Von Holz bis Fischschuppen – bayerisch-böhmische Krippenausstellung in Wunsiedel

Raboch-Krippe, Südböhmen 1993

Beim Krippenbau weisen Ostbayern und Südwestböhmen zahlreiche Gemeinsamkeiten auf. Das zeigt eine bayerisch-böhmische Krippenschau im Fichtelgebirgsmuseum Wunsiedel. Aufbau und Motive, Werkstoffe und Herstellungsweise der Weihnachtskrippen variieren zwar, doch werden die verschiedenen Arten von Krippenbauern an mehreren Orten gepflegt. Der gesamte bayerisch-böhmische Raum hat eine beachtliche Vielfalt an Weihnachtskrippen hervorgebracht.

Maisstrohkrippe aus dem Krippenmuseum Baunach | Foto: Maria Hammerich-Maier,  Radio Prague International

Krippen mit Figuren aus Maisblättern sind in Tschechien sehr beliebt. Sie schmücken in der Weihnachtszeit die Wohnzimmer vieler Familien und werden im ganzen Land zum Verkauf angeboten. Doch diese Herstellungsweise kommt ebenso in Bayern vor. Im Fichtelgebirgsmuseum ist beispielsweise eine Maisstrohkrippe aus dem Krippenmuseum im oberfränkischen Baunach zu sehen. Christina Heydenreich hat die bayerisch-böhmische Krippenausstellung arrangiert. Sie freut sich über das Verbindende der Krippenkultur:

Krippenarbeit mit Fischschuppen aus Südböhmen | Foto: Maria Hammerich-Maier,  Radio Prague International

„Wir haben hier Krippen aus Materialien, die beide Kulturräume verbinden, wie Naturmaterialien, aber auch Porzellan, Holz oder Keramik. Keramik kommt viel in der Region Pilsen vor, aber ebenso in Südböhmen, wo daneben auch Krippen mit Fischschuppen zu finden sind. Es gibt also gewisse Züge, die für eine Region typisch sind, gleichzeitig besteht jedoch sehr viel Gemeinsames. Und das finde ich sehr schön bei den Krippen. Wir haben in der Tat auf beiden Seiten eine lange Tradition.“

Geklöppelte Weihnachtskrippe von Jana Pulcová,  Hluboká nad Vltavou | Foto: Maria Hammerich-Maier,  Radio Prague International

Einfallsreichtum und Vielfalt der Werkstoffe

Weihnachtskrippe Steinerne Brücke in Regensburg von Oswald Zenker,  Mitte 20. Jh. | Foto: Maria Hammerich-Maier,  Radio Prague International

Manche Krippenbauer verliehen ihren Arbeiten durch konkrete Details aus ihrer Heimat eine einzigartige Prägung. So verortet eine exquisite Arbeit des Krippenbauers Oswald Zenker aus der Mitte des 20. Jahrhunderts die biblischen Szenen im historischen Regensburg. Die gerahmte Kulisse aus Pappmaschee zeigt die mittelalterliche steinerne Brücke der Stadt. Die bemalten Figuren sind aus Holz geschnitzt, und die Krippe ist in zwei übereinanderliegende Ebenen gegliedert. Im oberen Teil wird die Herbergssuche dargestellt, im unteren die Verehrung des neugeborenen Erlösers. Das Werk ist eine Leihgabe der Kunstsammlungen des Bistums Regensburg. Christina Heydenreich weist auf eine künstlerisch ebenfalls sehr wertvolle Krippenarbeit aus Kynšperk nad Ohří / Königsberg an der Eger hin:

Krippenarbeit aus Kynšperk nad Ohří | Foto: Maria Hammerich-Maier,  Radio Prague International

„Diese Königsberger Krippenarbeit ist eine Leihgabe des Museums Cheb. Sie ist sehr besonders durch den Glassturz, der sie schützt, sowie Naturmaterialien wie Moos, Flechten oder Granit und viele kleine, aus Lindenholz gefertigte Figuren. Sie ist in die Zeit zwischen dem späten 19. und dem frühen 20. Jahrhundert einzuordnen.“

Eine vertikale Zweiteilung der Szenerie, ähnlich wie bei der Krippe „Steinerne Brücke in Regensburg“, ist auch bei dieser Krippenarbeit vorhanden. Im unteren Teil ist die biblische Szene der Anbetung der Hirten, angeordnet vor dem steinernen Torbogen eines in einen Fels gebauten Raumes. Oberhalb davon ziehen die Heiligen Drei Könige durch eine zerklüftete Felslandschaft mit Gämsen zu einer Burg hoch.

Krippenausstellung im Fichtelgebirgsmuseum Wunsiedel | Foto: Maria Hammerich-Maier,  Radio Prague International

Erklärende Texte gibt es in der Wunsiedler Sonderausstellung nur zu einigen der Ausstellungsstücke, darunter zu einer Arbeit in Kartonbauweise des Oberpfälzer Krippenbauer-Ehepaares Raimund und Christine Pöllmann. Die Kartonbauweise knüpft an die alte Bauart der Kastenkrippe an. Bei dieser sind die figürlichen Szenen fest in eine tragbare Holzkonstruktion eingefügt. Eine solche Kastenkrippe stellt das älteste Stück der Sonderausstellung dar, ein kunstvolles Rokoko-Werk aus der Zeit um 1750.

