„Die Vereinsamung macht mir Angst“ – Ein Krankenhauspfarrer berichtet

Jakub Jírovec

Wegen des Coronavirus haben viele Menschen in Tschechien Weihnachten im Krankenhaus verbracht. Strenge Hygieneregeln ermöglichen zudem nur eingeschränkte Besuche. Aber auch die Mitarbeiter im Gesundheitssystem hatten über die Feiertage kaum freie Zeit für die Familie. Bei Erschöpfung, Verzweiflung und Vereinsamung versuchen Krankenhauspfarrer zu helfen. Jakub Jírovec etwa leistet seit zwei Jahren seinen Seelsorgedienst in der Prager Uniklinik Bulovka. Im Interview mit Radio Prag International erzählt er, was ihn dazu motiviert hat und mit welchen Sorgen sich die Patienten an ihn wenden.

Prager Uniklinik Bulovka | Foto: Radio Prague International

Vielleicht hat es der eine oder die andere Hörer/in schon einmal selbst erlebt: Kommt man ins Krankenhaus, bietet einem die Schwester bei der Aufnahme der persönlichen Daten mitunter auch den Dienst des Klinikpfarrers an. So läuft es zumindest in der Prager Uniklinik Bulovka. Die Reaktionen der Patienten seien sehr unterschiedlich, sagt Jakub Jírovec. Manche nehmen das Gesprächsangebot gerne an. Andere wiederum reagierten abweisend, so der Kaplan:

„Manche Menschen erschrecken eher, weil sie glauben, ihre letzte Stunde sei gekommen und es folge – wie man nicht ganz korrekt sagt – die letzte Salbung. So ist es aber natürlich nicht. Wir sind da, um die Patienten zu begleiten, und im Großen und Ganzen sind die Reaktionen positiv. Einige Menschen schicken mich aber auch empört weg und wollen sich nicht mit mir unterhalten. Nach einer Weile gewöhnen sie sich dann aber doch an mein Gesicht und kommen zum Gespräch auf mich zu.“

Kirche der Heiligen Philipp und Jakob in Prag-Zlíchov | Foto: ŠJů,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0

Drei Tage in der Woche steht Jírovec den Patienten der Bulovka-Klinik zur Verfügung. Den Rest seiner Arbeitszeit verbringt er in der Pfarrei im Prager Stadtteil Zlíchov. Die dortige kleine Kirche der Heiligen Philipp und Jakob ist prominent auf einem Felsen platziert und linkerhand gut zu sehen, wenn man von Süden her in die Stadt hineinfährt. Nicht immer lasse sich aber die Priestertätigkeit nach einem Stundenplan ausrichten – schon gar nicht in einem Krankenhaus, lenkt der Geistliche ein:

„Es passiert auch, dass man mich von der Intensivstation aus anruft, wenn etwa ein gläubiger Patient eine Salbung wünscht. Je nach Dringlichkeit muss ich in einzelnen Fällen dann tatsächlich sofort aufbrechen.“

Prager Uniklinik Bulovka | Foto: Ľubomír Smatana,  Tschechischer Rundfunk

Die Weihnachtsfeiertage sind für Menschen, die im Krankenhaus liegen, eine besonders schwere Zeit. Hinzu kommen derzeit Besuchsbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie. Für Jírovec sind die letzten Wochen des Jahres berufsbedingt die arbeitsintensivsten.

„Ich bin zwischen den Feiertagen in der Klinik, auch wenn ich kein extra Weihnachtsprogramm für die Patienten habe. Nachgedacht habe ich darüber aber schon öfter. Denn die Atmosphäre ist immer recht melancholisch. Durch die Pandemie sind zudem manchmal gar keine Besuche möglich.“

Seelsorge für Patienten und Klinikpersonal

Illustrationsfoto: Jeff Jacobs,  Pixabay,  CC0 1.0 DEED

Auch das Klinikpersonal muss sich zu Weihnachten besonders motivieren. Schon als Jírovec die Stelle als Krankenhauskaplan im Januar 2020 antrat, sei ihm die optimistische Arbeitseinstellung der Bulovka-Belegschaft aufgefallen:

„Damals wurde ich von Vielem positiv überrascht, etwa von der Geduld und dem Sinn für Humor bei den Krankenschwestern und den Sanitätern. Seit zu ihrer Arbeit noch das Coronavirus hinzukam, ist ihre Ausdauer wirklich bewundernswert, und das sowohl psychisch als auch körperlich.“

