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19) Jáchym Topol: „Die Teufelswerkstatt“

Jáchym Topol (Foto: Vojtěch Havlík, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Wie soll die Menschheit mit den Schrecken der Vergangenheit leben? Und wie soll man sich an sie erinnern? Mit diesen beiden Grundsatzfragen setzt sich der tschechische Autor Jáchym Topol auseinander, in seinem 2009 erschienenen Roman „Chladnou zemí“ („Durch ein kaltes Land“). Auf Deutsch ist das Buch in der Übersetzung von Eva Profousová unter dem Titel „Die Teufelswerkstatt“ erschienen.

Quelle: Verlag Suhrkamp

Eine surreale und groteske Geschichte wird in dem Roman „Die Teufelswerkstatt“ erzählt:

„Ich habe immer behauptet, dass es ein Liebesroman ist: Der Held schafft es in einem ziemlich kurzen Roman, sich dreimal schwer zu verlieben. Durch diese Behauptung bin ich aber vor einer politischen Dringlichkeit geflüchtet: Denn der Roman berührt die Geschichte von Morden in Mittel- und Osteuropa während des Zweiten Weltkriegs und in stalinistischen Zeiten. Dieser historische Stoff ist aber auf eine Geschichte aus der Gegenwart übertragen.“

Soweit der Autor, Jáchym Topol, im Studio von Radio Prag International.

Theresienstadt  (Foto: Cherubino,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0)

Der namenlose Erzähler wächst in Theresienstadt auf – am Ort des einstigen KZ, das für zehntausende Menschen nur eine Zwischenstation war, bevor sie nach Auschwitz und in andere Vernichtungslager deportiert wurden. Der Protagonist ist der Sohn einer KZ-Überlebenden und eines Mannes, der zusammen mit den Befreiern in das Lager kam. Bei Kinderspielen erkundet er die frühere Garnisonsstadt und schaut zu, wie sie allmählich verfällt.

Theresienstadt  (Foto: Robert Eklund,  Unsplash / CC0)

„Er ist ein einfacher Mensch. Ein merkwürdiger Mensch. Ich habe ihm keinen Namen gegeben, weil ich glaube, dass er eine Art Geist ist. Ein Dämon der Einfachheit und Naivität.“

Das Schicksal der Hauptfigur ist genauso außergewöhnlich wie ihre Herkunft. Weil der junge Mann seinen Vater umgebracht haben soll, kommt er sogar ins Gefängnis. Nach Theresienstadt kehrt er erst nach dem Ende des Kommunismus zurück. Nach seiner Freilassung schließt er sich einer Gruppe von Menschen an, die Theresienstadt zu einem Wallfahrtsort und einer Touristenattraktion machen wollen, wo Souvenirs und Fast Food verkauft werden.

Touristenattraktion mit Kafka-T-Shirts und Ghetto-Pizza

Weißrussland  (Foto: David,  Flickr,  CC BY-NC-ND 2.0)

Im zweiten Teil des Buches kommt der junge namenlose Mann nach Weißrussland, wo ein ähnliches Projekt geplant wird. In den Dörfern und Wäldern Weißrusslands, der „Teufelswerkstatt“, wo SS-Schergen, aber auch der NKWD gemordet haben, soll er bei der Errichtung einer Gedenkstätte unerhörten Ausmaßes helfen. Ein Schließfachschlüssel und ein USB-Stick mit den Kontaktdaten reicher Holocaust-Überlebender sollen ihn beim Aufbau eines alternativen Erinnerungsortes unterstützen. Jáchym Topol erzählt über die Entstehung des Prosastücks:

Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International

„Ich habe das Buch voller Staunen in der Zeit nach der Wende geschrieben. Tschechien ist damals von einer sozialistischen Gubernia zum souveränen Land geworden. Ich habe mich immer gefragt: Sind wir der Osten, oder sind wir der Westen?“

Damals entstand auch Topols Interesse für Weißrussland:

