Prager Friedhöfe: Bekannte Architekten als Gestalter von Grabmälern
Die Namen sind wohlklingend: Jan Kotěra, Josef Gočár oder Josef Zítek. Sie alle waren Architekten, und sie haben zahlreiche Grabmäler entworfen, die auf den Friedhöfen in Prag stehen. Allerdings war selbst den Experten über viele Jahrzehnte nicht bekannt, welche Grabmäler von ihnen stammen. Im Rahmen eines Projektes werden mittlerweile jedoch über 80 solcher Werke der Öffentlichkeit vorgestellt.
„Architektur-Handbuch der Prager Friedhöfe“ – so nennt sich ein Projekt, das Ende vergangenen Jahres vorgestellt wurde. Es lenkt die Aufmerksamkeit auf Grabmäler, die von berühmten Architekten entworfen wurden...
„Ich begrüße Sie auf dem Friedhof Olšany. Direkt hinter dem Haupttor steht ein wunderbares Grabmal, das vom Architekten Josef Gočár stammt. Er hat es für einen befreundeten Architekten gestaltet, dessen Frau mit nur 30 Jahren gestorben war. Die Statuen hat ein weiterer Freund geschaffen, der Bildhauer Jakub Obrovský“, sagt Anna Oplatková vom Prager Friedhofs- und Bestattungsdienst.
Das Objekt von Josef Gočár steht links hinter dem Friedhofstor. Der Architekt hat ansonsten das kubistische „Haus zur schwarzen Mutter Gottes“ im Zentrum Prags entworfen und ging später zum Funktionalismus über.
Wie Kunsthistorikerin Vladislava Holzapfelová betont, war es keine Seltenheit, dass berühmte Architekten auch Grabmalkunst schufen:
„Es war eine Geldquelle für das tägliche Brot. Denn paradoxerweise erhielten die großen Architekten nur einzelne Großaufträge im Leben. Das trifft zum Beispiel auf Josef Zítek zu, der das Nationaltheater in Prag entworfen hat. Deswegen sage ich gerne, dass ohne die Grabmalkunst keine große Architektur entstanden wäre.“
Von Zítek stammt zum Beispiel das Grabmal für den Dichter, Politiker und Journalisten Karel Havlíček Borovský auf dem Friedhof Olšany. Es entstand 1870 und trägt laut Holzapfelová auch die künstlerische Handschrift des Architekten.
„Josef Zítek hat Bauten gestaltet, die sich der Neorenaissance zuordnen lassen. Und seine Grabmäler weisen ähnliche charakteristische Elemente auf. Man muss nur die Fassade des Nationaltheaters nehmen – vereinfacht gesagt lässt sich das dortige Portal auch am Grabmal von Borovský finden. Der künstlerische Stil durchdringt also bei ihm sowohl seine großen wie auch seine kleinen architektonischen Werke“, so die Expertin.
Allerdings mussten diese Architekten häufig auch stärker als bei ihren Kultbauten auf die Wünsche der Kunden eingehen – und deren Vorstellungen reflektieren:
„In manchen Fällen muss man sagen, dass die Grabmäler leicht geschmacklos gestaltet wurden. Alles hing aber davon ab, wie sich der Hinterbliebene vom Verstorbenen verabschieden wollte.“
Dieses Phänomen erläutert die Kunsthistorikerin am Beispiel des Architekten, der als Wegbereiter der Moderne in den Böhmischen Ländern und der Tschechoslowakei gilt:
„Jan Kotěra hat auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Prag in ein und demselben Jahr zwei Grabmäler gestaltet. Eines ist sehr viel stärker mit Pflanzenmotiven verziert als das andere, das man schon fast puristisch nennen könnte.“
Auf dem Friedhof Olšany sind von Kotěra insgesamt elf Objekte bekannt.
Renaissance der Grabmalkunst
Die individuelle Grabgestaltung für breitere Massen ist in den Böhmischen Ländern erst mit den Josephinischen Reformen aufgekommen
„Städtische Friedhöfe, wie wir sie heute kennen, wurden erst vom Habsburger Kaiser Joseph II. zu Ende des 18. Jahrhunderts eingeführt. Ab da hatten die Menschen die Sicherheit, dass sie das Grab dort auf Ewigkeiten haben werden. Und es entwickelte sich in der Folge die Grabmal-Architektur und eine entsprechende Bildhauerei. Für die Kommunisten war sie allerdings ein bourgeoises Überbleibsel“, erläutert Vladislava Holzapfelová.