Vojtěch Hrouda | Foto: Dagmar Kubíková,  Tschechischer Rundfunk

Seit knapp zwei Jahren sind auch die Mitarbeiter im Krankenhaus von Nové Město na Moravě / Neustadt in Mähren quasi im Dauereinsatz. Bei vielen herrscht ein Gefühl von Erschöpfung und Frustration vor. Klinikkaplan Vojtěch Hrouda macht deswegen speziell dem Personal das Angebot, sich den Frust von der Seele zu reden und ein wenig Kraft aus den Gesprächen zu schöpfen. An der Tür seines Büros hat er die Aufschrift „Místo podpory“ (Ort der Unterstützung) angebracht. Hrouda berichtet von seinem Konzept der individuellen Hilfe:

„Ich erzähle nichts Neues, wenn ich meinen Eindruck von ihrer Lage wiedergebe: Überlastung, Stress und das Gefühl, dass das System nicht funktioniert. Meine Aufgabe ist es, Hoffnung aufzuzeigen, und dies nach Möglichkeit mit den eigenen Worten der jeweiligen Person – damit es Worte eben für diesen einen Menschen sind, nur auf ihn abgestimmt.“

Věra Palečková | Foto:  Krankenhaus von Nové Město na Moravě

Krankenhausleiterin Věra Palečková schätzt diese psychologische Unterstützung für ihr Team sehr. Denn alle seien davon ausgegangen, mit der dritten Corona-Welle vom Frühjahr das Schlimmste hinter sich gebracht zu haben:

„Die Hilfe von Pfarrer Hrouba kommt in einer wichtigen Zeit. Die aktuelle Situation ist erneut sehr anstrengend. Damit hatte – zumindest in diesem Umfang – eigentlich keiner mehr gerechnet.“

Gottesdienste in klinikeigener Kapelle

Kapelle in der Prager Klinik Bulovka | Foto:  Uniklinik Bulovka

Aber auch außerhalb der Covid-Abteilung gibt es für einen Krankenhauskaplan immer etwas zu tun. Jakub Jírovec beschreibt seinen Arbeitsalltag in der Prager Klinik Bulovka und die Probleme, mit denen sich die Patienten am häufigsten an ihn wenden:

„Sorgen mit den Enkeln sind ein ganz klassisches Thema bei den Gesprächen. Denn mein Arbeitsbereich ist die Abteilung für innere Medizin, und die meisten Patienten dort sind bereits Großeltern. Sie reden oft über Probleme mit den Kindern und Enkeln. Die Vereinsamung, die durch einen Klinikaufenthalt entstehen kann, macht mir manchmal richtig Angst. Oft sprechen die Patienten auch über ihre Haustiere. Ich versuche allerdings, den Gesprächen eine Richtung zu geben, damit es sich nicht nur um Banalitäten dreht – bei allem Respekt für jegliche Haustiere.“

Mitunter käme es vor, dass ein Patient nicht selbst ein Gespräch mit dem Priester anfordert, Jírovec dann aber einen Hinweis vom Pflegepersonal bekomme, wenn die Person ihnen sehr verzweifelt erscheint. So funktioniere in der Klinik auch die informelle Kommunikation, lobt der Kaplan. Ebenso würde die Leitung der Einrichtung ihm jederzeit entgegenkommen:

Kapelle in der Prager Klinik Bulovka | Foto:  Uniklinik Bulovka

„Dies ist etwa daran zu erkennen, dass wir dort eine katholische Kapelle haben. Dies ist in Prag eher selten. Meist gibt es in den Krankenhäusern nur einen Raum der Stille oder etwas Ähnliches. Ich bekomme also von der Klinikleitung immer nur Unterstützung.“

In der Kapelle findet immer mittwochs die Heilige Messe statt und jeden Freitag ein Gottesdienst, fährt Jírovec fort.

Bleibt noch die Frage, was den Priester eigentlich zum Dienst in einem Krankenhaus motiviert hat…

„Ich habe selbst gesundheitliche Probleme mit der Wirbelsäule. Mit der Hoffnungslosigkeit, die kranke Menschen manchmal überfällt, kann ich also empathischer umgehen als ein junger, gesunder Mensch, bei dem die Patienten vielleicht das Gefühl hätten, dass er sie nicht versteht. Ich denke, dass ich die Betroffenen besser begreife und ihnen dadurch nah sein kann.“

Kapelle in der Prager Klinik Bulovka | Foto: Uniklinik Bulovka

Darüber hinaus sei es eine alte Tradition, sich um kranke Menschen zu kümmern, sie zu besuchen und aufzumuntern. In diesem Sinne, resümiert Jírovec, führe er also schlicht eine christliche Mission aus.

Autoren: Daniela Honigmann , Zdeňka Kuchyňová , Jirků František
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