In Weißrussland starben während des Zweiten Weltkrieges etwa vier Millionen Menschen  (Foto: Bundesarchiv,  Bild 146-1970-043-52 / CC-BY-SA 3.0)

„Ich habe festgestellt, dass Weißrussland, ein slawisches Land, das nicht weit von uns entfernt liegt und vor dem Krieg zehn Millionen Einwohner hatte, die nationalsozialistische und stalinistische Ära ungeheuer grausam erlebt hat. In der Tschechoslowakei starben während des Krieges etwa 300.000 bis 350.000 Menschen, in Weißrussland waren es vier Millionen. Die Einwohner dort waren einem schrecklichen Terror ausgesetzt, von dem wir Tschechen, Tschechoslowaken, Mitteleuropäer, keine Ahnung haben. Die Geschichte ist aber bis heute lebendig. Deswegen interessiere ich mich dafür, deswegen fasziniert sie mich.“

Weißrussland  (Foto: Konrad Lembcke,  Flickr,  CC BY-ND 2.0)

Den Impuls für das Verfassen des Romans gab sein eigener Kurzaufenthalt in Weißrussland:

„Ich habe das Land dank der Tatsache besucht, dass die dortigen Bohemisten und Studenten begonnen haben, tschechische Literatur zu publizieren. Sie haben einige tschechische Bücher herausgegeben und einen Sammelband, in dem Texte von meinem Bruder Filip, von meinem Vater Josef und von mir, Jáchym, enthalten waren. Wir haben es in Tschechien immer abgelehnt, uns gemeinsam zu präsentieren, wie ein dreiköpfiges Monster im Zirkus. In Weißrussland fand ich es so bizarr, dass ich einverstanden war. Vor Ort habe ich mich mit tollen, intelligenten Menschen getroffen, die tatsächlich noch in der Totalität leben mussten. Václav Havel hat 2005 gesagt, dass Weißrussland der letzte totalitäre Staat Europas sei. Es ist ein Land, in dem – damals wie heute – politische Gefangene und Oppositionelle getötet wurden und werden. Als ich dort war, war ich schockiert von dem leisen Terror, der dort herrscht.“

Polizei Lukaschenkos  (Foto: mb7art,  Flickr,  CC BY-NC-ND 2.0)

Der Besuch des Schriftstellers hat sich ungeplant verlängert:

„Ich habe mein Flugzeug verpasst. Einen Tag und eine Nacht habe ich bei schrecklicher Kälte auf einem kleinen Flughafen verbracht. Während dieses Tags und dieser Nacht bin ich einer Attacke der Paranoia verfallen und hatte Angst, dass mich die Polizei Lukaschenkos verhaftet. Bei mir verwandeln sich aber solche Attacken in literarische Anfälle. Ich habe dort das Gerüst einer Geschichte in mein Notizbuch geschrieben, das später in dem Roman ‚Die Teufelswerkstatt‘ aufgeblüht ist.“

Teufelswerkstatt in Weißrussland

Theresienstadt nach den Überflutungen 2002  (Foto: Jan Zejda,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Den Ausgangspunkt für die Geschichte bietet die ehemalige Garnisons- und KZ-Stadt Terezín / Theresienstadt. Topol hat sie während seiner Arbeit als Journalist kennengelernt:

„Als die Stadt von den schrecklichen und dramatischen Überflutungen 2002 betroffen wurde, habe ich sie mehrmals besucht und darüber in der Wochenzeitung Respekt berichtet. In Europa gab es damals eine starke Bewegung zur Rettung von Theresienstadt, weil es in jedem Schulbuch als ein Ort der Leiden im Zweiten Weltkrieg, als jüdisches Ghetto, als KZ und als Schafott erwähnt wird. Ich habe mich dort mit vielen jungen Menschen getroffen. Es waren Teenager aus Westeuropa, eigentlich eine dritte, vierte Nach-Holocaust-Generation. Sie wurden durch eine besondere Magie von Theresienstadt angezogen, da ihre Ahnen dort einst waren. Sie arbeiteten dort, wohnten zusammen, sprachen von ihren Traumata, rauchten Marihuana und lebten in einer Kommune. Dort habe ich festgestellt, dass die Gräuel des Holocausts für die Seelen der jungen Menschen bis heute schmerzhaft sind, dass es eine spezielle psychologische Schule dazu gibt, dass sich viele Menschen in Westeuropa dafür interessieren. Das war der Anstoß zu diesem Roman. Ich wollte ihn als einen Liebesroman und eine schwarze Groteske schreiben.“