Erst nach der Samtenen Revolution von 1989 hat sich der Trend wieder umgekehrt. Im heutigen Tschechien gebe es also eine Renaissance der Grabmalarchitektur, sagt die Expertin. Das heißt, dass sich auch angesehene Künstler wieder diesem Genre zuwenden:
„In diesem Zusammenhang lassen sich Josef Pleskot und Jaroslav Róna nennen. Letzterer hat unter anderem auch ein Atelier auf dem Neuen Jüdischen Friedhof. Denn Róna entwirft eben Grabmäler, so schuf er zum Beispiel eines für den Filmregisseur Juraj Herz.“
Während Pleskot auch wirklich Architekt ist, arbeitet Jaroslav Róna als Bildhauer. Von ihm stammt etwa das Kafka-Denkmal nahe der Spanischen Synagoge in Prag.
Doch zurück zu den Zeiten vor dem Zweiten Weltkrieg. Bei vielen Werken der Bestattungskunst ist nicht so einfach herauszufinden, von wem sie stammen. Denn nicht immer haben sich diejenigen, die diese entworfen haben, auch namentlich verewigt. Häufig sei an den Grabsteinen nur die ausführende Firma genannt, bestätigt Holzapfelová:
„Mit Sicherheit wissen wir insgesamt nur relativ wenig. Die Nachforschungen in den Archiven und vor Ort laufen noch. Dabei nutzen wir die Vergleichsmethode. Das heißt, wir stellen eine Parallele her von der Statue eines bekannten Künstlers auf einem konkreten Grab zu einer anderen Statue eines weiteren Grabes. So lässt sich ablesen, ob der Künstler an weiteren Projekten beteiligt gewesen sein könnte, ohne dass es dazu Archivmaterial gibt. Und in unserem Architektur-Handbuch haben wir jetzt mehrere solche Fälle aufdecken können.“
Online-Datensammlung und App
Es handelt sich um das eingangs erwähnte „Architektur-Handbuch der Prager Friedhöfe“. Konkret ist dies eine Online-Datensammlung, auf die sich auch vom Smartphone aus per App zugreifen lässt.
Die Kunsthistorikerin Dana Schleichertová arbeitet ebenfalls an diesem Projekt. Vor Ort auf dem Friedhof Olšany erläutert sie, dass eben gerade das von Josef Gočár gestaltete Grabmal links des Haupttores keinen Hinweis auf den Autor biete:
„Ich gebe in der App also den Namen des Architekten Gočár ein. Und dann sehe ich, dass mir mehrere Grabmäler angezeigt werden, die sich auf dem Friedhof befinden. Sie liegen aber recht weit entfernt von diesem Ort hier. Deutlich näher ist hingegen ein sehr nobles Grabmal, das der Architekt Antonín Balšánek gestaltet hat. Wenn man die Karte mit zwei Fingern etwas vergrößert, sieht man den genauen Weg dorthin.“
Antonín Balšánek war zu Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts tätig. Er entwarf Gebäude im Stil der Neorenaissance, die später auch Jugendstil-Elemente hatten. Von ihm stammt beispielsweise das Gemeindehaus in Prag oder die städtischen Theater in Plzeň / Pilsen und in Pardubice.
Für den jung verstorbenen Sohn einer Familie mit Namen Hrdlíček schuf Balšánek Anfang des 20. Jahrhunderts ein monumentales Grabmal. Die aus vier Figuren bestehende Statuengruppe ist laut Anna Oplatková die größte auf dem Friedhof Olšany.
„Sie ist ein sehr schönes Jugendstilwerk, das sich aber dezent in die Umgebung einfügt. Man beachte etwa die Kerzenständer in Form von Eiern mit ihrem Bronzesockel. Und das Grabmal inklusive der Fläche drum herum ist das größte in ganz Prag“, so Oplatková.
Die App bietet aber noch weiterreichende Informationen, wie wiederum Dana Schleichertová am Beispiel von Josef Gočár erläutert:
„Wenn man den Namen Gočár eingibt, dann werden nicht nur die Grabmäler bei uns auf dem Friedhof angezeigt, sondern zum Beispiel auch seine Arbeiten in Hradec Králové oder an weiteren Orten. Man erfährt also viel über die Tätigkeit des Architekten, was vielleicht auch interessant sein könnte.“
Das „Architektur-Handbuch der Prager Friedhöfe“ wird laufend weiter aufgefüllt. Bisher sind dort 80 Grabmäler verzeichnet.
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