„Diese Rokoko-Kastenkrippe ist reich verziert, sie hat außerordentlich viele Ornamente und Details, darunter Blumen aus Holz, die verspielt wirken. Die Figuren sind sehr aufwändig aus Weichholz geschnitzt, außen ist die Krippe mit Kreide bemalt. Die figürlichen Szenen können von außen betrachtet werden, und das Ganze ist in einen Kasten gesetzt, der es einfach macht, die Krippe zu präsentieren. Wir haben mehrere solche Kastenkrippen in der Ausstellung“, so Christina Heydenreich.

Rokoko-Kastenkrippe,  um 1750,  Fichtelgebirgsmuseum Wunsiedel | Foto: Maria Hammerich-Maier,  Radio Prague International

Aufwändige Ornamente und Details

Keramische Weihnachtskrippe der Familie Raboch | Foto: Maria Hammerich-Maier,  Radio Prague International

Beachtenswert ist an der Rokoko-Kastenkrippe, die das Fichtelgebirgsmuseum in seinen eigenen Beständen hat, die prunkvolle Kleidung der Figuren aus Samt und anderen erlesenen Stoffen. Eine tschechische Tonkrippe wiederum bilde südböhmische Volkstrachten nach, erklärt Christina Heydenreich:

„Es handelt sich um eine Tonkrippe der Familie Raboch aus Südböhmen, bei der die traditionelle Kleidung eingebracht wurde. Diese Krippe betont einerseits den Weihnachtsaspekt, darüber hinaus aber auch den volkstümlichen Charakter. Eine Figur stellt zum Beispiel eine Frau dar, die Brot bäckt. Die Krippe zeigt also noch viel mehr und interpretiert die Weihnachtskrippe auf eine neue Art.“

Krippenfiguren aus Maisblättern in Flaschen von Jana Pulcová | Foto: Maria Hammerich-Maier,  Radio Prague International

Die keramische Weihnachtskrippe der Familie Raboch wurde 1993 gefertigt und ist eine Leihgabe des Regionalmuseums Jindřichův Hradec / Neuhaus. Wie viele Krippenarbeiten aus der jüngsten Zeit kombiniert sie althergebrachte Handwerkstechniken mit neuen künstlerischen Verfahren. Dies trifft auch auf eine originelle Krippenarbeit von Jana Pulcová aus dem Jahr 2013 zu, bei der Miniaturfiguren aus Maisblättern in unterschiedlich geformte Glasflaschen gesetzt sind.

Nicht fehlen durfte in der bayerisch-böhmischen Krippenschau die Krýza-Krippe. Sie gilt als die größte Volkskrippe der Welt und ist im Guiness-Buch der Rekorde eingetragen. Ein Video führt ihren Aufbau und ihre Funktionsweise vor. Die Krýza-Krippe steht im Regionalmuseum Jindřichův Hradec. Der Strumpfmacher Tomáš Krýza, der von 1838 bis 1918 lebte, arbeitete über sechzig Jahre lang an ihr. Sie umfasst 1398 Figuren aus verschiedenen Werkstoffen und stellt neben der Geburt Christi auch Szenen aus dem südböhmischen Land- und Stadtleben des 19. Jahrhunderts dar.

Schinner-Krippe aus Ebnath,  2019 | Foto: Maria Hammerich-Maier,  Radio Prague International

Blick über den Horizont zum Nachbarn

Videostation zur Krýza-Krippe | Foto: Maria Hammerich-Maier,  Radio Prague International

Bei der bayerisch-böhmische Krippenausstellung hat das Fichtelgebirgsmuseum mit dem Centrum Bavaria-Bohemia in Schönsee zusammengearbeitet. Die Ausstellung bildet den Abschluss eines Projektes, in dessen Rahmen die Stadt Wunsiedel ein halbes Jahr lang die Kultur und den Tourismus der benachbarten tschechischen Regionen ins Licht rückte. Christina Heydenreich ergänzt, dass es über die Fichtelgebirgsregion selbst viel Interessantes in den Dauerausstellungen ihres Museums zu entdecken gebe:

Christina Heydenreich | Foto: Maria Hammerich-Maier,  Radio Prague International

„Unser Museum wurde 1907 gegründet und besteht aus neun Gebäuden, die alle in Wunsiedel sind. Wir haben eine Ausstellungsfläche von über 3000 Quadratmetern, auf der wir die Geschichte der Region Fichtelgebirge zeigen. Die böhmisch-bayerische Krippenausstellung befindet sich in den Sonderausstellungsräumen in einem ehemaligen Priesterhaus.“

Vitrine der Sonderausstellung | Foto: Maria Hammerich-Maier,  Radio Prague International

Insgesamt umfasst die Sonderausstellung 62 Weihnachtskrippen. Sie sind Leihgaben aus elf Museen und Sammlungen in Ostbayern und Südwestböhmen und entstanden im Laufe von drei Jahrhunderten. Die Krippen kommen aus den Regionen Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Karlovy Vary / Karlsbad, Plzeň / Pilsen und Südböhmen. Um sie Interessenten nahezubringen, habe das Fichtelgebirgsmuseum außerdem eine ausstellungsbegleitende Facebook-Präsentation geschaffen, so Heydenreich:

Relief-Krippe aus Südböhmen | Foto: Maria Hammerich-Maier,  Radio Prague International

„Wir haben einen bayerisch-böhmischen Krippenadventskalender auf unsere Facebook-Seite gestellt, mit dem wir jeden Tag Details der Krippen teilen. Und für den 24. Dezember haben wir eine Überraschung vorbereitet. Es lohnt sich also, auf der Facebook-Seite des Fichtelgebirgsmuseums Wunsiedel vorbeizuschauen.“

Die bayerisch-böhmische Krippenausstellung ist noch bis 22. Januar 2022 im Fichtelgebirgsmuseum Wunsiedel zu sehen.

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