Waldfriedhof in weißrussischem Kurapaty  (Foto: Andrej Kuzschnietschik,  Panoramio,  CC BY-SA 3.0)

Im Unterschied zu Theresienstadt wisse man in Weißrussland von den dortigen Orten der Ermordungen und Hinrichtungen nichts, obwohl sie viel größer gewesen seien, sagt Topol:

„Die Fakten, auf die man etwa im Google stößt, sind für einen Mitteleuropäer erschütternd. Der kommunistische Betrug dort ist riesig und wirkt bis heute. Es ist keine längst vergangene Geschichte. In Weißrussland wurden im Zweiten Weltkrieg nicht ein paar Gemeinden dem Boden gleichgemacht, wie etwa Lidice und Ležáky in der Tschechoslowakei, sondern 5000 bis 6000 Gemeinden und Dörfer. Die Lüge beruht darin, dass man verschweigt, dass sich an den Morden nicht nur Germanen beteiligt hatten, sondern auch viele Bürger der sowjetischen Republiken. Darüber hat man nach dem Krieg selbstverständlich nicht gesprochen.“

Gedenkkultur

Jáchym Topol  (Foto: Jonáš Zbořil,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)

In „Die Teufelwerkstatt“ verschwimmen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Der Roman erinnert an die größten Schrecken des 20. Jahrhunderts, ist aber gleichzeitig auch eine bittere Satire über die Vermarktung historischer Tragödien:

„Dieses Problem bezieht sich auf das Gebiet, wo wir, die gegenwärtigen Tschechen, leben. Ich denke, dass man sich etwa in Holland oder in Frankreich mit diesen Problemen nicht mehr beschäftigt. Dort wurde diese Geschichte tausendmal in Freiheit betrachtet und durchforscht. Wenn ich es überspitze, entspricht die Geschichte des Zweiten Weltkriegs dort der von Julius Caesar. Wenn man sich Richtung Osten bewegt, nach Polen, in die Ukraine, nach Weißrussland, wird die Vergangenheit immer lebendiger und schrecklicher. Wir können die Vergangenheit nicht völlig konservieren, mit Etiketten versehen und verlassen. Es ist eine schmerzhafte Frage, mit der sich auch nächste Generationen werden beschäftigen müssen.“

Soweit der Schriftsteller Jáchym Topol. Als Nachkomme einer Familie mit literarischer Tradition schloss er sich schon im jungen Alter der künstlerischen Untergrund-Bewegung in Prag an. Seinen literarischen Durchbruch hatte er mit seinem 1994 erschienenen Roman „Die Schwester“. Es folgten „Nachtarbeit“, „Zirkuszone“ und zuletzt 2017 der 500-seitige Roman „Ein empfindsamer Mensch“, für den er im selben Jahr mit dem Staatspreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Bis heute setzt sich der renommierte Schriftsteller, Dichter, Essayist und Journalist unentwegt mit dem Thema der Unterdrückung auseinander und widmet sich Menschen am Rande der Gesellschaft.

„Ich hatte immer das Gefühl, am Rande zu stehen. In den Jugendjahren war es durch mein Leben im Underground geprägt. Ich gehörte zu der Generation von Menschen, die im Voraus verboten waren und für ihre Gedichte gleich eine Ohrfeige bekamen. Heute, in der Zeit der Pandemie und der Terrorangriffe wie jüngst in Wien, steht meiner Meinung nach eigentlich jeder am Rande.“

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