachher von seinen Kameraden geächtet worden, so der Experte.
Durchleuchtung des Umfelds
Auf der anderen Seite wurde nach erfolgreichen Fluchtversuchen meist die gesamte Einheit sowie die Menschen aus dem familiären Umfeld des Geflüchteten vom Militärgeheimdienst streng durchleuchtet. Außerdem setzte man den Vater oder die Mutter der meist jungen Männer darauf an, diese zur Rückkehr zu überreden. Das geschah auch im Fall von Milan Vaner, der nun in Westdeutschland lebte. Doch dieser ließ sich nicht darauf ein. Und so wurde Vaner 1967 wegen Republikflucht und dem Diebstahl von Uniform und Maschinenpistole in Abwesenheit zu vier Jahren Haft verurteilt. Ein Jahr später wurde ihm zudem die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft entzogen.
Dabei war Milan Vaner bei der Aufnahme in die Grenztruppen hervorragend beurteilt worden. Wie Svoboda allerdings schildert, gab es während der gesamten kommunistischen Zeit regelmäßig Beschwerden über die Nichtbeachtung von Aufnahmekriterien in die Elitetruppen der Armee – zu denen auch die Grenzwacht gehörte:
„Die Beschwerden hielten bis Ende der 1980er Jahre an. Demnach wurden in die Grenztruppen auch Soldaten einfach nur aus dem Grund aufgenommen, weil sie gute Fußballspieler oder Handballer waren. Und auch persönliche Beziehungen spielten wohl eine Rolle. Die Kriterien sahen hingegen vor, dass ein Mitglied der Elitetruppe aus einer Familie stammen musste, die in den 1950er Jahren nicht als staatsfeindlich gegolten hat. Niemand aus der Familie durfte im Ausland leben und schon gar nicht geflüchtet sein. Und keines der Familienmitglieder durfte vorbestraft sein, so wie das künftige Mitglied natürlich auch nicht. Wie bereits erwähnt durfte der Kandidat kein Alkoholiker sein und auch nicht drogenabhängig.“
Und nach dem Prager Frühling von 1968 kam noch hinzu, dass die Mitglieder der Elitetruppen auch nicht aus Familien stammen durften, die mit der Reformbewegung etwas zu tun gehabt haben.







